Mit der aktuellen Sonderausstellung Omen Club, 1988–1998 New Electronic Ecstasy strickt das Museum of Modern Electronic Music (MOMEM), weiter an seiner lokalheroischen Narration. Irgendwie auch folgerichtig, schließlich befindet sich das Museum unter der alten Frankfurter Hauptwache, in der B-Ebene, und damit einen Korkenknall entfernt vom Roßmarkt, an dem das legendäre Omen lag. Mit ihrem Club, in dem es allwöchentlich krachte und in dem der Schweiß, wie überall zu hören und zu lesen ist, von der Decke tropfte, haben die Betreiber Sven Väth, Michael Münzing und Matthias Martinsohn einen zentralen Fußabdruck im Mythos Frankfurts als damaliger Technohauptstadt hinterlassen.

Apropos Fußabdruck: Schuhe sind in der Ausstellung auch zu sehen, in einer Glasvitrine im Vorraum des Museums, in dem sich die kleine Schau darbietet, umgeben von weiteren Mode-Accessoires wie Sven Väths alter BMX-Hose oder frühen Ausgaben von GROOVE und Frontpage – beide starteten zu der Zeit als Fanzines in Frankfurt. „Customized Plateau-Sneaker” wird das Tretwerk mit der dicken schwarzen Plateau-Sohle an der Wandtafel beschrieben.

Es sei sein Paar, erzählt Museumsdirektor Alex Azary lächelnd. „Sven hat zwei Paar davon.” Schuhe mit Geschichte, auf die Sven Väth durch die „Club-Kids” in New York aufmerksam geworden sei. Bei ihrem nächsten gemeinsamen Trip dorthin seien sie in Little Italy zu einem italienischen Schuster gegangen und hätten sich dicke Sohlen unter ihre Sneaker bauen lassen. Laut Azary habe Väth damit den Buffalo-Gründer Michael Conradi zu seinen berühmten 1990er-Jahre-Boots inspiriert.
Nostalgie triggern
Die Omen-Schau will vor allem eins triggern: die Nostalgie. Und das scheint, zumindest gemessen an den vielen eher mittelalten Besucher:innen an diesem Samstag im Januar, aufzugehen. Das Omen sei „einer der ersten Clubs weltweit” gewesen, „der elektronische Musik kompromisslos ins Zentrum stellte”, heißt es im Einführungstext, und weiter dass die Eröffnung in „eine Zeit des Aufbruchs” fiel: Mauerfall, Räume für neue Subkulturen, technologische Errungenschaften.
Das Geheimnis, warum das Kondenswasser von der Decke tropfte, lüftet Matthias Martinsohn in einem der Interviews, die auf den vier Screens zu Beginn der Ausstellung zu sehen sind: Man konnte sich eine Klimaanlage einfach nicht leisten. DIY at its best. Ebendort erzählt auch der damalige Omen-Resident Dag Lerner alias DJ Dag, dass der Club eine Familie gewesen sei. Und gibt die Anekdote zum Besten, dass er sich einmal bei der Closing-Platte vergriffen habe und der Club nicht leerer, sondern wieder voller geworden sei. Der irrtümlich gezückte treibende Sound habe alle wieder auf die Tanzfläche gezogen.

Mit einer multimedialen Komprimierung lässt die Schau das Omen aufleben. Über von der Decke baumelnde VR-Brillen lassen sich mittels Hand- und Kreisbewegungen je fünf verschiedene Videos aus dem alten Club anschauen. Eingefangen wurden sie, wie Azary erzählt, von Pit Weber, der in der prädigitalen und handyfreien Zeit mit großer Kamera auf der Schulter gefilmt habe – nicht nur damit hat man schon damals der Mythenbildung Vorschub geleistet. In Vitrinen sind neben den Magazinen und Accessoires alte Flyer zu sehen.
Leicht liebevoll
An den langen Wänden rechter- und linkerhand zeigt eine Galerie mit Texten und Fotos von Ernst Stratmann und Sascha Luond, gedruckt auf Vinylformat, Club-Impressionen, Gäste, die Omen-Crew und die Residents. Natürlich fehlt hier das legendäre Closing nicht, bei dem das Omen überrannt wurde und sich die Junghofstraße ein Wochenende lang in einen Open-Air-Club verwandelte. Auf den Wände des Ausstellungsraums breitet sich eine Filztapete aus, auf der die ikonischen wandgroßen Illustrationen der Künstler Stellmacher & Jensen gedruckt sind, die damals den Clubraum des Omen zierten.

Zugespitzt ist die kleine Ausstellung auf eine DJ-Zone am Kopf des Raumes. Dort schlummern in einer Glasvitrine der erste Thorens-Plattenspieler und ein originales Rodec-Mischpult aus dem Omen. Dahinter hat man die Möglichkeit, mit einer von DJs zusammengestellten Auswahl von Platten in den Sound des Omen hineinzuhören. Die Dibondplatten im Vinylformat lassen sich auf ein Plattenspielerimitat legen, um sie sozusagen abzuspielen. An der Wand daneben stehen Väths erste beiden, ramponierten und mit Aufklebern übersäten, Plattenkoffer. Sven sei der erste Künstler der Szene gewesen, der mit seinem Sound weltweit rumkam, so Azary.

So liebevoll die Ausstellung auch zusammengestellt ist: Sie ist in dieser Komprimierung doch recht dünn geraten und passt zugleich in die Historie des im April 2022 eröffneten Museums. Denn nach der kontrovers besprochenen ersten Ausstellung Sven Väth – It’s simple to tell what saved us from hell ist Omen Club, 1988–1998 New Electronic Ecstasy bereits die zweite, die, wenn diesmal auch indirekt, das Frankfurter Techno-Urgestein Väth ins Zentrum rückt.

Dazwischen gab es unter anderem Ausstellungen zum 30. Jubiläum des Festivals Love Family Park, zum ebenfalls 30-jährigen Bestehen der Nature One, zur Band Tangerine Dream oder zu Italo Disco. Das MOMEM wirft vor allem den Blick zurück, besonders gerne in die goldene Zeit Frankfurts, hat aber bisher wenig bis nichts über die Gegenwart der Szene oder der Musik erzählt: Schade!
Wer die Entwicklung des Museums verfolgt hat, kann nicht anders, als zu dem Schluss zu kommen, dass hier Utopie und (strukturelle) Realität auseinanderklaffen. Die Erwartungen vor der Eröffnung waren (auch hausgemacht) gewaltig: MOMEM, das Museum für elektronische Musik weltweit, namentlich gleichgestellt mit dem New Yorker MoMA.
Stress mit der Stadt
2026 wirkt das Museum, das einen treuen Fanclub und einen Verein um sich versammelt, wie ein Ort, in dem Nostalgie konserviert wird. Und der sich, neben tollen Workshop-Programmen zum Auflegen und zur Musikproduktion, vor allem für die Kohorte von Väth, Azary und Co. interessiert. An Samstagen finden regelmäßig Clubnächte statt, die früh starten und enden – gut für die älteren Semester und die Frankfurter Clubs, in die die Jüngeren unter den Gästen übersiedeln können.

Von der inhaltlichen Ausrichtung und der manchmal fragwürdigen Kuration mal abgesehen, hat das MOMEM laut Azary zudem stark mit den Folgen nicht eingehaltener Versprechen der Stadt zu kämpfen. Die ursprüngliche Vereinbarung sei gewesen, dass das Museum neben den Räumen in der Hauptwache auch jene des unter dem Roßmarkt gelegenen ehemaligen U60311 für Veranstaltungen bekommt. Das Konzept: Weil die Stadt nur die Räume, keine Finanzierung stellt, will sich das MOMEM über Veranstaltungen im U60311 selbst finanzieren.
„Wir machen das Beste aus den Möglichkeiten”
Alex Azary (MOMEM)
Nun zwingt die Realität das Museum allerdings zu kleineren Formaten in den eigenen Räumen, weil es das U60311 nicht nutzen darf. Die Stadt sagt, dass die Verkehrsgesellschaft Frankfurt sie als Lagerfläche brauche. Dort sei alles, erzählt Azary nicht ohne Empörung, herausgerissen worden. Man hätte mit einigen brandschutzrechtlichen Anpassungen gleich starten können. Bürokratischer Nonsens scheint hier einmal mehr Kultur(-räume) aufzufressen.

Unter diesen Voraussetzungen erscheint vieles in einem anderen Licht. Die beiden Jubiläumsausstellungen waren Gastbespielungen, so Azary. Und die Omen-Ausstellung konnte nur durch viele frei zur Verfügung gestellte Exponate, viele ehrenamtliche Hände und eine Crowdfunding-Kampagne überhaupt in diesem Umfang zustande kommen.
Laut dem Direktor wird Omen Club, 1988–1998 New Electronic Ecstasy bis zum Sommer verlängert und die Ausstellung Milestones – Favourite Club Tracks vorübergehend zu einer Art Dauerausstellung aus- und umgebaut – eine gute Entscheidung. „Wir machen das Beste aus den Möglichkeiten, die uns gegeben werden”, sagt der Museumsdirektor bestimmt. Macht dann aber bitte endlich mehr mit einer gegenwärtigeren und diverseren Perspektive!