Foto: Presse (fr. JPLA)

„Auf die Residents kann man sich verlassen, persönlich und inhaltlich. Sie kennen den Club, die Gäste, die Anlage, und sie sind ein Grundpfeiler der musikalischen Identität eines Clubs, also ebenso wichtig wie die Architektur, der Raumklang oder die Gestaltung“, sagte einst Nick Höppner in der Groove. Mit unserem zweimonatlichen Resident Podcast wollen wir ihnen den gebührenden Respekt zukommen lassen.

fr. JPLA mischte schon den Leipziger Underground auf, als die internationalen Headlines über die sächsische Trendstadt noch in ferner Zukunft lagen. Erzählt sie davon, wie sie damals im frisch gegründeten Institut fuer Zukunft anheuerte, klingt das auch weniger nach einer aufregenden Hauruckaktion, sondern vielmehr nach einer organischen Entwicklung: Nach ein paar Jahren Ochsentour in der regionalen Szene ruft plötzlich jemand an und am Ende wird aufgelegt. Ganz einfach.

Seit buchstäblich der ersten Nacht hat die DJ somit entschieden den Sound des Institut fuer Zukunfts mitgeprägt und selbst mit Partyreihen wie Rillendisco und Pillenrealitaet als Veranstalterin oder im B2B-Verband mit Qiu unter dem Namen The Peergroup sowie als Technikerin im Berliner ://about:blank die Szene weit über die Grenzen Leipzigs um ihr Techno-Verständnis erweitert. Das folgt einer einfachen Rechnung: Vierviertel, One-Take-Aufnahme, voll auf die zwölf. Und obwohl fr. JPLA für ihren Mix zum Groove Resident Podcast die Sache eigentlich anders angehen wollte, kam es dann doch wieder ganz anders – das Set entwickelte ein betörendes Eigenleben. Hört selbst.


Deine ersten Schritte als DJ hast du im Jahr 2008 im Umfeld des Homo Elektrik-Kollektivs getätigt. Wie hast du die Zeit damals – Leipzig wurde damals noch nicht als Trendstadt angesehen – erlebt und wie kam es dazu, dass du mit dem Auflegen angefangen hast?

2008, das ist schon so lange her, dass ich mir Zeit nehmen muss, um darüber nachzudenken, wie das damals war. Insgesamt versuchte ich, zurecht zu kommen. Erste ernstzunehmende Beziehung, feiern, Studium, arbeiten. Wenn ich daran zurückdenke, habe ich Leipzig als entspannte Stadt mit Platz für persönliche Entfaltung und einem feinem subkulturellem Angebot wahrgenommen. Zum Auflegen kam durch meine damalige Freundin, die ich auf einer Home E-Party kennenlernte. Ein ehemaliger Arbeitskollege hatte mich 2006/07 mit zu einer ihrer Partys auf einen Wagenplatz genommen, das fand ich sehr spannend. Mich hat der Name Homo Elektrik angezogen und die Crew bestand aus sehr interessanten Menschen, unter anderem meiner damaligen Freundin. Sie motivierte mich dann auch zum Auflegen. Was wir heute unter Empowerment verstehen hat sie damals schon gewusst und getan. Über die Jahre ist das DJing etwas ganz Großartiges für mich geworden. Es gibt nichts Vergleichbares in meinem Leben, was ich schon so lange und mit solch einer Intensität betreibe. Vierviertel, ab nach vorne und keine Langeweile in Sicht. Momentan fühlt es sich auch so an, als könnte das noch eine ganz Weile so weiter gehen.

Homo Elektrik trug auch maßgeblich zur späteren Gründung des Institut für Zukunfts bei, du bist dort seit Eröffnung regelmäßig hinter den Decks zu erleben. Wie kam es dazu, dass du Resident wurdest?

In Leipzig gab es verschiedene Feiercrews. Wenn ich mich richtig erinnere, befand sich Homo Elektrik um 2008 in der Auflösung. Dann gab es die Vertigo- und die alte Institut-fuer-Zukunft-Crew. Zumindest sind das die, die bei mir aufploppen, wenn es um die Entstehungszeit des IfZ geht. Sie machten einige Jahre ein paar Veranstaltungen in den unterschiedlichsten (Off-)Locations, bis zu dem Punkt, an dem es das Bedürfniss gab, einen eigenen Club zu machen. Als das ganze zunehmend mehr an Dynamik gewann, war ich gerade für anderthalb Jahre in São Paulo. Eines Tages bekam ich von Xaver eine Nachricht mit der Anfrage, ob ich mir vorstellen könnte, Resident-DJ im neuen Club zu werden. Ich glaube den Namen IfZ gab es zur Zeit der Anfrage noch nicht, aber meine Antwort war: „Klar, kann ich!“ Und seit dem stehe ich regelmäßig im IfZ hinter den Plattenspielern.

Erinnerst du dich noch an dein erstes DJ-Set im IfZ?
Ja, zumindest glaube ich, mich zu erinnern. Es war die Eröffnung des IfZ und überhaupt das erste Mal, dass der Club seine Türen öffnete. Ich habe das Closing im Trakt II gespielt, da gab es noch die alten Fenster und Tageslicht auf dem Floor. Die Anlage hat immer wieder mal ausgesetzt. Wegen Übersteuerung. räusper. Mit meinem technischen Wissen rund ums Auflegen von heute wäre mir das vermutlich damals nicht passiert.

Und gab es in den letzten fünf fünfeinhalb Jahren einen Clubabend, der dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Ja, als Karenn zu einer Clubnacht gespielt hatten oder Paula Templa bei einer Connwax oder Alex.Do bei der ersten Pillenrealitaet. Alle sehr beeindruckend! Da hat „Rave on!“ endlich mal Sinn macht.

Als eine der langjährigen Residents hast du den Sound des Clubs mitgeprägt – nicht immer eine leichte Bürde. Bereitest du dich auf Gigs dort anders vor als auf Sets in anderen Clubs?

Nein. Auf meine Gigs, egal ob in einer Off-Location, im Club XY oder im IfZ, bereite ich mich immer gleich vor. Erstes Drittel, zweites Drittel, drittes Drittel. Das sind meistens die Kategorien, die ich packe. Wenn es die Zeit zulässt, höre ich jede Platte beziehungsweise jeden Track vorher an, den ich spielen möchte, überlege mir eine dramatische Kurve im Arrangement und gehe einmal mit dem Antistatiktuch über das Vinyl. Wenn mir die Zeit fehlt, kann es auch mal vorkommen, dass ich in 20 Minuten meine Plattentasche packen muss und dann improvisiere ich während des Gigs. Das gefällt mir von Zeit zu Zeit ganz gut, denn den Überraschungscharakter beim Auflegen finde ich sehr unterhaltsam und herausfordernd. Es ist ein tolles Gefühl, einen Gig zu spielen, der mich flasht, aber das passiert nicht immer. Manchmal fühlt sich das Auflegen auch ganz unmöglich an. Manchmal klatschen, pfeifen die Leute und diese Euphorie trifft nicht immer die meine. Aber darum geht es eben auch beim Auflegen, das ich mich von nicht so guten Gigs nicht unterkriegen lasse, sondern dranbleibe auf der Suche nach dem Gig, der mich kickt. Es ist eine Art von Sucht.

Neben seinem musikalischen Anspruch stich das IfZ auch durch sein kulturelles, soziales und nicht zuletzt politisches Engagement hervor. Neben der zunehmenden Dominanz rechter und rechtsextremer Politik in Sachsen allgemein und andererseits vereinzelten Konflikten mit der Staatsgewalt in Leipzig wie zuletzt in der Silvesternacht 2019/2020 hat sich die politische Lage seit Eröffnung 2014 des IfZ zunehmend verschärft. Wie wirkt sich das auf den Cluballtag und deine Arbeit im IfZ aus?

In den IfZ-Cluballtag habe ich kaum noch Einsicht, da sich mein Arbeitsalltag mittlerweile im ://about:blank abspielt. Deswegen kann ich diese Frage nicht sehr ausführlich beantworten. Als IfZ-Resident lege ich ca. einmal im Monat auf, alle paar Monate/Wochen veranstalte ich die Connwax und Rillendisco mit. Während dieser Zeit bin ich zum Glück nicht mit den Auswirkungen zunehmender Dominanz rechter und rechtsextremer Politik konfrontiert. Dennoch sind Themen wie Diskriminierung, Rassismus und Sexismus, ob vor der Clubtür oder dahinter, präsent, was dazu führt, dass sich die IfZ-Crew regelmäßig mit den eigenen Strukturen, der eigenen Denkweise und dem Umgang damit kritisch auseinander setzt. Aktuell ist das Thema Sexismus und sexualisierte Gewalt sehr gegenwärtig.

Im Groove-Interview betonten auch deine Mit-Residents Solaris und Neele, dass sich der Club immer noch in einer prekären Situation befindet: “Wir rennen immer wieder allen neuen Vertragsverlängerungen hinterher”, sagte Neele vor einigen Monaten. Zugleich betonten beide, dass neben dem freundschaftlichen Miteinander der Leipziger Clubs auch auf kulturpolitischer Ebene ein Entgegenkommen gibt. Wie schätzt du es als langjährige Bewohnerin ein: Kümmert sich die Stadt Leipzig angemessen um seine Clublandschaft?

Ich habe den Eindruck, dass sich durch die aktive Auseinandersetzung des IfZ mit der Stadt ein stärkeres Umdenken auf kulturpolitischer Ebene einstellt, sodass Clubs als Kulturstätten ernst genommen und auch unterstützt werden. Ohne den Zuspruch der Stadt würde es, so wie es aktuell ist, das IfZ wahrscheinlich nicht geben.

Du selbst schiebst auch außerhalb Leipzigs deine “Technikschichten”, wie du es selbst nennst und bist darüber noch an diversen Reihen beteiligt beziehungsweise mit verschiedenen Kollektiven verbandelt. Gemeinsam mit Qiu legst du zum Beispiel häufiger unter dem Namen The Peergroup auf. Was macht eure Zusammenarbeit hinter den Decks für dich aus?

The Peergroup ist ein Rück-an-Rücken-Teilfreizeit-Projekt. Wir verstehen uns ohne viele Worte. The Peergroup gibt es seit circa neun Jahren und der Modus ist immer der Gleiche geblieben. Qiu einen Plattenspieler, ich einen Plattenspieler, in der Mitte ein Mixer. Und dann etwas Zeit, um Tracks zu mixen. Wenn wir uns zusammen auf einen Gig vorbereiten, sieht unsere Absprache zum Beispiel so aus: Qiu: “Was spielen wir?” fr. JPLA: “Ab 133bpm aufwärts. Techno nach vorne, mit ein bisschen Rillendisco, vielleicht auch etwas goa-esk.” Ungefähr so. Ich habe Qiu gefragt, warum er gerne mit mir spielt. Seine Antwort: „Es macht einfach übelst Spaß und wir ergänzen uns gegenseitig.“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

“Sometimes more means more”, lautet seit jeher dein Motto als DJ und die Techno-Gemeinde scheint mitzuziehen: Der Sound ist über die letzten Jahre eindringlicher, düsterer, härter und nicht zuletzt schneller geworden. Wie hast du die stilistischen Entwicklungen der Szene miterlebt?

Vom eklektischen Hin- und Hermixen bis Hard Dance ist in letzter Zeit einiges passiert. DJs, die früher Techno gespielt haben, machen jetzt stilistisch etwas ganz anderes. DJs, die früher House oder Tech House gespielt haben, spielen jetzt Techno. Momentan nehme ich wahr, dass moderner, schneller Techno sehr in ist. Ich persönlich kann solidem, zuverlässigem Techno etwas abgewinnen, muss aber dazu sagen, dass sich mein Stil über die Jahre auch erst entwickelt hat. Was ich früher unter Techno verstanden habe, ist nicht das, was ich heute darunter verstehe. Es gibt immer eine Weiterentwicklung, die ebenso davon abhängig ist, was aktuell produziert wird. Ich selber bevorzuge minimalen, noisigen Techno, der manchmal auch etwas „prollig“ sein darf, mit einer rollenden Bassdrum im BPM-Bereich zwischen 128 und 138.

Was war die Idee hinter deinem Beitrag für unseren Resident-Podcast?

Die Ausgangsidee war: Einen Mix zu machen, der vielleicht auch mal abseits des Viervierteltaktes laufen kann, aber das will mir einfach nicht konsequent genug gelingen. Am Ende ist es doch sehr viel technoider als ursprünglich ausgedacht. Ich hatte mir schon Wochen vorher immer mal ein paar Platten „beiseite“ gelegt, die ich hierfür verarbeiten wollte. Dann kommt der Tag, an dem ich die Aufnahme mache. Den Termin dafür habe ich schon im Oktober für mich festgelegt, damit ich pünktlich abgeben kann. Ich hatte mir ein bis zwei Tage dafür eingeplant. Erst arrangieren, dann aufnehmen und während ich das Arrangement mache kommt noch die Eigendynamik um die Ecke und plötzlich entwickelte er sich nochmal neu. So zum Beispiel der „Mortal Coil“-Track von Insolate, der war nicht geplant. Ich hatte die Platte neu und der Track gefiel mir so gut, dass ich ihn mit verarbeiten wollte. Dann ist da „Ayahuasca“ von Oliver Rosemann, der auf der aktuellen Connwax 07 veröffentlicht wurde, der ist so gut und Connwax eines meiner Lieblingslabels. Sicher auch, weil es da eine sehr enge Verbindung gibt. Oder der eigentlich letzte Track von Swarm Intelligence, das ist sonst eigentlich nicht so sehr mein Stil, aber ich hatte ihn bei der vergangenen Rillendisco auf dem Chillout gespielt und fand ihn schwer beeindruckend, sodass ich ihn mit reinnehmen musste, um dann während der Aufnahme festzustellen, dass ich noch drei Minuten brauche, um die Stunde vollzubekommen. Da fiel mir die Platte von Session Restore, die er mir zu einer der letzten Connwax-Partys in die Hand gedrückt hatte, „Speak Out“, ins Auge und es war klar: Die kommt jetzt ans Ende! Ihr müsst wissen, dass Mixe aufzunehmen nicht mein Steckenpferd ist. Es hat immer etwas hart Arrangiertes, deswegen bin ich über diese Eigendynamik, die von der Ausgangsidee bis zum Ende entstehen kann, sehr froh. Und um dann doch noch etwas „Kunst“ zu produzieren, gibt es schönes Vinylgeknister am Ende mit Track 16. Der Mix ist selbstverständlich ein reiner Vinylmix, aufgenommen im One-Take-Verfahren.

Last but not least: Was sind deine Pläne für die Zukunft und was steht im IfZ in nächster Zeit an?

Was sind meine Pläne für die Zukunft? fr. JPLA weiter floorwärts bringen. Techno. Vinyl. Connwax. Rillendisco. Pillenrealitaet. The Peergroup. IfZ. ://about:blank. Aktuell bin ich an einer neuen Party-Reihe zusammen mit Kwaint und Lino im ://about:blank dran. Mal gucken, ob das läuft und wenn ja, wohin. Ich versuche mich zwar auch im Produzieren, merke dabei aber immer wieder, dass ich viel lieber Platten auflege, Tracks so miteinander in Verbindung zu setzen, dass es anfängt zu grooven und diesen Groove weiterzuentwickeln. Damit kann ich noch sehr viel Zeit verbringen. Ich habe Vierviertel noch lange nicht satt.

Stream: fr. JPLA – Groove Resident Podcast 7

01. Dig-It – Foreign Signals (Illegal Allien)
02. Avion – Streetlights feat. Emika (Crossing)
03. Paul Ritch – Rixe (Modularz)
04. Kwartz – Ascension (Order & Devotion)
05. Insolate – Mortal Coil (Out of Place)
06. Michele Mausi – Eyes Of Consciousness (Pjotr G & Dubiosity Remix) (R3VOLUTION)
07. Svreca – Nida (Adriana Lopez Remix) (Semantica)
08. Kwartz – Show Me That Light (Cleric Remix) (Clergy)
09. Kwartz – Show Me That Light (Cleric Vocal Tool) (Clergy) / Sugar – Vapouring Sun (Mama Told Ya)
10. Noir – Psychosis (Noir Music)
11. VII Circle – Metaphysical Functions (Nur Jaber Remix) (Rapid Eye Movement)
12. Ribé – Objects In Mirror (NON Series)
13. Oliver Rosemann – Ayahuasca (Connwax)
14. Olēka – Ensorcell (Swarm Intelligence Remix) (Mindcut)
15. Session Restore – Speak Out (Rauh)
16. Auslaufrille