Glauben wir Stendhal, dass Schönheit nichts als das Versprechen des Glücks ist, dann hat die Istanbulerin Ekin Fil eine ganz besondere Beziehung zu dieser Empfindung. Ihr fünftes Album Being Near (The Helen Scarsdale Agency) lotet schmerzhafte Grenzen der Erinnerung aus, wie ihr von Zeit und Berührung verwaschenes Coverfoto. Verwehte Spuren klassisch türkischer Polyrhythmik und Taqsim-Improvisation in der Echokammer von Shoegaze und Ambient gehen auf in einer allumfassenden, politisch wie erotisch aufgeladenen, körperlich schweren Melancholie. Ein zwischenweltliches Noir-Songwriting jenseits aller Kategorien.


Stream: Ekin FilSel

 


 

Matthew Cooper alias Eluvium instrumentiert ähnliche Gemütslagen, kleidet sie allerdings in einen Überschwang vornehmer Melodik in den populären Spielweisen von Postrock und Filmscore. Nach mittlerweile zehn Alben findet Cooper auch auf False Readings On (Temporary Residence) noch unerkannte Mauspfade im hinreichend kartiert scheinenden Grenzgebiet von Ambient und Neoklassik.


Stream: EluviumFugue State

 


 

Geht es aber nur noch um die Perfektionierung von Details drängt sich die Frage auf ob die sogenannte Neoklassik mehr sein will als der orchestral aufpolierte Kuschelrock eines angstgetrieben distinktionswilligen Jungbürgertums? Die Jubiläumskompilation Eleven Into Fifteen (130701) des wohl definitivsten Labels des Genres verweigert sich gekonnt einer eindeutigen Position. Dafür liegen in der mit Max Richter, Jóhann Jóhannsson, Hauschka, und der Montrealer Postrock-Supergroup Set Fire To Flames ziemlich prominent besetzten Zusammenstellung exklusiver Stücke, Glanz und Elend, intime Melodieseligkeit und cinematisch sentimentaler Emo-Kitsch zu nah beieinander. Gut statt nur gut gemacht wird das wenn etablierte Wohlfühlklischees zerdehnt und fremd werden.


Stream: Dustin O’ HalloranConstreaux No. 2

 


 

Der kanadische Newcomer Ian William Craig (ebenso auf Eleven Into Fifteen vertreten) etwa, schmirgelt auf Centres (FatCat) sakral-manierierte, beinahe gregorianische Vocals mit körnigem digitalem Noise. Sein irritierend schlüssiger Hybrid aus Gothic, Shoegaze und Trap verdankt der harschen Future-R&B Ästhetik Arcas ebenso viel wie dem Songwriting Rufus Wainwrights und den archaisierenden Kompositionen Erik Saties oder Arvo Pärts.


Stream: Ian William CraigContain (Astoria Version)

 


 

Letztere finden sich auf der Kollaboration des mexikanischen Elektronikers Murcof mit der Pianistin Vanessa Wagner wieder. So öffnet Statea (Infiné) eine weitere Fluchtlinie: die zeitlichen, strukturellen und tonalen Grenzüberschreitungen der späten Moderne von John Cage bis John Adams neu begriffen als Raumklang. Im Kontrast von Wagners analytischem Spiel und Murcofs schlierend dubbiger Verschleifung findet die Avantgarde des vergangenen Jahrhunderts ein pulsierendes, leicht süßliches und darin absolut zeitgemäßes Echo.


Stream: Murcof x Vanessa WagnerVariations For The Healing Of Arinushka (Arvo Pärt)

 


 

Hart an der Grenze von aufrichtiger Emotion und dem banalen Abrufen vorgefertigter Gefühlsattrappen entlangschleifen, und dabei dann noch genuine Schönheit hervorbringen, das können Woodkid & Nils Frahm. Ihre EP Ellis (Erased Tapes) war ursprünglich Soundtrack zum gleichnamigen Kurzfilm des französischen Street-Art Künstlers „JR“, eine zutiefst melancholische Reflektion über Migration, Flucht, Fremdheit, Erinnerung und Gewalt, die Robert de Niro mit brüchiger, weltweiser Stimme vorträgt. Der Schwermut und das winterliche Pathos der kargen, verloren wirkenden Pianotupfer, die sich langsam in einen elektronischen Drone auflösen sind dem Thema und der Optik des Films durchaus gewachsen. Sobald jedoch de Niro anfängt zu sprechen wird die Musik zweitrangig.


Stream: Woodkid & Nils FrahmWinter Morning 1

 


 

Die britische Organistin und Cellistin Claire M Singer ist eine lange etablierte Stimme der live-elektronischen Neuen Musik. Ihr LP-Debüt Solas (Touch) streift diese E-musikalische Sozialisation allerdings nur peripher. Von postrock-affinen rhythmisierten Streicherstücken bis zu einem markerschütternden Orgeldrone in der Tradition Charlemagne Palestines meidet sie weder Pop noch große Gesten.


Stream: Claire M SingerExcerpt

 


 

Eine souveräne Ignoranz gegenüber Genres und Szenezugehörigkeiten, die in der Neoklassik wie in der akademischen Komposition sonst so oft schmerzlich fehlt, adelt das Debüt der kasachischen Pianistin Angelina Yershova. Piano Abyss (Twin Paradox) nimmt ihr handwerkliches Können, ihre klassische Ausbildung am Arbeitsgerät zurück zugunsten einer ambienten Klangforschung, einer bedachten Suche nach unbekannten Aspekten ihres so überaus wohlbekannten und wohltemperierten Instruments.


Video: Angelina YershovaPiano Abyss Album Teaser

 


 

Der britische Nachwuchskomponist und Pianist James Batty durchsetzt die Neoklassik mit spielerischen Modernismen. Selten klang ein von hochernsten Kompositionstechniken wie Zwölftonmusik, Serialismus und nichtwestlicher, nicht-tonaler Klassik inspiriertes Werk so leicht, locker und einfach wie Battys Sanctuary (Overtones And Deviations) (Frozen Light).


Stream: James BattyFrontier

 


 

Only Silence Remains (Gizeh) von Christine Ott bleibt da schon näher an den Konventionen des neoklassischen Genres hängen. Otts im Wesenskern zutiefst romantische bis filmmusikhafte Pianoetüden gewinnen allerdings immense Kraft und Originalität aus der stetigen Konfrontation mit den immer leicht unheimlichen, nach Nebelhorn und Gespenstergarn klingenden Flächen des historischen Synthesizer-Vorläufers Ondes Martenot. Sogar wohldosierte Nostalgie kann also ein Ausweg aus den Öden der Neoklassik sein.


Stream: Christine OttSexy Moon