Foto: Press (Jaki Liebezeit)

Jaki Liebezeit: Life, Theory and Practice of a Master Drummer – werden Schlagzeuger in Bandkontexten doch immer wieder in den Hintergrund gedrängt oder gar als bloßes Mittel zum Zweck gesehen, verhielt sich das bei Jaki Liebezeit ganz anders. Das verdeutlicht auch der eingangs zitierte Name des Buches, das sich dem Anfang 2017 verstorbenen ehemaligen Can-Drummer ausführlich widmet. Das durch Crowdfunding zum Leben erweckte Projekt beleuchtet aber nicht nur biografische und diskografische Aspekte des umtriebigen Musikers, sondern beschäftigt sich auch eingehend mit seinen Theorien zum Schlagzeugspiel und philosophischen Thematiken. Die Feier zur Veröffentlichung des Buches findet am 8.11. im Kölner Stadtgarten statt. Für die musikalische Unterhaltung sorgt unter anderem Andrew Weatherall, der ein DJ-Set aus Liebezeits Schaffen destilliert. Außerdem spielen Liebezeits loses Percussion-Projekt Drums Off Chaos und nicht zuletzt Prof. Jono Podmore.

Der Komponist, Produzent und Toningenieur hat das Buch-Projekt initiiert und arbeitete über 20 Jahre mit Jaki Liebezeit zusammen. Im Folgenden gibt er im Interview Auskunft über dessen theoretischen Rahmen, dem Inhalt des Buches und Liebezeits traditionelle Haltung zum Schlagzeugspiel.

Prof. Jono Podmore Foto: Paul Grace

Zuerst mal: Wieso war Jaki Liebezeit für Sie so ein wichtiger Schlagzeuger, dass Sie sich entschieden, ein Buch über ihn zu schreiben?

Jaki ist enorm wichtig, weil seine persönlicher Zugang und sein hohes Niveau nicht nur die Musik des 20. Jahrhunderts abbilden und widerspiegeln, sondern auch Ideen und Strukturen für zukünftige Musik liefern. Er sagte immer, dass er seine Theorien irgendwann selbst veröffentlichen würde, aber das hat seine Gesundheit nicht zugelassen. Deswegen ist das jetzt unsere Aufgabe. Derer, die die Relevanz seiner Arbeit erkannt haben. Und das nicht nur als Musiker und Komponist, sondern auch als Theoretiker. Das Ganze war also mehr eine Pflicht als eine Entscheidung. Seine Arbeit wird vielen Menschen in kreativen Sackgassen helfen, einen Ausweg zu finden. Hoffentlich sind einiger dieser neuen kreativen Lösungen schon bei der Party zu sehen.

Abgesehen von Ihnen haben weitere Autoren zu Jaki Liebezeit: Life, Theory and Practice of a Master Drummer beigetragen. Wer wäre da zu nennen?

Oh, das waren so viele! Da wäre John Payne, Journalisten-Veteran aus L.A., der ein ein Kapitel geschrieben hat. Dann natürlich Drums Off Chaos, Jakis Schlagzeug-Gruppe, die seit 1982 besteht. Mitgewirkt hat auch Burnt Friedman, der keiner näheren Erklärung bedarf. Er hat einen eher philosophischen Text mit vielen Zitaten aus Gesprächen der beiden beigesteuert. Außerdem wären da noch Gero Sprafke, Manos Tsangaris und Bryan O’Connell, die weitere wichtige Bausteine – darunter Jakis komplette Diskographie – ergänzten. Bis auf Burnt spielt jeder von uns bei der Party im Stadtgarten!

Sie sagen, dass Jaki Liebezeit versuchte, die „natürlichen Prinzipien” hinter der Musik zu entdecken. Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Ich denke, das grundlegendste Prinzip des Drummings ist, dass jedem Anschlag eine Pause der Hand, die ihn spielt, vorangeht. Hier wird der Stick vom Kopf weggezogen, damit sich die Wucht des Aufpralls erhöht. Das mag sehr simpel und offensichtlich klingen, aber Leute ignorieren solche Dinge. Dieses Beispiel ist einer der Ecksteine von Jakis System.

Apropos System: Können Sie das „System der Punkte und Striche” (“Dots and Dashes”), das im Buch vorkommt, kurz erklären?

Im Wesentlichen folgt das System vier Regeln. Erstens: Ein Punkt bedeutet einen Schlag mit einer Hand, ein Strich zwei Schläge mit einer Hand, die die Dauer von zwei Punkten haben. Zweitens: Punkte und Striche werden stets von abwechselnden Händen gespielt. Drittens: Der zweite Schlag eines Strichs ist immer leiser als der erste. Er kann fast so laut sein wie der erste, doch nie gleich laut oder lauter. Viertens: Akzente sind nur nach einem Strich möglich.

Ausgehend von einem profunden Verständnis und der Anwendung dieser Regeln in der Praxis, hat Jaki ein komplettes kompositorisches System entwickelt. Dieses beinhaltet Phrasierung, Form, Harmonie und Melodie.

Das Buch ist ein Crowdfunding-Projekt. Wie schwer war es, das nötige Geld zu beschaffen?

Crowdfunding ist irgendwie immer schwierig! Man neigt ja paradoxerweise dazu, die Leute, die einen am meisten unterstützen, auch am meisten unter Druck zu setzen. Insgesamt war die Community aber sehr nett und großzügig. Das ist ja auch ein Projekt über einen Freund und Kollegen, der erst vor kurzer Zeit verstorben ist. Interessanterweise verhielt es sich hier anders als bei anderen Projekten, die auf unbound.com realisiert wurden. Die Spenden kamen sehr konstant und laufend an, ohne großartige Höhen und Tiefen. And stabiler Fluss – wie bei einem guten Drummer!

Sie haben über 20 Jahre mit Jaki Liebezeit zusammengearbeitet. Wie war das und erinnern Sie sich an besondere Momente, die Ihnen im Gedächtnis blieben?

Es war stets eine Freude und sehr informativ und stimulierend, mit ihm zu arbeiten. Immer wieder tauchten neue Ideen und Techniken, neue kulturelle Verbindungen auf, die man erstmal verstehen musste. Es hat auch immer viel Spaß gemacht. Obwohl er manchmal schon extrem schweigsam war, hat er seinen Humor auf eine sehr physische Weise ausgedrückt. Er war ein großer Fan von Buster Keaton, daher kam wohl dieser trockene, physische Humor.

Highlights gab es viele. Das erste Mal, als ich Jaki aufgenommen habe – das war in Irmin Schmidts Studio in Frankreich -, kam er überpünktlich an und ging sofort rein, um sein Kit aufzubauen. Ich sagte ihm, dass er es hinstellen könnte, wie und wo er wolle und dass ich später reinkommen würde, um die Mikrofone aufzubauen. Nach 15 Minuten habe ich dann nachgesehen und er saß draußen in der Sonne, obwohl sein Kit nur halb stand. Ich sagte ihm dann, dass ich wiederkommen würde, wenn er fertig sei. Er meinte dann: „Ich bin fertig.” Ich fragte ihn, wo denn dann die Kick Drum, die Hi-Hats und die Pedale sein. Er antwortete nur: „Die Menschen haben 50.000 Jahre lang nur mit ihren Händen Schlagzeug gespielt. Wieso sollte ich da irgendwie anders sein?”

Jaki Liebezeit Buchflyer

Groove präsentiert: Jaki Liebezeit: Life, Theory and Practice of a Master Drummer – Book Launch Party

Tickets: 32€ (24€ ermäßigt)

Stadtgarten Köln