Foto: Neven Allgeier (Chinaski)

Einen Mix mit “grundehrlicher Musik” hat Chinaski für seinen Beitrag zum Groove-Podcast zusammengestellt und als Umschreibung lässt sich das so auch auf die Musik und Videokunst übertragen, die Stefan Haag unter diesem und neuerdings auch dem Pseudonym S-F-X macht. Das Referenzsystem des Robert-Johnson-nahen Produzenten und DJs liegt offen dar und bei aller Liebe zur Komplexität und den Besonderheiten bestimmter Klangsignaturen: überkandidelt klingt da nichts. Genauso also wie damals in den frühen Achtzigern, als eine Generation von Produzent*innen überall in der Welt mit billigen Synthies und Drummachines die Zukunft programmierten – zu hören ist das im Mix von Chinaski.


Wie ist es dir in den letzten Monaten ergangen?

Ich denke, wie es vielen ergangen ist. Ich habe die letzten Monate entweder im Day-Job-Büro oder im Studio verbracht. 2020 ist in jeder Hinsicht ein intensives Jahr. Ich vermisse das Robert Johnson. Ich vermisse das Auflegen und Live-Spielen.

Neben deiner Arbeit als Produzent bist du vor allem als Künstler aktiv. Wie hat es bei dir mit der Musik überhaupt angefangen, und mit elektronischer im Speziellen?

Als Teenager kannte ich Synthesizer nur von Rush-Platten. Erst nach und nach habe ich eine bis heute anhaltende Leidenschaft für alte Synths entwickelt. Genres wie Italo oder Electro habe ich über das dafür eingesetzte Equipment für mich entdeckt. Julian, ein guter Freund, hat mir eine Raubkopie von Fruity Loops gegeben. Da war ich vielleicht 17. Zu der Zeit war elektronische Musik für mich sowas wie Aphex Twin. Musik zu machen ohne Musiker*innen zu brauchen hat mich fasziniert.

Du hast einmal über deine Videoarbeiten gesagt, dass viel deiner Inspiration aus der Vergangenheit käme. Lässt sich das so auch auf die Musik übertragen?

Ich bin niemand, der ständig das Aktuellste braucht. Wir Menschen haben eine so reichhaltige kulturelle Vergangenheit, dass ich ewig Inspiration aus dem Gestrigen ziehen kann. Ich verstehe musikalische Neuentwicklungen eher als Kombination von Einflüssen. Wenn ich an etwas arbeite, muss es nicht unbedingt innovativ im technischen Sinn sein. Es geht mir eher darum, eine eigene Sprache zu entwickeln. Wenn ich darüber nachdenke, versuche ich eigentlich, mich veralteten Aufnahmeprozesse anzunähern.

Unter dem Namen Chinaski hast du Lucifer Rising von Kenneth Anger Tribut gezollt und mit deiner eigenen Musik unterlegt. Was macht diesen Film so wichtig für dich und wie bist du das Projekt angegangen?

Surrealismus ist eine Art und Weise, die Realität zu verstehen. Gegenkultur ist ein Versuch, einen Weg aus der Kulturindustrie zu finden. Lucifer Rising ist beides, surreal und gegenkulturell – zumindest zu der Zeit der Entstehung. Der Film ist grell und alles andere als zurückhaltend. Ich fand es perfekt für einen lauten und nicht gerade subtilen Soundtrack. Später habe ich noch mit Lennard Poschmann alias Orson Wells zusammen Inauguration of the Pleasure Dome von Kenneth Anger im Robert Johnson vertont. Während der letzten Monate in der Isolation habe ich einem neuen Soundtrack zu David Cronenbergs Stereo gemacht. In dem Film geht es um ein paar Studenten, die sich in einem Komplex isolieren und Experimente mit „ESP“ (“Extrasensory Perception”, d.h. außersinnliche Wahrnehmung, Anm. d. Red.) machen… Es gibt Pläne, den Film in einem offiziellen Rahmen in Frankfurt zu performen. Durch unsere Situation zur Zeit bleiben es erstmal nur Pläne.

Dein Debüt unter dem Namen S-X-F wurde von deinem Label Kitjen als “sample-based power ambient LP” beschrieben und erinnert in musikalischer Hinsicht an Vaporwave. Was ist das Konzept hinter dem Projekt und welche Arbeitsweise verfolgst du damit?

Power Ambient passt. Es löscht sich aus. Ambient wird von vielen als etwas Entspannendes verstanden. Musik, die du ignorieren oder der du deine volle Aufmerksamkeit schenken kannst. Power Ambient ist weder noch. Es ist die Art von Musik, die ich bisher auf Chinaski-Platten zwischen den Dance-orientierten Tracks hatte. Durch S-F-X kann sich Chinaski etwas mehr auf lautere Musik konzentrieren.

Als Chinaski hast du zuletzt mit Curses zusammengearbeitet. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit?

Luca mochte meinen Remix für seine Platte mit Perel sehr gerne und ich habe Ihm dann den Vorschlag gemacht. Er hat dann den Text geschrieben und ich die Musik produziert. Die Zusammenarbeit hat viel Spass gemacht deshalb planen wir bereits weitere Songs.

Vor einer Weile hast du einen konzeptionell ausgerichteten Mix für den Podcast Chambers Of Reflection aufgenommen. Nicht aber stand ein Thema, ein Genre oder ein bestimmter Act im Zentrum, sondern der Synthesizer PPG Wave. Warum ausgerechnet dieses Gerät, und wie hast du überhaupt ermitteln können, dass die Stücke darin diesen Synth nutzen?

Es ist eine Art Sound-Archäologie. Als Ewig gestriger und Vintage-Gear-Lover liebe ich es, die Quelle der Sounds, die ich interessant finde, ausfindig zu machen. Quellen sind immer Liner Notes, alte Synth-Prospekte – die Hersteller haben früher gerne mit Künstler*innen und Songs geworben, in denen ihr Produkt verwendet wurde -, Foren oder sogar Discogs. Der PPG Wave ist für mich interessant, weil er für mich total aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Der Grundgedanke der Wavetable-Synthese war zu der Zeit Lichtjahre voraus. Der Zusammenhang mit Entwicklungen in Genres und die Entwicklung von Technologie um die Musik herum sind offensichtlich stark verbunden. Niemals wäre Italo Disco ohne die Linn Drum oder der Prog Rock ohne den Minimoog so geworden, wie wir die Musik heute kennen. Die Zeit, in der der PPG Wave en vogue war, war eine Zeit, wo jede*r Produzent*in das Neueste vom Neuesten haben wollte. Es wurde unglaublich viel Geld investiert, nur um einen Sound zu haben, den noch niemand eingesetzt hat. Anfang der Achtziger dachten alle, dass jedes Jahr eine neue technische Megaerfindung kommt. Vermutlich hat der Yamaha DX7 dann das Ende dieser Phase eingeleitet. Der PPG Wave kostet heute locker mehr als 10 000 Euro auf dem Gebrauchtmarkt.

Was war die Idee hinter deinem Mix für unsere Groove-Podcast?

Viele Tracks in dem Mix sind wohl so entstanden: TR-808, Minimoog, die Factory Presets des Prophet-5 und los ging’s. Das meiste davon ist zwischen 1980 und 1984 in einem offensichtlichen „Budget“-Stil aufgenommen. Grundehrliche Musik.

Last but not least: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Es kommen noch drei weitere Werkschau-Mixe für Chambers of Reflection. Der nächste beinhaltet Musik, die ausschließlich Musik vom NED-Synclavier beinhaltet. Ein absolut faszinierendes Instrument. Zusammen mit meinem guten Freund und Designer Michael Satter werde ich ein Werkschau-Zine machen, das sich mit den Synthesizern und ihren klassischen User*innen aus der Podcast-Reihe auseinandersetzt. Das wird dann die Print-Version von den Werkschau-Mixen. Ich habe einiges für Chinaski produziert und plane ein paar Releases. Es wird eine neue EP für Jennifer Cardinis Dischi Autunno kommen. Den Soundtrack zu Stereo werde ich – wenn ich es nicht öffentlich zeigen kann – releasen. Auf Live At Robert Johnson arbeite ich an einer neuen Platte und es kommt demnächst eine neuer Track für eine Compilation. Ich habe ein neues S-F-X-Album, das ich auch veröffentlichen will. Und wieder viele Pläne…

Stream: Chinaski – Groove Podcast 260

01. Ryuichi Sakamoto – 味の素 Atype60’
02. The Creatures – Solar Eclipse (Chinaski Edit)
03. Simonetti – Demon
04. Kid Frost – Terminator (Vocal Mix)
05. Fraud
06. Villa Box – Break De Rua (Versão Curta)
07. Emeka Oxbon – A Little Bit (Of Your Lovin)
08. Kold Krew – Don’t Let ‘Em Drop The Bomb
09. Section 25 – Looking From A Hilltop (Megamix)
10. G-Force – Feel The Force (Instrumental Mix)
11. Rusty P ”The Toe Jammer” & Sure Shot 3 – Breakdown New York Style
12. 爆風スランプ – 嗚呼! 武道館
13. Synergy – Project 5
14. Speed Streep – Bosom Break
15. The Unknown DJ – 808 Beats (Club Mix)
16. Giorgio Moroder – Night Drive (Reprise)