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Nachtiville 2023: Trash, hinter dem sich Hochwertiges verbirgt

Zu sagen, das Nachtiville sei sehnlichst erwartet worden, käme einer groben Untertreibung gleich. Zweimal mussten die Veranstalter mit Vorliebe für Bungalows – hinter dem Nachtiville steckt die Nachtdigital-Crew, wie am Namen unschwer zu erkennen ist – das Festival pandemiebedingt verschieben.

Buchungen für 2021 und 2022 blieben bestehen, die Vorfreude nach der neuerlichen Enttäuschung trug den ein oder anderen Gast sicherlich durch die letzten beiden Jahre, insbesondere wenn man sich die eingeschworene, treue Fangemeinde rund um All things Nachti in Erinnerung ruft.

Vor Ort an der Ostsee, im Subtropischen Badeparadies am Weissenhäuser Strand, rund 90 Autominuten von Hamburg, verkehrte das Nachtiville so ziemlich alle klassischen Festivalparameter ins Gegenteil: Open Air war nicht, Kälte und vereinzelt sogar Schnee statt lauer Sonnenaufgänge, Dunkelheit und graue Tage statt Sonnenbrand, kein Camping, sondern ausschließlich behaustes Wohnen, ob in Bungalows oder im Hotel.

Rinder Nachtiville by Christian Rothe
Beschauliches Ostsee-Flair trifft auf…

Auch die Floors befanden sich – bis aufs überdimensionierte Zelt namens DOCK – ausnahmslos in Innenräumen: Etwa die Wave Cave, das Wellenbad, wenn man so will der Hauptfloor, vor dessen Betreten Gäste auf ihren Blutalkoholwert getestet wurden, um Unfällen vorzubeugen. Als primäre Tanz-Alternativen warteten in der Lobby des Spaßbads mit THE HALL und THE VIEW zwei großartig produzierte Floors. Ersteren durchsetzten LED-Stangen, die von der Decke hingen, der verwinkelte THE VIEW rechtfertigte seinen Namen mit einem ausladenden Balkon. Das Problem: Es bildeten sich lange Schlangen, die zu dementsprechenden Wartezeiten führten, und die Geduld der Besucher:innen spätestens ab dem zweiten Abend strapazierten. Wer die Nerven verlor, ließ sich auf dem OFF!-Floor zu Ambient auf großzügig verteilten Matratzen nieder.

Nachtiville Wave Cave by Christian Rothe
… planschwütige Raver:innen. Kann das gutgehen?

Schon vor Beginn des Nachtiville wiesen die Veranstalter in der festivaleigenen App aber darauf hin, dass es zu Verzögerungen beim Einlass kommen würde. Grüne, orange und rote Punkte neben den Namen der Floors gaben in Echtzeit Auskunft über die Kapazität. Überhaupt präsentierte sich das Nachtiville überaus digital: Bezahlt wurde cashless, mit Chip. Bei dem Überangebot an Aktivitäten, das es teils in Badehose wahrzunehmen galt, ein cleverer Schachzug.

Die offensichtliche Fehlkalkulation bei den Kapazitäten der einzelnen Floors wog trotzdem schwer. Besonders den letzten Abend verbrachten viele Gäste mit Warten, die meisten in Badesachen in der endlosen Schlange vor der Wave Cave, wo Job Jobse und Sedef Adasi das Closing spielten. Doch auch vor THE HALL (Dr. Rubinstein, dann Tijana T) und THE VIEW (Manamana spielten ihr letztes Set überhaupt, dazu später mehr, danach Elias Mazian) war die Wartesituation unbefriedigend. Und jeder weiß: Wenig ruft mehr Groll in Festivalgänger:innen hervor als der Eindruck, ungerecht behandelt zu werden oder nicht genug – in diesem akuten Fall: nichts – für ihr Geld zu bekommen.

Nachtiville Drogenwarnung
Schon am ersten Tag schlug der ein oder andere Gast zum Ärger der Veranstalter über die Stränge.

Der zweite große Kritikpunkt drehte sich rund ums Schlagwort Safe Space. Schon am Samstagmorgen ließen die Veranstalter via App wissen, dass einige Gäste am Vorabend massiv über die Stränge geschlagen hatten. Man sei zu Gast in einem Ferienpark und erwarte von jedem Einzelnen, das zu respektieren, genau so wie die ganze Arbeit, die in das Projekt geflossen ist. Individuelle Freiheit sei von manchen mit einem gesetzlosen Raum verwechselt worden. Und in der Tat, die Aufeinandertreffen von Raver:innen und regulären Badespaßgästen waren nicht immer nur amüsant zu beobachten, die Vorstellungen vom optimalen Kurzurlaub schienen sich massiv zu unterscheiden. Obendrauf kamen noch Securitys, die auf diese Art Veranstaltung offensichtlich noch weniger Lust hatten als die Badeurlauber und keinen für den Anlass geschulten Eindruck machten: Unhöfliches, aggressives oder übergriffiges Verhalten mehrte sich laut Berichten.

Nachtiville Kabinen 2 by Justus Susewind
Die Hütten im Eingangsbereich, ab dem zweiten Tag aus gutem Grund mit Bauzaun geschützt. (Foto: Justus Susewind)

Das sind zwei veritable Wermutstropfen, die Premiere des Nachtiville war dennoch gelungen. Alleine die skurrile Atmosphäre im Spaßbad mit All-inclusive-Einschlag begeisterte, entsprach sie doch ziemlich genau dem Humorverständnis der Organisator:innen. Die Liebe zum Trash, hinter dessen Fassade sich ein extrem hochwertig produziertes Festival verbirgt, macht Nachtdigital und Nachtiville gleichermaßen aus.

Dass man sich der Kritik bei allem Jux stellt und ein offenes Ohr hat, beteuerte man schon kurz nach dem Ende: „Wir sind aktuell noch im Ferienpark und bauen das Festival zurück. Für uns war es ein sehr ereignisreiches Wochenende mit vielen Highlights, aber auch einigen Sachen, die einfach nicht so liefen, wie wir uns das vorgestellt haben. Uns ist bewusst, dass es berechtigte Kritikpunkte gibt, die uns auch schon während des Festivals beschäftigt haben. Daher wünschen wir uns Feedback von euch. Schreibt uns dazu bitte eine E-Mail an feedback@nachtiville.de.” Krisenmanagement, wie es sein sollte: Schnell, klar und vor allem glaubwürdig. Eben doch ein Faustpfand, wenn man mit seinem Stammpublikum gewachsen und die Beziehung zueinander von gegenseitigem Vertrauen geprägt ist.

Nicht vergessen: Musik, und zwar mitunter extrem hochwertige, gab es neben all dem Trubel auch noch. Hier die fünf Sets, die das Nachtiville für unsere Autor:innen besonders machten.

Solid Blake b2b Mad Miran (The Hall)

Solid Blake b2b Mad Miran Nachtiville by Christian Rothe
Mad Miran und Solid Blake.

Alles mit gebrochenen Rhythmen hat einen ganz speziellen Platz in meinem Herzen. Schon individuell verstehen sich Solid Blake und Mad Miran auf die Kunst von energiegeladenen Breaks, subtilem Electro und durchweg seriöser und spaßiger Sets. Für ihr diesjähriges Boss 2 Boss am Weissenhäuser Strand, wo normalerweise nur Rentner:innen und Familien ihr Unwesen treiben, wurden diese PS nochmal verdoppelt. Auch ein Feueralarm in der Mitte des Sets (ja, ich dachte die Sirenen gehören zum Track — tragisch, ich weiß) konnte die beiden nicht aufhalten. Nach einer Stunde des Wartens und erfolgreich durchgeführter Evakuierung wurde die Anlage wieder angeschmissen und die Break-Ballerei ging weiter. Mein Favorit neben den ebenfalls nicht zu verachtenden (Live-)Sets von Animistic Beliefs, Best Boy Electric und Helena Hauff. Luzie Seidel

Animistic Beliefs (The Hall)

The Hall Nachtiville by Christian Rothe
Vom Set von Animistic Beliefs stehen uns leider keine Bilder zur Verfügung, deswegen stattdessen die LED-Stäbe von The Hall.

Dass die Veranstaltungsbranche gerade finanziell zu kämpfen hat, schien sich nicht nur in der niedrigen Arbeitsmotivation des Barpersonals abzuzeichnen, sondern auch auf dem Line-up. Dieses wartete zwar mit einer ganzen Reihe von Hochkarätern auf, hatte aber nur ein einziges Live-Set zu bieten – das es dafür besonders in sich hatte: Samstagnacht brachten die in Rotterdam lebenden Hardware-Enthusiast:innen Animistic Beliefs The Hall eine schweißtreibende Stunde lang zum Überkochen und scheuchten dabei Dance Music in punkiger Manier zukunftsgewandt vor sich her. Während die eine Hälfte des exzentrisch gekleideten Duos sich durch schrille Rap-Einlagen hervortat, ließen sie nahezu pausenlos ein Arsenal an stolpernden Steel Drums, pneumatischen Kicks und schrillen Synths auf die Crowd los. Diese wusste bei all dem rhythmischen Wirrwarr, das von dumpfen Gabber-Kicks und verirrtem Electro durchzogen war, gar nicht mehr wohin mit den Füßen. Ein Kabelsalat, der Gutes tat! Leonard Zipper

Die Licht-Crew (Dock)

Licht Nachtiville by Christian Rothe
Sprich für sich.

Ein Slot vor Gerd Janson ist gleichermaßen undankbar wie er Gelegenheit bietet, schon nachmittags loszupoltern. Alex Kassian und Luc Mast bereiten mit Trevor-Horn-Bombast, Disco nordamerikanischer und italienischer Provenienz und poppigen Einlagen verschiedenartiger Käsigkeit auf ein Set vor, in dem bis auf eine technoide Schlussnote wenig überrascht und an dem doch alles begeistert. Janson geht wie der Lokführer eines Bullet Trains direkt zur Abfahrt über. Unterstrichen wird das vom Licht, das den Rave unter die Kuppel holt.

Das Dock ist ein großes Zirkuszelt, das an sich nicht mehr als Schützenvereinsfeiercharme hat, doch während Janson die Stimmung hochregelt und sich das noch vom Vortag angeschlagene Publikum wieder auf Party einpegelt, erstrahlt alles in einem ebenso feinsinnig dosierten wie der Größe der Venue angemessenen Neonmaximalismus. Und wenn Janson snare-roll-betonte Drops serviert, wird das Meer erhobener Hände in gleißendes weißes Licht getaucht. Klare Message: Ihr seid die eigentlichen Stars des Abends.

Das lässt sich aber umso mehr von den Leuten hinter den Konsolen sagen, die das gesamte Festival über beweisen, dass ein gut getimeter Farbwechsel genauso essenziell ist, wie hin und wieder den Bass erst raus- und dann wieder reinzudrehen. Und die vor sich keine glücklichen Gesichter, sondern nur wogende Schultern sehen müssen. Kristoffer Cornils

Batu (The View)

The View Nachtiville by Christian Rothe
Von Batu gibt’s leider keine Fotos, deswegen hier das Gedränge in The View.

Es ist bereits Sonntagmorgen auf dem Nachtiville. Während Helena Hauff The Hall füllt, wechsle ich die Location und bekomme noch die letzten Backspins von DJ Spits energiegeladenem Set mit.

Nach viel Drum’n’Bass und Ansätzen von Warehouse-Elementen startet Timedance-Gründer Batu etwas verspielter und setzt eine andere Stimmung. The View ist einer der kleinsten Floors auf dem Nachtiville und geht eher in die Breite als in die Tiefe. Die DJ-Booth ist kaum zu erkennen. Die Nebelmaschine erfüllt eben ihren Zweck, während einzelne Scheinwerfer ein wenig Licht auf die tanzende Masse werfen.

Batu greift diese intime Atmosphäre auf und verwandelt den Raum nach und nach in einen vor sich hinwummernden Kessel, gespickt mit viel Bass und einer Reihe von Tracks, die sich keinesfalls an bekannte rhythmische Muster halten. Sein Set erinnert stark an sein letztes Projekt Opal, das hier aber ein anhaltender Groove überlagert, der das IDM-Gerüst energetisch auf den Dancefloor überträgt. All das passiert in einer so entspannten und vermeintlich mühelosen Art und Weise, dass man beispielsweise gar nicht bemerkt, wie französische Vocals auf Beatexperimente springen. Moritz Weber

Manamana (The View)

Manamana Nachtiville 2 by Christian Rothe
Ein letztes Mal eine Einheit hinter den Decks: Manamana.

Manamana gehören zum Nachti wie Pommes Schranke zum Freibad: Ein Klassiker, auf den sich alle auch nach etlichen Jahren immer noch freuen. Umso tiefer saß der Schock, als sich am Sonntagmorgen die Neuigkeit verbreitete, dass das DJ-Team am Abend sein definitiv allerletztes Set spielen würde. Als die beiden um 21 Uhr ans Pult traten, war The View so prall gefüllt, dass jeder geeignete Gegenstand bestiegen und zu einem Podest umfunktioniert wurde.

Ganz in Manamana-Manier brachten die beiden die Tanzfläche mit House à la „Lovebirds – Want You In My Soul ft. Stee Downes” auf zehn Grad über Betriebstemperatur. Irgendwann befanden sich die Hände des ausgelassenen Publikums die meiste in Zeit der Luft, was unter anderem auch an Audions „Mouth To Mouth” lag. Der gesamte Raum wurde von einer Welle aus Euphorie überrollt, als Manamana einen Wahnsinns-Edit von Barker und Ariana Grande spielten. Nach drei Stunden fand das letzte Set von Sevensol und Map.ache mit Pat Benatars „Love Is A Battlefield” sein Ende. Der Applaus danach, so sagt man sich, wurde nur beendet, weil Elias Mazian noch auflegen musste. Danke für alles, Manamana. Bastian Kunau

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