Jeden Tag werden DJ-Mixe ins Netz geladen. Manche sind besser, manche sind schlechter und nur wenige werden uns jahrelang begleiten. Jeden Monat sucht die GROOVE-Redaktion die fünf besten Mixe des vorangegangenen Monats aus, präsentiert in alphabetischer Reihenfolge. Diesen Monat mit Castro & Nemo, David Vunk, Job Jobse, Korea Town Acid und Partiboi69. Und wer danach noch nicht genug hat, schaut einfach mal beim GROOVE-Podcast vorbei.

Castro & Nemo – BIS Radio Show #1037 (Beats In Space)

Jeder kennt das: Man steht im Club an der Bar oder wartet an den Toiletten. Plötzlich hört man eine Melodie oder einen neuen Track und weiß sofort, dass man jetzt in diesem Augenblick zurück auf die Tanzfläche muss. Mit solchen Momenten kennen sich Castro & Nemo bestens aus. Die Betreiber des Kreuzberger Plattenladens Sound Metaphors haben ein Händchen dafür ihre Zuhörer*innen in Ekstase zu versetzen, auch wenn das momentan ja leider nur zu Hause möglich ist. Die Jungs verlieren keine Zeit, sofort geht es los mit treibenden Basslines und ausgelassenen Melodiepassagen. Für die Beats In Space Radioshow servieren die beiden einen Cocktail aus Hi-NRG und verschiedenstem Disco – eine Mischung aus vergessenen Schätzen und euphorischen Hymnen der 70er und 80er Jahre. Die Vocal-Akzente sitzen an genau den richtigen Stellen und lösen selbst in den eigenen vier Wänden die oben beschriebenen Gefühle aus. Obskure Percussions wechseln sich mit berauschenden Synth-Melodien oder Gitarrenriffs ab, sodass man es kaum erwarten kann zu hören, welche Platte aus ihrer Sammlung die Beiden als nächstes präsentieren werden. Dieser Mix liefert in jedem Fall die dringend benötigte Energie. Noch zu Beginn der Radio Show mahnt Jeffrey aus Detroit übers Telefon: „Es ist fünf Uhr morgens in Berlin. Geht ins Bett!” Hoffen wir, dass die beiden noch lange nicht müde sind. Jonas Hellberg

David Vunk – Lockdown Live 002 (Rinse FM/)

Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen! Keine Alman-Floskel wird sich seit Mitte März – mal ironisch, mal halbironisch, zunehmend auch bitterernst – öfter zugeraunt. Eine solche Maßnahme ist zweifelsohne der Genuss eines David-Vunk-Sets in der Isolation, fernab aller Dancefloors. Denn der gebürtige Rotterdamer besorgt auch im Zuge der Lockdown-Live-Serie von Rinse FM das, was ihn auszeichnet: Tendenziell rückwärtsgewandte, melodieverliebte Sounds zu einer kochenden Mixtur zusammenzubrauen. Über eine Stunde kombiniert Vunk in seinen eigenen vier Wänden schäumende Italo-Disco-Motive, hypnotische Tools und prasselnden Techno – und das in rasantem Tempo. Umso schwerer fällt es deshalb, diese akustische Verkörperung von Rave ohne Tanzmöglichkeit zu ertragen. Gleichzeitig aber ist das Set – tatsächlich mal kein Ambient-Mix – auch ein qualitativ hochwertiges Versprechen auf bessere Zeiten, in denen David Vunk seinen, nun ja, Charme hinter den Decks hoffentlich wieder vor Publikum versprühen darf. Maximilian Fritz

Job Jobse – Sunrise at the last ever Nachtdigital, August 2019 (Nachtdigital Olganitz)

Auch wenn das Ende des Nachtdigitals für viele überraschend kam, können sich eingefleischte Fans doch glücklich schätzen, dass die finale Ausgabe nicht erst dieses, sondern bereits letztes Jahr stattfand. Der Abgang verlief, ganz im Sinne der vorhergehenden Editionen, gänzlich unprätentiös. Das Team schien stets darum bemüht, nicht allzu nostalgisch zu werden; auch wenn den Emotionen hin und wieder dann doch freier Laufe gelassen wurde: Damit hielt sich neben Robag Wruhme und den Nachti-Allstars auch Job Jobse nicht zurück. Job Jobse gilt als langjähriger Verbündeter des Festivals. 2019 war der Niederländer dort bereits zum elften Mal zu Gast. Einige Woche später heiratete er sogar auf dem Gelände des Schullandheims Olganitz. Und tatsächlich lieferte er mit seinem wagemutigen, klassikergeschwängerten Set die Überdosis an Emotionen. Seine Darbietung war so aalglatt, dass sie in so manch anderem Kontext durchaus kitschig angemutet hätte —  aber keineswegs auf dem Nachtdigital, einem Festival, das sich in seiner 21-jährigen Geschichte nie zu ernst genommen hat. Angesichts derart düsterer Zeiten konnte sich Jobse wohl keinen besseren Moment aussuchen, um die Hitparade von vergangenem August jetzt mit der Welt zu teilen. Leonard Zipper

Korea Town Acid – The Lot Radio Show (The Lot Radio)

Für die The Lot Radio Show am 16. April bringt Korea Town Acid IDM, Breaks, House und experimentellen Techno unter einen Hut. Die in Toronto lebende Koreanerin hat ihre Karriere ursprünglich als Pianistin begonnen, ist dann aber als DJ, Produzentin und mit Live-PA-Shows durchgestartet. Sie ist bekannt für einen heruntergebrochenen Dancefloor-orientierten Sound in Kombination mit Jazz-Elementen und düsteren Beats. Ganz andächtig beginnt der Mix: Ambiente Soundscapes umschmeicheln das Ohr, sanftes Kratzen und Schleifen begleitet den Sound. Langsam findet mit James Vernons „Vansittart Estate“ eine Bassline dazu und geht in einen verträumten IDM-Track über. Das House-Thema wird mit Mall Grabs „Orange County“ vertieft, von nun an geben Rave-Piano, schmetternde Lyrics im Chicago-Style und Synth-Melodien den Ton an. Den Höhepunkt des Rave-Moments erklimmt Radio Slave mit „Another Club“, danach bricht alles zusammen und fällt in ein Loch aus Acid und Breaks. Den Abschluss macht EOD mit „From The First Sound“: Breaks und Jungle im 8-Bit-Style repräsentieren den Ursprung des elektronischen Geräuschs in seiner ersten Form und schließen damit den Mix ab. Lisa Kütemeier

Partboi69 – Ghetto House, Techno and Electro Set Live From The Stingzone (Partiboi69)

Die Zeiten sind ernst, aber Lachen ist ja bekanntlich die beste Medizin: Zum Glück tut sich von Zeit zu Zeit der Himmel auf und lässt über eine Baumarkt-Aluleiter einen DJ aus den Wolken hinabsteigen, der uns mit einer kruden Mischung aus 90s Pop, prolligem Ghetto House und hyperaktivem Electro für eine Stunde die Sorgen aus dem Kopf blasted. Das mit der Himmelsleiter ist übrigens wörtlich gemeint, weshalb an dieser Stelle auch dringend empfohlen sei, sich das YouTube-Video zum neuesten Set von Partiboi69 anzuschauen – und danach einfach alle Videos, die sich auf dem Channel des Australiers in den letzten vier Jahren angesammelt haben. Man kann den New-Kids-Gedächtnis-Look mit absichtlich schief aufgesetzter Rave-Sonnenbrille und Eminem-Trainingsjacke trashig finden, den Keta-Humor dumm und Partiboi69 als hyperironisches Internetphänomen abstempeln – wenn dieser Mix nicht so fett wäre! Von Ghettotech-Größen wie DJ Assault und DJ Godfather kommt Partiboi69 in rasendem Tempo über „Blow“ von DJ Gigola & Kev Koko zu einem eigenen hochgepitchten Edit des Backstreet-Boys-Klassikers „Everybody“, um mit „Sex On The Beach“ von Mr Dé feat. Greg C Brown zu Baywatch-Visuals zu enden. Als Sahnehäubchen spielt Partiboi69 dazu dann auch noch Blockflöte. Humor ist halt, wenn man trotzdem lacht. Laura Aha