Frankie Knuckles & Eric Kupper – The Director’s Cut Collection (So Sure Music)

Die Huldigungen von Frankie Knuckles erreichten bereits zu Lebzeiten eine Überschwänglichkeit und Feierlichkeit, die manches göttliche Wesen ein wenig neidisch gemacht haben dürfte. Nun ist der House-Pionier aus Chicago, in dessen Schatten tatsächlich so manche gefeierte DJ-Persönlichkeit auf Lilliput-Niveau zusammengeschrumpft ist, bereits fünf Jahre tot. Seitdem ist der eine oder andere Altar gebaut worden. Eric Kupper – ein Studiomusiker, zu hören auf vielen, vielen Def Mix-Produktionen von Knuckles und seinem damaligen Partner David Morales –  errichtet einen weiteren. Mit ihm gründete Frankie Knuckles 2009 das Projekt Director’s Cut. Erster Remix: „Blind“ von Hercules & Love Affair. Neben Remixen waren Neuaufnahmen von alten Frankie Knuckles-Stücken und Klassikern der Clubmusikgeschichte das Betätigungsfeld. Zeitgemäß sollte es klingen, tatsächlich waren die Tracks aber doch sehr klassisch geprägt, bei grandiosem Sound. Die Director’s Cut-Version von „The Whistle Song“ ist die wohl beste aller Zeiten, „Your Love“ geht auch in Ordnung. Zwiespältig ist aber so manches Remake unter den 27 Stücken, so zum Beispiel „The House Music Anthem“ von Marshall Jefferson. Enthalten ist auch das letzte Stück, das Frankie Knuckles vor seinem Tod gespielt hat (so der Hinweis des Labels), ein Remix des Lou Rawls-Klassikers „You’ll Never Find Another Love Like Mine“. Der ist in der Tat himmlisch. Holger Klein

I Jahbar & Friends – Inna Duppy SKRS Soundclash (Bokeh Versions)

Grenzen auflösen. Das versucht der aktuelle Release auf Bokeh Versions musikalisch und geographisch. Bei I Jahbar & Friends´ Inna Duppy SKRS Soundclash, veröffentlicht von dem Label aus Bristol, stammen die Vocals von I Jahbar und anderen Künstlern aus Jamaika. Die Instrumentals liefern zum einen Bigflite & Velkro von Duppy Gun, die in Los Angeles leben, aber auch ein Studio in Portmore auf Jamaika betreiben. Zum anderen haben SKRS (Seekers International) aus dem kanadischen Richmond Musik beigesteuert. Sowohl Duppy Gun als auch SKRS verfolgen einen, von Dub geprägten, experimentellen Zugang zu Dancehall. Sie dekonstruieren Rhythmusstrukturen, reichern sie mit verzerrten Synthesizern an, verschieben die Beats manchmal in eine abstrakte, spannungsvolle Ungreifbarkeit. Genauso verstehen es die beiden, zerfaserte Clubvehikel mit Anknüpfungspunkten zu Electro oder Grime zu bauen, auf die I Jahbar in freien Rhythmen stoisch seine Lyrics setzt. Die Tunes sind im Sinne eines Soundclashs (bei dem Sound-Systems, bestehend aus Selectors und DJs, gegeneinander antreten) so angeordnet, dass I Jahbar abwechselnd auf Instrumentals der beiden Produktionsteams zu hören ist. Die Energie des Soundclashs kommt aber am besten in den Mixen raus, bei denen die Crews ihre Produktionen im Fluss präsentieren und mit Effekten und Überblendungen anreichern. Philipp Weichenrieder

Lovefingers – Fingertracks: Vol. 1 (ESP Institute) 

Kaum mehr als eine Dekade ist vergangen, seit Andrew Hogge mit seiner Lovefingers-Site zu einer der maßgeblichsten Quellen in Sachen scheuklappenfreier Geschmacksbildung wurde. Fünf Jahre lang, von 2006 bis 2010, stellte er Tag für Tag einen neues Stück Musik ins Netz, zum freien Download, mit kaum mehr Information versehen als dem Namen des Acts und dem Titel des Tracks. So wuchs ein Katalog des coolen Wissens heran, der zu seinen Blütezeiten 100.000 Besucher täglich zählte. Lovefingers war der verlässliche Kompass in einer so unübersichtlichen wie gleichförmig klingenden musikalischen Landschaft, eine Oase inmitten einer digitalen Wüste. Während DJ Harvey eher die Funktion eines klandestinen Barometers übernahm, nur hin und wieder mehr oder weniger gezielt etwas durchsickern ließ, hatte Hogge auf Lovefingers.org keine Bedenken, sein Collector-Wissen flächendeckend zu teilen. Mit Fingertracks Vol. 1 legt er nun eine Blütenlese dieser im besten Sinne bewusstseinserweiternden Institution vor. Erfreulich auch, dass es nicht darum geht, Distinktionsgewinne einzufahren: Ob die Musik aus der 1-Euro-Grabbelkiste stammt oder als Private Pressing Höchstpreise auf Auktionen erzielt, ist für Hogge nachrangig. Italienischer New Wave von Jo Squillo Eletrix steht gleichberechtigt neben dem Art Rock der Lifetones. Eine Compilation wie ein Soundtrack für die kalifornischen Romane von Thomas Pynchon. Harry Schmidt 

Public Possession – Chill Pill (Public Possession)

Public Possession ist der real deal, wenn es um aktuelle Münchner Labels geht. Mit dieser Compilation sendet er ein musikalisches „Servus“ in Form einer mysteriösen, bisher ungetesteten Substanz, die von mehreren Plattendealern auf Anfrage des Autors dieser Zeilen nur als Chill Pill bezeichnet wird. In gelblich-orangener Hülle ausgeliefert, liegt die Wirkdauer nach Einnahme über den Gehörgang bei knapp sechzig Minuten. Hinter vorgehaltener Hand erfahren wir, dass der Stoff – wer hätte es ahnen können – entspannend, stimulierend und bewusstseinserweiternd wirken soll. Der Effekt setzt unmittelbar ein. Gleich fühlt man beruhigende, balearische Klänge und verliebt sich in die jazzigen Drums, die Tornado Wallace in „Mermaid Beach“ gekonnt mit Synthi-Geprickel und Gitarren fusioniert. Bei „Special Times And Places“ von AKSK (einem gemeinsamen Projekt von Suzanne Kraft und Adah Kaleh) schäumen die Emotionen dann nur so über. Von verträumten Klängen und ebenso großartigen wie melancholischen Gesang begleitet, wandelt sich der graue Himmel über München in einen weiten Ozean, die Birke von nebenan wird zur tropischen Palme und der kalte Kaffee im biologisch abbaubaren Kaffeebecher ein fruchtiger Drink mit Schirmchen. Nach ungefähr einer halben Stunde findet man sich mit geschlossenen Augen, im Takt zu Obalskis 90BPM Kontribution wippend, wieder. Der schafft es durch rhythmische Percussions, repetitive Drones und warme Retro-Synths, dass man einfach nicht stillhalten kann. Easy Listening ist eigentlich selten ein Kompliment, hier ist es das aber. Aksel & Aino’s paradiesische Downtempofahrt „Brian By The Sea“ und Bell Towers Adaption von Madonnas Pop Hit „La Isla Bonita“, sind zwei weitere Höhepunkte dieser Pille. Aber auch generell gilt: „All killer, no filler“. Gerade deshalb weisen wir an dieser Stelle auf die hohe Suchtgefahr hin! Andreas Cevatli

S (Cocoon Recordings) 

Wenn der Sommer zu Ende geht, geleitet Cocoon Recordings die Technogemeinde mit seiner Buchstaben Compilation in den Herbst – und das seit 19 Jahren. Dieses Jahr erscheinen einige junge Künstler (Florian Hollerith, Raxon, Emanuel Satie) und household names (Talaboman, Red Axes, ein wie immer virtuoser Stimming) an der Seite alter Helden (Mark Broom, Dino Lenny, Neil Landstrumm). Mit dem ersten Track von Love Over Entropy aus Amsterdam hat S einen starken Start: Eine leicht melancholische Stimmung wird in einer Gelassenheit aufgelöst, die Orgelklänge der Hookline klingen zunächst wie das typische Post-Innervisions-Riff. Der Holländer benutzt aber nur einen kurzen Loop dieser Figur, der sich unerwartet insistierend in die Hirnwindungen eingräbt. Mit der Zeit klingt er schrill, so dass ganz unerwartet die himmelschreiende Dramatik einer Armando-Platte entsteht. Diese entfesselte Sehnsucht wird dann wiederum unerwartet vom fluffigen Nichts des Technhouse-Groove aufgefangen. An Talabomans ironischer Selbstcharakterisierung im Titel ihres Tracks, “Big Room Anthemic Groovy Pounding Trance Dub Bomb. Superb!”,  stimmt nur das Bomb nicht: Mit ihrem sedierten Groove, dem statischen, sakralen Orgelton und den entkoppelten, flirrenden Sounds ist der Track ein Monument, das auf den Stillstand hinarbeitet, nicht auf Bewegung. Der junge Frankfurter Emanuel Satie entwickelt einen spielerischen Umgang mit klassischen House Chords, Edward gelingt mit verzerrten Vocals und irisierenden Orgeltönen eine unkitischige Interpretation von Ethno House, Florian Hollerith kostet einen jugendlichen Techhouse-Sturm & Drang aus. Raxon aus Ägypten zehrt von seinen guten Melodieideen, Mark Broom verschmilzt in seinem Techno-Smasher das Subtile und das Explizite, Dino Lenny verbindet Detroitsounds mit 80s Pop, Neil Landstrumm arbeitet mit fragilen, poetischen Sounds, die Stimmings Stimmung aufnehmen. Und Red Axes lassen am Ende von S mit ihren freien, improvisierten, akustischen Sounds ein Außen in die geschlossene Welt von Techno und House eindringen. Alexis Waltz