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Jeff Mills feiert 30 Jahre „Live at Liquid Room” im RSO.Berlin: Erotik fürs Ohr

Eines der großen Ereignisse in diesem Techno-Herbst in Berlin war sicherlich „Jeff Mills: 30 Year Anniversary of the Liquid Room Mix” im RSO.Berlin. Mills, der wie kaum ein anderer für den Techno der Neunziger steht, feierte dort seinen bahnbrechenden Mix, der vor gut 30 Jahren aufgenommen wurde. Was geboten wurde, erfahrt ihr im Nachbericht von GROOVE-Autor Paul Sauerbruch.

Ausverkauft, mit kleinem Restbestand an der Abendkasse. Der Andrang war erwartbar gigantisch und das lange Warten vor der Tür vorhersehbar. Nach einer Stunde leicht angespannter Unterhaltungen in der Warteschlange erreicht mich um 0:30 Uhr – eine halbe Stunde nach dem Beginn seines ersten Sets – die Nachricht einer Freundin: „Guys, you lost the moment: He played ‚The Bells’, it was iconic.” Dieser prägende Jeff-Mills-Hit, live vom Techno-Vater aufgelegt, verpasst! Im denkwürdigen Mix von 1995 taucht der Track bereits nach neun Minuten auf. Schon damals wie heute gilt: Nicht der Wiedererkennungswert bestimmt den Zeitpunkt im Set, sondern das, was er im Raum auslöst.

Dekmantel presents „Jeff Mills: 30 Year Anniversary Liquid Room Mix” im Lofi in Amsterdam (Foto: Angelina)
Jeff Mills bei „Liquid Room Paris” (Foto: Léa Legallais)

Angekommen, Jacke abgegeben, Getränk in der Hand, machen wir uns auf den Weg zu Jeff Mills. Einmal durch die Menge gewunden, finden wir unseren Platz, und dort steht er: konzentriert, den gesenkten Blick auf die Plattenspieler gerichtet, mit seinen charakteristisch großformatigen Kopfhörern auf den Ohren. Ungefähr eine Stunde spielt er schon, und auch wenn er der erste Act des Abends ist, wird gleich deutlich: Das ist kein Warm-up. Der Bass wummert, die Drums zwingen zur Bewegung.

Wie im Mix von 1995 spielt Mills Detroit Techno, der hier ganz und gar für sich steht. Dabei ist die Resonanz des Sets von 1995 heute kaum noch vorstellbar: Kaum ein DJ-Mix hat den Aufstieg von Techno in den Neunzigern so befeuert wie dieses einflussreiche Set. In dem am 28. Oktober 1995 um drei Uhr morgens im Club Liquid Room in Tokio aufgenommenen Mitschnitt mixt Mills Detroit-Techno mit einer beispiellosen Wucht und Spontaneität.

Jeff Mills: „Liquid Room Paris” (Foto: Léa Legallais)

Dabei ist der Erfolg der damals bei Sony Japan mit dem Titel Mix-Up Vol. 2 Featuring Jeff Mills – Live Mix At Liquid Room erschienen CD durchaus überraschend: Der Turntablism-geschulte Mills disruptiert das Prinzip des Neverchanging-Everchanging, das das DJing in der Clubmusik meistens beherrscht, drastisch. Vielleicht konnte damals gerade Mills‘ ungewöhnlicher, Hip-Hop-geschulter Mix-Stil die Neuartigkeit der Techno-Ästhetik in einzigartiger Schärfe herausarbeiten. Dass der Mix bis heute relevant ist, unterstreichen die Scharen, die hier nun ihre Hälse recken. Dabei ist das alte Set zwar Anlass für den Abend, bestimmt diesen aber nicht; mit Liedern wie „Automatic” (1997) spielt er auch Groove-Garanten, die erst später entstanden sind. 

Als große Frage steht nun natürlich im Raum, was sich an Mills‘ DJing verändert hat. Zweifellos ist seine Technik heute Nacht untypisch sauberer als man es erwartet: flüssige Übergänge mit weniger Irregularitäten, die nach Sekunden in den Rhythmus springen – Erotik fürs Ohr.

Jeff Mills bei „Liquid Room Paris” (Foto: Léa Legallais)

1995 warf Mills die Platten noch regelrecht hinter sich, um innerhalb von Sekunden mehrere Tracks gleichzeitig wirken zu lassen. 30 Jahre später strahlt er Ruhe und Gelassenheit aus, um mit Momenten wie einem eingeschobenen Breakbeat-Track zu überraschen. Im Klangbild erinnert das gewiss an frühere Zeiten, doch auch Jeff Mills bleibt nicht stehen: Er wandelt sich und findet einen Stil, der zur souveränen emotionalen Temperatur eines 62-Jährigen passt.

Jeff Mills bei „Liquid Room Paris” (Foto: Léa Legallais)

Nach zwei Stunden Mills-Hochamt übernimmt Christian AB. Ein DJ, den man ob seiner House-Affinität nicht unbedingt in diesem Zusammenhang erwartet. Den fordernden Job, nach dem Techno-Gott zu spielen, meistert er mit Bravour. Der in England geborene und in Berlin lebende Musiker spielt ein Set, dass die Crowd in ein Warehouse in Detroit versetzt: Roh, ehrlich und hauptsächlich mit Vinyl. Darauf folgt ein Bild, von dem jeder DJ träumt: Christian AB zockt den Peak seines Sets, während Jeff Mills hinter ihm seine Platten sortiert und sich auf das zweite Set vorbereitet.

Jeff Mills 2025 im Liquidroom in Tokio (Foto: Yuichiro Noda)

Die zweite Mills-Session hat es dann nochmal in sich: ein kickgetriebener Techno-Track nach dem anderen. Es ist eng und schwitzig; jeder will beim Peaktime-Set dabei sein. Eine Fülle von Menschen, die in anderen Momenten störend wäre. Hier ist jeder bester Laune, einen Jeff Mills muss man eben teilen. Mit Liedern wie dem Achtziger-Chicago-House-Klassiker „Move Your Body” von Marshall Jefferson schlägt Mills unerwartete Haken – und die Crowd schreit auf und beginnt mitzusingen. Die Detroiter Techno-Legende schafft den Spagat zwischen Nostalgie und dem zielsicheren Trigger des Instinkts zu tanzen.

Jeff Mills 2025 im Liquidroom in Tokio (Foto: Yuichiro Noda)

Zum Closing dieser denkwürdigen Nacht übernimmt wieder Christian AB. Längst nach der Bahn geschaut und mit dem Plan, nach Hause zu fahren, packt uns sein Set unmittelbar und hält bis zum Ende um 8 Uhr morgens auf der Tanzfläche. Erst mit trockenem Techno, später dann atmosphärisch und emotional. Ihm gelingt der Übergang vom Detroit der Neunziger zu einem Sound der heutigen Zeit. Beispielhaft hierfür ist der Moment, in dem er den aktuellen Track „Unfold” von Phara spielt – ein Kontrastprogramm zum vorherigen Set, das dennoch unter die Haut geht.

Dekmantel presents „Jeff Mills: 30 Year Anniversary Liquid Room Mix” im Lofi in Amsterdam (Foto: Angelina Nikolayeva)

Trotz erwähnter Unterschiede stehen sich Christian AB und Jeff Mills näher als erwartet. Beide beweisen auf ihre individuelle Weise, dass Techno keine Nostalgieveranstaltung ist. Auch die beiden Mills-Sets funktionieren nicht als Rückblick, sondern als lebendiger Dialog zwischen mindestens drei Clubkultur-Generationen. Bis heute ist Detroit nicht nur Ursprung der Musik, sondern eine Haltung mit Impact – roh, unmittelbar und bedingungslos politisch.

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