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Motherboard: Juni 2025

Auf digital abstrahierte, aber extrem zupackende Weise bekommen die Rhythmen Lateinamerikas von der in Irland lebenden Uruguayer Producerin Lila Tirando a Violeta neue ungeahnte Vitalität eingepflanzt. Dream Of Snakes (Unguarded, 25. April) ist so gerade noch als dekonstruierter Post-Club-Sound lesbar. Das Tape auf dem Berliner Label von Sin Maldita und Uxile gibt den dichten, forciert kleinteilig hämmernden Drumsounds allerdings genug Raum und Atemluft, Pausen und Flächen, Hooks und Pop mit, um sowohl in einem avancierten Club-Kontext wie auf einem Digitalkultur-Avantgarde-Festival bestehen zu können. Eine tief-hybride Hypermodernität, die Lila Tirando a Violeta zu einer der aktuell interessantesten futuristischen Gegenwartskünstlerinnen macht.    

Der junge ukrainische Producer und DJ Anton Sominaryst wirft völlig selbstverständlich Acid-House, die Rave-Signale des Second Summer of Love, Electro-Beats alter und neuer Schule mit den klassischen Breaks des Drum’n’Bass und Jungle der Neunziger in den Mix. Dazu gibt er noch ordentliche Prisen futuristischer Bass Music von Dubstep, Footwork bis Juke, ein wenig Boom-Bap und wohldosierten Glitch. Fast jeder Track durchmisst das Hardcore Continuum und sämtliche angrenzenden Beats & Bass-Genres praktisch vollständig – und mehrmals. Weil aber die Produktion auf Qualia (10. April), seiner Debüt-LP auf dem Kiewer Label Polygon, so transparent und im vermeintlichen Chaos so präzise und gut sortiert ist, wirkt das zu keinem Zeitpunkt überladen oder gezwungen. Falls jemals Zweifel bestanden: Bass Music hat eine Zukunft, und auf Qualia ist zu hören, wie diese klingen könnte.

Bella Wakame, die Kollaboration des Modular-Dub-Wizards Florian Zimmer und Drummers Andi Haberl, war nicht gerade unwahrscheinlich. Die Überlappungsflächen ihrer Projekte und Bands sind zahlreich, etwa The Notwist, Driftmachine, Saroos, Sun, um nur die aktuell aktivsten zu nennen. Das Duo-Debütalbum Bella Wakame (Umor Rex, 30. Mai) klingt dennoch nicht – oder nicht nur – nach einer Schnittmenge. Die instrumentalen Tracks fließen und fliegen locker zwischen krautrockig-trockener Neu!-Motorik und freundlichster Cluster-Eno-Analogsynth-Kosmische. Dub und melancholische Indie-Popsongs schmuggeln sich unterschwellig in den Soft-Kraut-Kosmos der beiden. Es sind schon komplette, wenn auch abstrakte Songs, abzüglich der kühlen Distanz, die etwa bei Driftmachine immer für verspätetes Frösteln im Hochsommer sorgte. Ein rundum freundliches Projekt ohne Grimm und Wut, und doch mit jeder Menge Spielfreude und Experimentiersinn im Kleinen.

Luke Wyatt, Postrocker, Bodybuilder, VHS-Video-Künstler, Vintage-Synthesizer-Virtuose und Hypnagoge aus New Jersey, wo er nach D.C. und Berlin seit geraumer Zeit wieder lebt, ist ebenfalls einer, der sich mit zig bis hunderten Veröffentlichungen von jeglichen Erwartungshaltungen frei gemacht hat. Damit dann einen kassettenleiernden bis milde krautig polternden Post-Vapor-Lo-Fi-Psychedelik-Sound freizulegen, ihn wie neu, wie zum ersten Mal zu spielen, das hat sich sein Projekt Torn Hawk vorgenommen. Keine Ahnung, das wievielte Album Watching Heat On Mute (Valcrond Video/Not Not Fun, 2. Mai) nun ist, es ist schlicht großartig. Wie immer eigentlich.

Mit der Leichtigkeit des japanischen Ambient der Jahrtausendwende geht Markus Rom aus Leipzig als Oh No Noh in den Wettbewerb um die freundlichste Folktronica aller Zeiten. As Late As Possible (Teleskop, 4. April) wirft Akustikgitarre und leichten IDM-Glitch in den Mix, bleibt dabei jederzeit auf der netten Seite von Experiment. Und das ist keineswegs herablassend oder unfreundlich gemeint, denn in Kunst und Musik geht es gerade nicht um Wettbewerb. Die Welt braucht genau diesen Sound ganz dringend.

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