Anthony Rother – We Are The Future EP (Stranger In The Night)

In Anthony Rothers Schaffen nimmt Electro eine zentrale Position ein, für viele steht der Offenbacher geradezu als Synonym für gebrochene Beats in US-Electro- und Kraftwerk-Tradition. Aber natürlich gab es auch schon immer Techno-Tracks von ihm, und auf seiner aktuellen We Are The Future EP, seiner ersten auf Radio Slaves Stranger In The Night-Label, dominieren tatsächlich einmal die geraden Beats. Und diese spezielle Gemengelage – neues Label, Rothers Electro-Skills und die Konzentration auf Four-to-the-floor-Beats – hat den schon seit über zwei Jahrzehnten aktiven Musiker zu einem neuen Höhepunkt in seinem beachtlichen Werk angetrieben. Die Stücke sind clubbig und rough zugleich, voller Kreativität und Eigenheiten. Mit „The Message” bringt die EP auch einen harten Electro-Track mit wohl lvertrauten Vocoder-Vocals, und beendet wird die Platte von beatlosem, zeitlos-schönem Retrofuturismus zwischen Düsseldorf, Detroit und Metropolis. Großartige EP mit mehr Albumcharakter als etliche gehypte Longplayer. Mathias Schaffhäuser

Atom™ & Tobias. – Cuando (Pomelo)

Techno. Für manche inzwischen so etwas wie der Inbegriff des Stillstands. Wobei es da ja, genauso wie in anderen Dingen, hauptsächlich darauf ankommt, wie man die Sache am Laufen hält. Für Atom™ & Tobias. ist das denn auch gar keine Frage. Sie machen einfach. Mit ihren Mitteln. Vorwärtsdenker, die sich in diesem Fall ganz auf die Bedürfnisse der Tanzfläche konzentrieren. Mit denkbar minimalen Elementen und bewährten Strategien wie allmählicher rhythmischer Verschiebung. Und der kontinuierlichen Arbeit am Sound im Verlauf des Tracks. Die paar Spuren, die sie dazu übereinanderlegen, sind, dank ihres nicht standardisierten Klangdesigns, allemal interessant genug, um Körper und Geist über die gesamte Strecke der drei Nummern auf Cuando wach und in Bewegung zu halten. Mehr braucht es nicht zum Ausrasten. Tim Caspar Boehme

Dewemer – Long Low Edmund (Nous’klaer)

Ein Cover war bislang nicht aufzufinden – mysteriös!

Überaus bemerkenswertes Debüt des überaus mysteriösen Acts Dewemer auf Sjoerd Obermans Qualitätslabel Nous’klaer. Die Doppel-EP firmiert hier zwar als Single, kommt mit knapp 50 Minuten Laufzeit aber eher in Albenlänge daher. Alle acht Stücke sind ausgesprochen solide produzierte, atmosphärisch dicht gepackte, tendenziell sphärische, höchst souveräne Tunes, die, mit Ausnahme von „Long Rice”, das etwas housiger ausgefallen ist, samt und sonders explizit ihren Technocharakter betonen, in ihrer Unmittelbarkeit aber fast wie Electro wirken. Herausragend gestaltet ist die Klammer um das Release: der Acidtrack „Rope Missed The Ram” und „Jeer”. Harry Schmidt

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Exterminador – Bad Manners 2 (Bad Manners)

Mit Bad Manners stampft Marcel Dettmann ein neues Label aus dem blätterbedeckten Hauptstadtboden. Zugleich Hauptdarsteller und Protagonist des ersten Releases ist Exterminador. Stille im Saal. „Extermi-wer?“, fragt man sich – und das zu Recht. Der hinter dem Alias steckende Mario Resta blieb mit zwei eher mäßig erfolgreichen 12inches bisher den großen Durchbruch schuldig. Wird diese Kollaboration also floppen oder der nächste Kassenstürmer aus dem Hause Dettmann? Der Anfang ist schon mal harter Tobak der besten Sorte. „Bleeding From Inside” sampled Robert Ashleys kontroverses Spoken Word-Meisterwerk „Purposeful Lady Slow Afternoon”, in dem eine Frau mit eisiger Stimme und im literarischen Stil eines John Updike eine Vergewaltigung beschreibt, untermalt es mit eiskaltem Electro und funky Breaks. Darauf folgt mit „You Are Not I” ein geradliniger Track mit warmer Bassline und smoothen Hi-Hats. Nach dem allzu einprägsamen Schauer des ersten Stücks liefert Exterminador damit genau die Zugänglichkeit, die es hier jetzt braucht. Damit verschleiert er jedoch nur seine Intentionen für die B-Seite, denn auf dieser schlummert ein gewaltiger Plot Twist. Waren bisher Electro und angenehm rougher House die prägenden Genres, steht auf der Flip eben alles Kopf. Der geschickte Techno-Track „Pericos” führt Hörer*innen mit chirurgischer Präzision, psychedelischen Bässen und unregelmäßig auftauchenden Soundfetzen zum Showdown der EP hin. Der ist dann ein böser Schieber mit dem Potenzial eine Hymne zu werden, welche uns noch lange erhalten bleiben wird. Repetitive Vocal-Samples, eine seltsame Radioansage, harte Beats und treibende Mono-Synths hinterlassen definitiv einen bleibenden Eindruck. Andreas Cevatli

Konduku – Lila EP (Idle Hands)

Der Amsterdamer Produzent Ruben Üvez alias Konduku tritt erst seit dem vergangenen Jahr größer in Erscheinung. Nach seinem Debütalbum Kiran und einigen EPs auf dem Rotterdamer Label Nous’klaer Audio ist jetzt die Bristoler Institution Idle Hands auf ihn aufmerksam geworden. Die vier Tracks der Lila EP klingen dabei ganz der Gegenwart zugewandt. Wenn bei ihm der Vergangenheit gehuldigt wird, dann am ehesten den späten Neunzigern mit ihrer Glitch-Ästhetik, die sich in manchem Beat wiederzufinden scheint. Auf diesem Fundament arbeitet Konduku an einer Art Störgeräusche-Bassmusik, in der er gern Gegensätze paart: hier die scharfen, ruckelig synkopierten Rhythmen, dort die fast sanften Synthesizertöne und -flächen, die sich als Geflecht darüberlegen. Das Ergebnis ist eine erfreulich frische Form der Zukunftsnostalgie. Bei dieser Mischung braucht man keine routinierte Langweile im Club zu fürchten. Tim Caspar Boehme