Fotos: Jonathan Grillich (Rova)

„Auf die Residents kann man sich verlassen, persönlich und inhaltlich. Sie kennen den Club, die Gäste, die Anlage, und sie sind ein Grundpfeiler der musikalischen Identität eines Clubs, also ebenso wichtig wie die Architektur, der Raumklang oder die Gestaltung“, sagte einst Nick Höppner in der Groove. Mit unserem monatlichen Resident Podcast wollen wir ihnen den gebührenden Respekt zukommen lassen.

Außerhalb Wiens scheint sich elektronische Musik vor allem auf mehr oder minder große Festivals wie das Heart of Noise oder das Donaufestival zu verteilt. Der Schein allerdings trügt. Unter dem Namen Freakadelle leistet ein Kollektiv seit Jahren Grundlagenarbeit in Sachen Techno, House und verwandten Spielarten in einer Stadt, die vor allem mit einem Komponisten klassischer westlicher Musik in Verbindung gebracht wird: Salzburg. Mit Minerva Records und dem gleichnamigen Label sowie angeschlossenen Institutionen wie dem Imprint Night Defined bietet Freakadelle für die Region und darüber hinaus ein echtes Rundumpaket, das jeden erdenklichen Bereich ihres Handwerks abdeckt: DJ- und Produktions-Workshops sowie Beratung rund ums Thema Plattenveröffentlichungen gehören ebenfalls dazu.

Irene Kafedarova, mittlerweile auch unter dem Namen

Rova bekannt, ist seit Gründungstagen ein Stammmitglied des Vereins, in dessen Vorstand sie nach ihrem Umzug von Innsbruck nach Salzburg im Jahr 2016 rückte. Als DJ ist sie allerdings seit noch nicht allzu langer Zeit aktiv. Kein Grund aber, die eigene Crew nicht zu repräsentieren. Kafedarovas Mix für den Resident Podcast navigiert zwischen frischen Tunes und vertrauten Classics, Dancefloor-Material und Randständigem – ein bisschen Club, ein bisschen Mixtape für den Hausgebrauch. Natürlich auch mit Stücken aus dem Katalog von Freakadelle und Night Defined.


Freakadelle beschreibt sich als “Klubkulturklub”. Was genau heißt das?

Der Verein Freakadelle ist weit mehr als nur ein (Nacht-)Club, sondern vielmehr eine Community. Wir haben als Musikverein angefangen, der lokalen DJs und Produzent*innen eine Plattform bietet. Mit dem Begriff “Klubkulturklub” wollen wir jedoch auch Leute mit einbeziehen, die sich auch mit anderen Formen der Kunst beschäftigen und damit Entfaltungsmöglichkeiten schaffen für neue, interessante Formate, Aktivitäten, Kunstformen und so weiter. Mit unserem jüngsten Veranstaltungsformat Space Night beispielsweise, die wir seit 2019 jährlich im Sommer am Vorplatz unseres Vereinsheims veranstalten, war es uns ein Anliegen, ein Event zu schaffen, das primär Ambient- und experimentelle Musik präsentiert, vor allem auch mittels Live Sets – weg von einer klassischen Clubnacht mit Four-to-the-floor Sound. In Österreich sind wir noch weit davon entfernt, Clubs in denen elektronische Musik gespielt wird, kulturelle Institutionen zu nennen, wie dies beispielsweise in Berlin geschehen ist. Wir wollen den Leuten durch ein besonderes Augenmerk für musikalische und künstlerische Gestaltung, qualitative Clubkultur näherbringen und versuchen zu vermitteln, dass elektronische Musik sehr vielfältig ist.

Neben einem Tonstudio und einer Radiosendung bietet ihr auch Workshops und Vernetzungsmöglichkeiten für eure Mitglieder an. Was war eure Motivation dafür, das auf die Beine zu stellen?

Wir bieten monatlich jeweils einen DJ- und einen Producing-Workshop an. Zum Teil hatten die Teilnehmer*innen noch absolut keine Berührungspunkte mit der Materie und wollen zum Bepsiel wissen, was da hinter dem DJ-Pult passiert. Zum Teil haben sie aber auch schon einen Track produziert und benötigen noch Tipps bei der Fertigstellung. Mit den Workshops wollen wir Interessierten den Zugang zum DJing und zum Produzieren erleichtern, ihnen mit Tipps zur Seite stehen und eine Möglichkeit zum Austausch geben. Für uns sind die Workshops auch eine Möglichkeit, neue Leute kennen zu lernen, die sich vielleicht auch bei uns im Verein engagieren wollen.

Dem Kollektiv ist auch ein Label gleichen Namens angeschlossen. Wie greift beides ineinander?

Die Idee hinter dem Label war es, eine Plattform für Veröffentlichungen unserer lokalen Künstler*innen und auch jenen, die mit dem Verein verbunden sind, zu schaffen. Da Jürgen Vonbank beruflich in diesem Bereich tätig ist, kümmert vor allem er sich um die Abwicklung der Releases und Vinyl- und Tape-Produktionen. Der künstlerische Prozess hinter den Releases ist aber vor allem durch die Compilation-Formate ein kollektives Unterfangen geworden, an dem sich alle aktiven Mitglieder engagieren: Wir machen Listening Sessions, reden über Tracks, über das Release als Ganzes, über Artwork, Siebdruck und so weiter. Das hat sich wirklich toll entwickelt und macht jedes Release zu einem schönen gemeinsamen Projekt.

Gemeinsam mit Jürgen betreibst du auch den Plattenladen Minerva Records und darüber hinaus bietet ihr sogar einen Artist & Label Service, das heißt Rundum- oder spezielle Betreuung beim Release von Platten an. Warum bringt ihr das beides unter ein Dach und was ist euer Anliegen mit dem Betreuungsangebot?

Die Idee war es, nicht nur ein Plattenladen zu sein, sondern auch ein Treffpunkt und Ort für Austausch für Musikinteressierte. Da wir selbst Erfahrung mit der Produktion und dem Vertrieb von Releases haben, verstehen wir uns als Anlaufstelle für Künstler*innen, die selbst gerne ihre Produktionen veröffentlichen wollen, aber vielleicht nicht wissen, wie sie es anstellen sollen beziehungsweise was es für Möglichkeiten gibt. Mit unserem Artist & Label Service wollen wir vor allem auch lokalen KünstlerInnen dabei helfen, ihre Musik auf den Markt zu bringen.

Normalerweise veranstaltet ihr eine monatliche Clubnacht im Heizkeller. Was ist euch bei der Programmierung wichtig?

Wir haben irgendwann angefangen, uns mehr Gedanken über den musikalischen Spannungsbogen einer Klubnacht zu machen. Uns ist es wichtig, dass nicht beim Einlass um 22 Uhr schon gebrettert wird, sondern schön ruhig in den Abend einzuführen und diesen aufzubauen. Das wirkt sich unserer Erfahrung nach sehr positiv auf die Atmosphäre im Club aus und schreckt vielleicht auch Gäste ab, denen die Musik nicht ganz so wichtig ist.

Kannst du dich selbst noch an deinen ersten Gig bei diesen Nächten erinnern?

Ja, ich kann mich noch ganz gut erinnern. Das war 2018, ich hatte da gerade erst angefangen aufzulegen. Die Jungs haben mich dann gleich mal einfach ins kalte Wasser geworfen und mich für das Warm Up eingeteilt. Obwohl das Set zum Teil etwas holprig war aufgrund von Nervosität und der Unwissenheit darüber, dass es in der DJ Booth bei der Klubnacht dann doch so laut ist, gab es viel positives Feedback, vor allem weil eine Frau an den Decks stand. Ich habe mich sehr gefreut, dass dies so gut angenommen wurde.

Wie würdest du das Publikum der Freakadelle-Veranstaltungen beschreiben?

Für uns ist es wichtig, dass sich unsere Gäste an bestimmte Verhaltensregeln halten und dabei mithelfen, einen Safe Space zu schaffen. Bei den Clubnächten sitzen wir selbst an der Tür, heißen die Leute willkommen und verteilen Releases beim Ein- und Austritt. Viele Besucher*innen kommen, weil sie selbst musikinteressiert sind und unseren Ort als Austauschmöglichkeit schätzen. Ich denke, dass sowohl die musikalische Gestaltung als auch die notwendige Voranmeldung für die Veranstaltungen für ein gutes Klima sorgt und wir uns dadurch kaum mit negativ auffallenden Personen herumschlagen müssen. Häufig bedanken sich die Leute sogar beim Gehen und drücken uns ihre Wertschätzung für unser Engagement aus. Das ist für mich das schönste Gefühl und auch eine Bestätigung, dass sich die ganzen Mühen lohnen.

Was war die Idee hinter deinem Mix für unseren Groove Resident Podcast?

Ich wollte in diesem Mix viele verschiedene Sachen unter einen Hut bringen und daraus eine Mischung aus Clubsound und Mixtape machen mit sowohl tanzbarer als auch weniger tanzbarer Musik – quasi eine kleine Zusammenfassung von allem möglichen, was so bei uns geschieht und womit ich mich in letzter Zeit beschäftigt habe. Es sind ein paar neue Sachen dabei, ein paar Tracks die schon länger darauf warten gespielt zu werden, aber auch Favourites, die ich öfters spiele und auch neue Musik von unseren Labels Freakadelle und Night Defined Recordings.

In Pandemiezeiten war bisher von österreichischen Clubs und Veranstalter*innen viel Missmut über mangelnde staatliche Unterstützung mitzubekommen. Wie ist es euch in der Hinsicht in Salzburg ergangen?

In normalen Zeiten haben wir als NPO mit ehrenamtlich tätigen Mitgliedern noch nie eine Unterstützung erhalten. Umso überraschender war es für uns, dass wir in der Pandemiezeit Unterstützung über den NPO-Fond des Bundes erhalten haben. Damit haben wir uns bis jetzt über Wasser halten können, wodurch es uns als Kulturverein wohl besser ergangen ist als manch einem Unternehmen aus der Nachtgastronomie.

Last but not least: Was sind deine und eure Pläne für die Zukunft?

Es stehen einige Releases auf unseren Labels Freakadelle und Night Defined Recordings an, auf die wir uns schon sehr freuen. Weiters befassen sich einige von uns intensiv mit dem Aufbau der Salzburg Club Commission, einer Interessenvertretung für die lokale Clubkultur, und hoffen damit, den Stellenwert der Szene anzuheben. Bei Minerva Records konnten wir nun wieder mit unseren In-Store-Sessions starten und hoffen, dass die Situation stabil bleibt und wir die Community weiterhin bei uns versammeln können.

Stream: Rova – Groove Resident Podcast 20

01. URA – Fugue 01 (naff recordings)
02. Gesellschaft Zur Emanzipation Des Samples – CloseOldCountryStompToYou (Faitiche)
03. Jon Hassel – Dreaming (Ndeya)
04. Mary Yalex – runing out of time (forthcoming on Night Defined Recordings)
05. Loop LF – Natural XT (Well Street Records)
06. Mallard – Marco’s Mango (Rhythm Section International)
07. Joanesk – Melkminimikks (forthcoming on Kelle)
08- Patricia – Dripping (Ghostly International)
09. Scntst – The Ends From Castle Road (Boysnoize Records)
10. J.Tijn – Flat (West Norwood Cassette Library Remix) (WNCL Recordings)
11. Audio Werner – Reise (Self-released)
12. Demdike Stare – Overstaying (Modern Love)
13. Șerb – Undue Reaction (Night Defined Recordings)
14. Pavilion – greenspirit (Pavilion)
15. OL – A4 (feat. Flaty) (Asyncro)
16. Son of Philip – Rubber Stamp (Actress Remix) (Wigflex)
17. Skee Mask – CZ3000 Dub (Ilian Tape)
18. Zopelar – Process Of Change (Apron Records)
19. Squarepusher – Squarepusher Theme (Warp Records)
20. SW. – dx n-lip (Apollo)
21. Watching Airplanes – You (Realist) (Banlieue / Peur Bleue Records)
22. SFV Acid – always (LA hardcrew mix) (BAKK)
23. Eduardo De La Calle – Achala,s Spheres 2 (Night Defined Recordings)
24. Nurah – Lunar (Freakadelle)
25. Juergen Vonbank – Much Kudos (Night Defined Recordings)

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