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ASA 808 – Groove Podcast 374

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Foto: Marko Lehmbeck (ASA 808)

Als eine treibende Kraft hinter dem Kollektiv und Label TOYS Berlin ist ASA 808 seit Anfangstagen darauf bedacht, den Rave politisch zu denken und zu gestalten. Auch auf den eigenen Releases, zuletzt dem Album Boy, crush, schlägt sich das nieder. Zum einen greift die Platte starre Männlichkeitskonstrukte auf und an, zum anderen stellt sie dem auch musikalisch ein ästhetisches Konzept entgegen, das weder generisch noch festgefahren ist. Auch der Beitrag von ASA 808 für unseren Groove-Podcast gibt sich vielseitig und schillernd: Es knallt, donnert und rumpelt – aber immer auf zärtliche Art und Weise.


Du hast recht früh damit angefangen, selbst Musik zu machen, warst damals aber noch mit Rock und Ambient sozialisiert. Wie kamst du zur elektronischen beziehungsweise zur Clubmusik?

Durch die Groove! Ich hab schon als Teenager regelmäßig die Groove gelesen, die CDs aus dem Heft im Schulradio gespielt und die Leser:innenpolls studiert. Damals hätte ich nie erwartet, später mal selbst in eurem Poll zu landen. Ich habe damals Ambient und Post-Rock gemacht. Erst durch UK Bass und Post-Dubstep von Mount Kimbie, Floating Points, James Blake und Hessle Audio bin ich dann vor zwölf Jahren gänzlich der elektronischen Musik verfallen.

Wie sahen deine ersten Schritte als DJ aus?

Ich habe auf der Party des Sehsüchte-Studierendenfilmfestivals im GRETCHEN gespielt und dann ab 2012 mit Freund:innen zunächst im Privatclub, dann Prince Charles, Loftus Hall, Horst Krzbrg, Chalet und Baalsaal die ersten TOYS-Partys mit under anderem Avalon Emerson, Dauwd und Seb Wildblood organisiert. Anfangs habe ich noch mit Ableton und einem Akai APC40 aufgelegt. Später lieh mir Sascha Lorenz ihre Plattenspieler zum Üben. Mit CDJs auflegen habe ich mir dann selbst im JustMusic am Moritzplatz beigebracht. GaLiGrü! 

Nach der Mini-LP Love Trumps Fear aus dem Jahr 2019 hast du im vergangenen Herbst dein ordentliches Debüt Boy, crush veröffentlicht. Wie ist die Musik darauf entstanden?

Die introvertierten Ambient-Tracks auf dem Album habe ich während der Pandemie aufgenommen. Es war für mich eine Art Rückbesinnung auf meine Ambient-Wurzeln. Die energiegeladeneren Tracks wie „Bliss“ entstanden erst in den letzten zwei Jahren, als das Leben in die Stadt zurückkehrte und die Clubs wiedereröffneten. Alle waren hungrig nach (Club-)Kultur und es lag eine frische, aufregende Energie in der Luft, die ich versucht habe, einzufangen.

In thematischer Hinsicht ist das Album zugleich sehr persönlich wie es auch soziale Probleme aufgreift, die sich in Track-Titeln wie “Detox Masculinity” zum Ausdruck bringen. Worum ging es dir auf inhaltlicher Ebene und inwiefern kann – in diesem Fall weitgehend instrumentale – Musik für solche Fragen als Trägermedium dienen?

Ich finde Kunst ist immer politisch, ob implizit oder explizit. Auch wenn sie instrumental ist, transportiert sie so viele kulturelle Codes. Boy, crush ist auch musikalisch weich, fast zärtlich, das haben wahrscheinlich die meisten rausgehört. Aber es ist auch rhythmisch und mathematisch großzügig und nachsichtig. Während die meisten musikalischen Themen in der elektronischen Musik in zwei, vier oder acht Takten erzählt werden, nimmt sich Boy, crush für das Hauptthema meistens elf Takte – oder einfach so lange, bis der letzte Fade verklungen ist. Es ist wie ein Dialog, in dem sich die Partner:innen wirklich bis zum Ende zuhören. Dazu kommt der multimodale Release-Kontext mit vielsagenden Musikvideos, Texten, Interviews, der „Why can’t men just … ?“-Posterkampagne und der Radiosendung Detox Masculinity auf Refuge Worldwide. Ich hoffe zumindest, dass all das einen roten Faden erkennen lässt, ohne zu plakativ zu werden.

Dem Album sind in der Zwischenzeit noch weitere Tracks gefolgt, darunter eine Kollaboration mit Matt Benyayer alias Dark Sky. Kollaborationen spielten schon auf Boy, crush eine große Rolle. Was reizt dich insgesamt an der Arbeit mit anderen und wie gestaltete sich die Arbeit mit Matt?

Ich finde solche Kollaborationen super inspirierend. Während ich mit Séverine oder DAEDE schon in Bands gespielt habe – und doch immer wieder überrascht von ihrem musikalischen Genie bin –, war die Zusammenarbeit mit Matt quasi ein Blind Date, auch wenn wir einander musikalisch zumindest aus der Ferne schon länger vertraut waren und auch schon gemeinsam gefeiert und aufgelegt haben. Seine Produktionserfahrung ist immens. Die Zusammenarbeit an „YOWSE“ begann mit ihm zusammen bei mir zu Hause. Innerhalb kürzester Zeit haben wir so viel mit Rozzer, Prophet und Ableton gespielt und aufgenommen, dass es fast zu viel für einen Track war. Im Anschluss haben wir das Arrangement und neue Ideen per Mail hin und her geschickt, bis wir mit dem Track zufrieden waren. Es ist unheimlich bereichernd, mit solchen Virtuos:innen zusammenzuarbeiten.

Boy, crush erschien wie auch fast alle anderen deiner Releases in den vergangenen Jahren auf TOYS Berlin, ein Label und Kollektiv, das du mit aus der Taufe gehoben hast und auf dem zuletzt vor allem Musik von dir erschien. Warum nutzt du nur diese Plattform für deine Musik beziehungsweise warum dient sie fast ausschließlich zur Veröffentlichung deiner Releases?

Als neue:r Artist fand ich es super hilfreich, auf einem großen Label wie George FitzGeralds MakeMusic neben Leon Vynehall und Trikk zu veröffentlichen, auch wenn das Wartezeiten von über einem Jahr bedeutete. Heute hat sich die Industrie sehr stark verändert und es ist mir wichtiger, Musik zu veröffentlichen, wenn sie frisch und am Puls der Zeit ist. Bei TOYS Berlin habe ich viele Fäden selbst in der Hand, kann alles mit Freund:nnen selbst gestalten und rausbringen, ohne dass viele Monate oder Jahre ins Land gehen. Mit unserem neuen Format DJ TOYS wollen wir ab jetzt noch mehr Musik von befreundeten Künstler:innen veröffentlichen.

Welcher Philosophie folgt ihr insgesamt mit TOYS?

Wenn du schon so philosophisch fragst: Ich glaube, dass es möglich ist, mehr Altruismus, Offenheit, Gemeinschaftsgefühl und Freigebigkeit durch Musik und den Aufbau einer liebevollen Community wie TOYS Berlin in die Welt zu bringen. Seit über zehn Jahren ist genau das jedenfalls unser Versuch: getragen von Soli-Partys und Musik – unserer love language sozusagen – Schutzräume und Benefit für queere und andere marginalisierte Communitys zu schaffen und gleichzeitig eine eigene cute Gemeinschaft engagierter Freund:innen und Raver:innen. Auch wenn diese Kunst so hedonistisch und flüchtig erscheint, bauen wir etwas auf, das eine Clubnacht überdauert: ein Zugehörigkeitsgefühl, einen Spiel- und Experimentierraum queerer, freier (Geschlechts-)Identitäten mit offenen Lebensentwürfen. Freundlichkeit, Großherzigkeit und Liberalität, die wir in unserer Community, unseren Freund:innenschaften und Beziehungen, in den politischen Kämpfen teilen und in der Solidarität, die wir um uns herum sehen und stärken.

Ihr veranstaltet einigermaßen regelmäßig auch Partys in Berlin und anderswo, vor allem Soli-Clubnächte, deren Erlöse in der Vergangenheit an unter anderem Sea-Watch oder zuletzt medico international und das Woman* Life Freedom Collective, sprich für die Erdbebenhilfe in der Türkei, Kurdistan und Syrien sowie der Unterstützung der iranischen Revolution abgeführt wurden. Warum ist das euch ein Anliegen?

Für uns ist Feiern kein Selbstzweck, sondern sollte auch gesellschaftliche Verhältnisse und Missstände mit in den Blick nehmen. Darum haben wir immer wieder queerfeministische und geflüchtetenpolitische Organisationen, aber auch regionale – wie den Berliner Kältebus – unterstützt, die auf Spenden angewiesen sind. Gleichzeitig erhoffen wir uns davon, den Blick in einer privilegierten und immer kommerzielleren Szene zu erweitern, und uns nicht immer nur um uns selbst zu drehen. Wir sind meines Wissens auch das erste Partykollektiv, das seit Jahren versucht, klimaneutral zu veranstalten und keine DJs einzufliegen.

Jenseits der TOYS-Partys spielst du als DJ nur auf ausgewählten Veranstaltungen. Welchen Stellenwert hat das Auflegen beziehungsweise die Arbeit als DJ insgesamt in deinem Schaffen?

Ich liebe es, aufzulegen, habe aber weder Lust auf ein DJ-Jetset-Leben, noch auf den dazugehörigen CO2-Fußabdruck. Ich spiele zwar auch regelmäßig in Budapest, Wien oder Paris, nehme dann aber lieber die Bahn, was natürlich länger dauert. Darum schaue ich mir genau an, was das für Partys sind und entscheide dann, ob es mir den Hustle wert ist.

Was war die Idee hinter deinem Mix für unseren Groove-Podcast?

Ich habe bei der letzten TOYS-Party im März zum ersten Mal so aufgelegt, als wäre jeder Track der letzte, den ich spiele. Der Grund war, dass ich durch ein Missverständnis ab sechs Uhr darauf wartete, abgelöst zu werden, aber niemand kam. Das Ergebnis war eine ziemliche Eskalation und hat unheimlich viel Spaß gemacht. Dieses Gefühl wollte ich in meinem Mix für euch gerne aufgreifen.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Die ambitionierte Antwort: Endlich das Patriarchat abschaffen und mal in der Panorama Bar spielen. Die ehrliche: Ich mache keine festen Pläne, außer für meine Freund:innen da zu sein und ein paar neue Releases und Gigs in den nächsten Monaten – in Paris, Berlin, Stuttgart, Osnabrück, Budapest und auf Festivals.

Stream: ASA 808 – Groove Podcast 374

01. Sirens Of Lesbos – Erytrea nèdègé (Saho)
02. ASA 808 – Bliss
03. Ploy – Ramos
04. Surusinghe – BAD GIRLS
05. Tshegue – Muanapoto
06. TASO x Siete Catorce – 2 for $20
07. ASA 808 – SOMA
08. Lubelski – Asylum (Roman Flügel Remix)
09. Harvey McKay – On The Drum
10. Alex Wilcox – woo
11. BLACK GIRL / WHITE GIRL – LOUI3
12. Deena Abdelwahed – Fête
13. MPX – Trojan
14. Peder Mannerfelt – Town Crier (Nikki Nair Remix)
15. Glaskin – Hydrogroove I (Scuba’s Break Back Mix)
16. Jensen Interceptor & DJ Fuckoff – Ride
17. Nikki Nair – The Analyst
18. Truncate – This Freak
19. DJ ADHD & Nikki Nair – Rips
20. Leon Vynehall – Sugar Slip (The Lick)
21. Two Shell – love him

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