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[audiokombinat] über ihren Podcast „Selling Techno”: Ein Wirtschaftskrimi, der viel über das Berliner Clubgeschäft erzählt

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[audiokombinat] ist ein Podcast-Kollektiv aus Berlin, Leipzig, Rostock und Wien. In ihrer jüngsten Produktion Selling Techno gibt die Gruppe einen Einblick in den Niedergang der Berliner Technoszene. Bei der Recherche stieß man auf einen Wirtschaftskrimi, in dessen Zuge die Mensch-Meier-Crew um die Ablösesumme für ihren Club gebracht wurde. Im Interview geben Kollektiv-Mitglieder Swantje Reuter, Tim Schleinitz und Jürg Meister Einblick in die Entstehung des Formats.

GROOVE: Wie hat sich Euer Podcast zur Berliner Clubkultur von 2010 bis heute ergeben? Was wolltet ihr erzählen? 

[audiokombinat]: Wir erzählen eine Geschichte der Veränderung in der Stadt, und das am Beispiel eines bestimmten Areals in Berlin. Im Detail geht es um drei Clubs, die einst in der Storkower Straße ansässig waren und verschiedene Freizeitangebote für die Berliner:innen geschaffen haben. Jetzt sind alle drei weg, es gibt Unmut und Unverständnis darüber. Warum ist der Club Mensch Meier nicht mehr da und weshalb konnten er nicht über seine Nachmietenden mitbestimmen? Wieso ist ein geschichtsträchtiger, einst widerständiger Freiraum Ostberlins, die Kirche von Unten, jetzt im Westen? Und warum ist die Anomalie, von der behauptet wird, sie habe Mensch Meier und Kirche von Unten verdrängt, jetzt auch weg? Es geht also um Verdrängung, Berlins Titel als Partyhauptstadt und die Frage, ob die derzeitigen Marktpreise leicht zugängliche, günstige und idealistische Orte noch zulassen.

Wie habt Ihr Euch als Team zusammengefunden? Hattet ihr schon Podcast- und/oder journalistische Erfahrung?

Wir arbeiten schon länger kollektivistisch als [audiokombinat] zusammen, produzieren Podcasts, geben Workshops und sind Radio-Autor:innen. Selling Techno ist unser zweiter großer Storytelling-Podcast und vor allem unserer Trauer über verschwindende Orte in Berlin entwachsen. Wir wollten die Dynamik verstehen, verarbeiten und natürlich erzählen.

Jürg Andreas Meister, Swantje Reuter, Tim Schleinitz (Foto: [audiokombinat]

Wie habt ihr diese Dynamik aufgearbeitet, mit wem habt ihr gesprochen? Wie war die Resonanz unter den Clubmachern, wie die Stimmung?

Unsere zentrale Frage ist: Wie haben sich die Mietverhältnisse auf dem Areal über die Jahre verändert? Wir sprechen mit allen Beteiligten, die Mietverträge für die entsprechenden Gebäude in der Storkower Straße haben oder hatten: dem Mensch Meier, der Kirche von Unten, der Anomalie, dem Abstrakt sowie DSTRKT & Strobe.

Wie arbeitet ihr da?

Wir telefonieren mit dem Vermieter, haken beim Bauamt Pankow nach, befragen die Nachbar:innen der Clubs – ein Spielcasino und das Label der Band The Boss Hoss. Gleichzeitig gehen wir der Frage nach: Wie verändert sich die Clubkultur? Wir interviewen die Clubcommission, eine Techno-Wissenschaftler:in, den Begründer der Loveparade Dr. Motte und eine Clubjournalistin.

Wie ist die Stimmung da so?

Ambivalent. Kurz gefasst: Die Verdrängten erzählen ihre Geschichte, die Menschen mit Kapital oder Geld blockieren uns. Allerdings: Manche stecken noch in Gerichtsverfahren und können deshalb nicht über alles reden. Der Vermieter und die Betreiber der Anomalie haben uns Interviews in Aussicht gestellt, diese aber nicht eingelöst. Die Besitzer der Anomalie blockieren uns letztendlich. Einiges mussten wir anhand von Dokumenten, die wir recherchiert haben, rekonstruieren.

Jede Menge Schutt – Kreislaufwirtschaft im Bausektor oder Armutsfalle Post-Covid – Wie Betroffene um ihre Zukunft kämpfen lauten die Titel anderer Produktionen von [audiokombinat].

Das Mensch Meier wurde von einem linken Kollektiv betrieben, die Anomalie war eher ein Kessel Buntes, STROBE und DSTRKT stehen durch ihre Verbindung zum Festival HIVE für Hardtechno. Was sagen die verschiedenen Stationen über die Entwicklung der Berliner Clubkultur?

Wir beobachten vor allem zwei Tendenzen. Zum einen gibt es immer mal wieder Musikstile, die ein Revival erleben, sich neu durchsetzen oder irgendwie in den Vordergrund gelangen. Zum Anderen steigen Mieten und Betriebskosten in Berlin rasant. Das merken wir alle. Vor allem jedoch Clubbetreiber:innen, denn Gewerbemieten sind unreguliert. Aber auch die Gagen der Künstler:innen steigen. Wer einen Club betreibt, hat folglich hohe Ausgaben. Der Satz „Clubbusiness ist ein hartes Business” ist uns öfter begegnet. Clubbesitzer:innen müssen irgendwie diese Kosten reinbekommen – schließlich sind sie nicht subventioniert wie etwa Theater. Also verkaufen sie: den Rave, Kinky-Partys, ein Erlebnis, Techno, für entsprechende Besucher:innenzahlen.

Das Verkaufen stand nicht immer im Vordergrund? Wie seht ihr heute die Identität der Szene?

Techno ist von einer Subkultur zu Mainstream geworden und Hardtechno ein Genre, das gerade viele abholt. Das passt eigentlich ganz gut zu der Beschleunigung, die wir durch die Digitalisierung gerade erleben. Spannend finden wir, was durch die Corona-Pandemie passiert ist: eine ganze Generation kennt Techno-Partys aus Reels anstatt von eigenen verschwitzt durchgefeierten Nächten. Hardtechno ist eine Musikkultur mit guter Öffentlichkeitsarbeit. DJs werden in Boiler-Room-Optik umtanzt, und in den Clubs flackern die Handys. Für uns steht das dem ursprünglichen Geist der Techno- oder Clubkultur Berlins entgegen: Dass die Besucher:innen gleichermaßen Teil der Party sind und die Clubnacht aktiv mitgestalten.

Das Mensch Meier in Prenzlauer Berg (Foto: Presse)
Das ehemalige Mensch Meier an der Storkower Straße (Foto: Presse)

Ihr seid auf eine True-Crime-Story mit 200.000 fehlenden Euros gestoßen, schreibt ihr – was hat es damit auf sich?

In der Partyszene gibt es das Gerücht, die Besitzer des einen Clubs, der Anomalie, hätten die des anderen, des Mensch Meier, abgezogen und sich unter anderem deren Anlage unter den Nagel gerissen. Das stimmt so nicht. Die Sache war so: Das Betreiber:innenkollektiv des Mensch Meier wollte nach zehn Jahren den Club an ein queerfeministisches Partykollektiv, Whole, abgeben. Wenn man einen Club übergibt, ist es üblich, dass eine Ablösesumme fließt – für das Inventar, das man übernimmt, teilweise auch für den ideellen Wert.

Was ist nun falsch gelaufen?

Die Mensch-Meier-Crew verhandelt also mit den Leuten vom Whole im Herbst 2023 eine Ablöse, in letzter Sekunde heißt es aber: Die Besitzer der Anomalie, die Gebrüder Ajwani, bekommen den Laden. Die Anomalie war damals noch die Galerie in der Storkower Straße 123, die im Gegensatz zum Mensch Meier in der Storkower Straße 121 über keine Vergnügungsstättenlizenz verfügte. Wir haben herausgefunden, dass eine hohe Summe Geld an den Vermieter geflossen ist. Im Gewerbemietrecht ist das nicht verboten. Das Mensch Meier handelt nun einen neuen Ablösevertrag aus, über Inventar und ideellen Wert, über 200.000 Euro. Und jetzt passiert das Seltsame: Nur drei Monate später ist der Nachfolgeclub, das Abstrakt, insolvent.

Was bedeutete das für die Mensch Meier-Crew?

Die bleibt auf dem Kaufvertrag sitzen. Jetzt kann man den Anomalie-Zwillingen Absicht unterstellen. Das ist aber sehr schwer zu beweisen. Wir konnten mit unseren Recherchen trotzdem zeigen: Die Zwillinge haben zumindest in Kauf genommen, dass der Club pleite geht. Und am Ende an der Übergabe des Mensch Meier an das HIVE Festival im Jahr 2025 womöglich noch dazuverdient. Es ist im Grunde ein Wirtschaftskrimi, der gleichzeitig viel über das Clubgeschäft erzählt.

Jürg Andreas Meister, Tim Schleinitz, Swantje Reuter – und dazwischen eine unbekannte Person (Foto: [audiokombinat])

Auch der Eigentümer des Geländes spielt eine Rolle – er soll in Dubai gewohnt haben und schon in Waffengeschäfte verwickelt gewesen sein. Was habt ihr über ihn rausgefunden? Konntet ihr mit ihm sprechen?

Seit den Achtzigern gibt es eine Reihe von Recherchen über Rolf Wegener, meist in Zusammenhang mit dem ehemaligen FDP-Politiker Jürgen W. Möllemann. Demzufolge sollen die beiden gemeinsam Waffenexporte organisiert haben: Möllemann als Staatssekretär mit dem Vermieter Rolf Wegener als Kontaktperson im Nahen Osten. Da ist von Schmiergeldern in Millionenhöhe die Rede. Einmal steht Wegener auch vor Gericht, wegen eines vermeintlich illegalen Spielertransfers in der ersten französischen Fußballliga.

Konntet ihr mit ihm sprechen? 

Wir haben ein kurzes Telefonat mit ihm führen könnten, mit Aussicht auf Rückmeldung und Interviewtermin. Er hat gesagt: Normalerweise macht er so was nicht, aber diese Anfrage sei doch eine ganz besondere. Leider ist das dann doch nicht zustande gekommen. Wir hätten sehr gerne seine Seite gehört und seine Stimme im Podcast gehabt. Es wäre eine wichtige Perspektive für uns gewesen, zu hören, wie Rolf Wegener auf sein Eigentum in der Storkower Straße schaut. Welchen Wert haben die Gebäude für ihn? Wie schaut er auf die Mieter:innen, die seine Immobilien mit Leben füllen und die Hauptstadt gestalten?

Swantje Reuter, Jürg Andreas Meister und Tim Schleinitz (Foto: [audiokombinat]

Wie bestimmt eine solche Figur das Berliner Nachtleben? Und wie können wir uns vom Einfluss solcher Immobilienhaie emanzipieren?

Den Begriff „Immobilienhaie” finden wir schwierig. Letztlich ist auch der Vermieter Wegener ein Ausdruck des Systems, er handelt schlicht nach den Regeln der Marktwirtschaft. Daraus kann man ihm keinen großen Vorwurf machen, finden wir. Tragisch ist aber, dass unser System so ist, dass an entscheidenden Stellen immer wieder einzelne Personen sitzen, die alleine darüber entscheiden, wie Räume in der Stadt genutzt werden. Räume, die ganz viele betreffen.

Wie könnte man das besser gestalten?

Eine Lösung könnte sein, sich mehr an gemeinschaftlichen Eigentumsmodellen zu orientieren. Zum Beispiel nach dem Vorbild des Mietshäuser Syndikats: Diejenigen, die das Gelände bespielen, sind auch die Eigentümer:innen. Wir brauchen Aktivismus, Engagement und eine funktionierende Demokratie. Zum Beispiel Unterstützung für Deutsche Wohnen enteignen, sich als Mieter:innen zusammenschließen, die eigenen Rechte kennen.

Die besten Ideen im kulturellen Bereich werden aus Leidenschaft geboren, in Freiräumen abseits des Alltags. Nicht aus Profitdenken. Die bittere Wahrheit ist, dass Berlin diesen Nährboden immer weniger bietet. Zumindest weniger als noch vor zehn oder 20 Jahren. Dadurch gehen Veranstaltende mit wenigen Mitteln oft aus der Stadt raus. Sie veranstalten Festivals ziehen in andere, kleinere Städte.

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