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Motherboard: November 2023

Pretty Sneaky, ein schon vom Namen her anonymes wie geheimnistuerisches Synth-Projekt mit eigenem Vinyl-Only-Label aus Berlin, greift in seinen House- und Techno-Produktionen schon mal in die Salatschüssel mit Kraut und Dub. Aber ein so tiefes Eintauchen in den Sound der alten, neuen Zeiten wie auf Koldd (Marionette, 14. September), das gab es von dem Act mit der Bananenschale noch nicht. Also die Wärme der analogen Berlin-Schule der späten Siebziger, aufgefrischt durch Club-Erfahrung und eine physisch wirkende (Be-)Greifbarkeit, die dem zarten Blubbern und Wubbern erstaunlich handfeste Textur und Struktur gibt.

Ein ein klein wenig arges Klischee mit einem tiefen Kern von Wahrheit mag wohl sein, dass Gartenarbeit dabei hilft, die innere Mitte zu finden. Das trifft sogar auf experimentelle Künstlerinnen wie die Katalanin Marina Herlop zu. Ihr zweites Album Nekkuja (PAN, 27. Oktober) führt die Rekonstruktion von Folklore und Avantgarde-Songwriting weiter in abstrakte Soundscapes und elektroakustische Post-Club-Räume. Und sie sind doch erdnäher, bodenständiger als zuvor. Nahe am Song, Sounds einer archaisch-tribalistischen Hi-Tech-Zukunft jenseits der Apokalypse, wo Schönheit wieder möglich ist.

Die nepalesisch-schweizerische Aïsha Devi ist von allen Post-Club-Dekonstruktivist:innen eine der tanzbareren, dazu vermutlich die mytho-esoterischste und definitiv eine der dauerhaft interessantesten. Nicht zuletzt, weil sie neben dem Pathos der angekündigten (EDM-)Apokalypse mit nachfolgender (Trance-)Transzendenz halt noch den ganz speziellen Devi-Bounce drauf hat, der aus fast allen Stücken endorphinsatte Euphorie geradezu herausfordernde Hüpfburgen generiert. Mit vermehrtem Einsatz hoch- und runtergepitchter Vocals führt Death is Home (Houndstooth, 10. November) das zu neuen dies- und jenseitigen Höhepunkten.

Wer sich auch immer hinter dem markanten Pseudonym Sharp Veins verbirgt, hat jedenfalls große Freude am Unvorhersehbaren und Mysteriösen. Eine sehr deutliche Vorliebe für Lowest-Fi-Produktion in Spätneunziger- bzw. Frühzwanziger-Tape-Ästhetik zudem. An einem spezifischen Genre oder Sound spielt William Harrison King – falls das wirklich der bürgerliche Name des US-amerikanischen Producers sein sollte – nämlich zielsicher vorbei. So entstehen bei absolut jedem neuen Versuch unkategorisierbare, seltsame Mischwesen, aus zum Beispiel Ambient, Trap und Americana oder Hyperpop, Instro-Hip-Hop und irgendwas Seltsamem aus den Sechzigern. Auf dem jüngsten Versuch Temporary Plates Take An Exit (Éditions Appærent, 22. September) wird auf ähnlich geniale Weise etwas, das mal Shoegaze und Spätneunziger-Indierock gewesen sein könnte, so lange immer wieder lauwarm gewaschen und sonnengetrocknet, ausgeleiert und durchgeloopt, bis nichts mehr übrig bleibt als konkrete Psychedelia aus sämtlichen Jahrhunderten, die zu allen Substanzen passt und zu allem anderen auch (nicht).    

Rau, Lo-Fi, fernab jeglicher Kategorien und irgendwie Neunziger (aber eigentlich überhaupt nicht, und wenn doch, dann mit gleichem Recht Zwanzigneunziger) – das ist der Futur-II-Collage-Trip-Hop des Projekts Honour. Nach zwei Mixtapes führt das Debütalbum Àlàáfía (PAN, 3. November) den hybride-synkretistischen Pop aus verzerrten Samples in jenseitige Höhen. Als hätte Dean Blunt die hintersten Ecken seiner Sampledatenbank ausgekehrt, auf ein kaputtes Tape überspielt und nochmal neu gesampelt, geloopt und verzerrt, um das Trauma, die Gespenster freizusetzen, die sich in den Samples von afrikanischem Jazz bis zu US-amerikanischem Gospel verbergen.

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