Illustration: Dominika Huber

Vor Kurzem verstarb der amerikanische Producer und DJ Erick Morillo. Am 2. September veröffentlichten wir zu seinem Ableben eine kurze Meldung. Soweit gängige Praxis im (Musik)Journalismus, die selbstverständlich von Nachrichtenwert und Relevanz einer Figur für die jeweilige Szene abhängt. Erick Morillos Tod begleiten allerdings Faktoren, die weit über seine musikalischen Errungenschaften hinausgehen. Der Produzent von „I Like To Move It” starb, ehe er sich vor Gericht zu Vergewaltigungsvorwürfen hätte äußern sollen. Ihm wurde vorgeworfen und nachgesagt, Frauen mit Drogen gefügig gemacht und sie im Anschluss vergewaltigt zu haben. Ein sogenanntes rape kit testete positiv auf Morillos DNA, woraufhin er sich der Polizei stellte.

Die Beweislast, der sich der 49-Jährige ausgesetzt sah, war erdrückend, ein amtliches Urteil für die öffentliche Meinungsbildung längst obsolet. Nicht nur unter unseren Posts auf Social Media entbrannten Diskussionen, auch DJs, die kondolierten, warfen in den Augen der Kritiker*innen einen Deckmantel der Solidarität über Morillos Schandtaten bzw. ignorierten die Vorwürfe wissentlich und negierten sie damit. Das mag stimmen, wichtig ist dabei aber, auf die Trennung zwischen Privatperson und medialer Figur hinzuweisen. Wenn ein DJ dieses Formats stirbt, empfinden wir es als unsere Pflicht, darüber zu berichten. Natürlich mit der gebotenen Distanz, natürlich ohne der jeweiligen Person posthum einen Persilschein auszustellen. Hier haben wir zweifelsohne einen Spagat zu bewältigen, der kritisiert werden kann, aber unumgänglich ist.

Weitaus wichtiger als unsere editorischen Standards als Magazin sind aber die Taten selbst und was diese über unsere Szene aussagen. Erick Morillo ist dafür ein prominentes, aber sicherlich nicht das prominenteste Beispiel. In den sozialen Medien läuft derzeit ein Diskurs heiß, der sich um niemand Geringeren als Derrick May dreht. Laut extrem konkreten und plastisch dargestellten Vorwürfen, teils mit Screenshots und Bildern aus privaten Chats untermauert, soll die Detroiter Techno-Ikone über Dekaden Frauen sexuell belästigt, sie mit falschen Versprechungen geködert und vergewaltigt haben. Dieser Fall hat, obwohl der Tatgegenstand sich nicht großartig unterscheidet, eine nochmal größere mediale Wirkmacht als der Morillos.

May ist eine der vermeintlichen Lichtgestalten einer ganzen Musikkultur, als Mitglied der Belleville Three eine unantastbare Schlüsselfigur des Techno. Es ist deshalb schwer, drastische Vorwürfe gegenüber DJs dieses Formats zu formulieren, weil – das gilt für Morillo, besonders aber natürlich für May – sie über eine devote Gefolgschaft verfügen, deren Gestus im Netz schnell ins Militante übergeht. Das müssen Medien aushalten, nicht aber die etlichen Opfer, von denen viele ihr Schweigen bis heute nicht gebrochen haben. Der überbordende Starkult, der elektronische Musik seit den Neunzigern durchsetzt, wird dabei nicht nur zum infrastrukturellen Gift für die Szene, sondern toxisch für schutzlose Einzelpersonen, deren Leben teilweise zerstört wurde.

Wie blanker Hohn muss es für diese Frauen wirken, wenn ihr Leid aufgrund zeitloser musikalischer Meriten unter den Teppich gekehrt wird. Wenn nicht nur Fans und Fanaten, sondern auch künstlerische Mitstreiter*innen ihre Kollegen aus einem perversen Loyalitätsverständnis oder ebenjener Boys-Will-Be-Boys-Mentalität, die für diese Straftaten mitverantwortlich ist, heraus decken. Von handfesten, millionenschweren Geschäftsinteressen freilich ganz abgesehen. Das Argument der Pietätlosigkeit im Fall Morillo verfängt dabei nicht. Wieso genau sollte es nicht möglich sein, Personen nach ihrem Ableben zu kritisieren, insbesondere wenn deren Taten ungesühnt blieben?

Der Kampf, den einige Akteur*innen für eine möglichst lückenlose Aufklärung vor allem der Causa May führen, ist deshalb nicht hoch genug zu bewerten. Schließlich drohen nicht nur umfassende juristische Konsequenzen, sondern ganz konkrete Angriffe auf das leibliche Wohl, wie immer wieder zu lesen ist. Um bei diesem Thema überhaupt einen fruchtbaren wie vernünftigen Diskurs zu finden, bedarf es eines gewissen Maßes an Selbstkritik. Jede*r hat musikalische Idole, die man bis ins Irrationale verteidigt. Dabei bleibt die Trennung zwischen Privatperson und Künstler*in fast zwangsläufig auf der Strecke. Dass der Sunnyboy, der mit „I Like To Move It” House einmal mehr massentauglich gemacht hat, abseits der DJ-Booth sexuelle Gewalt ausübt, scheint für viele überhaupt keine denkbare Möglichkeit. Dass der Co-Autor von „Strings Of Life” bei Gigs auf dem kompletten Globus womöglich ähnliches tut, ebenso wenig.

Umso wichtiger wird es deswegen, sich selbst zu hinterfragen. Wir sprechen noch immer nur von musikalischen Erzeugnissen und medialen Abbildern von DJs, die viele höher bewerten als das Schicksal von Menschen. Es ist generell eine Farce, dass Frauen erst in Dutzenden über die Erfahrungen mit ihren Peinigern berichten müssen, ehe überhaupt ein Klima entsteht, das eine Debatte darüber zulässt. Der Zeitpunkt für die Enthüllungen ist pikant, ruht die weltweite Dance-Kultur derzeit doch mehr oder weniger komplett. Den Opfern Vertrauen entgegenzubringen, sie anzuhören, wenn sie den Mut finden, an die Öffentlichkeit zu gehen, ist das Mindeste. Dabei sollte weder die Identität des Beschuldigten eine Rolle spielen noch dessen Reputation innerhalb einer Szene, die gelebte Solidarität – nicht nach oben, sondern vor allem nach unten – als eines ihrer Grundprinzipien begreift. Wir wollen diese Solidarität als Magazin aufbringen, den Opfern Gehör verschaffen und dabei helfen, die Strukturen aufzubrechen, die diese Taten ermöglichen.

Anmerkung: Im Text selbst wird nur unzureichend deutlich, dass die angesprochenen Vorwürfe gegenüber Derrick May federführend von Michael James erhoben werden. Dieser arbeitete mit May zusammen an „Strings Of Life”, was in einem Zerwürfnis endete. Nicht zuletzt deshalb wird James immer wieder der Befangenheit in diesem Fall bezichtigt, ein potenzielles Opfer sexueller Belästigung durch May kritisierte außerdem James’ Methoden. Inzwischen teilte May ein Statement seines Anwalts, in dem dieser sich entschieden gegen James’ Vorwürfe positioniert und mit rechtlichen Schritten droht.