Foto: MATJES PROJECT (DJ Mell G)

Die Geschichte von DJ MELL G ist im kürzlich erschienenen Porträt der DJ, Produzentin und Labelbetreiberin von Groove-Autorin Cristina Plett nachzulesen und zweifellos eine besondere. Sie selbst aber hat deren neuesten Kapitel bereits angefangen zu schreiben: Ihr Label Juicy Gang Records wird sich nach drei Kollaborations-EP zwischen ihr und jeweils DJ Godfather, DJ Fuckoff und Karnage Kills für junge Artists mit frischem Sound öffnen und sie selbst hat musikalisch eine andere Richtung eingeschlagen. Auch ihr Mix für unseren Groove-Podcast legt davon Zeugnis und reiht in knappen 51 Minuten einen Electro-Smasher an den nächsten – oldschool und doch nicht rückwärtsgewandt. Es geht voran mit und dank DJ MELL G.


Du hast einmal gescherzt, das Publikum hätte deinen Sound erst dank der Pandemie verstanden und tatsächlich war dein Tourplan – wann immer möglich – in den letzten beiden Jahren sehr voll. Würdest du sagen, die Pandemie hat eine größere stilistische Offenheit in der Clubszene bedingt?

Ja und nein. Wenn man sich heute die Line-ups von Festivals und Clubs anschaut, sieht man häufig neue Gesichter, was mich zum einen sehr freut, weil dadurch ein neuer Wind weht. Auf der anderen Seite muss ich leider zugeben, dass viele neue Gesichter auch häufig alten Sound spielen, was dazu führt, dass für den “neuen Sound” wiederum weniger Platz ist. Ich finde es super, dass durch die Pandemie die Bühne – zum Großteil – für uns alle geöffnet wurde, nun sind wir allerdings auch an der Reihe, sie zu unserer Bühne zu machen und nicht in alte Muster zu fallen. Das habe ich im ersten Tour-Jahr tatsächlich auch gemacht, allerdings ist mir nun klar geworden, dass das nicht DJ MELL G ist. Ich spiele heute lieber vor wenig Publikum, das meinen Sound versteht, als einen anderen Sound vor Menschenmassen. Dabei wäre mir natürlich mein Sound vor großem Publikum am liebsten. (lacht)

Wie erging es als Künstlerin dir damit, in dermaßen turbulenten Zeiten einen solchen Karriereschub zu erleben – vor allem, als nach vielen Live-Streams die ersten größeren Club-Gigs anstanden?

Ich hatte bereits in einem anderen Interview erwähnt, dass ich sehr Angst davor hatte, dass mein Sound nur vor der Kamera und nicht auf dem Dancefloor funktioniert. Zum Glück konnte ich dann das Gegenteil feststellen. Ich wollte damals nie DJ oder Producerin werden, ich wollte Eventmanagement studieren, veranstalten und booken, also im Hintergrund agieren und organisieren. Ich hatte immer Angst zu tanzen, aufzufallen, laut und schrill zu sein. Nun bin ich all das und ich liebe es. Trotzdem muss ich mich immer noch oft überwinden, über meinen Schatten springen, lernen mit Stress umzugehen und die Musikbranche, in der ich nun tätig bin, auch als Business zu sehen und nicht nur als Hobby. Und das tut manchmal auch ein bisschen weh.

Ende letzten Jahres hast du das Label Juicy Gang Records lanciert, der Fokus lag zuerst auf Kollaborationsarbeiten zwischen dir und anderen Artists. Vor Kurzem hast du aber angekündigt, in eine “neue Richtung” gehen zu wollen. In welche genau und warum die Kursänderung?

Genau, die ersten drei Platten auf Juicy Gang Records sind Kollaborationen. Damit wollte ich zunächst eine Plattform erschaffen und aufbauen. Ich bin ziemlich stolz darauf, dass mein Team und ich das so gut geschafft haben. Juicy Gang arbeitet mit der Vision, neue Talente zu fördern und eine Plattform zu bieten, um die Arbeit von genreübergreifenden Produzent*innen zu zeigen. Und genau damit fangen wir jetzt an. Im Juli erscheint die erste digitale Compilation namens THE JUICE VOLUME 1. Gerade werden alle Artists announced und die ersten vier Tracks droppen heute. Mehr will ich dazu gar nicht sagen, der Sound der Compilation erklärt das Vorhaben von Juicy Gang. Was ich dennoch sagen möchte ist, dass ich mich als DJ MELL G und im Namen von Juicy Gang von Ghetto Tech und Ghetto House entfernen möchte, weil ich es nicht mehr vertrete.

Kollaborative Arbeiten ziehen sich allgemein durch dein Schaffen und zuletzt erschienen über Juicy Gang zwei EPs, die jeweils mit Grime-MC Karnage Kills und DJ Fuckoff erschienen sind. Was reizt dich so sehr am gemeinsamen Arbeiten?

Genau genommen waren es drei, die erste Kollaboration war mit DJ Godfather und auch meine erste Platte 2020 war eine Kollab mit Destroy bei Childsplay. Alle drei Platten, die auf Juicy Gang erschienen sind, wurden 2020/2021 produziert. Zu dem Zeitpunkt hatte ich meinen Sound noch gar nicht gefunden und wusste auch noch nicht mal, in welche Richtung ich so wirklich möchte. Heute kann ich mehr dazu sagen: Electro. Aber es ist immer ein Prozess. Ich denke es ist wichtig, offen für die Kunst anderer Menschen zu sein. Heute sind wir so privilegiert, dass wir viele Menschen über das Internet erreichen können – also warum nicht auch tun? Die vielen Einflüsse von überall, allein nur die Gespräche über Sound, Feedback und Kritik, helfen mir sehr dabei, mich zu verbessern und weiterzuentwickeln. Abgesehen davon habe ich dadurch auch viele neue Freund*innen, Bekannte und Möglichkeiten gewonnen. Ich war nie ein Teamplayer, bin ich heute auch noch nicht, aber beim Produzieren ist es irgendwie etwas anderes.

Neben deines Debüts im Mini-LP-Format, BOOTY FABULOUS, sind Solo-Tracks von dir statt etwa in Form von EPs bisher vor allem auf Compilations diverser Labels erschienen. Ist es dir wichtiger, dich im Kontext verschiedener Communitys zu bewegen als mit eigenständigen Releases aufzutreten?

Nein, auf keinen Fall. Ich denke es ist gerade als Newcomer*in wichtig, auf vielen Plattformen präsent zu sein. Dann bleibt einfach dein Name hängen. Es gab 2020 so eine Compilation-Gang mit etlichen Artists, deren Musik ich heute immer noch spiele. Trotzdem fokussiere ich mich dieses Jahr – bis auf ein, zwei Ausnahmen – auf eigenständige Releases.

Als DJ bewegst du dich innerhalb deiner Sets zwischen verschiedenen Stilen. Wie bereitest du dich vor? Gibt es etwa bestimmte Parameter – Club, erwartbare Crowd, Line-up –, die deine Musikauswahl beeinflussen?

Tatsächlich alles. Oft kann ich am medialen Auftritt einer Veranstaltung erahnen, welche Crowd mich dort erwartet. Das spielt bei meinem Set allerdings nicht so eine große Rolle. Ich spiele meinen Sound. Wie ich mein Set anfange oder beende mache ich häufig vom Line-up abhängig. Promoter*innen und Booker*innen denken sich beim Erstellen des Timetables etwas. Ansonsten heißt es: Crowd lesen, sich aber selbst treu bleiben und etwas Neues erschaffen.

Was war die Idee hinter deinem Mix für unseren Groove-Podcast?

Ich habe lange keinen Mix mehr aufgenommen, freue mich deshalb umso mehr mit diesem Mix zu zeigen, dass sich mein Sound im Vergleich zu vor ein, zwei Jahren geändert hat. Ich bin langsamer geworden, lasse Tracks atmen, lasse sie wirken und betrüge mich nicht selbst.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Ich suche seit langem nach einer größeren Wohnung und träume von einem Home-Studio. Das Produzieren liebe ich mehr als das Auflegen und durch das ganze Touren habe ich kaum Energie und Zeit, in mein jetziges Studio zu fahren. Ich möchte vor allem mit Juicy Gang neue Artists entdecken und Ihnen eine Plattform geben. Ich möchte Fashion machen. Und ich wünsche mir mehr Offenheit für neuen Sound.

Stream: DJ Mell G – Groove Podcast 340

01. Snarexx- Laminaria Funk
02. Driss Bennis pres. OCB – Physics (Video Game Version)
03. Slava Gubarev- His Face
04. YTP – Preach (JGR pres. THE JUICE VOL. 1)
05. Aux 88 – Play It Loud
06. Privacy, System Voice – System Voice feat. System Voice (Original Mix)
07. Mike Ash – Engineering
08. Jensen Interceptor – Kinetic Floor
09. Slava Gubarev – Old Freak
10. Amadeezy & Arm Record – Bass Beat Bang
11. Yarn Init- IBS
12. Go Nuclear- Exotic Dancer
13. SVZZ – Odessa Acid
14. Manao x Soft Grunge – Dance Humanoid
15. Go Nuclear – Murder Suicide
16. Watara- Vice On Deez Dancefloor
17. Club Cab – Bustas
18. Cyan85 – Missed Departure
19. Yarn Init – Scanning
20. Footclan – Ponny
21. 11Schnull – Front Row Chatter (JGR pres. THE JUICE VOL. 1)

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