Interview: Holger Klein
Erstmals erschienen in Groove 150 (September/Oktober 2014)

Als im Winter 1989 die erste Ausgabe der Groove erschien, waren DJs noch ausschließlich Residents im eigenen Club, von denen das Publikum meist nur den Vornamen kannte. Mit Move D, der damals auch schon auflegte, und Solomun, der wie kaum ein anderer den Wandel vom Local-DJ zum international erfolgreichen Headliner vollzog, sprachen wir über die Entwicklung vom Lenco-Plattenspieler zum Digital Media Player, die Rolle der sozialen Medien und die veränderte Halbwertzeit von Clubhits.

 

solomun-kleinSolomun: Mladen Solomun fing vor zwölf Jahren mit dem Auflegen an. 2006 gründete er zusammen mit Adriano Trolio das Label Diynamic, dem wir in unserer Ausgabe 136 eine Titelgeschichte widmeten. Sein Debütalbum Dance Baby erschien 2009. Gemeinsam mit seiner Schwester Magdalena betrieb er bis 2013 auch den Hamburger Club Ego. Während der Saison auf Ibiza hat er im Pacha seine eigene Partyreihe Solomun +1.

 

move-d-kleinMove D: Seit mittlerweile über dreißig Jahren legt David Moufang alias Move D auf. In den neunzigern Jahren war sein Label Source mitprägend für elektronische Musik aus Deutschland. Moufangs eigenes Album Kunststoff wurde zum zeitlosen Klassiker und vergangenes Jahr in der Groove unter die zwanzig besten elektronischen Alben seit 1989 gewählt. Über Source Records berichteten wir 2002 in der Ausgabe 78. Seine erste Mix-CD erschien 2010 in der Groove (Ausgabe 125).

 

Mladen und David, eure DJ-Karrieren begannen zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten. Wo lagen eure Anfänge?

Solomun: Ich habe vor ungefähr zwölf Jahren damit begonnen, seriös Techno und House aufzulegen.

Move D: Mladen, du hast ja angefangen, als wirklich schon was ging. Bei mir war das total anders. Ich spielte früher dreimal die Woche in dieser Disse in Heidelberg. Für sechzig Mark am Abend, und danach musste ich noch Gläser spülen.

Solomun: Blut geleckt hatte ich, als ich auf Geburtstagspartys Musik machte. Dann fing ich damit an, einmal im Monat in einem kleinen Club meine eigene Partyreihe zu veranstalten. Vorher hatte ich nur als Musikliebhaber Platten gekauft.

Move D: Das heißt, du hattest damals noch einen Job?

Solomun: Ja, zu dem Zeitpunkt hatte ich noch einen Job. Ich arbeitete als Kamerabühnenmann beim Film. Irgendwann startete ich mit meinem jetzigen Partner Adriano die DIY-Partys im Hamburger Uebel und Gefährlich. Dann fing ich an, meine eigene Musik zu produzieren, sodass ich hin und her gerissen war zwischen dem Filmjob und der Musik. In dieser Zeit hatte ich auch schon mit zwei Freunden Kurzfilme produziert. Beim Tatort machte ich ein Regiepraktikum. Doch schließlich kam ich an den Punkt, wo ich all das an den Nagel hängte und mich für die Musik entschied. Das war ungefähr vor zehn Jahren.

Move D: Interessant. Bei mir war das ganz anders. Nachdem ich mit der Schule fertig war, landete ich in dieser komischen Discothek. Ich habe also immer davon gelebt. Ich habe nicht einmal in meinem Leben Prospekte ausgetragen oder so. Erst jahrelang dreimal die Woche in dieser Diskothek, und dann kam über das, was rund ums Mannheimer Milk geschah, Techno in mein Leben.

Tangente hieß der Laden in Heidelberg…

Move D: Genau. Am Anfang hatten die noch diese Lenco-Plattenspieler, die es meines Wissens ursprünglich auch im Frankfurter Omen gab. Mit denen konnte man auch 78er-Platten abspielen. Am Rand des Plattenspielers war ein Hebel, mit dem sich die Geschwindigkeiten nahtlos regeln ließen. Also konnte man den Hebel auch in der Mitte zwischen 33 und 45 einstellen. Natürlich konnte man so nicht passgenau pitchen. Diese Lenco-Plattenspieler waren auch noch so schwammig aufgehängt. Da hast du dich gefühlt wie in einer Bootsküche, so gewackelt hat das.

Bis zum heutigen Tag hatte ich nie zwei Plattenspieler. Als ich anfing, hatte ich von Beatmixing keine Ahnung. Das sah ich einige Jahre später, als ich in Italien im Urlaub war, zum ersten Mal. Dort spielte der DJ „Sign ’o’ The Times“ von Prince, mixte es mit eine anderen Platte und das war dann wie ein neues Stück. In Deutschland war das Beatmixen noch kein Muss. Irgendwann habe ich in dieser Disse versucht, Grandmaster Flash mit Soul II Soul auf den Beat zu mixen. Doch DJ wollte ich nicht werden, das Berufsbild gab es in dieser Form in den achtziger Jahren noch gar nicht.

 

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Move D

 

Die Platten, die ich spielte, standen tatsächlich im Club herum. Der Clubbesitzer gab uns im Monat 200 oder 400 Mark Budget für Platten. Mit diesem Geld gingen wir Platten kaufen und legten dann die Quittungen vor. Und so wanderten die Scheiben ins Regal dieses Ladens. So konnte ich aber überhaupt erst einsteigen. Ich hatte zwar Platten, aber kaum schwarze Tanzmusik. Als Stammgast hatte ich den Vorteil, dass ich den anderen Residents die ganze Zeit über zugucken konnte: Ah, der spielt Klymaxx, die Platte steht da und da. Sonst hätte ich das damals gar nicht machen können. Eines Abends kam der DJ nicht, weil er irgendwie auf der Flucht vor den Bullen war. Also fragten sie mich, ob ich nicht einspringen könnte. Ich hatte das noch nie zuvor gemacht. Doch hinterher sagten sie mir: Du kannst wiederkommen.

Die Art und Weise, wie man Musik findet, hat sich entscheidend verändert. Blickt man zurück, war der Plattenladen meist der Dreh- und Angelpunkt. Mladen, war das auch noch so, als du angefangen hast?

Solomun: Auf jeden Fall. Ich glaube, beides hat so seine Vor- und Nachteile. Ich habe mich auch irgendwann aus Zeitgründen dem Fortschritt hingegeben. Ich stieg zunächst auf CDs um, heute habe ich den USB-Stick dabei. Natürlich finde ich es toll, dass man schnell die notwendigen Informationen aufrufen kann. Man kann problemlos erfahren, was da gerade läuft. Man findet ruckzuck alles mögliche über die Geschichte eines Künstlers heraus. Schade ist aber, dass die Magie und der Zauber ein bisschen verloren gegangen sind. Diese heißbegehrten Tapes von damals hatten ja was mystisches. Nach dem Motto: Hast du mitgekriegt, was der Sven da gespielt hat? Auch die DJ-Top-Ten, gerade die von Sven Väth, waren früher ein Garant für gute Verkäufe. Wenn man sich Beatport anschaut, ist das noch immer ein bisschen so, doch nicht mehr wie damals. Die meisten Leute charten fast nur Freunde oder befreundete Labels und dann vielleicht noch drei Remixe, die sie selbst gemacht haben. Nur noch selten findet man in den Charts Tracks, die der DJ wirklich gerne mag.

Move D: Früher gab es das Phänomen, dass DJs die Labels der Platten überklebt hatten, damit niemand sehen konnte, was da gerade lief. Das fand ich nicht okay, denn die meisten Musiker haben sowieso wenig Geld und würden sich über jede verkaufte Platte freuen. Als DJ lebt man davon, Musik anderer zu spielen. Daher ist solch eine Haltung nicht korrekt. Deshalb hat es etwas Gutes, dass es heute praktisch keine Geheimnisse mehr gibt und jeder herausfinden kann, was gespielt wird. Ich bin ja jemand, der noch immer Platten spielt. Deswegen freue ich mich immer riesig, wenn mir jemand bei einem Gig eine Vinyl-Promo von seiner allerersten selbstgemachten Platte in die Hand drückt und ich vielleicht einer von nur zehn Leuten bin, der diese Platte spielen kann.

Solomun: Das hast du natürlich auch bei Promos und Demos in digitaler Form. Doch ich bin keiner, der immer nur neue Sachen spielen muss. Ich versuche, mich von dem Abend leiten zu lassen. Manchmal ist da mehr Raum für irgendwelche Demos und Promos, manchmal habe ich das Gefühl, das passt nicht. Ich habe kein Problem damit, Tracks zu spielen, die „etwas hittiger“ und einfach bekannt sind. Ein guter Track ist ein guter Track.

Move D: Promo, eigenes Demo – die Grenzen sind heute total fließend. Früher konntest du dich dem allenfalls mit einem Dubplate annähern. Das ist schon super.

Solomun: Worauf ich eigentlich hinauswollte: Deine Sets werden heute ständig aufgenommen und irgendwo veröffentlicht. Man kann aber nicht jedes Wochenende ein neues Set spielen. Doch dadurch dass alles schnell online ist, entsteht bei den Leuten das Gefühl, dass die DJs immer das gleiche spielen.

Move D: In meinem Fall stimmt das auch. Natürlich lege ich nicht immer dieselben Platten auf. Doch viele Tracks spiele ich immer wieder. Wenn man zweimal innerhalb von vier Wochen aufgenommen wird, entsteht natürlich erst recht der Eindruck, dass man immer dasselbe spielt. Aber scheiß drauf.

Solomun: Du, ich scheiße da eh drauf.

 

„Der gute alte Resident-DJ ist schon sehr unterbewertet.“ Move D

 

Move D: Ja, man verspürt allerdings schon den Druck und meint, sich ständig neu zu erfinden müssen. Deshalb finde ich, dass der gute alte Resident-DJ schon sehr unterbewertet ist. Die können wirklich Dinge ausprobieren und sich immer wieder neu erfinden. Als Resident im Ego oder Pudel musst du dir schon mehr einfallen lassen, wenn du immer für dieselbe Crowd spielst. Holger, ich denke da auch an dich. Du warst ja ein typischer Resident in einer Zeit, als das noch einen anderen Stellenwert hatte. Ihr wart die Kings als Residents im coolsten Laden. Du hast ständig neues Zeug gespielt, aber auch immer wieder die Hymnen, die jeder kannte, der ins Milk in Mannheim ging. Genau diese Tracks haben uns aber definiert, so wie die Gesänge eines Fußballvereins.

Generell ist die Halbwertzeit eines Clubhits deutlich geschrumpft, zu viel Musik wird rausgepumpt. Führt das nicht dazu, dass der Sprung in den Mainstream oder in die Charts unmöglich wird? Wenn man zurückdenkt, haben DJs oft Hits gebreakt, auch ursprünglich undergroundig-obskure Sachen, sodass sie in die Charts gingen. Heute ist das kaum noch der Fall.

Solomun: Das stimmt schon irgendwie.

Move D: Ich muss dir da voll zustimmen. Wenn ich mit zwanzig neu gekauften Scheiben in den Club gehe, dann kenne ich die Platten nicht richtig. Zwei oder drei kann ich mir merken, weil sie besonders toll sind, die anderen habe ich gleich wieder vergessen. So könnte es je nach Laune und Geldbeutel jede Woche gehen. Wenn ich ständig neue Musik nach schaufele, verliere ich irgendwann den Bezug zu ihr. Diese Gefahr ist bei Beatport und so weiter umso größer. Wenn ich digital auflegen würde, hätte ich vielleicht ruckzuck 40.000 Tracks auf meinem Stick. Für mich als DJ ist aber unheimlich wichtig, dass ich wirklich einen Bezug zu der Musik habe.

 

„Meine Tracks unterteile ich nach dem Schema: Warm-up, Halb-Peaktime, Peaktime, geht richtig ab und morgens.“ Solomun

 

Solomun: Ich muss schon sagen, dass ich die Wertschätzung ein wenig verloren habe. Zum einen habe ich nicht mehr die Zeit, um pro Woche ein paar Stunden in Plattenläden verbringe, wo ich ein eigenes Fach habe, in das ich erst einmal was zurücklegen lasse, um dann schließlich fünf oder zehn Platten auszuwählen. Es ist alles sehr schnelllebig geworden. Man ist heute ja mit unglaublich viel Musik konfrontiert. Wir bei Diynamic haben inzwischen ein ganzes Team, um all die Promos zu checken. Die Gruppe besteht aus Adriatique, Phono, H.O.S.H., Kollektiv Turmstraße und mir. Die Adriatique-Jungs hören vor, die misten erst mal aus. Die guten Sachen landen in Ordnern, die nach Kalenderwoche benannt sind. So teilen wir untereinander auch Tracks, die man selber einkauft oder irgendwo aufgeschnappt hat. Somit haben wir einen ganz gesunden Austausch an Musik, was wirklich Spaß macht. Ich habe jede Woche zwei Ordner mit vielleicht fünfzig, sechzig neuen Tracks, die ich noch mal unterteile, nach dem Schema Warm-up, Halb-Peaktime, Peaktime, geht richtig ab und morgens. Allerdings kann ich so nicht den Bezug zur Musik herstellen, wie das früher der Fall war.

Move D: Da sind wir wieder beim Nimbus der Schallplatte. Ich sehe, wie sie sich dreht, ich kann beim DJ verstohlen hingucken und was erkennen. Man will Platten jagen und besitzen. Klar, manchmal verblasst der Zauber. Nachdem man die Platte hat, ist sie mitunter doch nicht so toll. Wenn sie gespielt wird, fängt sie hier und da an zu knacken. Die Knackser kennt man irgendwann alle, was zwar beschissen ist, ich empfinde dabei aber dennoch eine Nostalgie. Ich will vom Vinyl nicht abrücken, die Sache ist eh schon zu sehr ins zweite Glied gerückt. Im DC10 auf Ibiza zum Beispiel werden die Plattenspieler gefühlt aus dem staubigen Keller geholt, falls da einer auf die Idee kommt, Vinyl spielen zu wollen. Da greife ich mir an den Kopf.

Geht also jegliche digitale Promobemusterung komplett an dir vorbei?

Move D: Ja, das ignoriere ich völlig, sogar bei guten Freunden. Ich kann’s ja nicht spielen. Ich bin Old School.

Solomun: Also für mich war das zunächst auch schwer, mich vom Vinyl zu verabschieden. Ich habe wirklich keine Lust, jeder Veränderung folgen zu müssen. Sachen, die gut sind, muss man nicht verändern. Doch die Zeit holte mich ein. Ich kümmere mich um das Label, betreute bis vor kurzem auch den Club Ego. Doch als ich die ersten DJs mit Final Scratch auflegen sah, dachte ich nur: Laptop-DJs, was für ein Scheiß! Als der erste DJ bei uns im Ego nur mit einem USB-Stick aufkreuzte, wollte ich ihn am liebsten rauswerfen. Inzwischen mache ich es aber auch. Es hat sich in kurzer Zeit so viel verändert. Inzwischen ist eine ganze Generation mit den neuen Möglichkeiten groß geworden.

Move D: Was mich betrifft, denke ich, dass die meisten Leute, die zu meinen Gigs kommen, tatsächlich wollen, dass ich Platten spiele. Trotz all diesen Vorzügen bietet ein Vinyl-DJ irgendwie mehr fürs Auge. Und die Gefahr, dass man sich mit dem Vinyl vermixt, dass Nadeln springen oder rutschen, bringt doch Pfeffer rein. Ohne das wäre es mir echt zu langweilig.

Solomun: Mir ist es inzwischen schnuppe, mit welchen Geräten ein DJ seine Arbeit macht. Am Ende steht die Trackauswahl, auf die kommt es an.

Thema Trackauswahl – wie bereitet ihr euch vor? David muss eine sehr begrenzte Auswahl treffen wegen der Gepäcklimits, Mladen kann auf seinen Stick theoretisch Unmengen Musik packen, die er auf seine Reisen mitnimmt.

Move D: Bei mir ist das natürlich ein großes Thema. Mehr als siebzig Platten kann ich nicht mitnehmen. Mit denen muss ich unter Umständen zwanzig Gigs bestreiten, die völlig unterschiedlich sein können. Mit dieser Auswahl spiele ich vielleicht auf einem Open Air am Sonntagmorgen, dann bei einer Veranstaltung in einem Museum und schließlich auf einem Riesen-Techno-Floor.

Solomun: Bei mir ist es so, dass ich einen Grundstock von Tracks habe, die ich gerne spiele. Der entwickelt sich ständig weiter, bleibt im Kern aber gleich. Mit Rekordbox (die Musikverwaltungssoftware von Pioneer, Anm. d. Red.) lade ich die Tracks auf den Stick und sortiere sie nach den Sparten, die ich eben schon erwähnt habe. Die oberen Tracks sind immer die, die ich richtig toll finde. Wenn ich weiß, dass ich beispielsweise sehr lange im Robert Johnson spielen werde, schaue ich mir vorher noch mal den Ordner für morgens genauer an. Wenn ich am nächsten Tag vielleicht für ein großes Festival gebucht bin, achte ich darauf, dass ich die eine oder andere fordernde Nummer zur Auswahl habe. Ich versuche, mein Set wie eine Reise zu gestalten. Also möchte ich immer ein paar Tracks zur Hand haben, mit denen ich ausbrechen kann. Es macht mir am meisten Spaß, auf die zwei, drei Stunden hintenraus hinzuarbeiten.

Move D: Mit dem Packen halte ich es im Kleinformat ähnlich. Weiß ich, dass ich auf einem Festival spiele, nehme ich fünf Bretter mit. Wenn ich irgendwo gebucht bin, wo es gechillter ist, packe ich ein paar upliftende Soul-Teile ein. Doch habe ich von allem immer nur ein bisschen was dabei, ich könnte also niemals zwei oder drei Stunden metergetreu auf einer Linie bleiben.

Was macht für euch denn einen guten DJ aus?

Move D: Ein guter DJ muss die Crowd lesen können. Man trifft immer wieder Typen, die tolle Produzenten sind, die als DJs nur amtliche Musik spielen, die aber an den Leuten vorbei geht. Die rattern also ihr vorgefertigtes Set runter. Andere haben die Begabung, dass sie den richtigen Track im richtigen Moment bringen.

Solomun: Du brauchst definitiv immer die Connection zu den Leuten. Deshalb mag ich es nicht, wenn ich zu weit von der Tanzfläche weg bin. Meine erste Maßnahme im Pacha war, dass ich dafür gesorgt habe, die DJ-Kanzel nach unten zu verlegen. Jetzt steht sie mitten auf der Tanzfläche, was super funktioniert. Aus diesem Grund bin ich auf Festivals auch emotionsloser, ganz gleich wie toll es ist, so viele Leute bewegen zu können. Ich muss sehen, wie die Leute reagieren. Ich brauche den Augenkontakt. Und ich möchte ihnen das Gefühl geben: Hey, ich bin einer von euch. Ich bin nicht nur DJ, sondern auch Tänzer.

In den neunziger Jahren hat sich das Bild eines DJs radikal verändert. Legten sie vorher ausschließlich in ihrem Laden auf, sind sie plötzlich in alle Welt gebucht worden. Wie hat sich für euch dieses Geschäft in dieser Hinsicht verändert?

Solomun: Bei mir war von Anfang an ein wichtiger Faktor, dass ich es so angenehm wie möglich haben wollte. Die Organisation drum herum muss klappen. Lag vielleicht daran, dass wir vorher selbst einen Club gemacht haben und dadurch schnell lernten, wie wichtig das ist. Wir legten Wert darauf, dass der Künstler mit einem sauberen und geräumigen Auto abgeholt wird, dass man vorher essen geht, all das eben. Als DJ arbeitet man am liebsten jahrelang mit solchen Promotern zusammen, die man gerne hat. Ich habe heute mehr Druck als früher, denn die Leute erwarten, dass ich ihnen den Club voll mache. Heutzutage bin ich einfach dankbar, wenn ich angenehm reisen kann. Jeder weiß und akzeptiert, dass dies für mich eine Grundvoraussetzung ist. Inzwischen kann die Agentur die Wochenenden so planen, dass ich immer direkt fliegen kann. Spiele ich in Italien, bleibe ich ein Wochenende in Italien. Wenn ich einen Gig in Deutschland habe, dann schauen wir, dass ich am selben Wochenende noch was in einem coolen deutschen Club finde, auch wenn es da nicht so viel Geld gibt.

 

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Solomun

 

Move D: Dem was Mladen sagte, kann ich nur zustimmen. Es ist sehr wichtig und angenehm, die Promoter zu kennen und zu wissen, dass vor Ort alles klappt. Ansonsten hat sich das Business enorm professionalisiert, die Veranstalter, die Veranstaltungen oder die Kalkulation. Hinzu kommt die Tatsache, dass Booking-Agenturen heute eine Grundvoraussetzung sind. In den Neunzigern war das ja noch ein optionales Ding. Leute wie Richie Hawtin oder Jeff Mills haben natürlich welche gehabt. Ich hatte zwar meine Erfahrungen gesammelt, es schließlich aber doch lieber selbst gemacht, und zwar bis weit in die Nullerjahre hinein. Irgendwann ging es nicht mehr. Die Reiserei ist noch immer ein Albtraum, obwohl ich keine Flugangst habe oder dergleichen. In dieser Hinsicht konnte ich die Rahmenbedingungen aber doch deutlich verbessern. Es klappt dennoch nicht immer, dass ich wie Mladen die Gigs an einem Wochenende möglichst ideal planen kann. Plötzlich stehe ich vor der Situation, dass ich fünfmal in einer Woche spielen soll und weiß nicht mehr, wie das alles gehen soll. Da können die Flüge und Hotels noch so toll sein, angenehm ist das nicht. Beklagen will ich mich trotzdem nicht, das ist die Dynamik, der man ausgesetzt ist. In den neunziger Jahren konnte ich noch von meiner eigenen Musik leben, heutzutage wird das Geld mit den Auftritten gemacht, die hängen nur noch mittelbar mit dem, was man veröffentlicht, zusammen. Im DJ-Geschäft stelle ich dieses herrschende Wirtschaftsmodell schon in Frage. Wenn ich von deprimierten Kollegen höre, was sie für miese Gigs mit beschissenem Line-up hatten, dann sage ich: Wundert mich nicht, ihr wollt immer mehr und habt entsprechende Gagen bekommen, doch wenn man auf den falschen Partys landet, kann man das mit Geld nicht aufwiegen. Das verdirbt den Spaß.

Wie sorgt man als DJ heutzutage für Nachfrage? Sind es vor allen Dingen die eigenen Veröffentlichungen?

Move D: Du musst so geil sein, dass die Leute nach der Party sagen: Gestern habe ich einen gehört, der war echt abgefahren. Wenn ich aber keine eigenen Platten gemacht hätte, dann hätte ich nirgendwo ein Booking bekommen.

Solomun: Das lässt sich kaum trennen.

Move D: Wenn du einen gewissen Status wie Derrick May hast, musst du vielleicht keine Platten mehr machen, oder wenn die Leute wissen, dass du ein Top-DJ wie Sven Väth bist. Doch eigentlich muss man Produzent sein, um in das DJ-Geschäft reinzukommen. Und dann musst du dich erst noch als DJ beweisen, was bei vielen Produzenten aber nicht der Fall ist. Nicht aus jedem Produzenten wird ein guter DJ, genauso wie nicht jeder DJ ein guter Produzent wird.

Welche Rolle spielen für euch heute die sozialen Medien?

Move D: Bei mir war das total wichtig. Ich war irgendwann auf dem absoluten Nullpunkt. 1997 kam mein Sohn auf die Welt. Ich blieb zuhause und machte den Hausmann, was alles super war. Doch ehe du dich versiehst, ruft dich keiner mehr an und du bist komplett vergessen. So ging es mir. Ich dachte ernsthaft darüber nach, ob ich bei der Post anheuern soll, um Pakete zu sortieren. Michel Baumann alias Jackmate brachte mich schließlich zu Myspace. Plötzlich kontaktierten mich zum Beispiel Leute aus Birmingham, wo ich in den Neunzigern aufgelegt hatte und sagten: Oh, dich gibt’s ja noch! Hast du nicht Bock, bei uns aufzulegen? So ging es mit der Auflegerei wieder los. Es lief so gut, dass ich irgendwann eine Agentur brauchte, weil ich nicht mehr durchgeblickt habe, was ich mit den Promotern ausgemacht hatte. Ich saß abends an der Kasse, der Typ zählte ein paar Scheine durch und ich versuchte mich krampfhaft zu erinnern, was vereinbart war. Schriftlich fixiert war nichts, das war das absolute Chaos.

Solomun: Für uns sind die sozialen Medien heutzutage ein Faktor, der gar nicht mehr wegzudenken ist. Facebook ist für die Leute, die Musik mögen, eine Informationsquelle. Mit Soundcloud promoten wir neue Stücke. Ich bin jetzt nicht übermäßig aktiv, doch nutzen will ich diese Kanäle auf jeden Fall. Ich poste Interviews, Tour-Videos, promote unsere Partys und so weiter, um mit den Leuten in Verbindung bleiben zu können. Dabei belasse ich es aber. Twitter lohnt sich für mich gar nicht. Ich bin zwar angemeldet, aber nutze es nicht.

Move D: Ich habe noch nicht mal einen Account.