Shape Platform (Violet)

Violet ist ein Powerhouse. Die meisten werden sie von ihren Breakbeat-Bestseller kennen, die auf ihrem eigenen Label Naive erschienen sind. Doch da ist noch das Mina-Kollektiv, mit dem sie trans- und queer-inklusive Partys in Lissabon veranstaltet, das Radio Quantico, ein 24/7-Internetradio, das sie mitgründete – und nun ein Debütalbum auf Dark Entries. Groove-Autor Felix Diefenhardt sprach mit ihr über unterrepräsentierte Szenen, den Album-Prozess als Flickenteppich der eigenen Biografie und Naivität als Waffe gegen den Spätkapitalismus.

Spricht man mit Inês Coutinho über ihre Musikkarriere, bezeichnet sie sich selbst oft als Late Bloomer, einen Spätzünder. Seit fast 10 Jahren produziert und veröffentlicht sie nun schon Musik, bloß stieß diese außerhalb der lange Zeit randständigen Lissabonner Szene kaum auf Hörer*innen. Die Initialzündung ihrer internationalen Karriere erfolgte erst 2017 durch erste Release auf Naive. Im selben Jahr fand auch ihr erster Auftritt auf dem Berliner Atonal Festival statt, wo ich sie nun, zwei Jahre später, treffe. Auf ihr Atonal-Debüt angesprochen leuchten ihre Augen auf. Der Auftritt vor zwei Jahren sei für sie einen Moment der Selbstakzeptanz gewesen. Sie hatte endlich einen festen Platz in der internationalen elektronischen Musikszene gefunden, mit dem sie sich identifizieren kann. Die Jahre davor waren von Gigs in den Off-Locations von Lissabon und in Londoner Pubs geprägt, wo sie vor ihrem Durchbruch einige Zeit lebte. 

Violet (Credit: Nash Does Work)
Violet (Credit: Nash Does Work)

Ihre diesjährige Rückkehr aufs Atonal scheint für Violet wieder eine einschneidende und fast überwältigende Erfahrung zu sein. Zumindest wirkt es so, als sie mir an einem heißen Vormittag in einer Hotellobby unweit des Festivals gegenüber sitzt. In ihren Ledersessel eingesunken und über Kopfschmerzen klagend, umspielt ihr Gesicht dennoch ein dauerhaftes Lächeln. Besonders war die Rückkehr, weil das Atonal dieses Jahr eine Bühne für zwei von Violets Herzensprojekten bot: In der ersten Nacht des Festivals übernahm das Mina-Kollektiv die Kontrolle über den Tresor. In der zweiten präsentierte sie im OHM in einem Live-Set Teile ihres neuen Debütalbums das erste Mal vor einem Publikum. An einigen der Songs, die im kleinen familiären Raum des OHMs auf warme Resonanz von Freunden, Wegbegleitern und Fans stoßen, hat Violet bis zu sechs Jahre gearbeitet. Als ich mit diesem Wissen ihr Debütalbum noch einmal durchhöre, beginne ich innerlich ihre Selbsteinschätzung als Late Bloomer anzuzweifeln. 

Violet ist keine Künstlerin, deren Schaffen gerade erst aufblüht. Es blüht schon seit Jahren, allerdings außerhalb des Blickwinkels eines breiten Publikums in der Lissabonner Szene, die von vielen erst vor Kurzem entdeckt wurde. Vielleicht wäre Night Bloomer besser geeignet, um Inês Coutinhos Karriere zu beschreiben. Ich muss nach dem Treffen mit Violet an einen Song der Detroiter Band Protomartyr denken, in dem sie die Metapher der Nachtblume für den kreativen Underground verwenden, der abseits großer Venues, Labels und Medien blüht. In dem Song „Night Blooming Cereus” heißt es: „Not under the blinding sun or the cultivators toil. Only in darkness does the flower take hold. It blooms at night.”

Bed Of Roses – eine zusammengeflickte Biographie

So entstand auch ihr Debütalbum während einer Phase des Rückzugs aus dem Licht der Öffentlichkeit in die relative Abgeschiedenheit der eigenen vier Wände. Anstoß dazu war ein Unfall: Vor einem Jahr brach sich Violet ein Bein. Aus dem Tour-Alltag herausgerissen und an ihre Wohnung in Lissabon gebunden, begann für sie eine Zeit intensiver Reflexion. Inspiriert durch die der Lektüre von It Didn’t Start With You des Psychologen Mark Wolynn, einem Buch über vererbte familiäre Traumata und deren Bewältigung, begann Violet sich mit den eigenen persönlichen Erinnerungen auseinanderzusetzen. Diese Verarbeitung ihrer Lebensgeschichte nahm die Form einer musikalische Reise in ihre Vergangenheit an, in deren Verlauf sie Songs aus den letzten sechs Jahren hervorkramte. Während sie daran arbeitete, kamen ständig neue Tracks dazu.

Violet (Credit: Joao Viegas)
Violet (Credit: Joao Viegas)

Das Resultat dieses Prozesses, ihr Debütalbum Bed Of Roses, ist stark von diesem Prozess und der persönlichen Philosophie dahinter geprägt, was sich auch im Namen niederschlägt. Benannt ist es nach einem bekannten Song von Bon Jovi, dessen Fan sie mit neun Jahren war. „Ich war sogar einmal auf einem Konzert von Bon Jovi”, erzählt Violet, „ich hatte ein Guns n’ Roses-T-Shirt meiner großen Schwester an und habe geweint. Ich fühlte mich gleichzeitig sehr emotional und wie der coolste Mensch auf der Welt.” Was für manche eine peinliche Erinnerung an jugendliche Geschmacksverirrungen darstellen würde, wird von Violet als wichtiger Bestandteil ihrer jetzigen Persönlichkeit ernst genommen und als solcher auf ihrem Album verarbeitet. Hinter diesem Ansatz verbirgt sich Violets ganz eigener Umgang mit ihrer Vergangenheit. 

„Kindlichkeit ist etwas Rebellisches in einer Welt, in der alle danach drängen, sich dem Programm des Spätkapitalismus anzupassen.”

Diese Vergangenheit versteht sie nicht als etwas, das man abschließen kann und zu dem man Distanz gewinnen sollte: „Im Leben macht man so einiges durch. Und man neigt dazu, ständig Neustarts zu machen. Dadurch entfernt man sich immer weiter von seinem früheren Ich und vergisst es. Dagegen wollte ich vorgehen. Ich begann, wieder Musik zu hören, die ich vor zehn Jahren gespielt habe, zum Beispiel Breaks und Dubstep, und diese frühen Einflüsse in meine Musik zu integrieren.” So entstand ein autobiografisches Album, in dem die verschiedenen, für manche vielleicht überraschenden Einflüsse Violets gleichermaßen zur Geltung kommen – neben Dubstep und Breaks beispielsweise auch R’n’B, wie auf dem vierten Song des Albums, „Half Cracy”. Diese musikalischen Einflüsse verweisen wiederum auf Stationen im Leben Inês Coutinhos, die sie hier nicht linear als abgeschlossene Kapitel aufarbeitet, sondern als eine Art Flickenteppich, als Patchwork, in dem Erlebnisse und Erfahrungen nebeneinander existieren und ineinander verwoben sind. So kommt die neunjährige Inês Coutinho, die mit Tränen in den Augen im Guns n’ Roses-Shirt auf einem Bon Jovi-Konzert steht auf Violets Debütalbum ebenso zu Wort, wie die junge Musikerin, die sich als Teil des HipHop Duos A.M.O.R. mit ihren R’n’B-geprägten Tracks in einer stark männerdominierten Szene behaupten muss.

Das Jugendliche ist politisch

Für Coutinho ist das Persönliche und das Künstlerische immer auch politisch – so auch ihr Ansatz der Reaktivierung der eigenen Kindheit: „In gewisser Hinsicht ist Kindlichkeit etwas Rebellisches in einer Welt, in der alle danach drängen, sich dem Programm des Spätkapitalismus anzupassen.” Wir sollen aufhören, an eine bessere Welt zu glauben, um uns auf Arbeit und Konsum zu konzentrieren. Erwachsenwerden sei oft mit der zynischen Akzeptanz der herrschenden Verhältnisse verknüpft. Das ist für Coutinho idiotisch: „Gerade wenn wir erwachsen werden und endlich die Möglichkeiten haben, etwas zu bewegen, verfallen wir dem Zynismus und meinen, wir könnten doch nichts ändern.” Entgegen dieser Einstellung verschreibt sich Violet einer bestimmten jugendlichen Naivität. „Es ist wichtig, sich ein Gefühl von Naivität und Unschuld zu bewahren, wenn man für irgendeine Veränderung einstehen will.”

Violet (Credit: Marco Rodrigues)
Violet (Credit: Marco Rodrigues)

Nicht umsonst trägt Violets Label den Namen Naive. Naivität ist für sie eine politische Waffe gegen die zynische Vernunft des Status Quo. Die Welt gibt Violets Haltung recht. In den vergangenen Jahren waren es gerade sehr junge Menschen, die vermeintlich naive Forderung nach Veränderung stellten und auf die Unhaltbarkeit der aktuellen gesellschafts- und umweltpolitischen Lage hinweisen. “Aber die andere Seite wird mit der Entropie des Kapitalismus und den toxischen rechten Ideen auch immer schlimmer. Daher ist Widerstand wichtiger denn je.”

„Viele Leute sagen ja immer: ‘Ach das ist nur Eskapismus!’ Na klar! Aber wir müssen weiterfragen: ‘Vor was fliehst du und was können wir daran ändern?’”

Die Veranstaltungen des Mina-Kollektivs sind für sie eine Art des Widerstands gegen diese toxischen Tendenzen in unserer Gesellschaft. Das Kollektiv stellt Informationen zu Consent, Safe Sex und Drogenkonsum bereit, verfolgt eine feministische Türpolitik und installiert genderneutrale Toiletten. Die Veranstaltungen sollen nicht bloß Partys sein, sondern auch Orte, an denen sich ein politisches Bewusstsein herausbilden kann. „Viele Leute sagen ja immer: ‘Ach das ist nur Eskapismus!’ Na klar! Aber wir müssen weiterfragen: ‘Vor was fliehst du und was können wir daran ändern?’” Dabei spielt für Violet gerade der Gemeinschaftsaspekt eine wichtige Rolle: „Indem wir solche Communitys bilden, schaffen wir Räume für kollektive Reflexion darüber, warum wir vor der Gesellschaft fliehen müssen in dunkle Räume mit lauter Musik. Und warum wir das gemeinsam tun müssen – man könnte das ja auch alleine tun.”

So bewahrt sich Inês Coutinho ihren Optimismus und ihre Naivität. Im Ganzen sieht einen klaren Trend hin zu einer gerechteren und inklusiveren Szene. Diejenigen, die sich dagegen sträuben, seien bald ausgestorben. Bis dahin wird sie sich weiter für diese Zukunft einsetzen – mit ihrer Musik, ihren Partys, ihrem Label. Und wenn es einige Zeit dauern wird, Gerechtigkeit innerhalb der Musikszene herzustellen, dann kann die Dunkelheit, in der sich manche Künstler*innen bewegen, auch als Ressource genutzt werden, um zu experimentieren, politisches Bewusstsein zu schaffen und freie Räume außerhalb kommerzieller Interessen zu etablieren. “Only in darkness does the flower take hold. It blooms at night.”

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