Am Wochenende feiert die Rote Sonne ihren 20. Geburtstag mit einem Weekender, auf dem Tham oder DINA spielen. Der Club feiert seinen Geburtstag in einer Lage, die, positiv formuliert, als verbesserungswürdig gelten darf: Neben dem allgemeinen Besucher:innenrückgang wurde die Rote Sonne im Juli von der Polizei durchsucht. Anwesende berichteten in der GROOVE von traumatischen Erlebnissen.
Im Interview zum Geburtstagswochenende sprechen wir mit Juri Bennert aus dem Clubteam auch darüber – genau wie über den Wandel in der Szene, den anstehenden Weekender und Wünsche für die Zukunft.
GROOVE: Dieses Wochenende feiert ihr den 20. Geburtstag der Roten Sonne mit einem Weekender, wie geht es euch kurz vorher?
Juri: Vor so einem Weekender, egal ob Geburtstag oder nicht, herrscht immer große Aufregung. Besonders weil es 20 Jahre sind, freut man sich aber auf die Gesichter, die man sehen wird, und die Leute, die über die 20 Jahre mitgewirkt haben. Das wird ein großes Gathering. Ich persönlich bin noch nicht so lange beim Club dabei und erst 23 Jahre alt – da ist es natürlich eine Ehre, das mitzuerleben und mitwirken zu können. Das erfüllt einen.
Was wollt ihr euren Gäst:innen dieses Wochenende bieten?
Wir haben den Weekender in First Night, Daytime und Second Night unterteilt, dieses Mal mit Fokus auf den Daytime-House-Floor. House hat es in München aktuell nicht so leicht, und wir wollen House stärken und ein Statement setzen, um das Genre stärker in München zu etablieren. Außerdem wollen wir dieses Wochenende die Community als Ganzes stärken. Das heißt, dass wir unsere Preise massiv heruntergesetzt haben, weil es ein Zusammenkommen, eine große Geburtstagsfeier sein soll.
Wer spielt auf eurem Geburtstags-Weekender?
In der ersten Nacht sind die großen Acts Rachel Noon und Stranger. Unser guter Freund Punktmidi ist auch dabei. SloMo hat leider kurzfristig abgesagt, dafür spielt SYLK vom Surge-Kollektiv, ein sehr starker Local. Dazu kommen unsere Inhouse-Residents CLOSURE b2b Starkiller.
In der Daytime spielen starke Acts wie Fais Le Beau und Christoph Faust b2b Daisy Weweh, gepaart mit super House-Locals wie Chet Rubbs oder Rollo3000 b2b GOIABA. Unser Booker und Resident VSSL spielt b2b mit Reduks, der auch früher bei uns im Club gearbeitet hat.
In der zweiten Nacht haben wir dann Escape on Tape und Tham bei uns, beides große Freunde des Hauses. Dazu kommen auch noch Residents und Münchner DJs.
Wie blickt ihr als Club auf die 20 Jahre zurück?
Es gab und gibt einen großen Wandel, die ganze Szene hat sich verändert. Aber wir sind stolz darauf, dass wir die ganzen Jahre den Underground aufrechterhalten haben; natürlich mit einer gewissen Veränderung, es ist nicht mehr so wie früher. Wir können mit Stolz sagen, dass wir uns für München einsetzen und das schon immer getan haben.
Was für Änderungen in der Feierkultur beobachtet ihr?
Alles ist viel schnelllebiger geworden. Man hat das Gefühl, dass Freiheit und übergeordnete Werte von Profilierung und Sehen-und-Gesehen-Werden verdrängt werden. Die Szene hat sich aufgesplittet zwischen dem eher trancigen Hype-Sound und dem klassischen Old-School- und New-School-Techno. Daran orientieren sich die Leute, es gibt keine große Community im Techno-Bereich mehr. Das ist schade, aber das muss man akzeptieren.
Auf der anderen Seite haben wir gemerkt, dass die Locals eine deutliche Stärkung erfahren haben. Große Namen ziehen gar nicht mehr so, wenn es um Community und einen vernünftigen Vibe geht. Locals und Kollektive bilden inzwischen ihre eigene Community, da gibt es häufig einen stärkeren Zusammenhalt als in der übergeordneten Szene.
Gibt es in deiner Historie mit der Roten Sonne eine Geschichte oder ein prägendes Erlebnis, an das du nun zum Geburtstag zurückdenkst?
Ich muss tatsächlich sagen, dass fast jedes Event ein Highlight ist. Als Gast hat es angefangen; dass ich vom Booking überrascht wurde und die Rote Sonne meinen Geschmack perfekt getroffen hat. Als ich frisch im Club angefangen habe, fand ich das Set von KRTM toll. Ein anderes Highlight sind die Silvester-Weekender. Diese entwickeln sich zu einer Familienfeier, auch mit den Artists, die von außerhalb kommen.
Schauen wir auf die Gegenwart: Der allgemeine Rückgang an Besucher:innen geht auch an euch nicht spurlos vorbei, wie geht ihr damit um?
Wir versuchen, unseren Werten treu zu bleiben. Es gäbe natürlich die Möglichkeit, dem durch verschiedene Methoden entgegenzuwirken, aber damit würden wir unsere Werte missachten. Uns sind Community und ein familiärer Umgang mit den Gästen sehr, sehr wichtig, und wir wollen nicht, dass das leidet. Wir gehen nicht auf Bookings, die jetzt zwar viel ziehen, aber von den Werten, vom Sound oder vom Konzept her nicht zu uns passen. Da sind wir relativ streng.
Wichtig ist, dass wir uns darauf fokussieren, jetzt eine größere Bindung zur Münchner Szene aufzubauen. Dass wir aus ihr erfahren, wie sich die Szene entwickelt und was in verschiedenen Bereichen und Nischen in München gefragt ist. Wir versuchen mehr Ressourcen in die Community-Arbeit zu stecken und mit den Gästen, dem Team und Artists und anderen Kontakten ein Netzwerk aufzubauen, das nachhaltig bestehen kann. Damit man sich nicht auf Hypes, große Namen und irgendwelche Special-Events verlassen muss. Feiern ist eine Kultur, die immer verfügbar sein sollte.
Für so ein Netzwerk braucht es auch die kommunalen Akteure. Fühlt ihr euch da – auch nach der gerade stattgefundenen Polizeirazzia – unterstützt?
Wir kriegen in gewisser Weise Förderung, vor allem von Stiftungen oder anderen Institutionen, aber das ist nicht wirklich kommunal. Von städtischer Seite hat man es in München als Clubbetreiber grundsätzlich schwer, egal in welchem Bereich. Wir sind ganz gut im Kontakt mit den Grünen und arbeiten immer wieder mal zusammen. Eine richtig aktive Förderung findet aber nicht statt.
Ihr habt im April Community Nights eingeführt. Sind diese ein Modell für die Zukunft?
Auf jeden Fall. Dieses Konzept ist gerade in der ganzen Szene sehr neu. Für viele Leute, die nach Corona mit dem Feiern angefangen haben, ist das nicht so leicht verständlich. Es erfordert noch einiges an Arbeit und Entwicklung; dass man den Leuten erklärt, worum es geht. Aber Potenzial für die Zukunft gibt es auf jeden Fall, und wir planen, es langfristig weiter zu machen.
Stellen wir uns vor, dass wir in 20 Jahren zum 40. Jubiläum der Roten Sonne sprechen, welche Problematik möchtest Du bis dahin gelöst haben?
Es geht vor allem darum, den Kulturaspekt für München zu stärken. Die Szene ist in München eine Minderheit, und der wollen wir von Anfang bis Ende treu bleiben und optimale Räume bieten, damit sie sich frei fühlen kann. Das Wichtigste ist, dass wir Werte vertreten und uns immer fürs Richtige einsetzen. Dass wir den Gästen wirklich das geben, was sie wollen.