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Die Platten der Woche mit Abacus, DHÆÜR x Beste Hira, Fred P, Skee Mask und stbr x Davy

Alle Ausgaben von Platten der Woche findet ihr hier.

Abacus – The Relics EP (Clone Classic Cuts)

Abacus, Aba-cus: Zwei Silben, die nach einer House-Bassline klingen: Spielerische Melodien tauchen auf und wieder ab, rhythmische Abläufe ziehen sich aus der Affäre, um wieder direkt ins Ohr zu springen, unter futuristischen Pads verbergen sich kräftige Sub-Bassnoten. Kaum kann man nachvollziehen, wie so etwas Warmes an so etwas Kaltem entstehen kann. Aber auch Vinyl muss erst erhitzt werden, damit sich daraus eine Platte formt.

Trotz der Eiseskälte kommt Clone Classic Cuts auf dem Hollandrad angeradelt und spendiert ein Reissue des herzerwärmenden Deep-House-Klassikers The Relics E.P. von 1994, die erstmals auf Prescription erschien. Da ist so ziemlich alles drin, was diese Genre geformt hat. Vielleicht weil Austin Bascom es selbst mit geformt hat? Oder auf das nächste Level gebracht? Gewiss ist: Die Klarheit der Produktion gibt sich als verträumte Wissenschaft zu erkennen. Michael Sarvi

DHÆÜR x Beste Hira – AMTK+007 (Amotik)

Neue Amotik, doch nicht von Labelmacher Anil Chawla höchstselbst. DHÆÜR und Beste Hira teilen sich eine Split-EP und bilden auf ihr eine Version von kontemporärem Techno ab. Das Schöne daran: Um zeitgemäß zu klingen, braucht das Genre gar nicht so viele Generalüberholungen. Um genau zu sein: Keine.

Los geht’s mit den beiden Tracks des Unaussprechlichen: „Sense Of Space” gründelt mit einem tiefen Synth-Motiv und einem unzugänglichen Vocal. Mit seinen 909-Claps eignet sich das Tool, um die Trance der schemenhaften Gestalten vorm DJ-Pult aufzubrechen. „Sculpting The Body” im Anschluss versteht sich auf ungeschliffene Kanten, bringt die Qualitäten eines rohen Jams aufs Parkett und weiß mit stoischem „Goodbye”-Vocal gleichzeitig in der Hirnrinde zu schaben.

Mit kontemporärem Techno ist auf der Flip entgegen der Erwartungen doch nicht mehr viel, sorry: Beste Hira geht dort zum Lachen aus dem Keller und beschwört für „In Zone” einen nagenden, unruhigen Tech-House-Groove, der nicht nur auf Vocal-Ebene volle Aufmerksamkeit beansprucht. Das hat kompaktes wie freigeistiges Afterhour-Format, für Ricardo womöglich etwas zu schnell, aber wofür kann man pitchen? Der letzte Track, „Come With Me”, glitzert noch farbenfroher. Ein Vocal, das zur Melodie gerinnt, erinnert darin an spielerischen Zweitausender-Minimal und lässt wonnig von einem Bein aufs andere stapfen. Maximilian Fritz

Fred P – Sonic Alchemy EP (Private Society)

„Airport Jam” von Fred P. ist wahrscheinlich im tristen Wartebereich eines Flughafens entstanden. Der Track haucht so einem gottverlassenen Ort auf beiläufige und gelassene Weise Seele ein. Ein Fred-P-typischer, abgebremster House-Groove, der durch das Timing von Drum-Elementen und Bass-Stößen eine unwiderstehliche Spannung erzeugt. Das 16-minütige „Miles to Go” ist ein meditativer, an Ron Trent erinnernder Jam. Dessen energetischer Nukleus liegt in einem seltsamen, stolpernden Groove, an dessen Entgrenzung die anderen Elemente im Track – Percussions, ein Tamburin, eine gedämpfte Trompete – arbeiten. Mit „Deep Tribe” verabschiedet Fred P sich mit Siebziger-lastigen Fusion-Klängen, die eine bestimmte Weggetretenheit mit sanftem House-Drumming einfangen. Alexis Waltz

Skee Mask – ISS012 (Ilian Tape)

Da fällt zum ersten Mal seit Menschengedenken wieder mehr als ein Häufchen Schnee, und schon am nächsten Tag folgt der dämonische Spießrutenlauf: Der gelegentliche Weg zu Rossmann wird zum Überlebenskampf, der Alltag versinkt in fatalistischem Neuschnee – und dann wird noch das Salzstreuen untersagt? Dabei ist das doch die Super-Bowl-Saison der Chickenwing-Lieferanten, nur eben für Streugut-Unternehmen. Wobei man neulich noch nichtsahnend vorm Fernseher saß und sich Biathlon glotzend bei Marmeladenbrot und Apfelspritzer dachte: Bei uns lag früher auch so viel Schnee, schade drum. Oder beim gelegentlichen Aschenbrödel-Rewatch: Diese Stiefmutter wird eine unangenehme Zeitgenossin gewesen sein, fair enough, aber wenigstens hatten die noch einen ordentlichen Winter.

Am besten Augen zu und durch, oder: Über Nacht eine Skee Mask zulegen, das hilft gegen jedwede Schlechtwetterlaune. Also, Bandcamp auf und rein damit. Der Ilian-Tape-Primus, Meister des housigen Hintergrundrauschens und subversiven Marketings, ist zurück auf der Piste. Diesmal entspricht das mehr einer loopigen Tech-House-Abfahrt als besinnlichem Rundendrehen und Skihütten-Ragout-Fin. Aber keine Sorge, gebrochen ist das trotzdem, ich meine: breaky. Abgeschmeckt mit Lo-Fi-Anklängen, balearischen Soundpads und einem Portiönchen Baile. Denn wie sich das im Winter so gehört, klappt der Summer-Sellout hier besonders gut. Wer also schon immer wissen wollte, wie sich Broken-Prog-House als musikalische Kür anhört, darf jetzt mal seine Ohrensegel aufspannen – und möchte sich ansonsten nicht beklagen. Jakob Senger

stbr x Davy – RM12039 (R.A.N.D. Muzik)

Wenn es ein Google Translate für elektronische Musik geben würde, wäre die Übersetzung von „Tech-House-Floor-Filler“ die neue EP RM12039 von R.A.N.D. Muzik. Ko-kreiert von Leipzigs stbr (eine Hälfte von Submod) und Davy (Mitgründer und Kurator der Plattform Crème Club), entsteht durch minimale Drum-Romantik ein lineares Werk, das Rhythmus und Bewegung für unterschiedlichste Anlässe liefert. Ob mit Espresso Martini und rotem Licht in der Panorama Bar oder barfuß am Strand von Sansibar.

Eddie Richards wäre stolz, und dennoch trotzt die neue EP des Leipziger Labels jeder nostalgischen Verklärung. Stattdessen übersetzt sie Minimal- und Tech-House-Sounds in etwas Zeitloses. „Ghost in the Jar” formt gekonnt einen Genre-Hybrid, der sich aus Dub-Elementen und Acid-Vocals speist und in High-Hat-getriebenen Groove-Granaten mündet. Der Spagat zwischen Club-Funktionalität und sommerlicher Euphorie gelingt mit „So Good” beeindruckend. Paul Sauerbruch

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