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Larry Heard presents Mr White – The Sun Cant Compare / You Rock Me (Alleviated) [Reissue]
Zu einer Zeit, in der Tracks noch nicht auf zwei Minuten optimiert wurden, um möglichst viele Streams zu generieren, und in der ein perfekt zugeschnittenes 30-Sekunden-Snippet für Social Media noch keine Rolle spielte, veröffentlichte der Deep-House-Pionier Larry Heard die Doppelplatte The Sun Can’t Compare / You Rock Me. Jetzt feiert die ursprünglich 2006 auf dem Label Alleviated erschienene Platte ihre Wiederveröffentlichung – und strahlt noch immer mit zwei ikonischen Perlen der House Music, die nichts von ihrem Glanz verloren haben.
Die 12-Inch-Platte stellt den aus Memphis stammenden Sänger Mr. White in den Mittelpunkt. Mit seiner warmen, nuancierten und zugleich kraftvollen Stimme verleiht er den Tracks eine besondere emotionale Tiefe, die weit über den Dancefloor hinauswirkt. „You Rock Me” entfaltet sich als souliger House-Track voller Gefühl und Eleganz – getragen von sanften Grooves, subtilen Harmonien und einer Atmosphäre, die gleichermaßen intim wie hypnotisch wirkt. Dem gegenüber steht „The Sun Can’t Compare”, das mit spielerischen Vocal-Fragmenten und einem markanten Acid-Fundament überzeugt. Hier zeigt sich deutlich die Handschrift von Larry Heard: reduziert, präzise und doch voller Gefühl – ein Sound, der Generationen von House-Produktionen geprägt hat. Daniel Böglmüller

Mitzi Mess – Tomantenstücke (Müll Records)
Ist das Müll und kann das weg? Oder ist es genau das Gold, das man erst findet, wenn man bereit ist, sich die Hände schmutzig zu machen? „One man’s garbage is another man’s gold” passt erstaunlich gut zu Tomantenstücke, diesem frei downloadbaren Viertracker aus dem Berliner Elektronik-Untergrund. Schon der Bandcamp-Graffiti-Slogan „Sterben unter Kostendruck” des Labels steckt den Rahmen ab: DIY, kantig, anti-glossy – aber sicher nicht lieblos. Müll ist das hier jedenfalls nicht, eher sorgfältig sortierter Elektroschrott mit Konzept.
Gleich der Opener „Unverhofft kommt oft” springt einen an wie ein hypernervöser Bastelroboter: vorwärtsdrängender Electro, der das Ohr kurz anstupst, ohne es zu vergraulen. Quiekende Sounds, verschobene Rhythmen, irgendwo zwischen defektem Spielzeug und wirrem Sci-Fi-Score. Anstrengend? Ein bisschen. Aber lohnend. „Journey to Mars” klingt zunächst wie ein morsender Peilsender im Orbit: minimale Tonfolgen, Glitches, leises Grundrauschen. Call it what you want – der Track kippt langsam, wird flächiger, driftet in eine fragil schwebende Ambient-Zone, die den Blick auf den Mars freigibt. Reduktion als Methode: Alles wird weniger, aber vielleicht bedeutungsvoller. Minimal wird hier wörtlich genommen, bis nur noch Andeutungen übrig sind – genug, um die Synapsen auf Trab zu halten. Hörjogging für Fortgeschrittene. „Minimal Techno”, der Titel ist Programm, verschränkt reduzierte Melodie und Rhythmus so lange, bis sich beides fast auflöst. Was bleibt, ist ein Gesamtbild, das man selbst ergänzen muss. Kein Konsum, eher Mitarbeit. Genau darin liegt der Reiz. Zum Abschluss „Yo Scale Fantasy”, ein kleiner Melodiebogen im Loop, gestört von Knacksern und Glitches, die den starren Kreis immer wieder aufbrechen. Der Track entwickelt sich beharrlich weiter, wird krautiger, Berlin-schoolig – als hätte jemand NEU! auf 45 Umdrehungen gehört und durch eine kaputte Groovebox gejagt.
Tomantenstücke ist keine EP für den schnellen Kick, sondern fürs Entdecken. Fürs genaue Hinhören. Für Musik-Forschende, die im scheinbaren Müll nach Struktur, Idee und Haltung suchen. Liron Klangwart

Samo DJ – Learns to Chill (Studio Barnhus)
Vorausgeschickt: Den Zusatz „DJ” hinter dem Künstlernamen zu platzieren, verleiht Acts eine ungleich größere Aura der Erhabenheit. Samo DJ mutet deshalb erlaucht an, obwohl er künstlerisch den Ruf eines oddballs weg hat. Das heißt allerdings nichts weiter, als dass der Schwede nicht alles genau so macht wie das Gros seiner Kolleg:innen. Seit anderthalb Dekaden rumst es in seinen Sets und Produktionen, die traditionelle tanzmusikalische Spielarten wie Disco oder Funk in ein analoges Rumpel-Korsett elektronischer Klangerzeugung überführen, ein wenig wie Theo Parrish. Dabei entsteht künstlerisch wertvoller House mit Lo-Fi-Nostalgie, in Echos gebrochener Pop mit retro-futuristischem Charakter, jene Art langlebiger Dance Music, die man braucht, wenn schnödes Disco-House-Getrampel alle Restintellektualität in der serotoninüberschüssigen Matschbirne zu massakrieren droht.
Erstmals landet Samo DJ dieser Tage auf dem Stockholmer Traditionslabel Studio Barnhus und kommt diesem, so scheint es, auf halbem Wege entgegen. Für seine Verhältnisse fällt der Viertracker gar stringent aus, was wohl den Namen der Veröffentlichung erklärt. „Third Guitar” zieht ein String-Sample und Funk-Gitarren über einen ulkigen, trockenen Beat typisch skandinavischer House-Machart. Ornamente der Seltsamkeit, der in Musik gegossene Uncanny-Valley-Effekt des Samo DJ, verstecken sich tief im Dickicht, die Sonne kratzt an der Oberfläche. Im Remix von Robert Graham klappern Cowbells und schichten sich Pads über einen leichten Electro-Beat, der Detroit und Fjord-Gelassenheit in einem referenziert. „Feel Good” im Pedrodollar-Edit hingegen tapst gleichmäßig seiner Wege und kombiniert unaufdringlich Synth-Bläser mit einem Rhythmus, der untrüglich nach Altholz riecht. Selektorenmusik, die sich früher auf der Cocktail d’Amore oder heute auf den Gratis-Raves von Sound Metaphors gut machen würde. Den Abschluss bildet der Neunminüter „Olive Grove”, der mit verschrobenem Groove und volatilen Synths Erinnerungen an Bufiman weckt. Großartiger Track, geniales Drumming, pure Instinktmusik für die Rekalibrierung beim Zwischenchill im Schatten. Maximilian Fritz

Section 6 – Part 1 (Repetitive Rhythm Research)
Letzthin von Kracht geträumt, er hat kein neues Buch geschrieben, es ging leider trotzdem um Techno. Er schrieb: „Man saß in diesen Räumen, die nach abgestandenem Tee und jener speziellen Sorte von Linoleum rochen, die es wohl nur in Instituten für fortgeschrittene Monotonie gibt. Wir nannten es die Repetitive Rhythm Research, ein Name, der bereits im Aussprechen eine Erschöpfung evozierte, die über das bloße Physische weit hinausging. Es ging um den Takt. Immerzu um diesen Takt. Man beobachtete die Probanden, wie sie in einer Art tranceartigem Gehorsam die immergleichen Bewegungen vollzogen, ein mechanisches Ballett der Belanglosigkeit aufführten. Das hatte etwas zutiefst Koloniales. Wie diese Rhythmen den Raum besetzten, wie sie alles andere verdrängten. Die roten Linien auf dem Mischpult waren von einer sterilen Schönheit. Einer Schönheit, die nichts anderes war als die Perfektion der Langeweile, die am Ende in eine ganz neue, vollkommen künstliche Ekstase umschlug. Es war, kurzum, ganz ausgezeichnet.” Schweißgebadet aufgewacht. Christoph Benkeser

Sully – Model Collapse (FABRICLIVE.)
Während sich die brütende Schubhitze schon morgens um 7 in Form unangekündigter Gleißerscheinungen in die rauverfaserte Dachgeschossnische schleicht, legt sie zwei grundlegende Dinge offen. Erstens: Das Berliner Sonnenbad erzeugt keine regelmäßige Ibiza-Bräune, sondern lässt das trauerbleiche Gesicht halbseitig rot anlaufen. Und zweitens: Weiteres Aufschieben des Fensterputzens scheint unumgänglich. Aber Verantwortung übernehmen für die eigene heimische Fensterproblematik – Fehlanzeige. Da braucht’s schon gute Gründe, sprich maternale Erpressung light sowie die passende musikalische Beimengung. Eben kein Meta-Ambient, elitärer Lo-fi-Pathos oder fatalistisches Saiten-Gemurmel, also nichts, das in leidenschaftslose Apathie mündet, sondern etwas, das anstachelt, während man den Sidolin-Sprühkopf auf Herz und Schmieren prüft. Sullys neue EP auf fabriclive zum Beispiel, die kommt nämlich kaum ohne gymnastische Übersprungshandlungen aus.
Auf dem Titeltrack gibt’s einen beständigen, organischen Jungle-Groove mit nervös oszillierender Acid-Line und Grime-Reminiszenzen zu hören. Die sprunghaften und zugleich großspurigen Sample-Chops vermengen sich mit einer fein säuberlichen Low-End-Spur, temporegulierenden Loop-Segmenten und verspielt-dystopischem Arrangement zu einer Nummer, zu der es sich gleichzeitig mit dem Kopf wippen und der Hüfte schwenken lässt. „Proof” ist ein kompromissloser und breitbrüstiger Electro-Juke-Track, der weniger Wert auf trivialen Spannungsaufbau denn auf funktionalen Peak-Time-Bounce legt. Als Zusatz gibt’s noch den Basic-Rhythm-Remix von „Model Collapse”, der den Duktus seines Vorgängers beibehält, diesen jedoch etwas regulierter, dubbiger und mit etwas mehr Tiefenfokus interpretiert. Drei Tracks, mit denen kein Korn auf der angestaubten JBL sitzen bleibt. Jakob Senger
