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Ellen Dosch-Roeingh von Rave The Planet: „Ich liebe es, Ordnung ins Chaos zu bringen”

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Ellen Dosch-Roeingh gehört mit Dr. Motte, ihrem Ehemann, und der gemeinnützigen Rave The Planet gGmbH seit 2022 zu den Veranstaltern der gleichnamigen Parade. GROOVE-Autorin Katharina Pittack wollte im Vorfeld des Umzugs wissen, was in diesem Jahr neu ist, was Dosch-Roeingh besonders begeistert und wie sie den Tag nach der Parade verbringt.

GROOVE: Welche Neuheiten liegen dir besonders am Herzen?

Ellen Dosch-Roeingh: Ich finde den Kids-Truck wirklich großartig. Im letzten Jahr haben wir noch gesagt, dass wir Jugendliche unter 16 Jahren nicht auf die Floats stellen möchten, also auch privat als Gäste nicht. Jugendschutz ist für uns ein wichtiges Thema. Ich selbst habe einen Tinnitus, den hab‘ ich mir ganz amtlich, wie es sich gehört, bei DJ Rush auf einem Rave geholt. Jugendliche können mit den Gefahrenquellen oft nicht gut umgehen. Dabei möchte ich niemandem die Mündigkeit und die Eigenverantwortung absprechen, ganz im Gegenteil. Aber wir alle wissen, dass wir mit 16 vielleicht noch nicht so schlau waren wie mit 26.

Was bedeutet dir der Kids-Truck mit Blick auf die Zukunft der Szene?

Der Veranstalter des Kids-Rave bringt auch junge Raver:innen, unter anderem aus den USA oder Japan, nach Berlin, das ist für mich persönlich ein Highlight. Das ist die nächste Generation. Wenn ich irgendwann mal über mir den Deckel zu mache, dann sind das diejenigen, die mit dieser Kultur weitermachen. Und vielleicht ist da auch die ein oder andere Person dabei, die Lust hat, die Parade weiterzuführen.

Wie alt sind die Jüngsten, die dabei sind?

Ellen Dosch-Roeingh: Die jüngste Künstlerin ist elf oder zwölf.

Wie seid ihr auf das Motto „Our Future Is NOW” gekommen? Wie kam das zustande und was bedeutet es für dich?

Ellen Dosch-Roeingh: Unser Motto finden wir immer als Gemeinschaft. Wie auch schon im Jahr zuvor haben wir unsere Community gefragt, wie ihr Motto für das nächste Jahr lautet. Dabei suchen wir kein explizites Wording, sondern eher ein Stimmungsbild. Wir wollen wissen, was die Community, die Kulturschaffenden und die Raver bewegt. Nachdem wir alles gesammelt haben, werten wir den Input aus. Wir setzen uns mit dem ganzen Team zusammen und besprechen die verschiedenen Themenfelder. Dieses Jahr waren Zukunftsangst und Zukunftsvisionen omnipräsent. Deshalb ist es „Our Future Is NOW” geworden.

Rave the Planet Parade
Rave the Planet 2024 (Foto: Paradise Worldwide)

Immer wieder wird bemängelt, dass der Tiergarten unter der Parade zu leiden hat. Ergreift ihr gezielt Maßnahmen, um Menschen davon abzuhalten und sie dazu zu bewegen, respektvoll mit öffentlichem Eigentum umzugehen? Auch die Verletzungsgefahr ist erheblich, schon im letzten Jahr hast du im Interview mit der GROOVE gewarnt.

Ellen Dosch-Roeingh: Wir können nicht viel mehr machen, als an den gesunden Menschenverstand zu appellieren. Klar, auch die Polizei ist vor Ort sowie unsere Ordner:innen. Allerdings haben die eigentlich andere Aufgaben, zum Beispiel den ordnungsgemäßen Ablauf der Demo zu sichern. Unfassbar nervtötend ist, dass das Laternen-Klettern immer wieder auf den sozialen Netzwerken promotet wird. Das sind natürlich geile Bilder, das verstehe ich als Kommunikationsdesignerin auch, aber Fakt ist: das ist unheimlich gefährlich. Wir hatten 2023 zum Beispiel den Fall, dass eine Frau von einer Laterne gestürzt ist und wochenlang im Koma lag. Da können wirklich fürchterliche Unfälle passieren. Die Person, die klettert, bringt nicht nur sich selbst in Gefahr, sondern auch alle Menschen, die drunter stehen. Wenn du dir vorstellst, dass ein 60 Kilo Sack auf dich runterfällt, ist klar, dass dir das das Genick brechen kann. Das ist wirklich gefährlich. Deswegen nochmal die Bitte und der Appell an alle: Bitte nicht auf Laternen klettern.

2023 hattet ihr Probleme mit der Bereitstellung eines Sanitätsdienstes für die hohe Besucherzahl. Ist die Zusammenarbeit mit Mol Medical eine dauerhafte Lösung?

Ellen Dosch-Roeingh: Sie hat sich auf jeden Fall bewährt. Mol Medical sind extrem professionell und für uns das Rundum-sorglos-Paket. Auch die Berliner Feuerwehr hat die Firma ausdrücklich gelobt. Gerade 2023, als wir die Schwierigkeiten hatten, sind sie innerhalb kürzester Zeit mit einem brillanten Konzept und mit viel Eifer auf der Parade aufgeschlagen. Wir sehen momentan keinen Grund, irgendetwas daran zu ändern. Das sind unsere Freunde, und sie machen einen klasse Job.

Welche Kriterien habt ihr bei der Auswahl eurer Floats? Was ist euch wichtig?

Ellen Dosch-Roeingh: Nur Kulturschaffende können ein Float bereitstellen. Dass politische Parteien oder große Brands ein eigenes Fahrzeug machen, wie das bei der Loveparade der Fall war, ist kategorisch ausgeschlossen. Wir möchten eine Kultur schaffen und ihr Sichtbarkeit geben. Klar ist dabei auch Unterstützung durch Brands vorhanden, aber diese Brands müssen natürlich den Werten der Technokultur entsprechen. Was die Crews angeht: wir wollen, dass sie authentisch sind. Sie müssen auch schon mindestens zwei Jahre aktiv sein.

Rave the Planet Pressekonferenz (Foto: Lidia Monge)
Die Pressekonferenz von Rave The Planet (Foto: Lidia Monge)

Warum zwei Jahre? 

Ellen Dosch-Roeingh: Wir hatten mal den Fall, dass ein Kollektiv bei uns seinen Kick-off machen wollte. Das hat aber nicht funktioniert wie geplant. Wir müssen uns sicher sein, dass eine gewisse Professionalität vorhanden ist. Wir wollen ein authentisches musikalisches Konzept für das Genre, mit dem sie antreten. Es sollte eine Art Headliner geben, was nicht bedeutet, dass dieser auf den größten Festivals spielen muss. Es sollte jemand sein, der für etwas steht. Außerdem ist das Designkonzept des Floats wichtig – und natürlich die Authentizität.

Und wie läuft das Verfahren dann ab?

Ellen Dosch-Roeingh: Das Komitee macht vorher eine Bewertung auf einem Bewertungsbogen. Dann setzen wir uns mit dem Komitee zusammen und diskutieren alle Floats. Am Ende kommt es über ein Punktesystem zur finalen Entscheidung.

Habt ihr von der Anerkennung der Berliner Technokultur als immaterielles Kulturerbe in irgendeiner Weise profitiert?

Ellen Dosch-Roeingh: Unsere Kultur wird ernster genommen und hat mehr Sichtbarkeit. Wir bekommen viele Kooperationsanfragen aus akademischen Kontexten. Dieses Jahr hatten wir zum Beispiel eine Gastvorlesung an der Heidelberger Universität, bei den Musikwissenschaften. Aus diesem Seminar von Prof. Dr. Christiane Wiesenfeldt werden jetzt mehrere Studierende bei Rave The Planet eine Feldstudie durchführen. Gerade was den Bildungsauftrag angeht, den wir uns als gemeinnützige Organisation ja auch selbst gegeben haben, erleben wir wir einen unheimlichen Zulauf.

Wie geht ihr damit um? 

Ellen Dosch-Roeingh: Die Kulturarbeit machen die Crews und die Clubs. Unser Job ist es, unsere Kultur mit Aktionen und mit Wissen zu untermauern. Vielleicht wird es demnächst mal wieder eine Ausstellung oder Ähnliches geben. Wir sind keine Party-Crew, die jedes Wochenende irgendwo einen Rave veranstaltet – auch wenn wir manchmal dabei sind.

Claudia Schneider (links) ist bei Rave The Planet zuständig für Cultural Communication & Booking, Creative Director Ellen Dosch-Roeingh und Dominique Vockeradt von Hotel Berlin, Hotel-Partner von Rave The Planet (Foto: Lidia Monge)

Wie finanziert ihr euch? Was für Herausforderungen gibt es? 

Ellen Dosch-Roeingh: Wir haben verschiedene Standbeine. Dazu gehören Spenden, unser Onlineshop, und auch die Musikverkäufe sind ein großes Thema. Es könnte natürlich immer besser sein. Den wirtschaftlichen Wandel nehmen wir deutlich war. Die Leute haben weniger Geld in der Tasche, und die Bereitschaft, für gemeinnützige Organisationen zu spenden, könnte durchaus höher sein. Ich verstehe, dass es viele Organisationen gibt, die gemeinnützige Arbeit machen. Am Ende des Tages muss man sich entscheiden, und diese Entscheidung ist eine individuelle. Aber wir freuen uns natürlich, wenn die Entscheidung zugunsten der Kultur ausfällt.

Worauf freust du dich am meisten und welche Sorgen hast du?

Ellen Dosch-Roeingh: Mein Highlight ist wirklich der Clean-up-Day. Ich liebe es, Ordnung in das Chaos zu bringen. Ich liebe das Gefühl am Tag danach, wenn ich weiß, die Parade ist rum, und es ist alles gut gelaufen. Dann bin ich nur noch im Hier und Jetzt, kann mein Gehirn abschalten, Müll einsammeln, und der Tiergarten sieht wieder aus, als wäre nichts gewesen.

Was machst du, wenn alles vorbei ist?

Ellen Dosch-Roeingh: Ich gönne mir das Eis am Tag danach. Momentan, während die Vorbereitungen laufen, schaffe ich nicht mal das. Am Tag der Parade gibt es immer eine gewisse Anspannung. Es gibt immer irgendeine Kleinigkeit, bei der dann schnell kommuniziert werden muss – beispielsweise ein Team, das schnell neu besetzt werden muss.

Ellen Dosch-Roeingh (Foto: Lidia Monge)
Ellen Dosch-Roeingh (Foto: Lidia Monge)

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