Dieser Beitrag ist Teil unseres Jahresrückblicks REWIND2025. Alle Beiträge findet ihr hier.
Ein Kunstmuseum als Akteur der Clubkultur? Dass dieser Grenzgang dem Zeitgeist entspricht, zeigen die langen Schlangen vor dem Hamburger Bahnhof in Berlin, die im vergangenen Sommer in den sozialen Medien die Runde gemacht haben. Gleichzeitig wirft dieser Austausch auch Fragen auf.
Die Nationalgalerie der Gegenwart ist in Berlin einer der größten institutionellen Akteure in diesem Bereich. In diesem Sommer veranstaltete man zum dritten Mal die Open-Air-Reihe Berlin Beats. Die kostenlosen Events im Hof des Museums fanden an zwölf Sommerabenden statt und dauerten jeweils nur drei Stunden. Dieses Jahr tanzten über 80.000 Besucher:innen zu Sets von Künstler:innen wie Ogazón, Freddy K und Nick Höppner.
Die Events in der besonderen Kulisse zeigen auch: Elektronische Musik bewegt sich in immer häufiger in Räumen und Formaten institutionalisierter Kultur. Um die Dynamiken zwischen den verschiedenen Welten zu verstehen, hat GROOVE-Autor Paul Sauerbruch Kuratorin Charlotte Knaup in ihrem Büro im Seitenflügel des früheren Bahnhofs besucht. Dort plant sie neben Ausstellungen wie Ayoung Kim. Many Worlds Over (2025) oder Marianna Simnett. WINNER (2024) auch Berlin Beats.
Wir wollten unter anderem wissen, was elektronische Kultur im Museum verloren hat, wie die Ästhetiken, Politiken und Soziologie dieser Musik museal zu würdigen sind – und wie ein Museum es in einer Zeit des Clubsterbens schafft, Veranstaltungen mit vielen Tausend Besucher:innen auf die Beine zu stellen.

GROOVE: Warum ist es für dich wichtig, die elektronische Musik der Stadt auch im Museumskontext sichtbar zu machen?
Charlotte Knaup: Als Nationalgalerie der Gegenwart stellen wir uns in all unseren Ausstellungen die Fragen: Wie denken wir Gegenwart? Wie denken wir Zukunft? Und welche künstlerischen Sprachen entwickeln sich dazwischen? Besonders zwischen den Visual Arts und Electronic Music nehme ich eine immer stärkere Verzahnung wahr. Künstler:innen lernen sich auf dem Dancefloor kennen, entwickeln Collabs, Communitys entstehen. Weil wir uns als öffentlicher Ort in dieser Stadt verstehen, müssen auch diese Aktivitäten und Prozesse Teil unseres Museums sein. Dazu kommt: Wir haben das Glück, dass wir den Hof, tolle Leute und ein Awareness-Team haben, mit denen wir planen können.
Wie ist Berlin Beats konkret entstanden?
Es gab nicht diesen einen Startschuss. Wir arbeiten schon lange mit Künstler:innen, die teilweise auch DJs sind. Wir hatten auch eine Ausstellung zu Schallplatten und Schallplattenkultur – Broken Music. Außerdem fanden hier schon Events mit DJs statt, bevor wir die Veranstaltungsreihe starteten. Es gab also immer Überlappungen. Schließlich haben wir uns dieselben Fragen gestellt, die wir uns auch im Kontext unserer Ausstellungen stellen: Wie kann man diese Szene ernst nehmen und ihr den Raum geben, den sie verdient? Dann kam man auf diese Reihe und hat gesagt: Wir machen jetzt dieses Commitment und schauen, wie sich das übersetzt.
In drei Jahren kamen laut euren Angaben etwa 180.000 Besucher:innen. Liefert das den Beweis dafür, dass elektronische Musik ins Museum gehört?
Dass sich Berlin Beats richtig anfühlt, machen wir nicht nur an den Zahlen fest. Aber natürlich haben wir sehr viele Leute erreicht. Das Projekt ist organisch gewachsen, die Menschen wollten wiederkommen. Für uns ist das ein Beweis, dass Leute Museen als öffentliche Orte brauchen. Sie können dort verweilen, es gibt kaum Kostenbarrieren. Dafür aber Berührungspunkte mit Kunst, die außerhalb normaler Kontexte stehen.

Ein Großteil der Künstler:innen stammt aus Berlin oder steht in einer besonderen Beziehung zur Stadt. Wie habt ihr sie ausgewählt?
Der Berlin-Bezug ist wichtig, so ist die Reihe entstanden. Dabei muss aber nicht jede Person, die hier spielt, auch in Berlin ansässig sein. Eher ist es wichtig, dass sie eine Bedeutung in der Szene hat. Weil wir das mit dieser Reihe widerspiegeln wollen – was dieses Berlin sein kann, in dem wir leben, und welche Communitys hier dazu beitragen.
„Wir wollen zeigen, wie wichtig uns diese Kultur ist.”
Gab es dieses Jahr einen Moment, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Jeder Abend war besonders, aber: Für mich sticht der Abschluss mit Freddy K heraus. Auch weil es so turbulent war. Zum ersten Mal mussten wir ein Set wegen einer Unwetterwarnung absagen. Das hat Bekundungen der Trauer in der Community ausgelöst. Natürlich haben Leute die Entscheidung verstanden, aber das hat sich schon bedeutungsvoll angefühlt. Glücklicherweise konnte Freddy den Termin dranhängen. Und dann war wirklich alles perfekt: strahlender Sonnenschein, wahnsinnig voll, so eine Freude!
Wie unterscheidet sich das Publikum bei euren Events zu dem eines normalen Museumstags?
Es ist schwierig, das einzuschätzen. Ich denke aber nicht, dass es wahnsinnige Unterschiede gibt – ich sehe eher, dass es voller wird als sonst. Schließlich fragen wir die Gäste nicht, woher sie kommen oder wie alt sie sind. Aber natürlich gibt es Überschneidungen. Die Sets starten immer um 19 Uhr, das Museum hat bis 20 Uhr geöffnet. Für eine Stunde sieht man dann, dass die Ausstellungen voller werden. Wir erleben ein Publikum, das jünger ist. Teilweise ist auch die Hardcore-Urszene aus Berlin vertreten. Neben den kostenlosen Veranstaltungen war es uns wichtig, die Events barrierefrei zu organisieren. Personen, die im Rollstuhl sitzen, haben einen Bereich mit genügend Platz bei der Bühne und müssen nicht durch die Crowd. Das primäre Ziel ist nicht, dass alle Leute in unsere Ausstellungen kommen. Es geht eher darum, dass sie generell zum Hamburger Bahnhof kommen. Die Ausstellung ist an dem Tag auch die Veranstaltung draußen.

In Zeiten, in denen Clubs oft ums Überleben kämpfen: Welche Rolle spielen öffentlich zugängliche Formate wie Berlin Beats für die Clubkultur?
Die Clubs, die schließen, sind oft die Grassroot-Spaces, die besonders zugänglich waren. Deshalb kann sich das Feiern heute längst nicht mehr jede Person leisten. Außerdem entspricht nicht jede Person dem Bild, das an der Tür erwartet wird. Deshalb hört man von vielen, dass es leichter ist, an Veranstaltungen wie unseren teilzunehmen. Einen solchen Raum zu schützen und zu wahren, ist wichtig. Und für Künstler:innen ist es auch wichtig, von einem solchen institutionellen Rahmen unterstützt zu werden. Wir wollen zeigen, wie wichtig uns diese Kultur ist.
Greifen kostenlose Events mit Künstler:innen, die in Berlin beliebt sind, anderen Veranstalter:innen und Clubs das Publikum ab oder stärken sie die Szene?
Ich denke nicht. Wir haben eine Diversität an Bekanntheitsgraden. Unsere Events dauern von 19 bis 22 Uhr. Das sind drei Stunden und keine Clubnacht. Ich bezweifle also, dass Personen diese Events als solche wahrnehmen. Natürlich erkennen wir die schwierige Lage der Berliner Clubs an, zum Beispiel durch steigende Mieten, und möchten hier gerne im Dialog bleiben.
„Für uns war am wichtigsten, dass der Abend kostenlos ist.”
Dieses Jahr gab es erstmals eine Kooperation mit Kuboraum, die an vier Tagen der Berlin-Beats-Reihe stattfand. Wie ist diese Zusammenarbeit entstanden und welchen Einfluss hatte sie auf das Programm?
Ich habe Sergio, den Founder, mal bei einem Essen kennengelernt. Wir merkten schnell, wie viele inhaltliche Überlappungen es zwischen unseren Projekten gibt. Kuboraum hat uns daraufhin finanziell unterstützt und vier Abende möglich gemacht. Zum ersten Mal hatten wir zudem eine Merch-Collab. Wir haben ein T-Shirt, das hat wahnsinnig Spaß gemacht. Und: Durch Kuboraum kamen nochmal andere Publika zu uns. Man hat andere Menschen erreicht. Außerdem war es beeindruckend, zu sehen, wie Kuboraum seine Künstler:innen unterstützt und wie verankert und engagiert sie in Berlin sind. Das hat mich inspiriert.
Die Eventreihe hatte die Aufmachung eines Festivals und war dennoch kostenlos. Wie habt ihr sie finanziert?
Für uns war am wichtigsten, dass der Abend kostenlos ist. Daran ändert sich nichts. Natürlich sollen alle trotzdem honoriert werden, wir möchten nicht, dass irgendjemand nicht bezahlt wird. In diesem Jahr wurde die Reihe durch den Hamburger Bahnhof International Companions e. V., Konstantin – Restaurant im Hamburger Bahnhof, Yeni Raki und Kuboraum ermöglicht.

Wie könnte die Verbundenheit von elektronischer Musik und Berliner Museen in Zukunft weiter ausgebaut werden?
Es braucht mehr Räume, um die Verstrickungen der Szenen nachzuzeichnen. Sei es durch Unterhaltungs- oder andere Ausstellungsformate, in denen man der Komplexität der Szenen noch stärker gerecht werden kann als an einem Abend.
Mehrere Clubs haben ihre Räume bereits als Ausstellungsräume genutzt. Gibt es solche Überlegungen, also neben den Veranstaltungen auch auszustellen – zum Beispiel über elektronische Musik und deren Geschichte?
Ja, klar. Da gibt es kein Limit. Man kann auch Ausstellungsformate neu denken: Was ist überhaupt eine Ausstellung? Da ist so viel Raum, so viel Luft und so viel Reibung, die wir uns noch anschauen werden.