Byron The Aquarius – What Up Doe? Vol. 2 (Shall Not Fade)

Byron The Aquarius - What Up Doe? Vol.2 (Shall Not Fade)

Byron The Aquarius – unser Mann aus Alabama ist gerade in aller Munde. Jeff Mills hat kürzlich sein Jazz-House-Fusion-Album Ambrosia auf Axis veröffentlicht, auf dem UK-Label Apron kam die sensationell gute Apron EP heraus und hier auf groove.de ist ein großes Feature über den 32-jährigen Keyboarder und Produzenten erschienen. Mit der zweiten What Up Doe?-EP widmet sich Byron Blaylock mal wieder wunderbar straighter Musik in klassischer US-House-Tradition. Die Platte startet leicht verschwitzt, diese rollenden Low End Sounds fordern auf „She Want to Work It” Tribut. Knappe jazzige Akkorde sind auch auf dieser EP ein roter Faden der Musik von Byron The Aquarius. Durch „I Can Feel That Dub” wuseln sich dann aber verspielte 303-Basslines, während „Apes of Mars Pt. 2” ein paar Techno-Muskeln spielen lässt. „Cosmic Raindance” wiederum, eine von drei Kollabos mit MDMA, ist ein Produkt seiner Begeisterung für deep-esoterischen Detroit Techno aus den frühen Neunzigern. „Can We Do It Again Dub” kehrt dann wieder zum Low-End-Bassline-Ansatz des Openers zurück. What Up Doe? Vol. 2, die 50. Veröffentlichung auf Shall Not Fade, hat also alles, was man von einer House-Platte erwartet. Holger Klein

Etch – Polarity (Ilian Tape)

Etch – Polarity (Ilian Tape)

Unter den vielen jüngeren Freund*innen des gebrochenen Beats gehört Zak Brashill alias Etch aus Brighton klar zu den Produzent*innen, die mit Traditionspflege allein nicht glücklich werden, dafür umso mehr Interesse zeigen, Genres wie Drum’n’Bass unter Gegenwartsbedingungen am Leben zu halten. Für Etch hat Bassmusik definitiv noch eine Zukunft. 2020 war für ihn zudem ein produktives Jahr. Neben seinem in Richtung Abstraktion gehaltenen Album Strange Days hat er einige EPs herausgebracht, aktuell Polarity. Die beginnt zunächst atmosphärisch, fast ohne Breaks, dafür mit Field Recordings. Nach zwei Bassmusikstudien („This Ain’t Music”, „Zone Tripper”) folgt eine futuristisch-dräuende, zugleich schlank produzierte Jungle-Nummer inklusive Horrorfilm-Sample („Ha, ha, ha, ha, I’ve been waiting for you”). Die artistischsten Breaks aber hat sich Etch für die letzte Nummer, den „Emmageddon Snow Waltz”, reserviert. Dazu ein merkwürdig dünn verzerrter Digitalbass, während sich die Rhythmusspur zunehmend in sich selbst zu verheddern scheint. Wunderbar. Eine Platte, die sich kontinuierlich steigert. Tim Caspar Boehme

·

Nikki Nair – Power Tool (Dirtybird)

Nikki Nair - Power Tool (Dirtybird)

Dirtybird öffnet sich mehr und mehr Breakbeat-orientierten Stücken und kündigt im Info zu dieser Platte für 2021 an, dass es dann „nicht mehr nur um Tech House gehen wird”. Nikki Nair wiederum gräbt mit Power Tool tief in seiner eigenen musikalischen Vergangenheit, stößt dabei auf Florida- und West-Coast-Breaks, auf Künstler*innen wie die Bassbin Twins und Xpando und auf Nullerjahre-Techstep, mit dem der Produzent aus Knoxville aufgewachsen ist. Da haben sich zwei gefunden, könnte man sagen und sich freuen auf die nächsten Dirtybird-Veröffentlichungen! Nikki Nairs Power Tool klingt bei all dem Diggen jedoch nicht rückwärtsgewandt. Im Gegenteil verströmen die vier Stücke eine Frische, die jede*n sofort packen wird, der*die eine minimale Offenheit für Breakbeats und Fusionen von Electro, Drum’n’Bass und Verwandtem mitbringt. Und Pop nicht verteufelt, denn Nair hat definitiv auch für Musik jenseits des Dancefloors ein Faible, was gerade in dem verspielten „In My Car” mit humorvollen Vocoderstimmen und hookiger Textzeile feinfühlig zelebriert wird: „I don’t give a fuck”, wird darin mantraartig wiederholt, und diese Haltung ist wohl bedenkenlos auch auf Nikki Nairs Einstellung zu stilistischem Reinheitsgebot und lamentierenden Genrepolizist*innen übertragbar. Mathias Schaffhäuser

Overmono – Everything U Need (XL)

Overmono - Everything U Need (XL)

Hier kommt eine richtig gute neue EP der Gebrüder Russell alias Overmono. Der ältere der beiden, Tom, ist schon seit rund 15 Jahren unter dem Namen Truss als Techno-Produzent aktiv, während sein zehn Jahre jüngerer Bruder sich unter dem Namen Tessela als Breakbeat-Spezialist einen Namen gemacht hat. Die Tracks dieser Platte simulieren eine dieser wunderbaren Rave-Afterhours, die man sich mit all ihrer Romantik und diesem Wechselbad aus weltumarmender Euphorie und zum Sterben schöner Melancholie derzeit so gerne erträumt. Stets weht ein Hauch von 90s-Techno-Rave durch die Tracks, immer wieder sind Referenzen an den klassischen UK-Electronica-Sound der frühen Neunzigerjahre zu hören. Im nächsten Moment fragt man sich, ob man sich nicht verhört hat, also ob die ganze Sache nicht viel eher eine Referenz an Border Community ist. Und ja, „Aero” ist ein riesengroßer Hit, genauso wie der Bassline-Tune „Clipper (Another 5 Years)” mit seinen Breakbeats und diesen entrückten Keys. Holger Klein

Hooversound Presents: Private Caller & Manifesto (Hooversound)

Hooversound Presents- Private Caller & Mani Festo (Hooversound)

Mit jeweils zwei Tracks zollen Private Caller und Mani Festo unter anderem der Mutter aller Ravesignale, dem ikonischen „Mentasm”-Staubsauger-Sound, Tribut, der erstmals 1991 von Joey Beltram – unter seinem Second Phase-Pseudonym – auf dem Roland Alpha Juno programmiert wurde. Und das auch noch auf dem Label, das sich nach eben jenem Klang benannt hat: Hooversound. Auch sonst fliegen einem die Frühneunziger-Rave-Reminiszenzen hier nur so um die Ohren, von hyperventilierenden Proto-Jungle-Breakbeats bis nordenglischen Bleeps und Clonks und MC-Befehlen ist hier alles vertreten. Glücklicherweise verstehen sowohl Private Caller als auch Mani Festo ihr Handwerk, sodass der Spaß nicht in schalen Retroklischees versumpft, die nach vorne preschenden Hommage-Tracks vielmehr jede Menge Spaß machen. Tim Lorenz