Foto: Mari Vass (Liesa)

„Auf die Residents kann man sich verlassen, persönlich und inhaltlich. Sie kennen den Club, die Gäste, die Anlage, und sie sind ein Grundpfeiler der musikalischen Identität eines Clubs, also ebenso wichtig wie die Architektur, der Raumklang oder die Gestaltung“, sagte einst Nick Höppner in der Groove. Mit unserem zweimonatlichen Resident Podcast wollen wir ihnen den gebührenden Respekt zukommen lassen.

Die Adresse des City Clubs in Augsburg ist etwas, das DJs einander zustecken, wenn sie einander erinnern wollen, warum sie das überhaupt machen, was sie tun: Klein, schwitzig, energiegeladen sind die Partys dort, eine Brise Community-Spirit weht über allem. Mit dem Beginn der von Sedef Adasi intiierten HAMAM NIGHTS hat die bayerische Studierendenstadt mittlerweile auch eine Partyreihe, die über ihre Grenzen hinaus bekannt geworden ist. Liesa ist dort Resident und ihr Beitrag zum Groove Resident Podcast transportiert den Spirit dieser Nächte etwas über eine Stunde hinweg: discoid, funky, hittig und doch nicht anbiedernd.

Mittlerweile in Berlin ansässig, hat sich die DJ und Produzentin mit Grizzly unter dem Namen GrizzLiesa zusammengetan und arbeitet gemeinsam mit ihm an Musik. Die Augsburg-Connection blieb darüber aber bestehen und obwohl die Pandemie auch den HAMAM NIGHTS einen Riegel vorgelegt hat, wird schon ungeduldig mit den Hufen gescharrt. Auch das wird in Liesas Mix hörbar: Hier kann es jemand kaum erwarten, auf einer kleinen Tanzfläche wieder die Innentemperatur ein paar mehr Grad hochzuregeln.


Aus welchem Gedanken heraus wurden HAMAM NIGHTS ins Leben gerufen?
Ich denke, der Kerngedanke war zunächst, etwas Großes in die kleine Stadt zu holen. In der Augsburger Musikszene hat sich in den letzten Jahren enorm viel getan, Gutes wie Schlechtes. Einige sehr wichtige Clubs mussten schließen, andere kamen neu dazu und auf einmal entwickelte sich eine richtige Szene. Die Leute hatten Bock, wurden kreativ und formierten sich zu Kollektiven, so auch die HAMAM-Crew. Wir hatten zunächst in einem kleineren Team die Rabauke / In-Party ins Leben gerufen, eine Queer/Straight/Notsure-Veranstaltung, auf der wir besagtem Publikum sowie auch generell mal eine neue Plattform bieten wollten, da die Parties der LGBTQ-Szene in Augsburg, nun ja, sagen wir mal eher sehr stereotyp repräsentiert wurden. Die Rabauke war dabei niemals allein nur Party, wir zeigten auch – für uns wichtige und prägende – Filme, veranstalteten Lesungen, Live-Konzerte aber natürlich gab’s abschließend auch jedes Mal einen ordentlichen Rave. Nach und nach verlief sich die Party leider etwas im Sand, da viele Mitglieder wegzogen oder schlichtweg zu beschäftigt waren. Sedef Adasi, damals auch Teil des Rabauke Teams, griff sich dann quasi den technoiden Spirit heraus und initiierte kurze Zeit später die HAMAM NIGHTS im City Club. Sie fragte mich, ob ich wieder als DJ mit im Boot wäre und kurz darauf gab es die erste HAMAM NIGHTS, die unsere Erwartung bei Weitem übertraf. Nach dieser Nacht war klar: bei einer wird es nicht bleiben.

Kannst du dich noch daran erinnern, wie der erste Abend mit dir hinter den Decks lief?
Ich weiß auf jeden Fall, dass ich irre aufgeregt war, es war ja quasi mein erstes offizielles Booking. Es macht schon einen Unterschied, ob du halb im Delirium auf deiner eigenen Party spielst oder offiziell gebucht wirst. Die Rabauke begann ihrerzeit als trial and error, die Leute hatten Lust auf neuen Input, neue Raves und waren offen und dankbar für alles Andersartige. Man brauchte eben nur noch jemanden, der gute Musik spielt, und so hab ich angefangen, an den CDJs rumzudrücken und irgendwie hat das schon gepasst. Bei der HAMAM war es dann auf einmal ein offizieller Gig und ich stand sehr unter Strom. Ich weiß auch noch, dass ich damals musikalisch noch ganz woanders zuhause war, viel ruhiger, poppiger und verspielter. Wenn ich heute daran zurück denke, muss ich eher schmunzeln, da ich mittlerweile viel härter und dunkler spiele.

Worauf kommt es euch bei der Programmierung der Events an?
Bezüglich Sedefs Bookingauswahl kann ich nur das Offensichtliche benennen: ausgewählte Künstler*innen und Szenegrößen. Das ist natürlich schon toll, wenn auf einmal DJ Stingray, Tama Sumo oder DMX Krew aus dem Nichts im Ausgburger Nachtleben auftauchen. Bei allem anderen stecke ich aber zu wenig drin, als dass ich mehr dazu sagen könnte. Was ich aber sagen kann, ist, was mir persönlich an der HAMAM besonders zusagt: Da ist diese meiner Meinung nach sehr gelungene Gleichzeitigkeit von Professionalität und Selbstironie, das ist eine unheimlich attraktive Mischung. Ich mag das sehr und ich glaube, das ist es, was am Ende auch den Reiz und den Erfolg der Party mitunter ausmachen: Da stehen auf der einen Seite diese großen DJs, die in diese kleine Stadt in diesen kleinen Laden kommen, das hat natürlich schon eine gewisse Ernsthaftigkeit und ist sehr wirkmächtig. Gleichzeitig ist HAMAM aber auch irgendwie campy, schrill, steht für Kitsch, für Babyrosa, für Britney und für Abriss. Ich finde das eine sehr charmante Mischung und irgendwie ist das dann schon groß, wenn so ein DJ Stingray mit seiner Sturmmaske und Detroit-Trikot an den mit Barbies und babyrosa verkleideten Decks steht und pro Minute gefühlt 6 Platten verheizt.

Welche Anforderungen bringt der Job des Residents für dich im Vergleich zu einzelnen Gigs in anderen Clubs mit sich?
Die Residency bei HAMAM ist auf jeden Fall etwas besonderes für mich, allein schon, weil Augsburg meine Heimatstadt ist, die HAMAM-Crew meine Freund*innen und der City Club der wichtigste und auch ein identitätsstiftender Ort und Club meiner Jugend. Ich mag es zum Beispiel sehr, wenn man den Club betritt. Man öffnet die Tür und steht in medias res auf der Tanzfläche, ja man wird regelrecht auf die Tanzfläche geworfen, ohne Kompromisse. Das versuche ich mir als Resident nutzbar zu machen: Keine Kompromisse, die Leute sollen ankommen und wissen, was Phase ist! Gleichzeitig freue ich mich natürlich auch, dass ich das Publikum und den Vibe der Party auf eine Art kenne, sodass ich einerseits oft weiß, was musikalisch funktioniert, andererseits aber gleichzeitig auf so viel Interesse und Offenheit der Leute für Neues stoße, dass man schon auch mal wagen kann, durch die ein oder andere musikalische Nische zu tauchen.

Wie würdest du das durchschnittliche Publikum der HAMAM NIGHTS beschreiben?
Ich finde das Publikum auf jeden Fall sehr angenehm heterogen. Das geht von hippen, next-generation Clubkids zum Goldketten-Prollo von vor zehn Jahren und das ist auch gut und wichtig so. Ich mag, dass das Ganze nicht so eine elitäre Angelegenheit aus einem Guss ist und ich habe das Gefühl, dass die Leute wirklich auch offen gegenüber diverseren Genres und Sounds sind und es nicht immer der stumpfe Vierviertel sein muss. Zusammen eskalieren und zwar bis zum – leider in Bayern viel zu frühen – Ende können sie jedenfalls hervorragend. Mittlerweile hat sich sogar das Wort “habibi” quasi als Marke für die HAMAM etabliert, jedenfalls begrüßen sich die Leute im Club an HAMAM-Nights nur noch mit einem „Hey Habibi“, also dem arabischen Wort für Geliebte*r oder Liebling. Das find ich schon einen ganz netten Nebeneffekt und es drückt vielleicht ganz schön den HAMAM-Spirit, also dieses familiäre Verwobensein zwischen Publikum und uns Veranstalter*innen, aus.

Gibt es eine besonders denkwürdige Nacht aus der HAMAM NIGHTS-Geschichte?
Ach, da würde ich vielleicht die erste HAMAM nennen, einfach weil es sich wirklich wie ein brodelnder Hexenkessel angefühlt hat und man sowohl Leute wie DJs am Ende regelrecht herauskehren musste, weil niemand gehen wollte. Das hatte schon beinahe etwas Konspiratives und wärmt einem natürlich irgendwo das Herz.

Eure Homebase, der City Club, ist streng genommen mehr ein Community-Zentrum als ein reiner Club. Welche Funktion oder Bedeutung hat er für die regionale Szene?
Für mich persönlich ist der City Club auf jeden Fall einer, wenn nicht der wichtigste Ort für Sub- und Clubkultur in Augsburg. Als Community-Zentrum fungiert er für mich zwar nicht, aber das liegt sicher daran, dass ich mittlerweile in Berlin wohne und nurmehr zum Auflegen oder für meine Familie nach Augsburg runterfahre. Ich nutze somit kaum die anderen vielfältigen Angebote des Clubs. Sicher ist jedoch, dass er für Augsburg neben seiner beinah monolithischen Stellung in der Feierszene auch sozialpolitisch einen wichtigen Kreativraum darstellt. Ich habe den Eindruck, dass sich ein Großteil der subkulturellen und freien Szene der Stadt in und um den Club herum tummelt, weshalb es jetzt mehr denn je Priorität sein sollte, solche Räume in Corona-Zeiten so gut es geht zu schützen und sie am Leben zu halten.

Gemeinsam mit Grizzly bildest du das DJ- und Live-Duo GrizzLiesa. Wie kam es dazu, dass ihr euch zusammengeschlossen habt und welches Konzept verfolgt ihr mit dem Projekt?
Ich habe 2018 bei der Grizzlynation gespielt, einer Party, die Grizzly jedes Jahr im ://about:blank veranstaltet. Dort haben wir uns kennengelernt und erste Bande geknüpft. Kurze Zeit später saßen wir schon zusammen im Studio und haben probiert, ob und wie wir wohl musikalisch miteinander harmonieren würden. Schnell ergab sich ein äußert kreatives Miteinander und drei Wochen später spielten wir dann schon unseren ersten GrizzLiesa-Gig. Seither legen wir nicht nur zusammen auf, sondern feilen an eigenen Produktionen und planen mittlerweile unsere erste gemeinsame EP.

Was war die Idee hinter deinem Beitrag für unseren Resident-Podcast?
Ich habe versucht, nach derselben Formel zu arbeiten, nach der ich meine Sets für die HAMAM aufbaue: Da ich meist den Opener-Slot spiele, beginne ich gern ruhiger und experimenteller. Ich mag das sehr, mich in der ersten Stunde etwas auszuprobieren und vielleicht auch Sachen zu spielen, die man nicht im Main-Slot zum Besten gibt, weil sie manchmal weniger tanzbar oder soundästhetisch fordernder sind. In so einer Clubnacht kommt es immer irgendwann zu so einem unausgesprochenen Moment, an dem die Stimmung – vor und hinter den Decks – ekstatischer wird und ich beginne dann, progressiver zu spielen. Bei der Aufnahme des Podcasts im heimischen Studio war es nun sehr spannend, diesen Moment nachzuempfinden.

Last but not least: Was sind deine Pläne für die Zukunft?
In den letzten Wochen war ich mit dem Label Feines Tier im Gespräch, um dort mit einzusteigen. Das wird voraussichtlich demnächst realisiert. Ansonsten freue ich mich auf die erste EP mit Grizzly, welche wir für diesen Winter anvisieren und natürlich freue ich mich last but not least: wenn es bald wieder eine HAMAM geben wird!

Stream: Liesa – Groove Resident Podcast 11

01. Beesmunt Soundsystem – Nova Zen
02. Sansibar – Wallah (SANS DJ Mix)
03. !!! (Chk Chk Chk) – Hello? Is This Thing On? (Thomas N´ Eric´s Rub and Tug Throwdown)
04. Whitesquare – Acid Flashes
05. Curses – Forever (Chinaski Für Immer Mix)
06. Renato Cohen – Lone Ranger
07. Damon Mitchell – Ghetto Medea (Grizzly Edit)
08. Out of the Ordinary – The Dream (Fabrizio Mammarella Edit)
09. Theus Mago – Rave Dave
10. D.A.F. – Sato Sato (Westbam ML Remix)
11. Odopt – Annpala
12. Paranoid London – Transmission 5
13. Im Kellar – Im Kellar
14. Dorothy´s Fortress – Silencer (Django The Bastard Edit)