burger
burger
burger

Die Platten der Woche mit Birds, Double O, Freudenthaler, Galcher Lustwerk und OK EG

Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.

Birds – HNRUK010: Solitary Dancers EP (Höga Nord Rekords)

Im Hauptprogramm läuft wieder der Skandinavien-Krimi – diesmal allerdings mit deutlich mehr Substanz. Keine lieblose Vertonung, sondern handfester Psycho-Thriller! Untermauert von einer fesselnden Bild-, äh, Klangsprache. Und alles nur, um sich am Ende als Wasserleiche in den Fjord treiben zu lassen.

So oder so ähnlich hinterlassen Birds nach dieser EP. Eine beklemmende Stimmung macht sich in „Young Blood” breit. Kettensägenartige Drone-Elemente heulen immer wieder auf, während ein Vocal nachschwingt. Auch der Remix knackt das retardierende Moment. „Don’t Drink The Acid Water” hingegen orientiert sich ganz an alter Detroit-Manier: düstere Grundstimmung, geballte Acid-Line, breaky Drums. Dabei beginnt die EP zunächst mit einem ruhigen, tribal-artigen, aber doch skandinavisch-elektronischen Vibe. Fast möchte man meinen, beim Label Höga Nord Rekords sei es zwischenzeitlich tropisch geworden. Solange sich dabei nicht die Gemüter erhitzen – alles im grünen Bereich. Michael Sarvi

Double O – Humble Rock (RuptureLDN)

Der Februar hat es so an sich, dass man ständig auf den Kalender starrt und trotzdem immer irgendwo zwischen dem 11. und 17. kleben bleibt. Schon wieder Berlinale. Also: sich um zehn Uhr morgens eine dreistündige Dokumentation über französische Mehlsorten angucken. Dann doch lieber den letzten Alien-Film. Dafür muss man zum Glück nicht das Haus verlassen, sich aber die Frage gefallen lassen, ob man das nicht irgendwo schon mal gesehen hat? Aber wo? Ach da 1979. Und die Wumme hält sie so, na ja, weil: damals.

Man sollte meinen, das treffe auch auf Jungle zu. Denn die Versatzstücke sind oft die üblichen Verdächtigen, aber ohne Plot-Twist am Ende. Die neue EP von Double O ist da keine Ausnahme: Diese Ruhe-vor-dem-Sturm-Songstruktur, ein wohlgeformter Amen-Break und dieses Sample hört man doch auch nicht zum ersten Mal. Das kümmert aber niemanden, weil alles solide verschraubt wurde und die Birne mal wieder ordentlich durchgeschüttelt wird. Die ekstatisch-hypnotisierenden Drums gepaart mit seichten Ambient-Jungle-Pads geben dem Ganzen die genretypische, rohe und spirituelle Energie. Also: lieber gut kopiert als schlecht innoviert, oder so. Jakob Senger

Freudenthaler – I clap on one and three (Brombért)

Auf Eins und Drei klatschen normalerweise nur Leute, die beim Grillfest eine beige Funktionsweste tragen oder im Fernsehgarten die totale Ekstase suchen. So quasi das metronomische Äquivalent von Socken in Sandalen – und zwar mit einer Grandezza, dass man sich fragt: Bin ich der Geisterfahrer oder sind es die anderen?

Aber gut, dieses Klatschen, das ist die Haltung. Ich bin hier, ich bin frei, und ich ziehe das jetzt durch. Schließlich kommt da der Stolz des Geisterfahrers durch. Der fährt ja nicht nur falsch herum – das wäre zu einfach. Er hupt auch noch laut rum. Und zwar bei jedem ersten und dritten BMW, den er umgekehrt im Rückspiegel begrüßt.

Der Niederländer Freudenthaler (nicht zu verwechseln mit dem Freundenthaler von „Lemon Tree”) nimmt nicht die falsche Abfahrt, sondern erwischt sie auf dem schicken Leipziger Label Brombért zum richtigen Zeitpunkt, also so 1997. Ein paar mögen UK Garage dazu sagen, andere haben was gegen Saxophone. Am Ende klatscht man aus deutscher Gewohnheit mit – auf die Eins, die Zwei, die Drei und auf die, äh. Christoph Benkeser

Galcher Lustwerk – Vestibule EP (StrataSonic)

Auf der Vestibule EP hat Galcher Lustwerks Musik exakt nichts von ihrem Zauber eingebüßt. Seit über einer Dekade nimmt der US-Amerikaner mit Stream-of-Consciousness-Lyrics und House-Beats ein, die trotz maximaler Coolness Nahbarkeit zulassen. Diese Musik ist keineswegs abgebrüht, sondern wirkt bei allem Wiedererkennungswert so feingliedrig wie eh und je.

Die ersten luftigen Drum-Loops von „Shorty Out” leiten die Lustwerk-Transzendenz ein, Chris Sherrons Vocals hangeln sich idiosynkratisch von Bar zu Bar und eruieren nachdenklich das Wesen einer potenziellen Partnerin: „Shorty’s not a groupie, shorty got some clout.” Zerbrechlichkeit vermittelt sich über die Synths, Machismus vermeidet niemand so elegant wie Galcher Lustwerk. Der Titeltrack hat zunächst etwas mehr Zug in den Basslines, beschwört mit ähnlich gelagerter Melodie und einem Saxophon aber erneut Melancholie: „Reservation for two, I’m in the vestibule.” Großstadtmusik, die existenziellen Schmerz zwischen Getriebenheit und Vereinsamung in eine tanzbare Form bringt. Nach doppeltem Storytelling folgt ein mittelgeschwindiger Jam, der die Lustwerk’sche Dichotomie zwischen Club-Funktionalität und emotionalem Tiefgang ganz ohne Stimme hinbekommt. Der Kopf will grübeln, die Beine tanzen. Maximilian Fritz

OK EG – GEKO01 (GEKO)

Der Geko gleitet elektrisiert durch graue Mangroven an der australischen Küste. Dieses Bild drängt sich auf, wenn OK EG ihre erste EP auf dem eigenen Label GEKO ausrollen. Lauren Squire und Matthew Wilson aus Melbourne übersetzen Natur nicht in Fieldrecordings, sondern in Bewegung, in ein Sounddesign, das weniger gebaut als gewachsen wirkt.

Mit klassischer Klangerzeugung hat das hier kaum etwas zu tun. Die Tracks bewegen sich in einer hypnotischen Tiefe, in der Genre-Fragen ohnehin ins Leere laufen. Es ist Minimal. Es ist Techno. Es ist Acid. Es hat Bounce. Weniger ist mehr und Es hat alles, und ist doch ganz eigen – vielleicht abgedroschene Phrasen. Aber selten treffen sie so präzise zu wie hier. Stimmenartige Acid-Linien ziehen sich durch kratzende, verzerrte Synthesizer, darunter rollt ein Bass, der nicht drückt, sondern schiebt. „Fracture” zeigt das besonders deutlich: Die Intensität entsteht nicht durch Verdichtung, sondern durch die Präzision der einzelnen Elemente – ein organisches Kreisen, das sich Schicht für Schicht auflädt.

Die Schnittstelle aus analogen Sound-Erzeugern und digitaler Produktion erschafft diese spröde Eigenständigkeit. Eine Handvoll Elemente, präzise rhythmisiert. Durchlaufende Synth-Spiralen, die nach jedem Track eine kurze Atempause verlangen. Gemacht für die große Anlage, wo sich die Texturen körperlich entfalten, und doch bereits im In-Ear beeindruckend. Paul Sauerbruch

In diesem Text

Weiterlesen

Reviews

Motherboard: März 2026

Klangreisen zwischen Onsen-Stille und Berliner Club-Dunkel – das Motherboard erkundet Synthesizer-Träume, freien Jazz und zarte Kammermusik.

Die Platten der Woche mit Brendon Moeller, Tommy Four Seven, Lurka, Per Hammar und Sam Goku

Unsere Platten der Woche kommen diesmal von Brendon Moeller, Tommy Four Seven, Lurka, Per Hammar und Sam Goku.

Februar 2026: Album des Monats

Auf dem Album des Monats umschifft Soreab Vorhersehbarkeit perfekt, indem er seinen Seelendruck in zehn abwechslungsreiche Tracks gießt.

GROOVE Reviews: Teil 2 der Alben im Februar 2026

Teil 2 der Alben im Februar – mit Reviews zu Maara, Noémi Büchi, Nondi_, Placid Angles und Shane Parish.