Was als Social-Media-Explosion begann, entwickelte sich zu einem der größten Callouts in der Geschichte der elektronischen Musik: Anfang des Jahres erschütterten schwere Vorwürfe gegen eine Reihe bekannter DJs die Hardtechno-Szene. Die ZDF-Reportage „Missbrauch: Insider schockt die Techno-Szene” rollte die Vorfälle im Doku-Format auf. Journalistinnen Silja Thoms und Maike von Galen recherchierten monatelang und tauschten sich mit Betroffenen wie DJ Vansessy oder der Initiative MeTooDJ aus. Ein Gespräch zwischen GROOVE-Autorin Madu Abeysekera und den beiden ZDF-Journalistinnen über den Austausch mit Whistleblower bradnolimit, den Rechercheprozesse und das Dilemma zwischen Unschuldsvermutung und Betroffenenschutz.
GROOVE: Der Stein kam durch den Content-Creator bradnolimit und seinen öffentlichen Vorwürfen gegen eine Reihe von DJs ins Rollen. Wie gelang euch überhaupt die Kontaktaufnahme? Gab es Bedingungen für ein Treffen?
Silja: Den entscheidenden Türöffner lieferte die DJ-Mag-Journalistin Katrin Fuhrmann, die den Zugang zu Brad schaffte. Nach einem ersten, recht unverbindlichen Vorgespräch gab er uns grünes Licht für ein persönliches Interview.
Als ihr ihn dann auf Ibiza besucht habt, war er nicht wie abgesprochen anzutreffen – was ging in diesem Moment in euch vor?
Silja: Das war natürlich erstmal ärgerlich, auch wenn man im investigativen Journalismus immer mit einem spontanen Rückzieher rechnen muss. Brad hat die Lawine losgetreten, er besaß Nachrichten, Belege und Material der Betroffenen. Ohne ihn hätte dem Film ein zentraler Anker gefehlt. Umso größer war die Erleichterung, als er am nächsten Tag einem Ersatztermin zustimmte und das Gespräch stattfinden konnte.

Ein exzentrischer Influencer, der schwere Anschuldigungen veröffentlicht: Habt ihr Brad von Anfang an als verlässlichen Kronzeugen begriffen oder roch das für euch nach digitaler Impulsreaktion?
Maike: Was uns überraschte und schlichtweg nicht zu ignorieren war, war dieser gigantische Resonanzraum: Unzählige Menschen reagierten, teilten seine Vorwürfe und berichteten über eigene Erfahrungen.
Silja: Dennoch galt für uns ab Sekunde eins: Skepsis ist Recherchepflicht. Wir haben seine Motive ununterbrochen hinterfragt. Bei einem Thema dieser Tragweite darf man sich niemals unkritisch an die Aussagen einer einzelnen Person hängen.

Im Interview streitete er vehement ab, aus Rache zu handeln. Schließlich hat er seinen Job als Booking Agent bzw. Tourmanager verloren und wurde selbst beschuldigt. Wie schätzt ihr sein Motiv ein?
Silja: Im Gespräch auf Ibiza trat Brad erstaunlich ruhig auf. Er beteuerte, überrollt worden zu sein von dem, was seine Posts auslösten. Wie wir in der Reportage berichten, zeichnet eine spätere Gerichtsentscheidung allerdings ein anderes Bild und sieht sehr wohl ein Rachemotiv in Brads Handeln. Was am Ende wirklich in seinem Kopf vorging, lässt sich in einem Interview natürlich nie zu hundert Prozent sagen.
Ihr habt auch mit DJ Vansessy aus Österreich gesprochen, die eine ihrer Missbrauchserfahrungen schildert. Wie navigiert man als Journalist:in durch ein so sensibles Gespräch, ohne Grenzen zu verletzen?
Silja: Wichtig ist die Transparenz. Ich habe vor dem Dreh ohne Kamera mit ihr gesprochen, um sicher zu sein: Welchen Schutz brauchst du? Was möchtest du erzählen? Wir haben ihr aktiv angeboten, für ihre Geschichte anonym zu bleiben. Am Ende entschied sie sich für die Offenheit. Mir war es wichtig, ihr im gesamten Prozess die Regie über ihre eigenen Grenzen zu überlassen.

Open-Beatz-Veranstalter Florian Gebauer entfernte beschuldigte Artists kurzfristig vom Line-Up. Die Initiative MeTooDJ entgegnet dennoch: Es passierte viel zu spät. Wie löst man diesen moralischen Knoten?
Maike: Auf der einen Seite steht die juristische Unschuldsvermutung – Existenzen und Karrieren können durch unbedachte Absagen vernichtet werden. Auf der anderen Seite steht die Pflicht, die betroffenen Frauen Ernst zu nehmen und dem Publikum einen geschützten Raum zu bieten. Ein Veranstalter steckt da in einem schweren Dilemma, für das es vermutlich nicht die eine richtige Lösung gibt.

In der Reportage wird primär die Hardtechno-Szene beleuchtet. Wie ist euer Eindruck vom gesamten Festival- und Musikgeschäft und anderen Musikbereichen?
Silja: Heikel wird es dort, wo Machtgefälle entstehen. Die Hardtechno-Szene ist in den letzten Jahren explosionsartig gewachsen: hohe Gagen und immense Social-Media-Reichweiten. Wenn junge, aufstrebende Artists auf etablierte Branchengrößen treffen und möglicherweise Alkohol sowie Drogen im Spiel sind, können gefährliche Dynamiken entstehen.
Mitten in euren Nachforschungen gab es eine überraschende Wendung: Plötzlich richteten sich schwerwiegende Vorwürfe gegen bradnolimit selbst. Wie verändert so ein Plot-Twist eine laufende Recherche?
Maike: Die Informationen erreichten uns inmitten der Recherche. In den darauffolgenden Gesprächen mit Betroffenen erhielten wir teils sehr detaillierte Schilderungen, teils nur pauschale Aussagen. Da keine weiteren Zeugen greifbar waren, war die Verifizierung extrem anspruchsvoll. Im Film haben wir uns konsequent auf die Vorwürfe beschränkt, die wir weitestgehend belegen konnten.

Silja: Auch das zeigt die Doku: Obwohl uns die tatsächlichen Vorwürfe zu dem Zeitpunkt noch nicht bekannt waren, fragte ich Brad, ob es Vorwürfe gebe, die sich gegen ihn richten. Er selbst deutete im Gespräch die Anschuldigungen an, die eine bestimmte Person gegen ihn erhoben hatte.
Aktuell läuft mindestens ein Gerichtsverfahren gegen einen der beschuldigten DJs – was für Konsequenzen hatte das für Eure Arbeit?
Maike: Wir hatten durchgehend eine juristische Beratung an unserer Seite. Wenn wir Namen von beschuldigten DJs verschweigen, tun wir das nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil es sich um Verdachtsberichterstattung in laufenden Verfahren handelt. Gerade die Berichterstattung über MeTooDJª gestaltet sich unheimlich schwierig. Mich hat es in gewisser Hinsicht erschreckt, wie sehr einem die Hände gebunden sind, auch wenn ich natürlich verstehe, dass mit Vorwürfen nicht leichtfertig umgegangen werden darf. Aber das ist vermutlich ein Grund, warum sich viele Betroffene gar nicht erst trauen, an die Öffentlichkeit zu gehen.
Die GROOVE hat als Techno-Magazin vom ersten Tag an über die Vorwürfe berichtet, allerdings ist es erst dem ZDF als öffentlich-rechtlichen Sender gelungen, einen Akteur wie Brad vor die Kamera zu holen. Wie sieht eine ideale mediale Symbiose aus?
Silja: Szene-Magazine wie GROOVE oder auch das DJ Mag kennen die Akteur:innen, spüren die Schwingungen in den Clubs viel früher und genießen ein anderes Grundvertrauen in der Szene. Wir bringen wiederum die Ressourcen, die juristische Absicherung und ein Millionenpublikum mit. Wenn beide Seiten Hand in Hand arbeiten, bekommen solche Geschichten die Strahlkraft, die sie brauchen.

Um zum Schluss den Blick in vorne zu richten: Wie können Mitglieder der Szene und Festivalbetreibende verhindern, dass der Backstage-Bereich zum unsichtbaren Raum wird?
Silja: Der Schlüssel liegt in professionellen, unabhängigen Awareness-Teams mit echtem Handlungsspielraum – nicht nur vor der Bühne für das Publikum, sondern explizit auch hinter den Kulissen.
Maike: Und vor allem: Hinsehen statt Wegsehen. Übergriffe passieren extrem selten im Spot der Scheinwerfer. Sie geschehen in abgedunkelten Garderoben, VIP-Shuttles oder Hotelzimmern. Wer im Backstage Anzeichen von Machtmissbrauch bemerkt, darf nicht schweigend danebenstehen.
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