Kürzlich führte die Münchner Polizei eine Razzia in der Roten Sonne durch. Was eine Maßnahme gegen den mutmaßlichen Drogenhandel darstellen sollte, avancierte für viele der Anwesenden zum traumatischen Erlebnis. Hier kommen sie zu Wort.
„Ich wurde behandelt wie eine Kriminelle, nur weil ich tanzen war”, sagt Elle*, die am 6. Juli Zeugin der Razzia wurde. Was als nächtlicher Clubbesuch begann, endete für viele Gäste in Leibesvisitationen, stundenlangen Kontrollen und rechtlicher Ungewissheit.
Die Polizeiaktion traf eine Vielzahl an Gästen, darunter auch viele mit Aufenthaltsvisa oder ausländischer Herkunft. Für die meisten von ihnen fühlte sich der Einsatz weniger wie eine Maßnahme zur Bekämpfung organisierter Kriminalität an, sondern wie ein gezielter Angriff auf eine Subkultur.
„Das war keine Kontrolle, das war Einschüchterung”, erzählt Tom*, ein Besucher, der wie viele andere stundenlang vor dem Club ausharren musste. „Manche bekamen Decken gegen die Kälte, andere nicht. Es war willkürlich.”
„Ich weiß bis heute nicht, was ich da unterschrieben habe.”
Zahlreiche weitere Gäste berichten von entwürdigenden körperlichen Durchsuchungen, fehlender Kommunikation, insbesondere in Fremdsprachen, und einer Situation, die von Angst, Ohnmacht und fehlendem Vertrauen in die Behörden geprägt war.
Eine Frau, die als Mitarbeiterin der Roten Sonne registriert wurde, beschreibt ihre Erfahrung so: „Ich musste mich komplett ausziehen, wurde abgetastet, dann fotografiert, bekam Dokumente vorgelegt, die ich unterschreiben sollte – ohne Erklärung. Ich war durchgefroren und ausgelaugt. Ich weiß bis heute nicht, was ich da unterschrieben habe.”
Nun wollen manche Betroffene die eingesetzten Maßnahmen öffentlich machen. Und diskutieren, ob diese mit Blick auf die Menschenwürde, das Persönlichkeitsrecht und den rechtlichen Rahmen für Durchsuchungen verhältnismäßig waren.
Clubkultur-Aktivistin Tanja* hat uns vier Protokolle von Augenzeug:innen zur Verfügung gestellt. Ihre Texte sind für die bessere Verständlichkeit redaktionell gekürzt und im Kontext überarbeitet.
„Wie ein Überfall” – Statement von Ann*
„Wir saßen im Außenbereich, als plötzlich Polizisten in den Club stürmten. Innerhalb von Sekunden war unsere Gruppe von sechs bis sieben Beamten umstellt. Sie schrien uns an, dass wir uns nicht bewegen sollen. Es wurde nichts erklärt, weder auf Deutsch noch auf Englisch.
Wir mussten die Hände vor uns halten und saßen zweieinhalb Stunden in der Kälte. Später hieß es, es gehe um Rauschgifthandel. Ich musste mich vollständig ausziehen, wurde abgetastet, meine Kleidung durchsucht, auch meine Haare.
Danach wurde ich fotografiert wie eine Kriminelle. Schließlich bekam ich Dokumente, die ich ohne Erklärung unterschreiben sollte. Erst um 6:20 Uhr durfte ich endlich nach Hause gehen.”
„Es fühlte sich willkürlich an” – Statement von Tom*
„Ich war im Raucherbereich. Plötzlich stürmten viele Polizisten in den Club. Es wurde zwar ‚Polizei!’ gerufen, aber nichts auf Englisch erklärt, obwohl das Publikum international war. Wir mussten lange draußen sitzen, auf kalten Steintreppen. Einige Gäste hatten kaum Kleidung an, zitterten.
Während wir auf die nächsten Schritte warten mussten, wurden manche grob am Arm gepackt. Sie mussten dann die Hände vor dem Körper zusammenhalten, obwohl sie keine Gegenwehr geleistet hatten und schon längst gründlichst durchsucht worden waren.
„Ich hatte das Gefühl, wir wurden nicht als Menschen gesehen, sondern als Zielscheiben einer Machtdemonstration.”
Die Durchsuchungen waren bis auf die Unterhose. Fotos wurden auf offener Straße gemacht, ohne Sichtschutz. Einige durften, wie ich, rauchen, andere nicht. Manche bekamen Decken, andere nicht. Ich musste mehrere Male den Ablauf neu durchlaufen, weil Formulare fehlten. Es wirkte planlos und willkürlich. Ich hatte das Gefühl, wir wurden nicht als Menschen gesehen, sondern als Zielscheiben einer Machtdemonstration.”
„Eine politische Botschaft” – Statement von Elle*
„Ich war mit einem Freund dort, gegen halb vier. Nach 30 Minuten wurden wir mit Taschenlampen geblendet, angeschrien, wir dürften uns nicht bewegen. Uns wurde gesagt, dass wir bei Widerstand Gewalt erleben würden. Wir durften weder zur Toilette noch rauchen.
Ich wurde gezwungen, meine Unterwäsche herunterzuziehen. Meine Medikamente, darunter Antipsychotika, wurden mir kommentarlos weggenommen. Ein Polizist erklärte mir meine Rechte auf Bayerisch, ich verstand kein Wort. Als ich fragte, was ich unterschreiben sollte, sagte man: ‚Das ist egal.’ Ich unterschrieb nichts.
Ich war einfach nur ein Mensch, der feiern wollte. Aber sie behandelten mich in diesen Momenten wie eine Schwerverbrecherin. Für mich ist klar: Das war keine Kriminalitätsbekämpfung, sondern eine Botschaft: Hier ist kein Platz für unsere Art von Freiheit.”
„Ein Set, das im Stillstand endete” – Statement von Benkhlifa (DJ)
„Was wie eine normale Clubnacht begann, wurde zu einer der surrealsten Erfahrungen meines Lebens. Ich stand hinter den Decks, mitten in meinem Set, als plötzlich alles kippte. Ein Beamter kam direkt auf mich zu, sagte, ich solle sofort aufhören und mich nicht bewegen. Dann musste ich meine Hände auf der Brust verschränken und fast eine Stunde lang stillstehen.
Ich war vollkommen nüchtern, hatte nichts bei mir. Trotzdem wurde ich später wie alle anderen hinausgeführt, in ein Zelt, in dem eine Leibesvisitation stattfand. Ich musste mich komplett ausziehen. Danach wurden Fotos gemacht, dann durfte ich endlich gehen. Das war zwei Stunden später.
Es gab keine Erklärung, keine Entschuldigung. Nur Befehlsketten. Für mich war das keine Sicherheitsmaßnahme, sondern eine entwürdigende Erfahrung. Ich war dort, um Musik zu spielen, um Menschen zusammenzubringen, und wurde wie ein Verdächtiger behandelt. Die Art und Weise, wie das ablief, hat uns allen in diesem Raum unsere Würde genommen.”
*Namen von der Redaktion geändert