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Benabou – Rise & Merge (Blank Mind)
Benabou liefert mit ihrer zweiten Solo-EP ein Release mit enormer Bandbreite ab. Keines der fünf Originale greift die stilistische Wurzel des Vorgängers auf, die Reise geht von Ambient über Techno und Breakbeat bis hin zu Listening-Electronic. Dazu gibt es einen klassischen Dub-House-Remix von Kliche. Allen Stücken ist jedoch eine Milde gemeinsam, die nichts mit Background-Music zu tun hat, sondern nur die letzten 30 Prozent der Energieskala unangetastet lässt. Dafür wird das jeweilige stilistische Terrain ideenreich und äußerst ästhetisch bearbeitet. Das Highlight der EP dürfte „Rise” mit seinen Minimaltechno-Genen und einem sehr musikalisch eingesetzten Hall-Design sein. Aber auch dieser Track überschreitet trotz ausdrücklicher Tanzbarkeit nicht die erwähnte Energieschwelle und interessiert sich nicht für Spektakel. Und mal ehrlich: Wer hört nicht jenseits des Dancefloors gerne mal genau diese Art von inspirierter Musik, die sich herzlich wenig um Trends und Klickzahlen schert? Und vielleicht nicht nur „gerne mal”, sondern ganz schön oft? Eben. Mathias Schaffhäuser

Efdemin – Mirror Phase (Dekmantel)
Man schaut in den Spiegel und was sieht man? Phillip Sollmann! Efdemin! Berghainadel auf Dekmantel! Dazu fünfundvierzig Umdrehungen pro Minute als analoge Panik, Zack! A1: „Mirror Phase”. DJ-Minx-Voice-Sample reingezimmert, Kevin Saunderson gegrüßt, Detroit küsst Berlin, die 909 wummert durch das Kleinhirn wie der zwölfte Espresso um vier Uhr morgens im Berghaingarten. Ja, ja, kein verschwurbelten Blödsinn labern, keine Ambienträucherstäbchen abfackeln – Mirror Phase ist heißes, ähm, Eisen. So wie: „FS1R”, benannt nach diesem irrwitzigen Yamaha-Synthi, der klingt, als würde ChatGPT auf der Clubtoilette Halluzinationen bekommen. Die B-Seite schraubt und schnauft und schaut: „Unity Grain” ist nur viereinhalb Minuten lang und doch … Ewigkeit, Mann. Schließlich „Slip”, der letzte Akt, das Kettensäger-Tanzflächen-Massaker, mit Präzisionsekstase. Will man sofort kaufen. Laut drehen. Nachbarn. Anzeige. Ende, nie. Christoph Gleich

Erik Jabari – Sky Sailor (Erik Jabari)
Tagsüber arbeitet er bei Hard Wax, nachts spielt er im Tresor. Der Berliner Erik Jabari released mit Sky Sailor bereits seine dritte EP für den Vertrieb seines Arbeitgebers. Dass in dem renommierten Plattenladen täglich Dub-Techno, Detroit-Sound und UK-Bass durch die Boxen laufen, hört man den vier Tracks an.
„Sound Reflection” eröffnet mit weichen Dub-Chords, hell schimmernden Cymbals und einer vor sich hin wippenden Melodie, die einen herrlich verspielten Groove erzeugt. Viel passiert nicht – muss es auch nicht. Gerade diese Zurückhaltung macht den Track zum funktionalen Tool für die frühen Morgenstunden. Der Titeltrack „Sky Sailor” schickt seine elektrogefärbten Dub-Echos im Panning durchs Stereobild, während filigrane Percussions den Groove unaufgeregt, aber beharrlich vorantreiben. „Megalo Don” wiederum wird von knisternd wummernden Synth-Pattern angeführt. Diese strömen dem Hörer so kraftvoll entgegen, als würde man die Treppen des Tresors herabsteigen und gegen eine Wand aus elektrisierter, aufgeladener Kellerluft prallen. Dazu gesellen sich stoische Offbeat-Hi-Hats, Industrial-Sounds und eine dumpfe Four-to-the-Floor-Kick zu einem progressiven Groove. Zum Abschluss reduziert „Dust Illusion” die Energie wieder. Der Track zehrt bis zum Schluss von flirrenden Synthesizern, subtilen Hi-Hats und perfekt austarierten Dub-Elementen.
Keine spektakulären Hooks, keine großen Gesten – dafür vier präzise produzierte Clubtracks. Erik Jabari beweist mit dieser EP einmal mehr, dass er es beherrscht, minimale Clubmusik mit maximaler Floorkompatibilität zu vereinen. Johanna Lühr

Nikki Nair – The Sick Dimension EP (dh2)
Deutschland schmilzt gerade. Ein guter Moment also, sich in den Weltraum zu katapultieren – dorthin, wo es nachweislich etwas kühler ist. Nikki Nairs neue EP liefert dafür den passenden Antrieb: vier Tracks, die House so lange durch den Geräuschwolf drehen, bis aus dem vertrauten Clubformat etwas ziemlich Außerirdisches entsteht. Schon „Default Mode” klingt, als hätte jemand den Vocoder direkt an die Bordelektronik eines beschädigten Raumschiffs angeschlossen. Eine bearbeitete Stimme schwebt über Electro-Vibes, Störgeräuschen und einem treibenden Beat. Nair lässt die Signale knistern und verzerren, ohne dabei die Orientierung zu verlieren. Im Gegenteil: Zwischen all den elektronischen Soundschnipseln blitzen Harmonien auf – kleine emotionale Lichtzeichen inmitten des Frequenzgewitter. „Odd Sympathy” ist ein feiner, treibender Tech-House-Track, der eben auch auf Glitches und Störgeräusche trifft. Der Beat bleibt hartnäckig auf Kurs. Mit „Please Do Not” wird es tribal mit einer immer wieder kurz eingeblendeten Mickey-Mouse-Stimme. Alles wirkt ein wenig verschoben, off-kilter, als würde der Rhythmus auf einem Planeten stattfinden, dessen physikalische Gesetze noch nicht ganz erforscht sind. Und trotzdem bleibt der Körper im Zentrum. Der Beat zieht und drängt – während ringsum die Klangkulisse langsam aus den Fugen gerät. „One Hundred” schließlich ist der wilde Endspurt.
Die Drums schallen aus einer Gasse, vielleicht irgendwo zwischen Mülltonne und Hinterhof, noch mehr Tribal-Referenzen und Glitches, die den Track immer wieder auseinanderzunehmen scheinen. Nur: Sie schaffen es nicht. Nair hält alles zusammen. Der Beat verliert sich keinen Moment, selbst wenn die Oberfläche längst dekonstruiert wirkt. Darüber schwebt eine harmonische Stimme, während irgendwo im Hintergrund die Arps funkeln. Das Entscheidende an The Sick Dimension ist dabei, dass Nair seine Sounds zwar permanent an die Grenze des Zerfalls treibt, aber niemals den Groove opfert. Nair nimmt die Grundpfeiler alter House-Musik, zieht sie durch Feedbackschleifen, Effektgeräte und allerlei klangliches Unkraut und setzt sie wieder so zusammen, dass sie vertraut und zugleich fremd wirken. Nair selbst formuliert es lakonischer: Für ihn sei das normale House-Musik; nur andere Menschen würden das offenbar anders hören. Für mich: „Music form outa´ Space” für einen heißen Sommer. Liron Klangwart

Satoshi Tomiie – Subtract Infinity Part 1 (of 3) (Dubwax/ Rawax)
Satoshi Tomiies sparsame 8-Bit-Sounds auf dieser Dubwax haben nichts mit der Game-Ästhetik von Chiptune-Protagonisten wie Sabrepulse, zabutom oder Role Model zu tun, sie sind eher vergleichbar mit Figuren wie Legowelt, I-F oder Bochum Welt, die die spröden Sounds von der Clubmusik her aufziehen. Der Ursprung der Sounds ist hier aber eh zweitrangig, wir bewegen uns in der Welt des Dub, es geht um die Myriaden von Manipulationen, die ein Klang durchlaufen kann.
Als Kontrastmittel wirkt hier ein kompromisslos trockenes House-Drumming, das in seiner ostentativen Nüchternheit an das Kompakt-Universum erinnert. Angefangen bei Lee Perry lieben viele Dub-Producer ja eher Verschwommenes, Verwaschenes. Tomiie legt die Dubs auf den Seziertisch. Am schönsten ist dabei vielleicht die Rhythm & Sound-Homage „Void Echo”, die sich nicht ehrfürchtig verneigt, sondern Tikimans Pathos einen Chiptune-Rülpser entgegensetzt. Alexis Waltz
