Eröffnungsveranstaltung von Radical Mutation (Foto: Dorothea Tuch)

Seit dem 28. September bietet das HAU Hebbel am Ufer ein Eröffnungsprogramm für einen neuen Raum im HAU1 an. Unter dem Titel Radical Mutation: On the Ruins of Rising Suns haben die Kuratorinnen Nathalie Anguezomo Mba Bikoro, Saskia Köbschall und Tmnit Zere ein Programm zusammengestellt, dass Rassismusgeschichte in Deutschland aufarbeitet und gleichzeitig Sichtbarkeit für die Kämpfer*innen für Gleichberechtigung schafft. Im Interview erklären die Kuratorinnen ihr Programm, ihre Inspiration und die Hintergründe von radical Mutation.

Könnt ihr euer Programm beschreiben?

Saskia Köbschall: Die Idee kam auch in einem Moment, in dem Institutionen darüber nachdachten, wie man nach oder mitten in dem Black-Lives-Matter-Momentum weitermachen kann, um in den Kulturinstitutionen ein antirassistisches und inklusives Umfeld zu schaffen. Wir haben darüber nachgedacht, was es bedeutet, in der aktuellen Situation ein Programm zu erstellen, auch in Zeiten der Pandemie. So sind wir dazu gekommen, auf das zurückzuschauen, was bereits geschehen ist, besonders in der Weimarer Republik. Bis zu unserer Recherche wussten wir nicht, was dort alles passiert ist. Wir wussten nicht, dass Alain Locke und Claude McKay in Berlin waren und sich von der Kulturszene der Stadt inspirieren ließen. Dann gingen sie in die USA zurück und prägten die Harlem Renaissance. Die Idee dahinter ist, dass man zurück zur Geschichte muss, um etwas Neues zu erschaffen. Deswegen haben wir das Programm On the Ruins of Rising Suns genannt. Der Titel bezieht sich auf den Nationalsozialismus in Deutschland. Wir haben sogar die Enkelin von der Theaterautorin Louis Brody in Berlin gefunden, Abenaa Adomako. Sie ist auch im Programm vertreten.

Was erwartet die Besucher*innen?

Tmnit Zere: Ein zehntägiges Programm im Zuge der Neueröffnung des HAU nach der coronabedingten Schließung. Wir haben Performances, Tanzaufführungen, Diskussionen und Theaterstücke, die jedoch gekürzt sind. Wir mussten uns an bestimmte Auflagen wegen Corona halten. Es ist ein sehr abwechslungsreiches Programm, das besonders von dem Theaterstück Sonnenaufgang im Morgenland inspiriert ist. Das Theaterstück war einer der Ausgangspunkte für unser Konzept, mit dem wir zurück in die Vergangenheit, tiefer in Archive und Geschichten blicken wollen. In diesem Fall war für uns interessant, dass das Theaterstück 1930 aufgeführt und von Louis Brody geschrieben wurde.

Das Hebbel Theater, in dem das Programm auch stattfinden wird, ist 1908 gebaut worden. Habt ihr auch an den Raum gedacht, als ihr euer Konzept entworfen habt?

Nathalie Anguezomo Mba Bikoro: Uns war es wichtig, den historischen Kontext des HAU mitzudenken. Dazu gehören auch die Veränderungen der Institution in Kriegszeiten, Spuren und Geschichten oder Narrative, die bewusst ausgelöscht oder nicht beachtet wurden. Wir wollten uns die Beziehung zwischen Theaterproduktionen oder -bewegungen und der migrantischen, schwarzen Erfahrung in Berlin angucken und wie diese Gruppen oder schwarze Akteur*innen wegen Klassenunterschieden und Rassismus nie die Chance hatten, in Räumen wie dem Hebbel Theater ihre Arbeit zu zeigen. Damals [als Sonnenaufgang im Morgenland aufgeführt wurde, 1930, d. Red.] gab es eine Bewegung, in der es um visuelle Geschichten, Narrative und Adaptionen ging. Damit sollte das stereotypische Narrativ von Migrant*innen herausgefordert werden und andere Geschichten gezeigt werden, die nicht der Ideologie des weißen western gaze entsprachen. Also haben wir die Arbeit von Louis Brody und anderen Künstler*innen zurückverfolgt, die in der Weimarer Republik nicht gezeigt wurden. Für diese Art von Archivarbeit haben wir besonders die Erfahrungen und Perspektiven schwarzer Frauen reflektiert. Viele dieser Bewegungen wurden von schwarzen Frauen, die sich von ihren schwarzen männlichen Gleichgesinnten ausgeschlossen fühlten, erst aufgebaut und auch angeführt. Es gibt tatsächlich viele Gemeinsamkeiten zwischen den Erfahrungen schwarzer Frauen damals und unserer Erfahrung heute. Viele der Konflikte, Probleme und Kämpfe, die in den 1920ern, 30ern und 40ern stattfanden, passieren auch noch heute. Wir wollten diese Sachverhalte reflektieren. Für uns ist es eine Praxis der Solidarität. Anstatt die Geschichte als vergangen darzustellen, wollten wir unsere eigenen Narrative und spekulative Zukunft in der Geschichte verwurzeln. Natürlich war es für uns sehr wichtig, uns auf die Geschichte schwarzer Frauen damals und heute zu konzentrieren und zu sehen, wie sie weitere Widerstandsbewegungen rund um den Globus beeinflusst haben. Beispielsweise in anderen Kontexten wie Kamerun, Kongo und Senegal oder auch der Harlem Renaissance [soziale, kulturelle und künstlerische Bewegung in Harlem in New York von afroamerikanischen Protagonist*innen zwischen circa 1920 und 1930, d. Red.].

Und wie genau bezieht ihr eure solidarische Praxis auf das HAU?

Köbschall: Über den Raum haben wir viel nachgedacht. Wir haben sogar an das Holz denken müssen, aus dem der Saal gebaut worden ist, nämlich aus Mahagoni. Dieses Holz kam als Luxusgut nach Europa und ist eng mit der Kolonialgeschichte Deutschlands verbunden. Der Raum hat eine besondere Signifikanz. Wir haben uns viele Gedanken darüber gemacht, was es bedeutet, diese Narrative, die Nathalie gerade beschrieb, in diesem Raum darzustellen und damit eventuell die klassistische und rassistische Geschichte des deutschen Theaters zu dekonstruieren. Wir fragten uns: Was bedeutet es, an dieses Theaterstück, das 1930 in einem Arbeiter-Ballsaal aufgeführt worden ist, zu erinnern? Was bedeutet es, das in das HAU zu bringen?

Ihr versteht euch als Kollektiv. Welche Perspektiven bringt ihr jeweils in eure gemeinsame Arbeit mit ein?

Zere: Wie wir gemeinsam arbeiten ähnelt sehr unserer Herangehensweise an dieses Programm. Alle unsere Projekte sind in einer solidarischen Praxis verortet, die Nathalie schon erwähnt hat. Denn unsere Arbeit kommt nicht aus dem Nichts. Sie baut immer auf schon vorhandene Kämpfe und schon geleistete Arbeit von anderen, von schwarzen Frauen und Männern, auf. Wie wir an Projekte herangehen, ist oft eng mit der jeweiligen Lokalität verbunden. Zum Beispiel, dass unsere Projekte einen Bezug zu Berlin haben und in Verbindung mit Geschichten stehen, die man nicht im Mainstream-Diskurs findet. Das sind die Perspektiven und Ansätze, die wir uns als Kollektiv in Kunst und Kultur angucken.

Köbschall: Wir haben auch sehr unterschiedliche Hintergründe in Bezug auf die Disziplinen, in denen wir geschult sind. Nathalie ist eine Performance-Künstlerin und Kuratorin. Ich bin eine Anthropologin und Tmnit kommt aus der politischen Bildung. Aber wir haben alle eine gemeinsame Sicht auf die Dinge, nur andere Herangehensweisen. Ich denke, das kann man auch in unserer Arbeit sehen. Unser interdisziplinärer Ansatz ergibt in seinen Einzelteilen viel Sinn, unsere verschiedenen Sichtweisen bereichern einander.

Ihr habt schon ein bisschen von dem Theaterstück erzählt, das euer Ausgangspunkt für euer Konzept war. Warum habt ihr euch die späte Weimarer Republik als Startpunkt ausgesucht? 

Bikoro: Eigentlich hatten wir unterschiedliche Startpunkte. Das Konzept setzte sich aus vielen Fragmenten zusammen, aber wir haben uns aus verschiedenen Gründen auf das Theaterstück fokussiert. Erstens, weil wir in Kontakt mit Abenaa standen, und zweitens, weil es eine der wenigen archivierten historischen Arbeiten ist, die von dem damaligen Geschehen erzählt. Natürlich gab es Bemühungen, das Erlebte schriftlich festzuhalten, aber nicht viele dieser Texte blieben erhalten. Entweder kann man sich auf Zeitzeugenberichte oder auf Erzählungen von Nachkommen stützen oder Berichte in Zeitungen lesen. Wir haben mit Robbie Aitken, einem Wissenschaftler, gesprochen und gearbeitet, der zu Theaterarbeit und der afrodeutschen Identität in Deutschland forscht. Ich glaube nicht, dass das Theaterstück direkt ein Startpunkt für uns war, aber es ist definitiv eines der prominenten Fragmente, auf die wir uns fokussiert haben.

Köbschall: Wenn man sich solche Geschichten aus Deutschland anguckt, startet man meistens mit May Ayim. Das war auch unsere erste Idee, und dann haben wir uns angespornt, tiefer zu gehen. Die Weimarer Republik ist nicht unbedingt so, wie man sich diese Periode vorstellt. Es gibt so viele verschwiegene Narrative, von denen wir selbst, die viel mit archivierten Werken arbeiten, nichts wussten. Uns hat das wirklich die Augen geöffnet, was alles in der Weimarer Republik passierte, das in bestimmtem Sinne schon unserer heutigen Zeit voraus war. Es ist auch erschreckend, wenn man bedenkt, wie der Nationalsozialismus diese Anstrengungen begraben konnte. Das betrifft nicht nur schwarze Künstler*innen, sondern auch das Arbeiter*innentheater. Der Saal, in dem das Theaterstück aufgeführt wurde, war in den 1920ern ein revolutionäres Arbeiter*innentheater. Es entstand der Versuch, diesen Ballsaal als ein Theater für Arbeiter*innen und für politischen Wandel zu nutzen. Oder man guckt sich Ballroom Culture an. Wir kannten das Ausmaß der Ballroom Culture im damaligen Berlin gar nicht. Sie beeinflusste die amerikanischen Ballroom Szene, die wiederum im Umkehrschluss nach Deutschland zurückkam. Einige der ersten Houses wurden in Deutschland gegründet, so wie das House of Melody, das jetzt House of St. Laurent heißt und dessen Ensemble im Rahmen des Programms am 4. September auftritt. Das ist eine sehr interessante Verbindung zu dieser Zeit, denn sie war das goldene Zeitalter der Ballroom Culture – und das während der Weimarer Republik in Berlin. Im Grunde kam diese Kultur erst 2012 aus den USA wieder nach Deutschland zurück. Das ist es, was wir mit unserer Arbeit versuchen wollen: Ein bisschen tiefer in die Geschichte blicken, als man es normalerweise tut.

Warum ist es wichtig, zurück in die Vergangenheit zu blicken?

Zere: Ich würde sagen, dass selbst aus der Recherche klar wird, dass Macht in Wissen liegt. Aber ich glaube, Kraft liegt auch darin, seine eigene Geschichte zu kennen. Es ist sehr wichtig, sich vor Augen zu führen, dass diese Kämpfe gegen Rassismus nicht mit dem Tod von George Floyd begannen. Das ist wichtig zu verstehen, auch um sich in der Kontinuität dieser Kämpfe, die bereits vor einem selbst passierten, zu positionieren. Es ist wichtig, dass man von diesen Erfahrungen lernt, sich aber auch bewusst macht, dass diese Geschichten nicht leicht zugänglich sind. Das ändert auch die eigene Arbeit – zu wissen, dass man nicht voraussagen kann, wie sich Dinge entwickeln werden. Ähnlich war es in den 20er und 30er Jahren. Manche Leute können vielleicht die Effekte des Nationalsozialismus nicht einschätzen. Wenn man Recherche betreibt, kann man wirklich sehen, wie viel diese Zeit zerstört hat. Viele Leute sind damals gestorben oder mussten Deutschland verlassen. Dieser Bruch ist stark sichtbar. In den 50ern und 60ern wurde damit begonnen, Dinge wieder aufzubauen mit Büchern wie Farbe bekennen. Dieses Zurückblicken ist definitiv empowering und extrem wichtig, um die Komplexitäten und strukturellen Dimensionen dieser Kämpfe heutzutage verstehen zu können. Es ist nichts, was erst seit kurzer Zeit passiert, sondern schon sehr lange andauert. Man kann viel von diesen Kämpfen lernen und sich selbst als Teil einer größeren Geschichte oder eines großen Ganzen positionieren.

Köbschall: Und ein anderer Aspekt davon ist, dass in Deutschland das Narrativ des Rassismus eng mit der Kolonialgeschichte verbunden ist. Dieser Bezug wird jedoch oft nicht hergestellt. Es ist sehr wichtig, diese Verbindung zu begreifen, um zu verstehen, wo wir gerade sind und woher der Rassismus kommt, den es heutzutage gibt. Um Rassismus in Deutschland verstehen zu können, muss man wissen, wie er entstanden ist. Er kommt aus der Kolonialgeschichte, die dann den Boden für den Nationalsozialismus ebnete. Es ist eine Fortsetzung, und wenn man es nicht als Fortsetzung versteht, hat man nicht die Werkzeuge, um Rassismus zu bekämpfen. Wie Tmnit sagte: Es ist sehr wichtig zu wissen, dass Macht in dem Wissen der eigenen Geschichte liegt, auch bezüglich Geschichte von Menschen, deren Kampf uns empowert. Und es ist wichtig zu wissen, dass diese Menschen gegen ein System, Ideologie und Logik kämpften, mit denen wir uns heute noch auseinandersetzen.

Euer Fokus liegt klar auf Berlin. Spielt die Stadt eine besondere Rolle in der deutschen black history?

Köbschall: Wir haben uns bewusst dazu entschieden, uns auf Berlin zu fokussieren. Denn wenn über Rassismus und Kolonialismus geredet wird, werden verschiedenste Menschen aus unterschiedlichen Kontexten eingeladen, aber über Berlin als Kolonialmetropole wird sehr selten geredet. Vom Titel bis hin zu den Menschen, mit denen wir arbeiten, alle haben eine Verbindung zu Berlin. Dieser Blick auf Berlin hat uns im öffentlichen Diskurs gefehlt. Natürlich ist in den letzten Jahren auch der Diskurs um Rassismus und Kolonialismus in Berlins Kulturszene angekommen, aber es ist nie wirklich selbstreflexiv. Es ist einfacher, über den amerikanischen Kontext zu sprechen. Mit dem Fokus auf Berlin wollten wir uns auch selbst herausfordern und dadurch haben wir all diese Geschichten gefunden von Menschen, die aus Kolonien kamen, Teil der kommunistischen Partei waren, Organisationen in Berlin gründeten und letztendlich die Harlem Renaissance prägten.