Kaum ein Label hat sich so beharrlich über die Regeln der Clubmusik hinweggesetzt wie Perlon. Das Label betreibt keine Website, verkauft keine MP3s, macht keine Agenturarbeit und veröffentlicht unregelmäßig. Perlons Houseverständnis ist nicht mehr aus der afroamerikanischen Musiktradition entwickelt. Vielmehr haben die Perlon-Künstler eine eigene psychedelische Musiksprache geschaffen. Auf der Superlongevity-Serie hat das Label seine Künstler immer zu Tracks angestachelt, mit denen sie über die Grenzen ihres persönlichen Stils hinauswachsen. Die fünfte Folge ist besonders prächtig geraten.

Auf sieben Schallplatten erscheinen Tracks von 24 Künstlern. Eröffnet wird Superlongevity Five von Mentor Baby Ford. Dessen heiß geliebte Roland TR-808 ist so sehr weggefiltert, dass sie wie ihr eigenes Echo klingt. Bei Magaret Dygas spiegelt sich ein kurzes orchestrales Sample in einem vernarbten Groove. Bei Dimbimans geisterhafter Nummer sind alle Elemente um ein leeres Zentrum gruppiert. Fumiya Tanaka wirft ein Netz aus Loops aus, die auf magische Weise eine gewaltige Energie entwickeln. Einen grotesken, surrealen Humor entwickelt Thomas Melchior, indem er Triangel, Schlaghölzer und Claps aus einem Stimmengewirr hervortreten lässt. Bei Sonja Moonear können geisterhafte Sounds einen hoppelnden Groove nicht aus der Bahn werfen. Bei Tobias. löst sich ein Technogroove in einer oldschooligen, trippigen Stimmung auf. Gegen STLs elementarsten aller Housetracks klingt die Musik jedes anderen Produzenten gekünstelt und übertrieben. Matt Johns bedrängender Ketaminrausch hat die Durchschlagskraft eines HipHop-Stücks der frühen Achtziger. Matthew Dear produziert schlonzigen Proberaum-House, Dandy Jack münzt seine manische Unruhe zu kubischem Funk um. Dan Bell entwickelt für House, was DBX für Techno war. Shackleton reißt Bass und Drumming so weit auseinander, wie es gerade eben geht.

Ricardo Villalobos’ Stück klingt wie eine Housenummer von Autechre und entwickelt eine neue Art, die Trackelemente in Beziehung zueinander zu setzen. Kalabrese und Morane werfen mit ihren akustischen Instrumenten einen ganz anderen Blick auf den Perlon-Kosmos. Stefan Goldmann klingt, als sei Pink Floyd ein Houseprojekt gewesen, Narcotic Syntax wie ein minimaler Giorgio Moroder mit Spacerock-Improv. Audio Werner zeigt, dass Deephouse keine stereotypen Sounds braucht, Mara Trax, dass Afterhour-Nummern nicht gefällig und verspielt sein müssen. San Proper klingt, als würden James Browns J.B.s Filterhouse produzieren. Soulphictions Basslinie rockt nicht nur den Dancefloor, sie bringt auch die Flaschen im Getränkelager zum Klirren. Half Hawaii sind mit einem dandyhaften Vocoderjam vertreten, Sammy Dee mit einer hochkonzentrierten, vielschichtigen Rhythmusstudie. Pantytec entfalten ihren psychedelischen Wahnsinn allein aus den Bässen, über Cassys düstere Wall of Sound schwebt ihre schöne Stimme. Markus Nikolai hat ein irrwitziges Tribal-Stück mit poetisch-dadaistischem Gesang produziert. Und Portable liefert seine so spröde wie betörende Interpretation einer Larry-Heard-Nummer.