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Motherboard: November 2025

Das slowenische Trio Širom hat sich in den knapp zehn Jahren seines Bestehens eine einzigartige Nische erspielt. Vollakustische Soundscapes auf traditionellen und neu erfundenen, archaischen Instrumenten. Es erzeugt Stücke, die elektronisch-tribale Strukturen haben können und doch aus einer völlig anderen Zeit und Welt in die Jetztzeit geweht scheinen. Formal avanciert, innovativ bis ins kleinste Detail, doch immer improvisiert für den Moment gespielt, gibt das massive fünfte Album In the Wind of Night, Hard-Fallen Incantations Whisper (Glitterbeat, 3. Oktober) sein bisher beeindruckendstes Statement ab, über die Möglichkeiten einer imaginären Folklore, die zugleich ungeahnte Zukunftsmusik ist.

Die Lebenszeichen verdichteten sich nach der Pandemie. Und nun ist es passiert: Es gibt tatsächlich ein neues Album von Donna Regina. Das Kölner Duo aus Günther und Regina Janssen hat sich die nötige Zeit genommen, unterbrochen nur von gelegentlichen visuellen Signalen von und mit dem Videokunst-Team GrawBöckler, mit dem es seit Dekaden zusammenarbeitet. Daneben gab es Reissues der frühen Nummern aus dem Katalog ihrer mittlerweile 35 Jahre andauernden Aktivität als unaufdringliche Pop-Erneuerer. Die Vertrautheit, die sich beim ersten Hören von Lilac (Karaoke Kalk, 31. Oktober) einstellt, ist enorm. Die hauch-sprechgesungenen Vocals, die transparente Produktion und die immer tollen Dub-Bässe. Donna Regina sind immer noch, immer wieder die Avantgarde und Zukunft von Trip-Hop und Electro-Pop, sogar zig Jahre nach deren Höhepunkt. 

Die Norwegerin Tuva Hellum Marschhäuser alias Tuvaband bringt ihren modernen Trip-Hop-Kammerpop gerne in leichte Schieflage. Vor allem, wenn die Planken unter den Füßen plötzlich in eine andere Richtung driften als der Magen. Nicht aber bis zur Übelkeit, sondern bis zum eleganten Schunkeln im Schwanken. Auf ihrem fünften Album Seven Ways Of Floating (Tuvaband, 24. Oktober) gelingt das sogar besonders intensiv psychedelisch. Es sind an sich eher konventionelle Popsongs, die unvermittelt abheben, sich uneigentlich verlaufen, beginnen über Klanglabyrinthen schweben, ohne ihre Bodenhaftung zu verlieren. Also einfach richtig gute Popmusik.

In der traditionellen Spielweise von Gamelan, wie sie in Westjava und weltweit in großen Ensembles bis heute gepflegt wird, erwächst die Faszination aus dem Zusammenspiel. Daraus, wie sich zahlreiche wiederholte einfache Muster zu einem komplexen großen Ganzen fügen, wie sich Muster und Phasen langsam oder abrupt verschieben und doch eins bleiben. Nicht zuletzt daraus, wie einzelne Beteiligte im Gesamtklang verschwinden und doch als eigenständige Beiträge unverzichtbar sind. Die Reduktion auf einzelne Töne in minimalistischen Soundscapes durch ein kleines kammermusikalisches Ensemble verschiebt den Fokus deutlich, kann aber ebenfalls in einem faszinierenden Klangerlebnis enden. Wie bei der Kollaboration der Kanadier Bill Brennan & Andy McNeill. Was der versierte Komponist und Pianist mit dekadenlanger Erfahrung in Gamelan-Ensembles mit dem nicht weniger versierten Tontechniker und Soundprocessing-Spezialisten anstellt, ist in beinahe 25 Jahren zu einem Album gereift. Dreaming In Gamelan (Bill Brennan & Andy McNeill Eigenrelease, 24. Oktober) ist in der starken Einbeziehung von Jazz und Ambient definitiv nicht mehr traditionell, aber von einer souverän reifen Eleganz und Lässigkeit, die ihresgleichen sucht.

Eleganz ist ebenfalls das Stichwort für die Kontinente und Generationen überbrückende Kollaboration von Anushka Chkheidze & Robert Lippok. Die georgische, mittlerweile in den Niederlanden lebende Producerin und der Berliner Alt-Avantgardist haben ihre gemeinsame Präferenz für zurückhaltend-pluckernde, leichtjazzige Drone-Soundscapes auf einem Workshop in Tbilissi entdeckt (Motherboard berichtete). Fünf Jahre später erscheint nun das gemeinsame Album Uncontrollable Thoughts (Morr, 31. Oktober), das weniger eine Verschmelzung oder Synthese der typischen Sounds der beiden darstellt als einen Neuanfang, einen Schritt weiter. Also keine fluffige IDM-Electronica nach Neunziger-Art, keine minimalistisch-postrockenden Tracksongs, sondern etwas Neues, das so keine:r von beiden bisher gemacht hat. Wobei es natürlich dennoch voll nach Chkheidze & Lippok klingt, nur viel lässiger, von jedem Erwartungsdruck befreit.

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