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Motherboard: September 2025

Noch so einer: Die Postrock- und Jazz-Szene Chicagos wäre ohne Matthew Sage nicht die, die sie heute ist. Doch auch für ihn war die Pandemie eine Zäsur und Anlass, wieder nach Colorado zurückzuziehen, den spärlich besiedelten Bundesstaat der USA, in dem er aufwuchs. Auch ein Grund, die zahllosen Kollaborationen (vor kurzem zum Beispiel diese) zurückzufahren zugunsten von Soloarbeit als M. Sage. Und diese könnte schöner kaum geworden sein als auf Tender / Wading (RVNG Intl., 26. September), wo sich abstrakte, in Noise getauchte Country-Folk-Americana mit Ambient-Jazz, Field Recordings und Glitch kreuzen, ohne im Geringsten miteinander zu fremdeln.

Die Musikerinnen und Musiker des isländischen Bandkollektivs múm leben im 35. Jahr ihres Bestehens inzwischen über die Kontinente verstreut, repräsentieren aber noch immer die spezifischen, unverwechselbaren Eigenheiten der Musikszene der Insel. Etwa der aus relativer Isolation entsprungene Drang zum Zusammenhalt, der Wille, dem großen Außen etwas eigenes Kleines entgegenzusetzen, was zu den subtil-abseitigen, milde-weirden und doch immer freundlich warmen, weltumarmenden Stücken führt, die History of Silence (Morr, 19. September) nach zwölf Jahren Funkstille sofort wiedererkennbar machen. Diese heimelig-seltsame, seltsam-heimelige Stimmung, von der man erst beim Neu- und Wiederhören merkt, wie sehr man sie doch vermisst hat, all die Jahre.

Das anonyme japanische Projekt The Furico Music Team, zurzeit bestehend aus zwei als TM und TI abgekürzten Mitgliedern, treibt die digitale Abstraktion auf die Spitze, ohne im Geringsten danach zu klingen. Le Cube Dans Mon Rêve (Kitchen. Label, 4. Juli), ihre zukunftsfrohe wie rückwirkende Erfindung eines musikalischen Kubismus, den es IRL nie gab, verwischt hyperreal gehaltenen Fourth-World-Kammer-Synthpop ins leicht absurd Surreale. Es klingt, als hätte das Penguin Café Orchestra Ende der Achtziger ein Demotape liegen lassen, das auf obskuren Wegen nach 40 Jahren in einem der Stores für Kassetten-Otakus in Tokio-Ochanomizu wieder aufgetaucht ist und mithilfe einer KI zu analogem Glitch-Pop digitalisiert wurde. Ist natürlich Blödsinn, denn hier ist alles echt und authentisch. Neue Musik aus Gestern mit Morgen.

Der enigmatische Producer Meitei / 冥丁 aus Hiroshima hat sich weltweit einen Namen gemacht, indem er eine imaginäre Tradition aus Samples auferstehen lassen hat, ein erträumtes altes Japan, das es so nie gegeben hat. Anfangs noch sehr lose in der Tradition der Lo-Fi-Instrumental-Hip-Hop-Headz-Beatschneiderei, hat sich Meiteis Sound im Laufe der Jahre von sämtlichen etablierten Stilen oder Genres emanzipiert und spürt der gefühlt verlorenen japanischen Innerlichkeit seit geraumer Zeit in abstrakter gewordenen, kargen Ambient-Sounds nach. Auf Sen’nyū / 泉涌 (Kitchen.Label, 8. August) passiert das mit Field Recordings aus Tempeln, Bächen, Quellen, Bädern, Schreinen und Wäldern. Mit Nationalismus oder Chauvinismus hat das ebenso wenig zu tun wie mit Nostalgie nach den vermeintlich guten alten Zeiten. Es ist ein Aufruf, innezuhalten und zu hören. Ein ganz und gar modernes Statement und ein durch und durch globales Sentiment.

Gayle Young & Robert Wheeler, das ist mal eine spannende Kombination zweier kompromissloser Avantgardisten, die aber doch auch populär können. Young als Instrumenten-Erfinderin und Soundtrack-Komponistin, Wheeler als Keyboarder der Avant-Rocker Pere Ubu können zusammen natürlich nicht anders als From Grimsby To Milan (Farpoint Recordings, 5. September) innovativ zu klangforschen und aus jeweils sehr unterschiedlichen Klangerzeugern gegenseitige Inspiration zu ziehen. Wheeler mit minimalem Setup an einem modularen Vintage-Synthesizer von EML, der vorwiegend subtiles Fiepen und Blubbern von sich gibt. Gayle entlockt dem Amaranth, einer von ihr entwickelten Bass-Zither mit gewisser Ähnlichkeit zur japanischen Shō, vorwiegend außermelodisches Knarzen und Klopfen. Ein Sound von Biegen und Brechen.

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