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Artur Wojtczak über die Freedom Parade in Łódź: „Die Euphorie ist zurückgekommen”

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Seit vier Jahren kehrt mit der Freedom Parade ein Stück polnische Techno-Geschichte zurück auf die Straßen von Łódź. Was 1997 aus der Underground-Szene entstand und Anfang der Zweitausender zum kollektiven Feier-Ausruf für 80.000 Raver:innen wurde, lag zwei Dekaden brach. Vom 29. bis zum 31. August erwacht die größte Techno-Parade Osteuropas wieder zum Leben.

GROOVE-Autorin Lea Jessen hat mit Musikjournalist und Club-Promoter Artur Wojtczak darüber gesprochen, warum dieses Event nicht nur eine Party, sondern ein bedeutendes Stück städtischer Kulturidentität ist, über das Gefühl der Zusammengehörigkeit und die Restauration alter Technohistorie.

GROOVE: Du bist Musikjournalist, Club-Promoter und Autor. Was ist deine Rolle und persönliche Verbindung zur Parade?

Artur Wojtczak: Als die jungen Raver:innen damals gehört haben, dass eine Street Parade organisiert werden sollte, waren alle total glücklich. Bei der ersten Parade 1997 war ich noch ein Teenager, seitdem habe ich an jeder Parade teilgenommen und bin viel in der Szene unterwegs gewesen. Seit der Reaktivierung 2022 helfe ich beim Marketing und mache PR. Ich spreche zum Beispiel mit Radiosendern oder Magazinen in Polen und im Ausland, um die Parade bekannt zu machen.

Artur Wojtczak (Foto: Privat)
Artur Wojtczak (Foto: Privat)

Was ist geplant und wie viele Gäste erwartet ihr?

Im letzten Jahr haben wir mit circa 60.000 Menschen gefeiert. Dieses Jahr wird die Parade zum ersten Mal drei Tage dauern – und nicht nur einen Tag wie bisher. Am Freitag stimmen wir uns auf den Haupttag der Parade ein. Am Samstag findet die eigentliche Parade von 15 bis 22 Uhr statt. In diesem Jahr haben wir 15 Floats auf der Piotrkowska-Straße, die später durch die Stadt fahren, darunter auch die Blackworks-Mainstage. Ziel ist die Afterparty in der Sporthalle, das einzige Event, für das man Tickets kaufen muss. Die Sporthalle als Afterparty-Location hat Tradition. Schon in den Neunzigern haben wir dort bis in den Morgen getanzt. Auf dem Line-up stehen DJs wie Ben Klock, Adriana Lopez, Fadi Mohem oder Marcel Dettmann.

Was macht den Ort Łódź, der auch als polnisches Manchester bezeichnet wird, so geeignet für die Parade?

Łódź ist eine spezielle Stadt. Sie war schon immer sehr industriell geprägt. Vor dem Ersten Weltkrieg war sie Zentrum der Textilindustrie. Damals sind die ersten großen Fabriken entstanden, ähnlich wie in Manchester, daher der Name. Außerdem gilt Łódź als Stadt der vier Kulturen: Hier kamen die polnische, die deutsche, die jüdische und die russische Kultur zusammen. Als nach dem Mauerfall der freie Markt nach Polen kam, ist die Textilindustrie durch die vielen Importe zusammengebrochen. Die Stadt hatte es schwer – hohe Arbeitslosigkeit und wenig Perspektiven.

Artur Wojtczak bei der Freedom Parade 1998 (Foto: Privat)

Wie eroberte die elektronische Musik dann die Stadt?

Trotz der Probleme gab es immer einen Underground. In den Neunzigern klang Łódź anders als der Rest Polens. In Warschau waren eher Techno und House angesagt, und in Krakau stand man mehr auf Garage und Jungle. In Łódź waren Breakbeats groß. Das ist bis heute so, bei uns sind Oldschool-Jungle- und Hardcore-Partys nach wie vor beliebt, auch wenn Techno mittlerweile überall das beliebteste Genre ist. Die ersten Leute, die in den Neunzigern auf der Parade standen, hatten in einer alten Textilfabrik einen Club für Techno und Happy Hardcore gegründet: das New Alcatraz.

Wie habt ihr es schlussendlich geschafft, die Parade 2022 wiederzubeleben? Gab es viele bürokratische und politische Hürden, oder habt ihr Unterstützung erfahren?

Die Techno-Parade war eine richtig große Sache, aber leider wurde sie Anfang der Zweitausender von einem konservativen Bürgermeister verboten. Als 2021 das Buch Technowulkan von Bartłomiej Kluska erschien, entstand plötzlich ein Momentum. Die Leute haben wieder über ihre Erinnerungen gesprochen, es hat sich plötzlich wieder das Gemeinschaftsgefühl der Neunziger breit gemacht; alle wollten, dass die Parade zurückkommt. Aber erst als Hanna Zdanowska Bürgermeisterin von Łódź wurde, gab es Hoffnung. Sie war offener und hat die Bitten der Aktivist:innen, die Parade wieder stattfinden zu lassen, ernstgenommen. Sie will Łódź als Stadt zeigen, die offen und divers ist. Seitdem werden viele leerstehende Fabriken als Party-Locations genutzt.

Der Flyer der Parade 2022 (Foto: Privat)

Wie wird die Parade finanziert?

Seit vier Jahren finanziert die Stadt die Parade – und auch andere Musikveranstaltungen, zum Beispiel das Łódź Summer Festival: Drei Tage, 500.000 Besucher:innen und freier  Eintritt. Es gibt auch noch das Ravekjavík, ein Mix aus Partys, Seminaren und Workshops. Das Ravekjavík ist eher artsy und arbeitet eng mit der lokalen Film- und Kunstschule zusammen. Łódź macht die Musik jetzt bewusst zu einem Markenzeichen der Stadt. Ich bin sicher, dass das funktionieren wird.

Wie sehen die Reaktionen auf den Neustart der Parade aus? 

Allein die Reaktivierung 2022 hat gezeigt, wie stark wir sind. Das Wetter war unglaublich schlecht, aber die Leute haben stundenlang im Regen getanzt. Es hat sie gefreut, die Parade wiederzuhaben. Positives Feedback kam neben Erasmus-Studierenden auch von vielen Raver:innen aus dem Ausland, die für die Parade aus Belgien, Ungarn oder Tschechien angereist sind. Besonders begeistert war die Szene in Ungarn, die gerade in einer Krise steckt; sie wollen im nächsten Jahr unbedingt auch einen LKW bespielen.

Die Freedom Parade in Łódź (Foto: Parada Wolności, Facebook)

Musikalisch ist dieses Jahr wieder viel puristischer Techno dabei. Hat das Programm mit den Anfängen der Freedom Parade zu tun? Was ist euch bei der Musikauswahl wichtig?

Die offizielle Afterparty wird die populärste, deswegen ist die Selektion ein bisschen an den zeitlosen Sound der Neunziger geknüpft, ja. Es gibt allerdings noch weitere Afterpartys mit anderen Genres. International bekannte DJs einzuladen, war eine bewusste Entscheidung, denn wir beobachten in Polen gerade eine Art Neugeburt des proper Techno. DJs wie Marcel Dettmann sind hier Kultfiguren, nicht nur für Raver:innen über 40. Viele junge Leute fasziniert neben dem typischen Hardtechno und Trance die frühere Techno-Bewegung und ihr Sound. In Polen gibt es viele junge Kollektive, die nur mit Vinyl spielen und zum Beispiel Persönlichkeiten wie Mark Broom einladen. Ich weiß das wirklich zu schätzen, das zeugt für mich von einer Art Respekt gegenüber der Techno-Geschichte.

Was für ein Gefühl wollt ihr mit der Musik vermitteln?

Wir nutzen den ikonischen Techno-Sound, um das Gefühl der Zusammengehörigkeit verschiedener Generationen wieder zum Leben zu erwecken.

Die Afterparty in der Sporthalle von Łódź (Foto: Privat)

Bei der Reaktivierung der Parade war auch Dr. Motte, Mitbegründer der Loveparade zu Gast. Welche Rolle spielt sie und wie unterscheiden sich die beiden Paraden?

Die Parade in Łódź ist stark von der Loveparade inspiriert. Die Szene hat sich oft an Großstädten wie Berlin und London orientiert. Viele von uns waren damals selbst in Berlin dabei. Was wir dort erlebt haben, inspirierte uns, selbst Musik zu machen und Partys zu veranstalten. Einige prägende Erinnerungen sind in dem Buch 30 lat polskiej sceny techno,  „30 Jahre polnische Technoszene”, an dem ich beteiligt war, festgehalten. Ich war selbst nie bei der Loveparade, weil ich Angst vor den großen Menschenmengen hatte. Die Freedom Parade war dann meine erste richtige Parade, sie hat mir direkt gut gefallen.

Was denkst du über Rave The Planet, den inoffiziellen Nachfolger der Loveparade? 

Rave The Planet hatte ihr Comeback im selben Jahr wie die Freedom Parade, das schafft ein geschwisterliches Verhältnis. Im letzten Jahr gehörten DJs von Verknipt aus Amsterdam zu den Headlinern. Das ist natürlich Hardtechno, nicht alle mögen das. Deshalb gibt es trotzdem eine große Vielfalt an Genres auf den LKWs, das ist auch Dr. Motte aufgefallen.

Die Musikvielfalt ist ein großer Fokus, auch in diesem Jahr.

Sie ist unser Markenzeichen, ja. Im Gegensatz dazu wird in Berlin eher Oldschool-Techno gespielt. Wir versuchen jedes Jahr die Vielfalt unserer Crews zu bewahren. Das Line-up reicht von der polnischen Sonic Trip Crew [die sich als „Drum’n’Bass-Soldiers” charakterisieren, Anm.d.Red.] bis zu Berghain-Residents aus Deutschland.

Nachdem die Parade nach 20 Jahren erneut stattfinden konnte, haben die Leute bestimmt in Erinnerungen geschwelgt. Gab es deshalb eine gewisse Erwartungshaltung? Was hat sich an den Besucher:innen verändert?

Auf der Parade feiern drei Generationen zusammen. Einmal habe ich tatsächlich eine vierköpfige Familie mit T-Shirts gesehen, auf denen „Original Junglist” stand. Die Kinder haben so begeistert getanzt, dass man sofort gemerkt hat, dass sie diese Leidenschaft von zuhause mitbekommen haben. Natürlich unterscheiden sich die Erwartungen trotzdem: Die Älteren wünschen sich oft Oldschool-Sounds, während die Jüngeren, die heute generell weniger oft ausgehen als früher, einen anderen Zugang zur Musik haben. In wenigen Minuten kann man sich hunderte Deep-House-Tracks herunterladen. Früher musste man dafür Geld sparen und die richtigen Platten suchen. Bei einer geringeren Auswahl ist die Freude manchmal größer, wenn man etwas Gutes findet.

Raver:innen auf der Freedom Parade (Foto: Privat)

Wie passt der freie Eintritt zur notwendigen Kostendeckung?

Von der Stadt bekommen wir ein festgelegtes Budget. Dieses dient in erster Linie dazu, die Grundkosten der Parade zu decken. Wir als Veranstalter:innen übernehmen also zum Beispiel die Finanzierung der Trucks. Die Produktionskosten, also Kosten wie Stromversorgung, DJ-Gagen, technische Ausstattung oder Dekoration, müssen jedoch von den einzelnen Crews selbst getragen werden.

Viele Musikveranstaltungen der elektronischen Tanzmusik stehen aktuell vor wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen. Wie blickst du in diesem Zusammenhang der zukünftigen Entwicklung der Parade entgegen?

Zum Glück haben wir vor zwei Jahren einen dreijährigen Vertrag mit der Stadt abgeschlossen, der uns noch ein Jahr Planungssicherheit gibt. In zwei Jahren stehen die nächsten Wahlen in Polen an, und angesichts des weltweiten Rechtsrucks und der aktuellen polnischen Regierung macht mir das große Sorgen. Wenn populistische Kräfte weiter an Einfluss gewinnen, könnte das im schlimmsten Fall sogar ein Verbot der Parade bedeuten. Wie es nach Ablauf unseres Vertrags weitergeht, hängt also stark davon ab, wie sich das politische Klima verändert.

Zuletzt noch zu dir: Welche waren deine ersten Techno-Momente?

Meine ersten Techno-Momente hatte ich noch in der Schulzeit in Łódź. In unserer Schul-Diskothek, in der hauptsächlich Italo Disco lief, habe ich dem DJ die Kassette The Best of Deep House mit dem Track „French Kiss“ von Lil Louis gegeben. Ich war damals schon ein großer Fan von Acid- und Italo House. Der DJ hat den Track gespielt, meinte aber, dass sich House nur eine Saison halten wird. (lacht) In den Sommerferien war ich dann auf einem Open Air in Italien. Ich habe „Everybody’s free” von Rozalla auf einem großen Soundsystem gehört. Der Sound hat so einen Eindruck auf mich gemacht, dass ich von da an wöchentlich ins New Alcatraz in Łódź gegangen bin.

Artur Wojtczak auf einem Dancefloor in den Neunzigern (Foto: Privat)

Welche dieser oder anderer Schlüsselmomente haben dich dazu gebracht, dich nach so langer Zeit noch immer aktiv an der Parade zu beteiligen? Was wünscht du dir von der diesjährigen Freedom Parade?

Ich kriege immer Gänsehaut, wenn ich an diese Momente denke. Einer sticht hervor: Bei der Reaktivierung der Parade 2022 hat es sehr stark geregnet, und ein DJ hat den Klassiker „Sweet Harmony” von Liquid aufgelegt. Auf den Straßen haben alle dazu getanzt. Ich war in diesem Moment so unglaublich glücklich und habe nur gedacht: Okay, jetzt ist die Parade endlich da. Die Energie, die ich empfunden habe, als wir durch die Stadt gefahren sind, während uns die Menschen aus den Fenstern zugewunken haben, ist unbeschreiblich. Ebenso das Zusammengehörigkeitsgefühl von alten und jungen Raver:innen – das können nur die Techno- und House-Musik. Die Euphorie ist zurückgekommen. Sie wird uns helfen, die Welt zu verändern. Darauf zähle ich auch dieses Jahr.

So klang die Freedom Parade 1998:

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