Jeff Mills hat viele Verdienste. Sein größter ist vielleicht, dass er den tendenziell verschrobenen Detroit-Sound clubtauglich gemacht hat und dabei seine Magie noch intensivierte. Nach den glorreichen Neunzigern hatte er viele Steckenpferde, eines ist die Vertonung von Stummfilmen, die er mit Ausdauer verfolgt. In Potsdam wird er am 8. November 2026 seinen zehnten Soundtrack live neu interpretieren – ein Konzept, das er „Cinemix“ nennt. Im exklusiven GROOVE-Interview erfahrt ihr, warum Mills sich Metropolis zum zweiten Mal angenommen hat, was ihn am Stummfilm aus den 1920ern fasziniert und welche Rolle die Vertonungen in seinem Gesamtwerk spielen.
Du hast Metropolis im Jahr 2000 zum ersten Mal für den Tresor vertont und dich dem Film 2023 mit Metropolis Metropolis erneut gewidmet. Was hat sich in dir und in deinem Blick auf den Film verändert, dass ein zweiter Soundtrack nötig wurde?
Nun, die Welt hat sich verändert – und ich mich auch. Ich war 23 Jahre älter. In der sich ständig wandelnden Musikwelt ist das eine halbe Ewigkeit, mindestens eine Generation. Ich spürte, dass es an der Zeit war, mich Metropolis noch einmal zu nähern – mit einem aktualisierten Soundtrack, der diesen neuen Zeitgeist widerspiegelt. Schon die Entstehung beider Versionen unterscheidet sich grundlegend.

Die erste Fassung aus dem Jahr 2000 entstand völlig ohne Nachbearbeitung. Sie wurde nahezu in Echtzeit eingespielt, die fertigen Tracks waren im Grunde die ersten Mixing-Versuche. Die Version von 2023 ist deutlich komplexer, durchwebt von vielschichtigen symphonischen Klängen und Effekten. Die Synthesizer schweben größtenteils ohne jegliche Synchronisation in losen, sich überschneidenden Rhythmen – ein scheinbar zielloser Ansatz. Zudem entstand die Version von 2023 unter dem Eindruck der weltweiten Pandemie. Der Soundtrack transportiert daher stärker ein Gefühl von Unsicherheit als die Fassung von 2000.
Du bezeichnest die Live-Performance als „Cinemix“, die Alben bilden nur das Fundament für deine Live-Umsetzung. Was genau passiert auf der Bühne, das auf Platte nicht abbildbar ist – und wie viel davon ist festgelegt, wie viel spontane Reaktion auf das Bild und die Situation im Kino?
Ich habe für jeden Abschnitt des Films eigene Tracks produziert, sie aber so aufgebaut, dass ich jederzeit eingreifen und sie verändern kann. Tempo, Tonhöhe und Übergänge variieren. Zusätzlich habe ich eine Sammlung an Extra-Spuren angelegt, die ich spontan einstreuen kann. Kein Cinemix gleicht daher dem anderen. Mein Hauptziel ist es, die Musik so einzusetzen, dass sie dem Film nicht die Schau stiehlt. Einige Themen kehren im Laufe des Soundtracks in leicht abgewandelter Form wieder – auch um anzudeuten, dass diesem speziellen Werk und Anlass ein universelles Thema zugrunde liegt.

Eine Interpretation des Films besagt, dass Maschinen nur Werkzeuge sind und die wahre Gefahr von den Menschen ausgeht, die sie steuern – während das Herz zwischen Hirn und Händen vermittelt. Siehst du das auch so? Und was sagt dir der Film über Technologie im heutigen Zeitalter der KI? Du bist in Detroit aufgewachsen, einer historisch von Industrie und Fabriken geprägten Stadt, und begeisterst dich seit Jahrzehnten für Science-Fiction. Was bedeutet die fiktive Stadt Metropolis für jemanden mit deinem Hintergrund?
Dazu habe ich tatsächlich einen starken Bezug. Der Konflikt zwischen den „Arbeitern“ und den „Giganten aus Industrie und Finanzwirtschaft“ prägt Detroit und den amerikanischen Mittleren Westen seit Jahrhunderten. Musikalisch betrachtet war Berry Gordys Motown-Label ein zentraler Impulsgeber meiner Jugend, der in mir den Wunsch weckte, Musiker zu werden.
Detroit war ein Zentrum der Stahlindustrie und des industriellen Zeitalters des 20. Jahrhunderts. Wer in einem solchen Umfeld aufwächst, kennt die ständige Bedrohung, dass Arbeiter „ersetzt“ oder „durch Maschinen ausgetauscht“ werden – das war ein alltägliches Gesprächsthema. Ich selbst konnte die Arbeit am Fließband in den Autofabriken zwar vermeiden, aber diese Art der Arbeit ist tief in die DNA der Stadt eingebrannt.

Zudem war Detroit schon immer ein Nährboden für Science-Fiction. Anfang des 20. Jahrhunderts reiste man in den USA vor allem mit dem Zug von Staat zu Staat. Auf diesen langen Fahrten wurden an den Bahnhöfen neben Zeitungen auch groschenheftartige Science-Fiction-Magazine verkauft. Dadurch entstand ein einzigartiger Vertriebsweg, der ein riesiges Publikum erreichte. Als US-Science-Fiction in den 1940er- bis 60er-Jahren immer populärer wurde, entstand auch ein Netz an Comic- und Spezialbuchhandlungen. Als ich in den 1970ern aufwuchs, gab es in Detroit unzählige Läden, in denen man Science-Fiction lesen und kaufen konnte. Das Geschichtenerzählen und die Kunst dahinter wurden mir quasi in die Wiege gelegt. Fritz Langs Metropolis ist eines der berühmtesten Sci-Fi-Werke der Filmgeschichte. Die Handlung, das Szenarium und das Szenenbild haben deshalb extrem stark bei mir resoniert.
Du hast Stummfilme vertont, die von Eisensteins Октябрь über Keatons Three Ages bis hin zu Méliès’ Le Voyage dans la Lune reichen. Was fasziniert dich an der Vertonung von Stummfilmen und nach welchen Kriterien wählst du die Projekte aus?
In erster Linie liebe ich das Kino. Filmen zuzusehen und Geschichten erzählt zu bekommen, war für mich schon immer etwas Besonderes. Als Musiker einen Film zu vertonen, ist eine Perspektive, die ich enorm genieße – schlicht, weil ich Wege finden muss, Teil der erzählten Geschichte zu werden. Der Kontrast zwischen Октябрь, einem Film über die Russische Revolution, und Keatons Slapstick-Komödie Three Ages könnte kaum größer sein; der Produktionsprozess hat entsprechend viel Zeit in Anspruch genommen. Aber es war eine wunderbare Herausforderung, mit elektronischer Musik eine eigene Sprache zu entwickeln, die diese Geschichten unterstützt. Georges Méliès’ Voyage dans la Lune war wegen meiner Liebe zur Sci-Fi und weil ich während der Entstehung des Soundtracks in Paris lebte, ein ganz besonderes Projekt.

)
Zuletzt: Du spielst im Nikolaisaal in Potsdam, ganz in der Nähe der Babelsberger Studios, wo der Film gedreht wurde. Welche zusätzliche Ebene bekommt der Auftritt dadurch für dich?
Meinen Soundtrack in Potsdam zu präsentieren, ist für mich eine große Sache. Es war über all die Jahre der Ort, an dem ich diesen Cinemix und seine Funktionsweise unbedingt einmal zeigen wollte. Und ja: Die Nähe zu den Babelsberger Studios wird die Performance mit Sicherheit beeinflussen. Ich kann mir vorstellen, dass die Menschen in dieser Region durch die Berühmtheit des Films bis heute direkt oder indirekt mit ihm verbunden sind. Metropolis ist ein Produkt dieses Umfelds – selbst 100 Jahre nach seiner Entstehung. Ich freue mich riesig darauf.