Photo: Peter Wolff (Innere Tueren)

Plötzlich und wie aus dem Nichts war dieses Album da, das irgendwie zwischen New-Age-Gezwitscher und Krautrock, Deep House und sanftem Techno vermittelte, wattig und seicht, aber doch unbeirrt und von einer großen, alles vereinenden Vision geprägt. Innere Tueren hieß es, benannt nach dem dahinterstehenden Projekt. Um wen es sich dabei handelte, war zwar nicht auf Anhieb klar, das spielte aber auch erst einmal keine Rolle. Denn der Name Innere Tueren gehörte plötzlich zum Repertoire. Nun hat sich Ergin Erteber mit einer weiteren EP für Kann zurückgemeldet. Welten heißt sie und macht genau sieben von denen auf. Aufgebaut sind sie auf Momentaufnahmen, wie auch Ertebers Mix für unseren Groove Podcast eine darstellt: Elf Tracks, die von einer Stimmung zur nächsten fließen, für sich alleine stehen und doch aneinander Funken schlagen.


Zuallererst: Wie waren die vergangenen anderthalb Jahre für dich?

Ehrlich gesagt, privat am Anfang nicht viel anders als davor, da ich gerne zurückgezogen lebe. Aber ich kann auch nachvollziehen, dass es für viele sehr schwierig war und ist, ob familiär, geschäftlich oder physisch. Es macht schon etwas mit einem.

Geboren und aufgewachsen bist du in Heidelberg, eine Stadt mit einer reichhaltigen Tradition von elektronischer Musik. Wie gestaltete sich deine Frühsozialisation?

Die Frühsozialisation generell war eher Hip Hop, meine erste Liebe waren Breakdance und Graffiti, was ja auch sehr traditionell für Heidelberg ist und war. Was die elektronische Musik angeht war der Plattenladen Vinyl Only, der mehr auf Jazz, Soul und andere verschiedene Genres ausgelegt war, der aber auch eine kleine, feine Auswahl an House- und Techno-Platten hatte, sehr wichtig. Dort habe ich auch Steffen Neuert kennen gelernt, mit dem wir als Things From The Basement Musik zu produzieren begonnen haben. Da kam ich gleich in Berührung mit Cheap-Records-, Trelik-, Sound-Signature-, Playhouse- und Warp-Platten, die mich sehr geprägt haben, ebenso wie natürlich auch die HR3 Clubnight, Club-Besuche in Mannheim, Frankfurt und die Groove, da ich eigentlich keinen großen Kontakt zur Szene hatte.

Für dein Studium bist du nach Darmstadt übergesiedelt und warst in der Galerie Kurzweil aktiv. Welche Rolle hast du dort eingenommen und welche Schlüsselerfahrungen hast du dort gesammelt?

Alper [Sepik, einer der Mitbegründer der Galerie Kurzweil] habe ich schon vor meinem Studium und der Galerie Kurzweil kennengelernt. Bevor der Club eröffnet hatte, habe ich schon für seine Off-Partys gespielt und dann offiziell als Resident-DJ in der Galerie Kurzweil angefangen. Die Grafische Zusammenarbeit kam erst später. Es gab mehrere Schlüsselerfahrungen, aber mit die wichtigsten waren die langen Sets von Mitternacht bis Mittag oder die langen B2B-Sets mit Thomas Hammann sowie die Erkenntnis, hinter den Plattenspieler ehrlich zu sein und vom Innersten nach Außen zu spielen, ohne einen sich künstlich selbstauferlegten Schutz oder Nerd-Filter.

Du hast dich zuerst vorrangig auf Gestaltung und Fotografie konzentriert. Auf deiner Discogs-Seite sind auch Credits für Artworks verzeichnet, unter anderem für das Label Sound Mirror hast du gearbeitet. Worauf legst du Wert, wenn du an einer Bildsprache für Releases arbeitest?

Vorrangig war immer die Musik. Über die Musik habe ich erst viele kennen gelernt, die Chemie hat gepasst und dann kam es zur Zusammenarbeit. Das ist mir sehr wichtig. Ich betrachte das nicht als Auftragsarbeit. Was die Bildsprache angeht habe ich keinen Plan. Natürlich habe ich bestimmte Filter und Vorlieben für bestimmte Bildsprachen, aber es ist alles wandelbar und abhängig von dem, was ich fühle, wenn ich mir das Release anhöre oder die Track-Namen lese.

Auch Innere Tueren ist eng mit visuellen Konzepten verknüpft – am Anfang der Tracks stünden Bilder, heißt es in einem frühen Text über das Projekt. Was genau heißt das?

Am Anfang stehen immer Titel! Ich hab vor Jahren anfangen, Titel zu sammeln und zu archivieren, die bei mir eine Stimmung, ein Gefühl, eine Atmosphäre erzeugen. Dann erst setzte ich die Musik dazu um. Meistens nur Skizzen oder Loops, das geht sehr schnell und die Essenz davon bleibt damit erhalten. Bei Kann Records hatte und habe ich die ganze Freiheit, das Visuelle mit der Musik zu verbinden, was natürlich ein großer Segen für mich ist.

Wie schon für dein Debüt hast du für deine neue EP Welten mit map.ache als Produzent zusammengearbeitet. Wie gestaltet sich euer Arbeitsprozess?

Map.ache und ich sind nicht gerade die typischen Studio-Jammer. Für uns und mich persönlich ist das nichts, lange nach Sounds zu suchen und an der Kick drei Tage lang herumzubasteln. Ich respektiere das und habe Hochachtung für die Leute, die die Geduld dafür haben. Ich aber arbeite gerne zu Hause alleine und setzte schnell Dinge um. Es muss mich sofort einbetten, wenn nicht, lösche ich es und mache etwas Neues. Mit Skizzen oder Loops kann ich schnell ein Thema einfangen, das ist das Wichtigste für mich – ein Gefühl, ein Moment. Das schicke ich dann Jan mit Notizen und Sprachnachrichten und wir produziern es aus und schicken uns Files hin und her, obwohl wir beide in Leipzig wohnen. Ohne Mapi wären die meisten Sachen auch nie zum Ende gekommen oder auf ein andres Level und dafür bin ich ihm auch sehr dankbar! Unser Empfinden, was Musik angeht, ist sehr ähnlich und es funktioniert sehr gut und unkompliziert. Wir sind ehrlich miteinander. Das ist sehr wichtig. Wir versuchen daraus keine Physikdoktorarbeit zu machen.

Für den Track “I Will Never Leave You Again, For The Rest Of My Life” hast du von Doris Riedel eingesungene Lyrics verfasst. Sprache spielte schon vorher in Form von Tracktiteln eine große Rolle bei Innere Tueren. Wie kam die Vertonung zustande?

Wie schon gesagt war der Titel zuerst da und habe eine persönliche Geschichte dazu geschrieben. Die Geschichte konnte kein Sample erzählen und die Herausforderung, mit live eingesungenen und eingesprochen Vocals zu arbeiten, wollte ich schon länger umsetzen. Hier hat alles gepasst.

Bei DJ-Auftritten wirst du meistens mit deinem Klarnamen statt dem Pseudonym Innere Tueren gelistet. Warum?

Das hat sich nach meinem Debüt als Innere Tueren geändert. Davor gab es einen Unterschied zwischen dem, was ich aufgelegt und produziert habe. Ich wollte nicht als DJ festgeklammert werden in dem, was ich produziere, also vom Sound her. Ich wollte und will alles spielen was ich liebe und fühle. Ich habe es damals so wahrgenommen, dass viele Menschen Schubladen brauchen, um dich einordnen zu können. Ich hatte auch keinen richtigen Namen gefunden, der das widerspiegelt, was oder wer ich bin oder darstellen möchte und am ehrlichsten ist der persönliche Name. Mit Innere Tueren hat sich das geändert und mit meinem Album, was auch mein Debüt war, hatte ich unbewusst viele verschieden Türen in mir und somit auch für andere geöffnet, sei es in Form von Sounds oder Genres, und so ein Projekt geschaffen, was offen für alles ist.

Was war die Idee hinter deinem Mix für den Groove Podcast?

Mixe sind sehr schwierig für mich, da sie nur einen Bruchteil davon einfangen, was man liebt und was man aussagen möchte. Ich habe gelernt, sie als eine Momentaufnahme zu betrachten und nicht etwas, das einen bestimmten Sound oder Genre repräsentiert. Es sollten einfach tolle Stücke sein, die auch alleine für sich stehen können und nicht erst funktionieren, wenn man sie mixt. Das gilt im Allgemeinen immer für die Tracks, die ich in meinen Sets benutze.

Last but not least: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Was die Musik angeht: Keine Pläne zu haben! Pläne, was die Musik betreffen, blockieren mich und bis jetzt sind auch alle gescheitert. (lacht) Einfach machen! Und wenn man mal nichts zu sagen hat, still zu sein und im Rosental spazieren gehen.

Stream: Innere Tueren – Groove Podcast 308

01. Daniel Avery – Yesterday Faded
02. Andrea – Sarec
03. Actress – Remembrance (feat. Zsela)
04. Marie Davidson & L’Œil Nu – My Love (Young Marco Remix)
05. Superpitcher – Pocket Love
06. Khidja – Die Wilde Spirale
07. Off The Meds – Vice Versa
08. 214 – Snow Lake
09. Special Request – Offworld Memory 3
10. Aleksi Perälä – UK74R1721174
11. nthng – Saafe

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