Foto: Angela Winnie

Kurz nach Erscheinen der Groove-Ausgabe 161 erhielten wir einen Leserbrief. Dessen Absender empörte sich über unser „Arabische Musik im Club“-Special und sah es als Symptom der schleichenden Islamisierung des Abendlandes. Dabei wurde Religion in diesem Feature nur ein einziges Mal thematisiert: Als die Künstlerin Deena Abdelwahed nämlich sagte, sie würde nicht an Gott glauben. Auch als wir im Januar und Februar dieses Jahres einen Arca mit nacktem Oberkörper, fotografiert von Wolfgang Tillmans, aufs Cover nahmen, bekamen wir einige Kommentare, laut denen das Bild für ein Musikmagazin zu „gay“ sei. Leider zeigen diese Beispiele etwas auf, was in letzter Zeit häufiger aufgefallen war: Die Szene für elektronische Musik ist nicht ganz so divers und tolerant, wie sie vorgibt.

Seit ihren Anfangstagen steht die Dance Music-Community für Werte wie Toleranz, Diversität und Inklusion. Die Wurzeln von Clubkultur sind queer: Clubs boten einen sicheren Ort, an dem sich Transpersonen, Homosexuelle und andere, die dem gesellschaftlichen Default-Setting nicht entsprachen, frei ausleben konnten. In der weiteren Entwicklung befeuert durch die „Kuscheldroge“ Ecstasy, wurde im Clubkontext versucht, die Utopie eines friedvollen und angenehmen Miteinanders zu leben. Auch wenn es die Love Parade nicht mehr gibt, schien ihr Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ irgendwie im Selbstverständnis von Clubbetreibern und -gängern fortzubestehen. Schien, wohlgemerkt. Denn gesamtgesellschaftlich beobachtbare Tendenzen machen auch vor der elektronischen Musik nicht halt: Der Wunsch nach einer Rückkehr zu eigentlich längst überholten, nicht-egalitären Denkweisen. Exklusion statt Inklusion, Hass und Rücksichstlosigkeit statt Toleranz.

Es sind viele Gruppen, die, in unterschiedlicher Stärke, ausgeschlossen werden: Die Szene wird, wie eigentlich alles in der Welt, von weißen heterosexuellen Männern dominiert. Achtung: Das heißt auf keinen Fall, dass alle heterosexuellen weißen Männer rassistisch, homophob oder sexistisch sind. Aber allein ihre Dominanz macht den Ausschluss von anderen wahrscheinlicher. Denn Präsenz der einen führt zu Unsichtbarkeit der anderen – sie werden als Minderheiten wahrgenommen. Und gegenüber Minderheiten sind Ressentiments bis hin zu Hass wahrscheinlicher. Dass jemand so giftige Einstellungen hat, merkt man vielleicht nicht direkt, wenn im Club er/sie neben einem tanzt, aber unter dem anonymen Schutzmantel des Internets wird der Hass sichtbar – Stichwort Boiler-Room-Chat. Dort ziehen User immer wieder in Echtzeit über auflegende oder live-spielende Frauen oder Transpersonen her. Ein Problem, welches die Plattform in Zukunft aktiver selbst anzugehen versprach.

Dank der Mainstreamisierung von elektronischer Musik durch EDM interessieren sich viele Leute für die Musik, ohne sich derer grundlegend liberalen Werte und ihrer Tradition als sicherem Raum bewusst zu sein. Deswegen brauchen wir vor allem jetzt mehr Diversität in der Clubkultur und (Achtung, Meta-Ebene) ein Bewusstsein dafür, dass wir diese Diversität brauchen. Bevor wir zu sehr abdriften und uns im Club nicht mehr wohl, sondern wie auf einer AfD-Party fühlen.

Dagegen helfen keine pauschalen Urteile mit der Moralkeule. Im schlimmsten Falle verhärtet das die Fronten. Nein, es muss ein Dialog eröffnet werden, der mit einer erhöhten Sichtbarkeit der Thematik beginnt. Diskussionsformate und Organisationen wie Salt + Sass, female:pressure, MINT und Discwoman leisten bereits einen guten Beitrag dazu. Sie bieten eine Plattform, um marginalisierte Gruppen in den Vordergrund zu rücken und gleichzeitig ein Netzwerk zur gegenseitigen Unterstützung.

Aber auch auf Seite von Clubbetreibern und Promotern müssen die Lineups vielfältiger werden. Das Blog very male lineups weist plakativ auf stark oder sogar ausschließlich männerdominierte Line-Ups hin, damit irgendwann die kritische Masse erreicht ist, bei der die Ausrede „Die besten Headliner sind nun mal (weiße Hetero-)Männer!“ nicht mehr zieht. Der Berliner Club ://about:blank beispielsweise versucht eine 50/50-Geschlechterquote einzuhalten und führt vor, dass man damit erfolgreich sein kann.

Letztlich muss so ebenfalls in der Berichterstattung das Sausagefest ein Ende finden. Man kann nun der Groove Heuchelei vorwerfen. Denn auch unsere Berichterstattung ist nicht gänzlich ausgewogen. Aber so ein Wandel kann eben nicht über Nacht kommen, sondern muss sich nach und nach etablieren. Eben deswegen ist das Bewusstsein im Kopf noch wichtiger. Denn es ist ein Thema, das in den Köpfen aller langfristig präsent sein muss. Enden tut es dann hoffentlich irgendwann damit, dass Diversität und Gemeinschaft in der Clubkultur keine Ideale vergangener Zeiten bleiben, sondern zur tagesaktuellen Realität werden. Und diese im Einklang mit dem Selbstverständnis der Szene stehen. Das liegt zwar auch in unserer Verantwortung eines Musikmagazins wie der Groove, jeder aber kann seinen Teil dazu tun!

Lies auch: Denn Kommentar „Bigotterie und Clubkultur. Causa Ten Walls“ von Ji-Hun Kim.