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„The Sound of Cologne”: Im Gedächtnis bleiben die Papageien im Park

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An der Recherche liegt es nicht, dass Kristina Schipplings Dokumentarfilm The Sound Of Cologne nicht recht zünden will. Die Regisseurin war fleißig, keine Frage. Sie hat mehr als zwei Dutzend Musiker:innen, Produzent:innen, Labelbetreiber:innen und wer es sonst noch in der elektronischen Musikszene Kölns zu lokaler, teils internationaler Prominenz geschafft hat, vor die Kamera geholt.

Doch liegt bereits hier ein Problem, denn es fehlt an einer filmischen Zuspitzung und einer ästhetischen Idee: The Sound Of Cologne ist ein klassisches Talking-Head-Gewitter sondergleichen inklusive Lobhudeleien und Plattitüden. Spätestens als jemand sagt, dass es in Köln mehr Freiheit für die Szene gebe als in Berlin und dass Köln das „San Francisco of Germany” sei, möchte man selbst die Schere ansetzen und diesen unnötigen, selbstbestätigenden Lokalpatriotismus herausschneiden.

Dabei fängt der Dokumentarfilm vielversprechend an, im Studio Elektronische Musik des WDR, quasi in einer musikalischen Herzkammer. Der WDR sei „die prägende Anstalt für Neue Musik”, wird Can-Mitglied Irmin Schmidt später erklären, doch bevor der Film bei den Krautrock-Legenden ankommt, geht es um die Komponisten Karlheinz Stockhausen und Herbert Eimert.

Irmin Schmidt von Can. (Foto: Real Fiction Filmverleih)

Die beiden gelten als Szenepioniere, haben mit ihrer Musik und als Lehrer an der Kölner Hochschule für Musik ganz wesentliche Impulse für die heutige elektronische Musik gesetzt. Wir erfahren, dass das Stück „Tierkreis – 12 Melodien der Sternzeichen” von Stockhausen zum Set des Glockenspiels im Ratsturm des Kölner Ratshauses gehört. Von Eimert sind Auszüge aus „Fünf Stücke” zu hören, und während er aus einer Archivaufnahme zu uns spricht, tanzt die Anzeige eines Oszilloskops. „Elektronisch kann ich jetzt in den Klang eingreifen”, sagt der 1972 verstorbene Hochschullehrer. Dieser Filmbeginn ist herrlich kauzig und nerdig und vermittelt ein Gefühl dafür, wie zentral die beiden sind.

Leider kommt dem Film schnell diese Gefühlsebene abhanden. Wie im Stakkato geht es durch die Jahre und Jahrzehnte, die Interviews mit Zeitzeugen reihen sich aneinander wie Perlen auf einer nicht enden wollenden Schnur. Zwischen die Archivaufnahmen und Interviewsituationen werden wahllos wirkende Bilder aus der Rheinmetropole montiert: Schornsteine, Gebäude, Graffiti. Wirklich korrespondieren wollen die urbanen Architekturen und das Sujet nicht. Am ehesten bleiben noch die Papageien im Park im Gedächtnis, die ja wirklich ein kleines Markenzeichen der Stadt sind.

Park-Papageien teilen mit Raver:innen die Liebe zur Nacht. (Foto: Real Fiction Filmverleih)

Der Film unternimmt eine Zeitreise von den Fünfzigern bis heute: Von besagten Pionieren geht es zu Can, von denen Holger Czukay viel zu erzählen weiß. Der Einfluss der Band auf die elektronische Musik ist wichtig, und bahnbrechend waren neben vielem auch deren Vorstellungen vom demokratischen Kreativsein – doch macht es sich der Film, wenn er kurzzeitig in den schnöden Heldenverehrungsmodus verfällt, zu leicht.

Von Can geht es über die mit Can-Drummer Jaki Liebezeit verbandelte Band The Unknown Cases zum Rave Club, der sich Ende der Achtziger mit House- und Acid-Partys einen Namen machte. In dieser Zeit fanden, so die romantischen Anekdoten der Zeitzeugen, viele illegale Partys in Warehouses und unter Brücken statt, legendär die Gabber-Party unter der Deutzer Brücke, die die Nachbarschaft mit 190 bis 210 BPM beschallte. Musiker wie Claus Bachor, Mathias Schaffhäuser, Wolfgang Voigt und Michael Mayer kommen zu Wort – letztere sind auch in den Räumen ihres Labels Kompakt zu sehen. In dieser Zeit, den Neunzigern, sei die Technowelt aus Köln mit der Welt der damals populären Zeitschrift Spex verheiratet worden, nachdem Voigt auf dem Cover war.

Es ist alles gesagt, nur noch nicht von allen

Und so geht der vielstimmige, anekdotenlastige, sich oft im Kreis drehende Choral weiter, mit Musikern wie Sound-Frickler Jan St. Werner von Mouse on Mars, Gregor Schwellenbach, Niobe, Barnt oder Lena Willikens, bis der Film schließlich im Plattenladen A-Musik am Brüsseler Platz, im Club Jaki (benannt nach Liebezeit) im Kölner Stadtgarten und bei Orchester-Versionen von Can-Stücken ankommt, die Irmin Schmidt dirigiert.

So fing das irgendwann mal an in Köln mit der elektronischen Musik. (Foto: Real Fiction Filmverleih)

Was The Sound Of Cologne liefert, ist ein quantitativ umfangreiches, filmisch allerdings wenig inspiriertes Porträt einer bis heute florierenden Musikszene. Die Idee einer musikalischen Genealogie wird deutlich, doch anstatt wirklich Bezüge zur heutigen Szene herzustellen, verliert sich der Film zu großen Teilen im Schwelgen in vergangenen Zeiten. Das ist schade, denn wenn Musikerin und Komponistin Niobe veranschaulicht, wie sie elektronische Sounds und komplexe Vocal-Montagen zu einem avantgardistischen Sound verschmelzen lässt, schimmert durch, was drin gewesen wäre.

So erfährt man in dieser kinematografischen Zeitreise viel, auch der Soundtrack kann sich hören lassen. Doch bleiben die Eigenarten des Sounds aus Köln blass, weil man diese Geschichten aus den Szenen, wie sie im Film erzählt werden, so oft schon aus anderen Städten gehört hat. Diesem Umstand hätte ein Blick in Clubs wie dem Odonien oder dem Gewölbe vielleicht etwas Abhilfe verschafft, doch die aktuelle Clubszene kommt bis auf wenige Impressionsbilder überhaupt nicht vor.

Jaki Liebezeit wollte bei Can immer besser als der Drumcomputer sein. (Foto: Real Fiction Filmverleih)

Philipp Jedicke hat mit seinem kürzlich gestarteten, herrlich anarchisch-augenzwinkernden Dokumentarfilm-Hybrid Vienna Calling gezeigt, wie ein anderer Zugang zu musikalischen Subkulturen aussehen kann. Der Film porträtiert atmosphärisch und mit tollen Bildern die Wiener Underground-Musikszene um Voodoo Jürgens, Der Nino aus Wien, EsRap, Lydia Haider, Gutlauninger oder Kerosin95. Dagegen wirkt The Sound Of Cologne angestaubt.

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