Foto: Presse (Uncanny Valley/Albrecht Wassersleben, Conrad Kaden, Carl Suspect & Philipp Demankowski)

Kollektive wie Uncanny Valley sind das Mark im Rückrat unserer Szene: Regional engagiert, international vernetzt, breit aufgestellt und doch konsequent. Neben einem festen Stamm von Produzent*innen aus Dresden und Ostdeutschland haben Albrecht Wassersleben, Carl Suspect, Conrad Kaden und Philipp Demankowski in den vergangenen Jahren immer wieder frische Talente aus aller Welt eine Plattform geboten. Nun feiert das Label seinen zehnten Geburtstag genauso, wie alles einst anfing: mit einer Compilation-Serie. Bereits im letzten Jahr startete anlässlich der erreichten 50. Katalognummer eine Reihe, die nun mit ihrer siebten Ausgabe an ihr Ende kommt. Mindestens zwei Gründe also, das Uncanny Valley Soundsystem in den Groove-Podcast einzuladen und mit den vier DJs über ihre Tätigkeiten mit dem Label und drum herum zu sprechen.


Wie ist es euch in den letzten Monaten ergangen? Welche Auswirkungen hat die COVID-19-Pandemie auf ein Label wie eures?

Albrecht Wassersleben: Unterschiedliche Umstände führten bei uns zu unterschiedlichen Auswirkungen. Diejenigen mit Kinder sahen sich der Doppelbelastungen von Home Office und Home Schooling gegenüber. Ansonsten ging es uns da allen sicherlich ähnlich. Das Gefühl, dass wir alle, weltweit, davon betroffen sind, bescherte mir persönlich ein Gefühl von Demut gegenüber den Kräften der Natur. Die praktischen Auswirkungen auf uns als Label waren kurzfristig die Schließung des Einzelhandels und der dadurch zurückgehende Absatz beim Vertrieb. Wir haben dann die Not zur Tugend gemacht und haben eine neue Kooperation mit unserem lokalen Plattenladen Fat Fenders geschlossen, den wir in den Betrieb unseres Bandcamp-Shops mit integriert haben. Statt darauf zu warten, dass die Verkaufszahlen über den Vertrieb wieder hochgehen, haben wir uns praktisch Backstock nach Dresden senden lassen und das eigene Onlinegeschäft mit Vinyl damit gestärkt.

Ihr feiert in diesem Jahr euer zehntes Jubiläum. Was hat euch damals zur Labelgründung motiviert?

Conrad Kaden: Die Musik unserer Freund*innen und Bekannten. Über die Klassiker – Partys veranstalten, Plattenladen, ausgehen – kamen wir nach und nach mit immer mehr Produzent*innen aus Dresden in Kontakt und merkten, dass deren Musik es Wert ist da draußen gehört zu werden. Besonders Jacob Korn war Feuer und Flamme und hat uns mit seinen Ideen und seiner Musik motiviert, dem Ganzen einen Rahmen zu geben.

Mit Rat Life und shtum gesellten sich im Laufe der Jahre zwei Sublabels hinzu. Welchen Zweck erfüllen Sublabels überhaupt und aus welcher Motivation heraus wurden diese beiden gegründet?

Carl Suspect: Die Labels wurden aus der gleichen Motivation heraus gegründet, die auch zu Uncanny Valley geführt haben: Gute Musik von Freund*innen veröffentlichen. Shtum steht für Techno und härte Tracks. Es gab mit Acts wie Inga Mauer, Avalon Emerson, Leibniz und Chino eine neuen Generation von Produzent*innen, denen wir eine Plattform für Veröffentlichungen geben konnten. Rat Life entstand aus einer Idee von Alexander Dorn alias Credit 00 – er kuratiert die Veröffentlichungen und gestaltet die Artworks der Platten.

Eure 50. Katalognummer teilt sich auf eine Reihe von Mini-Compilations auf. Neben einigen Uncanny-Valley-Regulars sind darauf vor allem neue Namen zu finden. Warum überhaupt so eine Jubiläums-Compilation und nach welchen Kriterien habt ihr sie kuratiert?

Philipp Demankowski: Wir wollten anlässlich der runden Katalognummer etwas Besonderes machen. Da uns die Arbeit an den Compilations immer viel Spaß gemacht hat und wir möglichst viele Musiker*innen mit im Boot haben wollten, haben wir uns für die großangelegte Compilation-Serie entschieden, die mit der siebten Ausgabe Anfang Juli nun endet. Die Auswahl der Musik folgte unserem üblichen Prozedere. Wir haben alle Musiker*innen aus unserem Künstlerstamm und einige neue Freund*innen, die unseren Weg gekreuzt haben, nach Stücken gefragt. Danach haben wir uns lange mit den Stücken beschäftigt, immer wieder reingehört, darüber diskutiert und die einzelnen Compilations dann so zusammengestellt, dass sie musikalisch Sinn machen. Das war natürlich ein langer Prozess und inzwischen sind wir ja auch schon bei der 53. Katalognummer angekommen. Wir sind aber bis heute sehr glücklich damit und überlegen gerade, ob und wie es Sinn macht, die Serie nochmal gesammelt herauszubringen.

Die Jubiläumsserie verteilt sich auf eine Reihe von 12″s, die nach der Farbe ihres jeweiligen Artworks benannt wurden und die durch eine sehr grelle Gestaltung auffallen. Visuelle Aspekte spielen bei euch sowieso eine offenkundig große Rolle, nicht selten greifen eure Platten beispielsweise Comic-Ästhetik auf. Wie würdet ihr euren Ansatz als Label charakterisieren, wenn es um die Gestaltung geht? Legt ihr primär auf Wiedererkennbarkeit wert oder richtet ihr euch nach den Künstler*innen?

Carl Suspect: Uncanny Valley ist musikalisch divers und das soll sich auch in den Artworks zeigen. Wir haben deshalb für jede Platte Gestalter/innen ausgewählt die sich auch mit der Musik identifizieren und den Geist der Musik visuell einfangen konnten. Musik als Impuls und Taktgeber für Ideen. Trotz der vielen verschieden Plattencover gibt es kleine gestalterische Details und Hinweise, die alle Veröffentlichungen erhalten haben. Transzendenz und Gemeinsinn halten unseren Katalog visuell und musikalisch zusammen. Die Uncanny-Valley-50-Reihe ist eine Kooperation mit dem Leipziger Doppeldenk-Studio. Ihre Arbeiten leben von der besonderen Farbgestaltung, geometrischen Formen und integrierten Botschaften. Die Platten wurden in Pantonefarben gedruckt – diese Farben kann man kaum digital abbilden, wodurch nur der physische Tonträger seine volle visuelle Wirkung entfalten kann.

Mit eurem Namen spielt ihr auf das geflügelte Wort vom “Tal der Ahnungslosen” an. Wie würdet ihr euer Verhältnis zur Stadt und ihrer Kulturszene beschreiben?

Philipp Demankowski: Carl, Conrad und ich kommen aus Dresden. Albi wohnt auch schon ewig in der Stadt. Wir kennen also unsere Pappenheimer. Bei allem, was in Dresden falsch läuft, liegt uns die Entwicklung einer möglichst vielfältigen Kulturlandschaft in der Stadt sehr am Herzen. Schon aus Eigennutz. Es gibt auch jede Menge spannende kulturhistorische Ansatzpunkte jenseits der üblichen Barocknarrativen. Von Hellerau als Zentrum für Reformpädagogik und Ausdruckstanz bis zum „Little Detroit of the East“-Overstatement nach der Wende. Im Rahmen von Label-Projekten versuchen wir Künstler*innen aber auch andere Gewerke mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenzubringen. Dabei erweisen sich gerade die Projekte als besonders spannend, bei denen wir unsere Clubkultur-Bubble verlassen. Der Rekurs zum „Tal der Ahnungslosen“ kommt natürlich nicht von ungefähr und ist mit einer kleinen Portion Selbstironie zu verstehen.

Ihr selbst seid neben der Arbeit mit dem Label und dem Auflegen jeweils noch anderweitig aktiv, nicht selten verfolgt ihr dabei einen sozialpolitischen Ansatz. Welche Absichten verfolgt ihr und welche Relevanz würdet ihr der Club- und Musikszene Dresdens in der gesellschaftlichen und politischen Gemengelage der Stadt zuschreiben?

Albrecht Wassersleben: Während du nachts in einem Club in Dresden deinen Individualismus und Eskapismus feierst, kannst du nicht ignorieren was sich tagsüber auf dem Theaterplatz jede Woche abspielt. Die Entstehung von PEGIDA hat eine Art Schockwelle ausgelöst, die sich mindestens mit Lichtgeschwindigkeit durch ganz Deutschland bewegt hat. Und auch der sonst eher gemütliche Dresdner Feiermensch ist ruckartig aus seinem Dornröschenschlaf aufgewacht und hat verstanden, dass auch das Private immer politisch ist. Szeneübergreifend schlossen sich 2015 impulsartig viele Kulturschaffende aus der elektronischen Musik und zivilgesellschaftliche AkteurInnen zusammen und gründeten eilig Aktionsbündnisse wie zum Beispiel den Tolerave e.V., welcher durch jährliche Großdemonstrationen und Benefizveranstaltungen dem Klima der Fremdenfeindlichkeit und rechten Ignoranz etwas entgegensetzen will. Als Label aus Dresden sind wir natürlich Teil vieler verschiedener Bündnisse, Aktionen oder engagieren uns einzeln auch ehrenamtlich, damit der braune Sumpf ausgetrocknet wird und seine Abgase nicht die Gedanken unserer Mitmenschen vergiftet. Alle vier Betreiber von uns arbeiten Vollzeit in unterschiedlichen Branchen in der freien Wirtschaft. Einer ist Ingenieur, ein anderer Journalist und wir haben auch einen Projektmanager und Vertriebler mit an Board. Seit Gründung des Labels ist es unser Ziel gewesen, dass wir immer Wissen und Expertise aus dem Kapitalismus abziehen wollen und es dort mit einbringen, wo es viel dringender und notwendiger ist: In der Kultur, da, wo wir alle am liebsten sind.

Uncanny Valley ist eng mit einigen der Clubs wie beispielsweise dem TBA und dem objekt klein a verbunden. Die haben sich noch vor Beginn der Infektionsschutzmaßnahmen am Anfang des Jahres zum KLUBNETZ e.V. zusammengeschlossen, um effektiver für die Interessen der von Verdrängung bedrohten Live- und Clubszene Dresdens lobbyieren zu können. Nun braucht die lokale Szene umso mehr Unterstützung. Wie lässt sich aktuell am besten helfen?

Albrecht Wassersleben: Das Klubnetz war ein brainchild aus verschiedensten Afterhoursessions der letzten Jahre in den Backstages der unterschiedlichsten Clubs in Dresden. Die größten Hürden, sich zu einer Art Lobby zusammenzuschließen, waren zum Beispiel alte Befindlichkeiten oder überbetonte Unabhängigkeitsbedürfnisse. Es waren dann eben die neuen beziehungsweise jungen Menschen der Szene, die den alten gezeigt haben, dass wir mit Solidarität und Geschwisterlichkeit mehr Kraft haben, feste Strukturen aufzubrechen und auch einen Hebel sowohl in der Öffentlichkeit, als auch in der Politik ansetzen zu können. Allein nur laut machen und Geld von denen einsammeln, die sowieso schon wenig haben, erhält nachhaltig keine lokale Subkultur. Aus dem Grund sehe ich persönlich die Politik in der Verantwortung, zu zeigen, dass das Leben nicht nur aus Kindergarten, Schule, Ausbildung, Beruf und Tod besteht. Am besten kann sie das zum einem mit Geld machen, damit die Clubs es bis nach der Coronakrise schaffen, zum anderen kann die Politik auch Clubs endlich als das anerkennen, was sie sind: Kulturstätten. Anstatt sie rechtlich auf eine Stufe mit Casinos und Bordellen zu stellen. Diese Dinge sind nicht nur in Dresden wichtig, sondern auch in jeder anderen Stadt. Deswegen schließt euch zusammen, gründet eine Lobby oder einen Verband und zeigt denen in der Politik, dass ihr da und viele seid!

Neben einem eigenen Podcast, der regelmäßig Gäste aus dem erweiterten Uncanny-Valley-Umfeld in den Fokus rückt, kuratiert ihr auch unter dem Titel UV Funk eine Radiosendung, deren Ausgaben thematische Schwerpunkte setzen – Label-Specials, Shows zu bestimmten Genres, und so weiter. Was ist euch bei der Programmierung dieser Sendung wichtig?

Phlilipp Demankowski: UV Funk ist seit fast zehn Jahren mein Baby, nachdem ich mit Conrad schon vorher lange Jahre Radio gemacht habe. Die Sendung ist einerseits als Möglichkeit zu verstehen, redaktionell und historisch in die Popmusik-Geschichte abzutauchen und auch bisher unerforschte Tiefen auszuleuchten. Spannend ist eben immer was neu beziehungsweise noch nicht so breitgetreten ist. Und als hauptberuflicher Journalist hatte ich schon immer Spaß am Kontextualisieren. Die Gestaltung der Sendung übernehme ich je nach Thema selbst oder das machen – meist befreundete – Gäste, die sich mit dem Thema besser auskennen. Scherbe zum Beispiel ist der Experte in Sachen Vaporwave in der Stadt. Andererseits ist UV Funk auch eine Plattform, um Projekte oder Labels aus der Stadt vorzustellen. So wie das Reissue-Label Baran Records, unsere Freunde von Lockertmatik Records oder auch die Tanzcompagnie Go Plastic.

Wie habt ihr euren Mix für den Groove-Podcast aufgenommen und was war die Idee dahinter?

Ein bisschen scheint unsere Indie-Vergangenheit im Mix durch. Ansonsten ist das einfach Musik, die wir gerne mögen und zu der man eventuell auch irgendwann mal wieder tanzen kann. Entstanden ist der Mix im Außenbereich unseres Dresdner Lieblingsclubs objekt klein a, in den wir mal einrücken durften, um laut und in passender Atmosphäre zu mixen.

Last but not least: Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Conrad Kaden: In der zweiten Jahreshälfte stehen bei Uncanny Valley EPs von Chino und CVBox an und bei Rat Life wird es neue Musik von Serial Error geben. Beim diesjährigen DAVE-Festival in Dresden sind wir Label in Focus und werden uns im Rahmen von Konzerten, Workshops und Diskussionsrunden einbringen.

Albrecht Wassersleben: Ich möchte mehr darüber nachdenken, was unsere Rolle als Label in einer sich ständig verändernden Welt sein kann: Eine Welt im Netz, in der es immer weniger Musikjournalismus gibt und die Blogs, auf denen ich was zu neuer Musik finden kann, mir auch noch Zippyshare-Links mit anbieten? Was ist unsere Antwort auf den Rückzug des Einzelhandels und der Erstarkung von Plattformen, ob das jetzt Amazon, Spotify oder die Bündelung der Verkäufe bei großen Playern wie HHV, Decks und Co. ist? Welche neuen Formen der Kooperationen können wir ausprobieren, damit wir nicht irgendwann nur noch die Feeder von gesponserten Playlists sind? Das Einzige, was ich persönlich weiß, ist, dass wir uns immer wieder neu erfinden müssen.

Stream: Uncanny Valley Soundsystem – Groove Podcast 262

01. Guinness – Doberman
02. Knarf Rellöm with the Shi Sha Shellöm – Einbildung ist auch ne Bildung (ZickZack)
03. Innergaze – Moon In My Room (Citirax)
04. Die Sterne feat. Erobique & Kaiser Quartett – Der Sommer in die Stadt wird fahren (PIAS)
05. Härte 10 – Happy New Year (Baff)
06. Heute – Traurig / Lustig (Präzisionsmusik)
07. Kraftwerk – Trans Europa Express (Klingklang)
08. Bernardo Ghui – Marie, Marie (German Version) (Seven Eleven)
09. Shakti – That Boy (STROOM)
10. Arab Strap – Cherubs (Go! Beat)
11. Trisomie 21 – Breaking Down (Dark Entries)
12. Serial Error – Afro Gothic (Rat Life)
13. Kevin Harrison – Ink Man (Glass Records)
14. Thin Lizzy – Fox on the Run (Wade Nichols Edit) (Mindless Boogie)
Dolphins – Mehr (Serious Trouble)
15. Deutsch Amerikanische Freundschaft – Absolute Körperkontrolle (Virgin)
16. Inkasso – Kohle aus dem Darknet
17. Paschen’s Law – Magnifying Transmitter (Walhalla Records)
18. Velodrome – Capataz (Dark Entries)
19. Credit 00 – Maximale Gier (AG Geige in Love / Atomino Tonträger)
20. Quin² – Narcism Killed The Chameleon (Humanity Music)
21. Mr Lee – Get Busy (Jive)
22. Nexus 21 – Self Hypnosis (Network Records)
23. Simphonia – You an Me (Dub) (Cotillion)