Die Mixe des Monats aus dem Juni findet ihr hier.
Frutas Maduras – # Diez (Sphere Radio)
Faustregel: Spielst du Pisse, kann es nicht scheiße sein. Gemeint ist natürlich die tolle Band (ihr Schweine!), was ganz schön mutig ist, weil: Unter dem Mix steht Ambient und Drone und Leftfield. Der ein oder andere Nietengürtel spannt sich da schon mal demonstrativ enger. Beim Leipziger Löwenzahncontainer Sphere Radio findet man aber: Punk oder Electronica, Hauptsache Rauschware. Die monatliche Sendung Frutas Maduras macht deshalb genau das: Drogen nehmen und rumfahren, also, äh, musikalisch gesehen. Die Tracklist ist avanciertes Abnerden über limitierte Kassettenständer von japanischen Hinterhoflabels und finnisches Unterholzknacken und immer so weiter durch den Diercke Weltatlas. Bis man hinten ankommt, vorletzte Seite, bei den Inseln, den seligen. Und man sich also denkt: Scheiße, diese Welt, die ist ja wirklich sauschön. Christoph Gleich

Lily Ackerman – Amplify Series 143 (Dirty Epic)
Techno und die Melodien, eine liaison dangereuse. In einem Genre, in dem vier sinnige Akkorde hintereinander gerne mal als Ausverkauf gelten, ist man Acts wie Lily Ackerman zu tiefer Dankbarkeit verpflichtet. Die aus Illinois stammende Wahlberlinerin erreicht in ihren Sets nämlich das, was so viele andere gerne täten: Dramaturgie. Mit Bläsern wie aus Walking With Dinosaurs, mit blubberndem Acid, unter dem sakrale Pads den Dancefloor ausfüllen. Manch einer nennt das dann Melodic Techno, was nicht gleich Turmbühne heißen muss; Ackerman findet die Balance zwischen Emotion und Zugkraft, ein optimales Mischverhältnis aus melodisch und hypnotisch – und sagt damit in einer Stunde mehr als andere in vier. Maximilian Fritz

Matze Sampler (live) – Modular Guitar (Velvet Soup)
Auflegen ohne Laptop und Mischpult? Mit seinem Auftritt auf dem Velvet-Soup-Floor der Fusion zeigte Matze Sampler, wie faszinierend elektronische Musik sein kann, wenn sie vollständig live entsteht. Der Berliner Musiker erschafft seine Tracks ausschließlich mit E-Gitarre, Looper, Drum Machine und einem individuell aufgebauten Eurorack-Modularsystem. Statt vorbereiteter Tracks entwickelt sich die Musik Schicht für Schicht direkt auf der Bühne. Treibende analoge Basslinien, hypnotische Sequenzen und atmosphärische Synthesizerflächen verschmelzen mit dem organischen Klang der Live-Gitarre. Ruhige, nahezu schwebende Passagen wechseln sich mit kraftvollen Grooves ab. Zu den stärksten Momenten zählt ein prägnanter Sound in der Mitte des Sets. Die dichten Arrangements lösen sich beinahe vollständig auf. Übrig bleiben einzelne helle, glockenartige Plucks. Aus dieser Stille entwickelt sich eine Gitarrenmelodie, die sich Schritt für Schritt mit weiteren pulsierenden Synthesizer-Linien verbindet. Erst nachdem sämtliche harmonischen Ebenen wieder aufgebaut sind, setzen tiefe Subbässe ein. Der Moment entfaltet seine Wirkung nicht durch Lautstärke oder einen spektakulären Drop, sondern durch den langen, sorgfältig komponierten Spannungsaufbau – ein Beispiel dafür, wie emotional ein Live-Set wirken kann, wenn Dynamik und Timing konsequent ausgespielt werden. Anne Holzki

Reflex Blue (live) – Trommel InSession 181 (Trommel)
Cyan, Indigo, Navy, Kobalt – die Liste blauer Farbtöne ist lang. Reflex Blue kennt man allerdings nicht nur aus dem Farbfächer angehender Industriedesigner. Auch wenn der Australier im House-Game unterwegs ist, setzt er lieber auf Drum Machines als auf Schaufelbagger, um Räume zu schaffen. In diesem Mix sind es wiederum sehr kleine Räume. Für die Podcastreihe des Musikmagazins Trommel schraubt Reflex Blue nämlich ein Live-Set aus Minimal-House zusammen.
Getragen von einer dumpfen, weichen Four-to-the-Floor-Kick, beginnt jenes mit dubbigem Tech-House, der gefügig macht. Danach schleichen sich Electro-Synths ein, die Kopfnicker heraufbeschwören, bevor Breakbeats mit einer Prise robotischem Futurismus und percussion-lastiger Tech-House übernehmen. Dazu streut Reflex Blue regelmäßig Electro-Synths ein, die gekonnt davon ablenken, dass sich alles Gehörte auf der immer gleichen Bassline abspielt. Zwischenzeitlich wirds technoider – die Sounds treiben in druckvoller Loop-Manier. Es folgen herrlich knarzige Synth-Würmer, die sich stetig durch die Minuten des Sets bohren. Schließlich nochmal Breakbeat, hier und dort blubberndes Bleep-Bleep und eine Microdose Acid-Synths. Zum Ende legt sich ein technoides Flirren über die nach wie vor dumpfe Kick und die heiseren Snares, bevor Reflex Blue seine Hörer:innen mit einer tiefen Zufriedenheit über die vergangene Stunde entlässt. Johanna Lühr

Scotia – Queer Cult Takeover – 28 Juin 2026 (Rinse France)
Scotias Set für Rinse France startet im Sweet Spot zwischen Dub und House, mit einem weichen, ein wenig schwammigen Rhythmus, der eine noch unbestimmte Körperlichkeit in Bewegung versetzen will. Vielleicht geht es um den Moment, in dem man gerade auf dem Dancefloor angekommen ist und die Gliedmaßen erst mal ihre Rolle im Bewegungsablauf des Tanzens finden müssen. Nach etwa zehn Minuten macht dann eine schmetternde Chicago-House-Kickdrum eine Ansage, die aber keineswegs mit der Offenheit am Anfang des Sets bricht. Die Tanzbewegung wird nun nicht einfach diktiert, die schwimmende Dynamik des Beginns des Mixes schwingt auch weiter mit. Der DJ aus New York geht es um eine bestimmte Doppelbödigkeit, die sie, das macht die Qualität des Mitschnitts aus, im Spannungsbogen des Sets an jeder Stufe mitdenkt. Wenn nach knapp 40 Minuten Rave-Fanfaren eskalieren, klingen diese disparat und dünn wie Kinderspielzeug. Tribal-Drums heizen nicht einfach an, sondern nehmen den Groove auseinander. So gelingt Scotia vom ersten bis zum letzten Track ein persönlicher, außergewöhnlich ambivalenter Blick auf den körperbezogenen Nukleus der Clubmusik. Alexis Waltz
