Seit Herbst 2024 demonstrieren Zehntausende Georger:innen friedlich gegen die aktuelle Regierung in Tbilissi – und damit gegen den pro-russischen Kurs des Präsidenten Micheil Kawelaschwili und der Partei Georgischer Traum. Die Proteste werden maßgeblich von der jungen Generation getragen, die ihre freie, europäische Zukunft nicht aufgeben will. In diesem Kampf avancierte ein gesellschaftlicher Raum besonders zum Symbol des Widerstands: die Club- und Nachtkultur von Tbilissi.
Angesichts der autoritären Entwicklungen in Georgien lud die diesjährige Stadt-nach-Acht-Konferenz zu einem Thementag ein. Auf fünf Panels sprachen diverse Clubkultur-Akteure, Aktivist:innen und Szenekenner:innen über die aktuelle politische Lage in der georgischen Hauptstadt. Und darüber, wie sich die anhaltenden Repressionen auf das dortige Nachtleben und die Clubkultur auswirken.
Vertreten unter den Speaker:innen: der Anwalt für Menschenrechte Guram Imnadze, aber auch Giorgi Kikonishvili, Teil des Bassiani-Teams, sowie David Lezhava, Gründer der CCIU, einer Art georgischen Clubcommission. Zugehört hat neben vielen Clubakteuren in Berlin und Menschen aus der georgischen Diaspora-Community auch GROOVE-Autor Michael Sarvi.
Die Moderatorin des Thementags, Elene Pasuri, fängt an zu sprechen, und der Saal wird schnell leise. Eigentlich ist Pasuri Kulturprojektmanagerin in Tbilissi. Doch seit der Regierungsübernahme durch die rechtsnationale Partei Georgischer Traum ist alles anders. Mit ihrem ersten Gesprächspartner Guram Imnadze und anderen Wegbegleiter:innen gründete sie die pro-europäische politische Bewegung „Movement for Social Democracy”. Seitdem treten sie gegen die aktuelle Regierung auf.
Pasuri berichtet von immer stärker werdenden Repressionen gegen Demonstrationen. Mehrere hundert Euro habe sie zum Beispiel für die Teilnahme an einer friedlichen Demonstration als Strafe zahlen müssen. Es haben sich ähnliche autokratische Strukturen wie in Russland eingeschlichen. „Was sich in Russland über zehn Jahre entwickelt hat, passierte in Georgien in nur wenigen Monaten.” Gleichzeitig sei das Vorgehen der Behörden immer brutaler geworden. Von der Polizei zusammengeschlagen zu werden: mittlerweile Normalität.

„Wir sind mittlerweile süchtig nach dem Reizgas, das auf uns Demonstrant:innen geschossen wird”, witzeln die Panelgäste. Außerdem mache es die Haare so schön glänzend. Für Außenstehende mag das mitunter makaber wirken. Für viele Georgier:innen ist es hingegen so etwas wie ein Bewältigungsmechanismus, um mit dem ganzen Irrsinn umgehen zu können.
Fight for your right to party!
Dass es so weit kommen konnte – dass eine liberale und sogar von Berliner:innen beneidete Clubkultur in Tbilissi zunehmend im Fokus gewaltsamer Unterdrückung landete, lasse sich laut den Sprecher:innen auf eine Zäsur im 2018 zurückführen. Damals starben mehrere Personen in Georgien durch eine unbekannte Droge. Die georgische Regierung nutzte die Vorfälle, um Razzien im Bassiani und weiteren Clubs durchzuführen.
Alle auf der Bühne sind sich einig, dass dies nur ein Vorwand war, um Druck gegen die liberale Community in Georgien auszuüben. Denn: Die georgische Gesellschaft war und ist stark gespalten, sagt Elene Pasuri. Während sich junge Menschen oft als international verstehen, gebe es immer noch einen starken Einfluss reaktionärer Kräfte. Ganz vorne mit dabei: die orthodoxe Kirche. Sie halte die patriarchalen Strukturen am Leben, die die georgische Gesellschaft bis heute prägen.
Der springende Punkt
Nachdem im Mai und Juni 2018 zehntausende Menschen in Tbilissi aus Protest auf die Straßen gegangen waren, habe sich die Lage etwas beruhigt, so Kikonishvili. Die Techno- und House-Szene konnte sich weiterentwickeln. Es kamen auch wieder internationale Tourist:innen für Partys in die Stadt. 2022 entscheidet sich Georgien, einen Antrag zum EU-Beitritt einzureichen. Doch 2024 folgt der Richtungswechsel. Die Regierungspartei Georgischer Traum beschließt ein Gesetz zur „Transparenz ausländischer Einflussnahme, nach dem Vorbild Russlands. Wir sehen darin ein Instrument zur Unterdrückung unabhängiger Medien und NGOs”, sagt Menschenrechtsanwalt Guram Imnadze.

Die Europäische Union stoppte daraufhin die Beitrittsverhandlungen. Wieder gingen Tausende Georgier:innen auf die Straßen. Hier platzte der gordische Knoten in der georgischen Zivilgesellschaft. Denn der EU-Beitritt sei für die Mehrheit unverhandelbar. Teilweise stimmen bis zu 75 Prozent der Bevölkerung einem Beitritt zur Europäischen Union zu, wie Pasuri sagt.
Auf die Frage, warum es trotz anhaltender Proteste wieder einen normalisierten Clubbetrieb gibt, antwortet Giorgi Kikonishvili: „Es würde vieles verloren gehen. Jobs würden wegfallen. Deshalb müssen wir die Infrastruktur am Laufen halten. Wenn es keine Kultur mehr geben sollte – wofür kämpfen wir dann eigentlich?”
Wie es genau mit Georgien und der georgischen Clubkultur weitergehen wird, darüber kann keine der Sprecher:innen eine fundierte Prognose abgeben. Zu unsicher sei man angesichts der aktuellen Entwicklungen. Dass Georgien gerade an einem Wendepunkt steht, darüber ist man sich auf der Bühne einig.