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GROOVE Reviews: Die Compilations im Februar 2026

Die Mixe des Monats im Februar findet ihr hier, das Motherboard aus dem Februar hier.

Kahn & Neek – Bandulu Records Archive: 2012-2018 (Bandulu)

Auch wenn Kahn & Neek erst nach der ersten großen Dubstep-Welle in den frühen Zehnerjahren auf den Plan traten, sind die beiden Buddies aus Bristol mittlerweile feste Szenegrößen in der 140-BPM-Community. Ihre bislang nur auf Vinyl erhältliche Diskographie des eigenen Labels Bandulu ist nun erstmals auch digital und auf CD erhältlich, was Quereinsteigern einen leichteren Bezugspunkt ermöglicht.

Ihre mit Subbass schiebenden Produktionen schlagen eine deutliche Brücke zum Reggae und vor allem (Digi-)Dub. Kräftige Bassrutschen, aber sauber geschnittene Drums bilden das muskulöse Grundgerüst ihrer für Soundsystems ausgelegten Tracks. Meist instrumentale Arrangements, ab und zu mit einem atmosphärischen MC-Vocal-Snippet gespickt, verstehen sich die Tracks zwar als Teil der Deep-Medi-Lineage, sind durch grimey-militante Rhythmen aber mehr als Tools für den Dancefloor, ein Mittel zur Meditation auf Bassgewicht. Wer im Zuge des aktuellen Dubstep-Revivals wieder nach frischem Futter für DJ-Sets sucht, sollte hier fündig werden. Leopold Hutter

VA – 15 Years of Butter Sessions (Butter Sessions)

Hervorgegangen aus einer Blog-Reihe, dann einer Facebook-Gruppe und schließlich der immer noch aktiven BSRMIX-Reihe, hat sich Butter Sessions nicht nur als Label internationale Anerkennung verdient, sondern auch einen einzigartigen Blick auf die lokale australische Community ermöglicht.

Denn selbst wenn das aus Melbourne (Naarm) operierende Label unter der Schirmherrschaft von Sleep D (Corey Kikos und Maryos Syawish) auf seiner 24 Tracks starken Jubiläums-Ausgabe mit einigen globalen Freunden wie Gonna oder Sunju Hargun aufwartet, zeigt man auf der großen Werkschau doch lieber den eigens herangezüchteten Mikrokosmos um eine singuläre Mischung aus Neunziger-Prog, dubbig-psychedelischen Techno und spacigen House; alles mit einer gewissen Schrägheit versehen, die man wohl nur komplett verstehen kann, wenn man Teil der australischen Bush-Doof-Szene ist. Was dort im Outback gespielt wird, passt allerdings auch auf unsere Festivalbühnen ganz wunderbar und dürfte als willkommene Abwechslung zum europäisch geprägten Soundverständnis ruhig öfter aufgelegt werden. Leopold Hutter

VA – Burn It Up – The Rise of British Dance Music 1986–1991 (Cherry Red)

A real money saver! Mit vier CDs und 50 Tracks hat Cherry Red Records auf Burn It Up ein umfangreich kuratiertes Panorama der späten Achtziger und frühen Neunziger geschaffen: die Jahre, in denen Großbritannien Einflüsse aus Nord- und Südamerika, aus Jamaika und so weiter in ein eigenes, unverwechselbares Idiom verwandelte. House, Acid, Rave, Techno – alles begann hier nicht als bloße Kopie, sondern als Transformation. England fungierte als Katalysator: ein Ort, an dem Clubs zu Kathedralen der Euphorie wurden, Fabrikhallen zu Tempeln kollektiver Ekstase und ein junges Publikum Musik als Flucht, Experiment und Manifestation gleichermaßen verstand. Die Compilation selbst liest sich wie ein Who is who der britischen Clubgeschichte, die Generationen von Produzenten beeinflussten.

Krushs „House Arrest” etwa ist ein Paradebeispiel für frühen Crossover-House: weiblicher Gesang schwebt über hypnotischen Keys, die Grenze zwischen Underground und Charts ist hier aufgehoben. Coldcuts „Beats + Pieces” demonstriert Meisterschaft im Sampling: Hip-Hop-Einflüsse treffen auf elektronische Rhythmen, roh und zwingend zugleich. Dann gibt es S’Express’ „Theme From S-Express”, einen Track, der Acid House endgültig in den Mainstream katapultierte. Den Übergang in die frühe Trance- und Techno-Ära markieren The KLFs „What Time Is Love?” und Orbitals „Chime”. Die Tracks zeigen, wie UK-Produzenten importierte Sounds nicht nur adaptierten, sondern zu etwas Neuem, Cinematischem und substanziell Eigenem formten. 808 State liefern mit „Pacific-202” Balearic-Saxofon-Atmosphäre, The Beloveds „The Sun Rising” bringt die frühe UK-Trance auf melodische Höhen, und D-Mobs „We Call It Acieeed” zeigt die rohe, hedonistische Energie der Rave-Kultur. Warum Großbritannien? Weil hier die kulturelle Neugier auf neue Technologien, die Lust auf Eskapismus und der unbändige Wille, etwas Eigenes zu schaffen, zusammenkamen. Liron Klangwart

VA – Directive 40 (Acid Bunker 2) (Viewlexx)

Wollt Ihr die totale Freude? Totaler als, nun, bitte. Acid Bunker ist ein Mini-Sublabel von Viewlexx, einem der Labels des I-F-Kosmos. I-F steht für Interr-Ference, auch bekannt als Ference oder Beverly Hills 808303 und viele mehr. Seine Acid-Bunker-Produktionen machen auch hier wie immer alles richtig. Radikal, dreckig, innovativ, konservativ, futuristisch und traditionell, verspielt und, upsi, sogar erwachsen, alles zur gleichen Zeit. Für die geneigte Fangemeinde hat das Labelimperium eh schon lange unangreifbaren Kultstatus mit Tendenz zur Ersatzreligion.

Ultrarohe Maschinenmusik trifft man hier, noch im alten Kraftwerk-DAF’schen Sinne, jedoch gerne mit psychedelischem Acid-Gezirpe und irgendwo immer mächtig verzerrt, verdreht oder übersteuert anstatt glatt und schön. Echte Sequenzermusik, Basslines, unerbittlich wie D-Züge, völlig übersteuert peitschen diese durch die acidgetränkte FX-Landschaft. Chicago winkt aus der Ferne, vorbei an riesigen verfallenen Fabrikhallen, ehemalige Ravestätten, zerstört vom großen Bassdrum-Bombenkrieg 2099, dem damals viele tapfere junge Subwoofer und Warehouse-Soundsysteme zum Opfer fielen. Traurig! Der etwas härtere Acid Techno von Beverly Hills 808303 verweist auf den zu erwartenden Zerstörungsgrad der heimischen Synapsen nach dem Konsum verzerrter Bassdrum-Salven unter säurehaltigem Regen. Kaum jemand beherrscht diese quasi immer präsente Zutatenliste wie der niederländische Chefkoch Interr-ference. Musik, wie sie nie anders hätte sein sollen, totale Freude. Richard Zepezauer

VA – nagoyaka na kaze / 和やかな風 (quiet wind) (Wisdom Teeth)

nagoyaka na kaze / 和やかな風 (quiet wind) klingt nicht wie ein Gewitter, sondern wie ein frischer Luftzug, der durch ein offenes Fenster weht und alles langsam in Bewegung setzt. Der Wind ist hier nicht nur Metapher, sondern das Herzstück der Compilation. Er zieht sich durch alle acht Tracks, mal wie ein Hauch, mal wie eine Böe. Jeder Track wurde eigens für dieses Projekt komponiert, und man hört dem kompletten Album an, dass es hier nicht um Konkurrenz geht, sondern darum, gemeinsam einen eigenen Sound zu formen.

Der Opener ist ein vorsichtiger, experimenteller Einstieg, wie ein erstes Lüften. Mit „Xylophonica” (um die 120 BPM) kommt etwas Bewegung ins Spiel: leicht proggy, leicht downtempo, bis irgendwann ein Xylophon einsetzt, das wie ein hölzernes Windspiel klingt, das sich im Luftzug dreht und dabei seine Melodie freigibt. „Choreography” treibt das Ganze in Richtung Minimal, anfangs repetitiv, fast in Computerspiel-Manier, bis der Rhythmus plötzlich anschiebt und man automatisch mitwippt. Nach und nach verdichten sich die Elemente, Melodien blubbern auf, alles wird komplexer, fast jazzy, fast spacig. Als würde der Wind plötzlich die Richtung wechseln. Mit „Karula” von baptisma wird es fast schon hippie-esoterisch, aber im besten Sinne: tiefer Dub-Sound trifft auf folkloristische Melodielinien. Es klingt, als würde nachts ein Tribal Circle ums Feuer tanzen, während der Wind die Funken in die Dunkelheit trägt. Die langgezogenen Vocals geben dem Ganzen etwas Zeremonielles, fast Archaisches. Später öffnet „Stargazing Dub” von Karnage endgültig das Dub-Universum: weiter Raum, viel Echo, viel Tiefe. Direkt danach hebt „Swim Up” von DHYAN das Ganze an, spacig und progressiv, als würde man vom Wind getragen ins All aufsteigen. Mit daiki hayakawas „Indri” kehrt die Compilation zu ihren experimentellen Ambient-Wurzeln zurück, bis schließlich der letzte Ton erklingt und es vollkommen windstill wird. Celeste Lea Dittberner

VA – Tempa Allstars Vol. 9 (Tempa)

Mal wieder ein Überblick über das aktuelle Geschehen auf Tempa. Und der taucht natürlich tief ein ins stetig brodelnde, transmutierende Hardcore-Continuum der britischen Inseln. Angefangen mit Carrés atmosphärischem, dubbig rollendem Zweistepper ist schon bei Track Nummer zwei die Hölle los. Dann nämlich, wenn 96 Backs futuristische Jungle-Mutation „Catford Jewelzz” in ein Crescendo nicht enden wollender Höhepunkte stürzt. „Louder!”, schreit der MC – zu Recht. Und das war erst der Anfang. In der Folge rattert Hodges gefährlich wackelnder E-Zug durch ein düster-dystopisches Delay-Tal. Slikback drosselt das Tempo und saugt tief hinab in einen höchst abstrakten Marianengraben tiefster Bassfrequenzen. INVTs „FANTASY DUB” wiederum ist 2step für agile Androiden, während Beatrice M. und Jan Loup auf Valium durch den tribalistischen Innenstadt-Dschungel schleichen. Und dabei D1s Snare auf dem Holzweg der Glückseligkeit treffen. Mantra, schlussendlich, überrascht auf „Musclehead” mit Four-to-the-Floor-Beat im Trommelwirbel-Gewitter am Tannhäuser Tor. Man merkt: Über fehlende Abwechslung kann man sich hier wahrlich nicht beschweren. Acht Tracks ohne Ausfall – was will man mehr? Tim Lorenz

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