Fotos: Holger Wüst (Tuff City Kids/Phillip Lauer, Gerd Janson)

Zuerst erschienen in Groove 162 (September/Oktober 2016).

Gerd Janson und Phillip Lauer sind das wohl fleißigste Remix-Team seit Masters At Work. Geplant war ein Album mit eigener Musik eigentlich nie, doch dann war es lange angekündigt und nun ist ihre auf Permanent Vacation erscheinende Debüt-LP Adoldesscent als Tuff City Kids tatsächlich im Kasten.

Die goldenen Zeiten für Remixer haben die Tuff City Kids leider verpasst. Seit es Remixe gibt, spielen DJs nicht nur Platten, sie sind auch an ihrer Produktion beteiligt. Mit dem Erfolg von Disco trat die 12-Inch-Single auf den Plan. Larry Levan und Shep Pettibone waren die ersten DJs, die sich seit den frühen achtziger Jahren auch jenseits der gut informierten DJ-Kundschaft einen Namen machen konnten. Es dauerte nicht lange, bis beinahe jede Pop- oder auch Rock-Single in einer Maxiversion erschien. DJs machten Hits, also wollten die Plattenfirmen, dass ihre Platten in den Clubs gespielt wurden.

Der erste DJ, der für große Acts wie U2 gebucht wurde, war der in New York lebende Franzose François Kevorkian. Der hatte mit seinem Remix von Kraftwerks „Tour de France“ für einigen Wirbel gesorgt. Seine Expertise war so gefragt, dass er 1990 damit beauftragt wurde, das Depeche-Mode-Album Violator abzumischen. Phillip Lauer und Gerd Janson von den Tuff City Kids sind zwar realistisch genug, um sich nicht mit einem Vorbild wie François Kevorkian zu vergleichen, ein Wunschtraum wäre solch ein Job für sie dennoch. Zumindest würden sie für ihr Leben gern einmal einen Song von Depeche Mode remixen dürfen. Doch bedenkt man, dass die beiden Produzenten und DJs aus dem Süden Hessens das derzeit wohl gefragteste Remix-Team sind, erscheint dieser Wunsch noch nicht einmal unrealistisch. 75 Remixe in sieben Jahren, das macht den beiden allenfalls Prins Thomas nach. „Ich finde ja immer noch, am besten kann man das, was wir als Remixer machen, mit einem Pizza-Lieferdienst vergleichen“, sagt Gerd Janson. Bestellt, geliefert. Das ist das Credo der Tuff City Kids. Und Phillip Lauer ergänzt scherzhaft: „Die Arbeit an einem Remix darf nicht mehr Zeit in Anspruch nehmen als die Spieldauer des Tracks.“

Erweiterung des Auflegens

An einem heißen Julitag sitzen wir auf der Terrasse von Gerd Janson, der ganz im Süden Hessens an der Bergstraße lebt. Phillip Lauer wohnt in der Nähe von Bad Vilbel, etwas nördlich von Frankfurt. Einmal wöchentlich treffen sie sich, um zu produzieren – was in erster Linie bedeutet, Remixe zu machen. Meist finden diese Sessions bei Lauer statt. Einen Tuff-City-Kids-Trademark-Sound kann man nicht buchen. Zwischen Big-Room-High-Performance-House, Techno und Golden-Era-Reminiszenzen ist beinahe alles drin. „Wenn wir einen Auftrag annehmen, haben wir direkt eine Marschroute im Kopf“, erklärt Lauer. „Wenn wir einen Track bekommen, wissen wir direkt, ob wir daraus Cosmic Disco, Techno, Piano-Breakbeat oder was auch immer machen.“ Und er fügt lachend hinzu: „Oder eine Shed-Coverversion.“

Janson nimmt den Ball auf: „Der müsste eigentlich für jeden unserer shedisierten Breakbeat-Remixe Kohle bekommen.“ Inzwischen haben die beiden für so unterschiedliche Leute wie Mugwump, Sven Väth, Alter Ego, Jovonn, Scuba, Freaks, Innershades oder Indie-Bands wie Vimes und Local Natives Remixe gemacht. Ganz frisch ist einer für die Fusion-Jazz-Legende Herb Alpert, gerade herausgekommen ist ihre Version des Hardtrance-Klassikers „Adventures Of Dama“ von den Cybordelics, das Original erschien 1993 auf Harthouse.


Stream: Daniel BortzPictures (Tuff City Kids Remix)

Wie geht man an die Sache heran, wenn man es mit derart unterschiedlichem Ausgangsmaterial zu tun hat? „Remixe sind für mich wie eine Fortsetzung des Auflegens“, schildert Janson. „Mich erinnert das an das Durchhören von Platten im Laden. Du denkst: ‚Ah, das ist eigentlich ganz okay, aber das und das stört. Wenn das jetzt so und so wäre, dann würde ich die Platte kaufen.‘ Man wünscht sich ja oft eine andere Version. Deshalb gibt es auch so viele Edits. Da werden Stücke, die für einen selbst und andere Menschen nicht auflegbar sind, auflegbar gemacht.“ Lauer hingegen geht die Aufgabe eher von einer Produzenten-Warte aus an: „Mir gefällt die Analogie, die DJ Koze mal zum Besten gegeben hat. Für ihn seien Remixe wie ein Rätsel, das es zu lösen gelte. Man muss einen eigenen Track basteln, aber als Zusatzschwierigkeit muss man noch etwas vom Original einbauen.“

„Keine Ahnung, wieso wir weitergemacht haben“

Dass aus den Tuff City Kids ein langjähriges Projekt werden würde, dachte keiner von beiden. Alles begann aus einer gewissen Notlage heraus. Als Gerd Janson von Sonar Kollektiv im Jahr 2008 gefragt wurde, ob er nicht einen Remix für Roland Appels Track „New Love“ machen wolle, brauchte er einen Produzenten mit einem Studio. Seine DJ-Karriere war gerade ganz gut in Fahrt gekommen, was eigene Produktionen anging, hatte er allerdings noch Lernbedarf. In den Jahren zuvor hatte er gemeinsam mit dem Mannheimer Produzenten Skinny White unter dem Namen DJ Pink Alert ein paar Tracks gemacht, doch die Kollaboration verlief sich.

Ein neuer Partner musste also her. Phillip Lauer kannte er zu diesem Zeitpunkt seit etwa zwei Jahren. Obwohl beide seit Eröffnung Stammgäste im Offenbacher Club Robert Johnson waren und dort als Resident-DJs auflegten (Gerd bei „Liquid“, Phillip bei „Brontosaurus“), lernten sie sich erst bei einem Radio-Slave-Gastspiel im Frankfurter Monza kennen. Irgendwann fuhr Gerd Janson also zu Lauer, um an besagtem Roland-Appel-Remix zu arbeiten. Als der fertig war, musste ein Name her. Den fanden sie in Form eines Graffiti auf der Toilette des Mannheimer Clubs Das Zimmer. Tuff City Kids hatte dort jemand mit dem Edding hingekritzelt. „Das fanden wir witzig“, erinnert sich Janson. „Dass daraus so ein langjähriges Projekt wurde, war ja nicht geplant. Keine Ahnung, wieso wir weitergemacht haben. Ich weiß nicht, wieso Phillip immer noch mit mir Musik macht. Er könnte das ja genauso gut alleine tun.“

tuff-city-kids-by-holger-wuest

Lauer veröffentlicht bereits seit dem Jahr 2000 Houseplatten, zunächst auf den Labels Séparé, Real Soon und Punkt Musik, dann auf seiner eigenen kleinen Plattenfirma namens Brontosaurus. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Partner Christian Beißwenger hat er dort unter dem Projektnamen Arto Mwambé eine ganze Reihe teilweise großartiger Maxis herausgebracht, die sich vom Deep-House-Einerlei der späten Nullerjahre auf extrem angenehme Weise abhoben. Seitdem Brontosaurus seine Tätigkeit eingestellt hat, firmiert er unter seinem Nachnamen. 2012 erschien mit Phillips sein LP-Debüt auf Gerd Jansons Label Running Back, 2015 folgte sein zweites Album Borndom auf Permanent Vacation.

An Lauers Musik fällt zunächst mal eine ausgeprägte Liebe zu Melodien auf. All die Pianoakkorde und die schwelgerischen Synthesizer-Harmonien vermitteln seinen Tracks eine Pop-Ästhetik. „Popmusik im Sinne der achtziger Jahre finde ich einfach gut“, so der einstige Schlagzeuger einer Hardcore-Punk-Band. „Ich mag Disco nicht gerne, Soul und Jazz genauso wenig. Ich finde es blöd, wenn es funky im Sinne von James Brown wird. Mit einem Slapbass kann ich inzwischen durchaus leben, aber nicht mit solchem Funk. Meine Lieblings-Popplatte ist Penthouse And Pavement von Heaven 17. Mir gefällt, dass die Musik damals so super produziert war, dass da richtig viele Leute im Studio waren, die sich auskannten.“

Jeden Dance-Musik-Stil durchexerzieren

Gegen Abend gehen wir gemeinsam in Gerd Jansons Kellerstudio, wo mittlerweile zwischen Plattenregalen, Synthesizern und mit allerlei Geräten vollgepackten Racks kaum mehr Platz ist. Phillip Lauer staunt, was inzwischen alles hinzugekommen ist, er war seit einem halben Jahr nicht mehr dort. Es ist noch ein Remix fertigzustellen. Lauer sucht am Synthesizer Sounds, Gerd Janson sagt irgendwann: „Der ist es.“ Lauer ist der Mann für die Melodien und Basslines. Der wiederum schätzt an seinem Partner dessen Sinn für Arrangements: „Das ist etwas, das mir immer schwerfiel. Dass ich einen Loop abgeben konnte und ein fertiges Stück zurückbekam, war eine angenehme Erleichterung. Außerdem beschleunigt es die Arbeit ungemein, wenn neben dir einer sitzt, der die Sounds auswählt oder auch mal stopp sagt.“

Adoldesscent, das erste Album der beiden (ja, der Titel ist als Wortspiel aus adolescent und old zu verstehen), ist denn auch das Ergebnis der Kombination dieser individuellen Stärken. Ein „DJ-Bonus-Beats-Gehirn“, so beschreibt Gerd Janson seine musikalische Denkweise, trifft auf einen niemals wegzuleugnenden Hang zur Pop-Ästhetik. Es enthält Stücke, die sich sogleich ins Gedächtnis einschleichen. „Tell Me“, gesungen vom Hot-Chip-Mann Joe Goddard, ist so eines, genauso wie die erste Single „Labyrinth“, für die sie die norwegische Disco-Indie-Pop-Sängerin Annie gewinnen konnten. „Tell Me“ ist auf Drumsounds aufgebaut, die vom Achtziger-HipHop-Pionier Mantronix beeinflusst sind. Das Instrumental von „Labyrinth“ ist eine Hommage an den Chicago-House-DJ Ron Hardy und seine Edits. In „Scared“, das von Jasnau, einem alten Freund Lauers, eingesungen wurde, finden sich New-Wave-Elemente. Für diesen Song hat Gerd Janson seinen allerersten Text geschrieben. Die Atmosphäre von „Farewell House“ hingegen ruft Erinnerungen an das legendäre New Yorker House-Label Nu Groove wach, die jedoch gleich wieder von einer typischen Lauer-Bassline vertrieben werden.


Stream: Tuff City Kids with AnnieLabyrinth (Club Mix)

Eigentlich wollten die beiden ein stilistisch weitaus unterschiedlicheres Album machen. Es existiert sogar noch ein Zettel, der daran erinnert, plaudert Lauer aus: „Wir hatten mal eine Liste gemacht, mit Musikrichtungen, die auf dem Album enthalten sein sollten. Da war auch Miami Bass dabei.“ Und Janson ergänzt: „Drexciya war auch eine Musikrichtung auf diesem Zettel.“ Am Ende lassen sich ein roter Faden und eine eigene Ästhetik jedoch gar nicht verleugnen, selbst wenn das dem nur halb ernst gemeinten Selbstverständnis des Remix-Lieferdienstes Tuff City Kids zuwiderläuft – das gesetzte Ziel ist angeblich, jeden Dance-Musik-Stil zumindest einmal durchexerziert zu haben. Am Ende bleibt Adoldesscent ein Album, das sich zuallererst der Clubmusik verpflichtet fühlt. Janson kennt die Fallstricke: „Es hat ja noch nie funktioniert, dass jemand aus dem Dance-Musik-Kontext heraus antritt, um etwas ganz anderes zu machen, beispielsweise ein Singer-Songwriter-Album. Manche Leute nehmen für so etwas extra Gesangsstunden.“

Drei Jahre lang arbeiteten die Tuff City Kids an ihrem ersten Album. Nicht alles geht so schnell von der Hand wie ihre Remixe. Wobei sich abends auch zeigt, dass die vermeintliche Express-Mentalität der beiden beim Remixen eine der Legenden ist, welche die Herren Lauer und Janson gerne an sich selbst adressiert stricken. „Manchmal müssen wir feststellen, dass die eingeschlagene Remixroute versumpft ist“, räumt Janson ein. Lauer: „Das gibt dann schlechte Laune im Studio. Dagegen hilft nur eines: Wir essen einen Teller Nudeln.“

Adoldesscent von den Tuff City Kids ist auf Permanent Vacation erschienen.