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Die Platten der Woche mit Alexander Robotnick, Maara, Martinou, dem Acid Sampler Part Two und Wax

Alexander Robotnick – My La(te)st EP (Bosconi)

Endlich mal wieder Lebensgefühl sagen. Weil, na ja, Italien! Für Nudelstrohhalme in Aperolpokalen ist es zwar noch ein bisschen früh. Aber in der Toskana hat es sowieso nur vier Grad. Und das ist – sofern man nicht gerade tagelang in der Dunkelheit hockt – eher kein Vibe. Daher, also: Musik. Als letzter Sonnenstrahl. Als erster sowieso. Bei Bosconi, dem Italo-Label, gibt es die ohne klebrigen Campari-Soda-Abklatsch. Dafür mit der distanzierten Eleganz eines Mannes, der mit 76 immer noch in knackige Levis passt, dass man sich als Mittedreißiger beim bloßen Anblick seines Pressefotos eigentlich nur noch entschuldigen möchte. Ja, Robotnick hat schon Synthesizer gestreichelt, als wir alle noch in Cordhosen vor dem Röhrenfernseher versauerten. Angestrengter Alters-Techno ist My La(te)st EP trotzdem nicht. Eher: ein Abschiedsbrief, mit Lippenstift auf Badezimmerspiegel. Man hört diese Tracks und möchte sich sofort in einen Lancia Delta setzen, viel zu schnell durch die Nacht rasen und dabei so tun, als hätte man Gefühle, während man eigentlich nur die perfekte Kühle der Maschine bewundert und dann doch wieder anfängt, mit dem Lebensgefühl. Christoph Benkeser

Maara – The Chase / Ultra Villain (NAFF)

Carbonated” hat mich damals voll aus den Socken gehauen, aber der ganze neue Kram? Da stehen plötzlich fünf Leute mit echten Instrumenten und Mikrofonen auf der Bühne – was soll das Schischi? Und dann ist nicht mal King Krule am Start. Können die nicht einfach wieder Post-Dubstep machen? Die Welt dreht sich weiter, nur du musst dich mal wieder querstellen: Die Arme demonstrativ ineinander verschränkt, und die Beine schlagen Wurzeln, dass die Leute um dich herum nicht anders können, als darüber zu stolpern. Jever Fun, count me in, aber draußen beim Späti kostet’s nur ein Drittel. Also: Meiner vierzigtägigen Mundwüste trotzen und die restliche Zeit wie dritte Torhüter absitzen.

Zum Glück tickt Maara anders. Maara erkennt man jetzt an ihrer Stimme. Maara macht da weiter, wo sie mit The Ancient Truth aufgehört hat. Dieses Mal mit Vocals. Das ist Portishead, aber sexy. Irgendwie ravey, nur gesitzpolstert. Der Dancefloor scheint schon noch in Sichtweite, aber wir haben doch alle mittlerweile gute Sonos-Boxen zuhause, also warum bei Rutschgefahr das Haus verlassen. Wir werden schließlich auch nicht jünger – den drohenden Verfall kann selbst der Pinguin-Gang nicht verhindern. Und „Maybes” ist gar nicht mal so gut gealtert. Jakob Senger

Martinou – Always There (Nous’klaer Audio)

Es ist sieben Uhr morgens. Nassgeschwitzt vom Tanzen liegt man sich in den Armen. Der Bass lässt die Knochen vibrieren; durch Nebel und rotes Licht treffen die ersten Sonnenstrahlen auf ein warmes Gesicht. Die Clubenergie reicht dem emotionalsten Moment des Sets die Hand – jenem Augenblick, in dem einem bewusst wird, warum man elektronische Musik und Nachtkultur so liebt.

Martinou erreicht mit dem Opener „Ready To Let Go” seiner neuen EP Always There genau diesen Punkt: ein Stück, von dem man als DJ weiß, dass man es immer dabeihaben möchte, um irgendwann die richtige Nacht und den richtigen Moment in ein Geschenk für das Publikum zu verwandeln. Die progressiven Stücke, getragen von tiefem Bass, Dub-Elementen und melancholischen Synthesizern, dürfen im Plattenkoffer nicht fehlen. Der Schwede veröffentlicht nach mehreren Alben auf dem niederländischen Label Nous’klaer Audio ein vierteiliges Werk, das klar Dancefloor schreit und dennoch bereits nach dem ersten Hören nostalgisch wirkt. Begleitet von Tiefe und Atmosphäre, funktioniert die EP vollständig ohne Vocals: Eine klare, fokussierte Produktion, die weniger erzählt als auslöst und dabei direkt die Sensorik trifft. Paul Sauerbruch

VA – Acid Sampler Part Two (Running Back)

Sich einmal in die Music Box in Chicago zurückversetzen, wo alles angefangen hat – ein paar kreative Köpfe verunstalten die voreingestellten Sounds einer Roland 303. Genau so ist Acid House entstanden und legte damit den Grundbaustein für eine musikalische Revolution. Fegte das ekstatische Gepiepse zunächst ganze Dancefloors leer, füllte es nach kurzer Zeit ganze Hallen.

Mit dem Acid Sampler Part Two nimmt Running Back direkten Bezug auf diese Zeit: die typischen Claps im Achtel- oder Sechzehntel-Takt, atmosphärische Synths und, am allerwichtigsten, eine prägnante Acid-Line. Aber das ist kein billiger DJ-International-Abklatsch – der Sound hat sich entwickelt und ist anspruchsvoller geworden, im positiven Sinne. Nicht zuletzt merken Kenner:innen, von welchen Klassikern sich Mathew Jonson und The Mole zu „303 Swing”inspirieren ließen. Für House-Heads der ersten Stunde eine absolute Empfehlung. Michael Sarvi

Wax – WAX20002 & WAX30003 (Wax) (noWt) [Reissue]

Wie klingt Berlin? Auf diese Frage lässt sich heute keine eindeutige Antwort mehr finden. Ende der Nuller- und Anfang der Zehnerjahre war die Sache aber klar: Nach Wax, einem Alias von René Pawlowitz, auch bekannt als Shed oder Head High. Besonders „30003b” mit seiner brutalistischen Dubstep-Bassline und den immergleichen, eigentlich unspektakulären vier Dub-Chords hat heute Legendenstatus, und das völlig zu Recht: Pawlowitz bringt darin den Hauptstadt-Klang der Neunziger – Basic Channel bleibt die immerwährende Referenz – mit seiner unnachahmlich druckvollen Produktion zusammen. Zu einem Track für die Ewigkeit, der auf Dancefloors noch heute Ehrfurcht hervorruft. „30003a” gleitet eleganter dahin und entwickelt nicht die Dringlichkeit seines Gegenparts. Will es aber auch nicht, sondern beschwört einen Anflug von Melodie fürs geschundene Raverhirn.

Auch WAX20002 erschien Ende der Nullerjahre. Die A-Seite weckt Assoziationen mit Chris Kordas „I Like To Watch”, ist genügsamer Dub Techno, der vom optimalen Loop zehrt, von der ewigen Wiederholung. Keys, die sich gerade so nicht mit den Händen greifen lassen, Verflüchtigung, ein Break. Und wieder von vorn. Auf der B-Seite dann die Gefühlsexplosion: Dub bildet das Fundament, Streicher drehen sich himmelwärts. Formvollendete, aktualisierte Grundlagenarbeit, oft kopiert, doch nie erreicht. Jede Neupressung ein Geschenk. Maximilian Fritz

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