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Mischluft: „Ich habe den Anspruch, etwas Neues zu kreieren”

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Der Leipziger Producer-DJ Mischluft gehörte zum Trance-Revival wie Ecstasy-Tränen zur Peaktime. 2022 veröffentlichte er die Singles „Getting Down” und „imma”, die ihn sofort auf die großen Dancefloors zwischen Trance, Techno und Edits katapultierten.

Zuletzt hat sich Fritz Model, der Mann hinter Mischluft, damit auf den großen Bühnen etabliert. Er legte im Boiler Room, auf dem Tomorrowland und der Time Warp auf. Sein aktueller Kalender? Ein Vielfliegerausweis zu Clubs in Köln, Paris, Oslo oder Budapest. Seine Sets? Verspielt, aber präzise gebaut.

Im Gespräch mit GROOVE-Autorin Elaine Sobolewski erzählt Fritz von einem anfänglichen Tröten, das zu einem Faible für Melodic Techno führte, gibt Einblicke in seine Zukunftspläne und erklärt, warum er mit Bad Boombox besonders gerne produziert.

„Mein Vater hat immer gesagt, ich soll ein Instrument spielen”, sagt Fritz und grinst. „Ich habe mir daraufhin überlegt, mit welchem Instrument ich die wenigsten Noten lernen muss.” Kurze Zeit später sei ein Didgeridoo in seinem Kinderzimmer gestanden – eine australische Bambuspfeife, die schon Aphex Twin legendär falsch schrieb.

Die Buschtröte gibt der junge Fritz bald auf. Am Schlagzeug bleibt der gebürtige Leipziger länger: Zehn Jahre sitzt er an den Drums und spielt sogar in einer Jazzband. Heute steht er lieber hinter den Decks – und gräbt sich tief durch die Archive.

Von rauen White-Label-Pressungen auf Eye Q über euphorische Breakbeat-Tracks aus den frühen Zweitausendern bis hin zu aktuellen Edits von Labels wie Magicwire oder Craigie Knowes: Mischluft versteht Trance als offenes Spielfeld. Seine Sets sind verspielt, aber präzise gebaut, voller Build-ups, falscher Fährten und plötzlicher Brüche – ein dramaturgischer Zugriff, den er sich vielleicht aus dem Jazz bewahrt hat.

Hat eine Vergangenheit mit Eminem: Mischluft (Foto: Hot Meal Records)

Dass er ausgerechnet bei elektronischer Tanzmusik und damit im Club landet, hätte Fritz, heute Anfang 30, in seiner Jugend trotzdem nicht geglaubt. „Eminem war ganz präsent. Bob Marley und Nirvana auch. Auf elektronische Musik stieß ich erst mit 18 durch meine ersten Rave-Erfahrungen”, sagt er und berichtet von ersten illegalen Partys in seiner Heimatstadt Leipzig.

Dann geht es schnell: Ein Kumpel bringt Fritz auf einer Homeparty das Auflegen bei. Nimmt ihn in sein DJ-Kollektiv auf. Und verschafft Fritz seinen ersten offiziellen Gig. Hier macht Mischluft, damals noch unter einem anderen Alias unterwegs, auch seine ersten Erfahrungen als Produzent.

Zuerst probiert er es mit Melodic Techno. „Das hat aber nicht wirklich gefruchtet”, so Fritz. Dann stößt er durch Zufall auf den Edit „Sonnenbank Raver” von Malugi und DCHM. Bald tauchen andere Tracks in seinen Setlists auf, von Marlon Hoffstadt, DJ Heartstring, Narciss, Julian Muller und Caiva.

Erzähl‘ mal eine Geschichte

Für Mischluft geht es beim Auflegen nicht nur darum, Tracks aneinanderzureihen. „Ein gutes Set muss eine Geschichte erzählen”, sagt er. „Wenn du die Leute abholst und sie emotional berührst, dann hast du es geschafft.” Dabei liebt er es, spontan auf die Crowd einzugehen, ohne fixe Track-Selection. „Party machen sollte nicht ernst sein. Die Leute sollen lächeln, Spaß haben und aufeinander aufpassen”, so Fritz.

Am liebsten spielt er aktuell im JunkYard in Dortmund oder im Radion in Amsterdam. Fritz meint aber, dass er noch nicht oft genug in denselben Locations gespielt hat, um eine richtige Lieblingsvenue zu haben. „Es ist oft abhängig vom Event. Für mich sind deshalb Partys cool, wo es eine Fanbase gibt, so wie bei Hot Meal oder Polyamor. Partys, wo Leute wissen, was sie erwartet.”

„Wenn ich nicht erkannt werde, fühle ich mich am wohlsten.”

Während er anderen lange, schweißtreibende Partynächte beschert, geht der einst so treue Raver mittlerweile kaum noch feiern – „die Zeit fehlt einfach”, sagt Fritz und zuckt mit den Schultern. Wenn es doch vorkommt, ziehe es ihn aber eher nicht zu Trance-Events. Dort fehlt ihm die Anonymität, und er kann sich nicht wirklich fallen lassen.

„Ich bin inzwischen wieder offen für andere Sounds, Melodic Techno oder Downtempo. Mir ist aber vor allem wichtig, dass ich mit meinen Freunden unterwegs bin. Wenn sie dabei sind und ich nicht von anderen Leuten erkannt werde, fühle ich mich am wohlsten”, sagt Fritz.

Andere Leute, andere Sitten

Im Studio dürfen dagegen gerne andere Leute dabei sein, denn: „Auf Collabs hab ich richtig Bock”, so der Producer. „Man lernt in der Zusammenarbeit so viel, vor allem über sich selbst. Deshalb ist es mein größtes Ziel, immer mit spannenden Leuten zu produzieren.”

Im Januar veröffentlichte Mischluft zum Beispiel mit Hot-Meal-Gründer und DJ Bad Boombox die EP Pressure. „Wir haben immer wieder Shows zusammen gespielt und ziemlich schnell gemerkt, dass unsere Track-Selection perfekt harmoniert.” Die Idee, mit dem gebürtigen Bulgaren zu produzieren, sei da, nach einer gemeinsamen USA-Tour, nur der nächste logische Schritt gewesen.

Mischluft schenkt gerne ein (Foto: Hot Meal Records)

„Jiggy (Bad Boombox, Anm.d.Red.) arbeitet anders als viele Producer”, sagt Fritz. „Er benutzt keine Sample-Packs, sondern flippt seine eigenen Samples und erschafft daraus komplett neue Sounds. Das hat mich extrem inspiriert und aus meiner Komfortzone gepusht.”

Und: „Dieser Ansatz hat mich dazu gebracht, wieder mehr zu experimentieren und Risiken einzugehen. Ich will nämlich Dinge ausprobieren, die noch niemand ausprobiert hat – nur so kannst du wirklich etwas Neues schaffen”.

Ein schöner Rücken

Ein wichtiger Schritt dabei ist die Zusammenarbeit mit Sänger:innen, wie zuletzt auf „Our Song” mit Fairy Mary. „Das bringt einfach eine neue Dynamik in den Produktionsprozess”, so Fritz, den auch eine Kollaboration mit Miss Bashful reizen würde. Mehr als ein „Wir haben jedenfalls schon darüber gesprochen, mal was zusammen zu machen” lässt er sich an der Stelle aber nicht entlocken.

Auch als DJ befindet sich Fritz gerade in einer Phase des Experimentierens. „Ich glaube, man durchläuft verschiedene Phasen, in denen man sich traut, Neues auszuprobieren – und genau da bin ich gerade.” Besonders interessieren ihn Back-to-Back-Sets mit anderen DJs: „Ich würde gern mit Funk Tribu spielen.”

„Die junge Generation ist sehr Vocal- und Hype-focused.”

Festivals spielen für Fritz aber auch solo eine große Rolle. Letztes Jahr stand er unter anderem beim Tomorrowland auf der Bühne, ein Moment, den er als „besondere Erfahrung” beschreibt. Doch für ihn geht es nicht nur um große Bühnen, sondern auch um die Weiterentwicklung seines Sounds.

Blickt ganz entspannt in die Zukunft: Mischluft (Foto: Hot Meal Records)

Auf die Frage „Sind Trance und Hardgroove here to stay?” antwortet Fritz diplomatisch: „Mehr oder weniger.” Er glaubt, die Genres werden sich in eine Hard-Techno-Richtung und eine housigere Richtung entwickeln, aber bestimmte Elemente bleiben erhalten.

„Und Hardgroove wird noch lange bestehen. Vor allem wenn die Feiernden wieder verstehen, richtig zu raven. Die junge Generation gerade ist sehr Vocal- und Hype-focused. Ich denke, irgendwann kommt der Moment, in dem man nicht konstant krasse Drops braucht, sondern minimale Veränderungen wie beim Hardgroove auch Spaß machen.”

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