Nur wenige Labels bringen im Juli und August Platten heraus – obwohl der Bedarf der DJs nach frischem Vinyl in der Festivalsaison besonders groß ist. Bei unseren Platten der Woche füllen wir dieses Sommerloch mit drei Gastbeiträgen: Letzte Woche stellten Zola & Basco von Ashore ihre Lieblingsplatten der Saison vor. Heute ist Jennifer Cardini an der Reihe und nächste Woche wird sich ein*e weitere*r DJ der technoiden Seite der Dinge annehmen. Ich erwische Jennifer Cardini in ihrem Berliner Zuhause. Gerade ist sie aus den USA zurück. Sie hat auf dem Sunset Campout, einem Boutique Festival in Belden Town zwei Stunden von Sacramento, California gespielt, erzählt sie: “Roman, Gerd und Lena waren auch da, das Programm war klasse.” Das war am Freitag, am Samstag spielte sie mit Manpower und Juan McLean in einem Warehouse in Los Angeles. Und Sonntag trat sie in Toronto auf: “Ich habe erwartet, dass es cool und eher ruhig wird, aber das war eine super Party, sehr ravig. Dieser Crowd habe ich meine letzte Energie gegeben. Am Dienstag bin ich dann zurückgeflogen. Das war ein schnelles Wochenende in Amerika,” erklärt sie. Zeit zum Ausruhen bleibt nicht: Jetzt ist Mittwoch mittag, und in zwei Stunden fliegt sie zur Gay Pride nach Zürich. “Ich beschwere mich nicht, ich arbeite gerne viel”, sagt sie und macht eine Pause: “Aber statt mit dir zu telefonieren, wäre ich lieber beim Yoga,” lacht sie. Also: Schluss mit der Plauderei – ran ans Vinyl.

MT024 Remix Pack One (Malka Tutti) 

Diese Platte liegt mir am Herzen, sie ist wie ein bißchen wie Weihnachten: alle Tracks sind gelungen. Das passiert selten, besonders bei Remix-EPs. Ich habe sie ausgewählt, weil sie mir Gelegenheit bietet, über Freunde und Mitglieder meiner Label-Familie zu sprechen. Xen & Yovav haben beide Platten für Correspondant und für Dischi Autunno produziert. Borusiade war auch auf Correspondant und hat einen Remix für Dollkraut gemacht, der herausgestochen ist. Und Benedikt [Frey] hat auch Remixe und Compilation-Beiträge für uns produziert. Ich liebe, was Asaf [Samuel] und Katzi [Kenneth] mit Malka Tuti machen. Jeder neue Release ist besser als sein Vorgänger. Ich bin seit Jahren ein großer Fan von Tolouse Low Trax. Bei ihm ist es genauso, seine Musik wird immer kraftvoller und dichter. Ich liebe auch Die Orangen und Kris Baha solo. Auf Malka Tuti kann man sich verlassen, ich spiele jede ihrer Platten. Manchmal erinnert mich ihr Sound an Basic Channel und Maurizio: er ist zugleich dubby und sexy.

Afrodeutsche – RR001 (River Rapid)

Ich bin total verknallt in Afrodeutsche. “I Know Not What I Do” ist ein perfektes Stück. Alles, was ich an elektronischer Musik liebe, steckt in diesem Track. Er ist atmosphärisch, er ist deep. Und er ist sehr intelligent, es findet ein Gespräch zwischen allen Elementen des Tracks statt. Ich liebe dieses Stück, es erinnert mich an manche Tracks von Roman [Flügel]. Das ist wirklich eine meiner Lieblingsstücke in diesem Sommer. Versteh mich nicht falsch, die anderen Tracks auf der Platte sind auch toll, aber diese Nummer erinnert mich an vieles, was mir wichtig ist, an frühe Perlon-Platten etwa, an die 016 oder 017 und an Baby Ford. Als Perlon noch minimal war und trotzdem alles Sinn gemacht hat. Jedes Element ist da, wo es sein soll und reagiert unmittelbar auf die anderen Elemente. Es ist ernsthafte Musik, ein bißchen düster, aber auch spielerisch – und vor allem lebendig.

Curses – Carcassonne (Höga Nord)

Jeder weiß, dass ich auf Curses stehe, und es hat mich auch ein bißchen eifersüchtig gemacht, dass er diese Tracks Höga Nord gegeben hat und nicht mir. Dabei mag ich Höga Nord auch sehr. “The Burial of Charlemagne” ist toll, “Fake Dream” ist auch toll, es klingt aber eher wie ein Soundtrack aus den Achtzigern, von John Carpenter vielleicht. Dennoch ist es eine gelungene EP, sie erinnert an The Cure, und ich bin ein großer The Cure-Fan. Luca [Venezia, der bürgerliche Name von Curses, d.Red.] wird immer besser, wir arbeiten gerade mit ihm an seinem zweiten Album für Dischi. Er ist sehr vielseitig: Er produziert nicht nur tolle Musik, er ist ein guter DJ, und er tritt auch mit Band auf. Und es ist schön und unkompliziert, mit ihm zusammenzuarbeiten. Du bittest ihn um etwas und nach 30 Minuten hast du schon das Ergebnis. Ich scherze immer, dass ich ihm eines Tages zum Mitarbeiter des Monats machen werde. Damit meine ich nicht, dass andere Künstler*innen faul sind, sie haben aber oft mit Unsicherheiten zu kämpfen, die sie lähmen. Luca ist vielleicht so selbstsicher, weil er viel Erfahrung hat, auch mit seiner Band Drop the Lime.

Alan Dixon – La Danza (Running Back)

Das ist eine offensichtliche Wahl, aber ich bin besessen von “La Danza” von Alan Dixon. Das ist der perfekte Clubtrack, das Stück ist jetzt schon ein Klassiker. Den Track kann jeder spielen, als Big Room Techno DJ könntest du “La Danza” auflegen und die Leute würden weiter tanzen. Dieser Track strahlt ein Glücksgefühl aus, ich spiele ihn oft in der letzten Dreiviertelstunde meines Sets. Er hat eine ähnliche Wirkung wie “Genki Girl” von Panthera Krause auf Ritovan.
“La Danza” ist eine totale Cardini-Platte, die werde ich immer bei mir haben. Auch wenn in ein paar Jahren noch der richtige Moment kommt, werde ich sie spielen. Was eine Platte zu einer Cardini-Platte macht? Das ist schwer zu sagen. Sie muss viel Energie haben, sie muss sich auf eine bestimmte Weise aufbauen. Und es muss den Moment geben, in dem sie diese Energie freisetzt.

Diverse- Family Matters Vol. 2 (9300)

Family Matters Vol.2 ist auf 9300 Records rausgekommen. Dieses Label habe ich über Betonkust entdeckt, er auch auf Family Matters Vol. 1. Das Label ist sehr gut, Betonkust schätze ich auch sehr. Innershades ist ein weiterer Künstler des Labels, den feiere ich auch. Diese EP bringt mich zu meinen Legowelt-Roots zurück, “Atomium Disco Heist” von Intimacy klingt ein bißchen wie er. Das ist eine schöne Platte, wie auf der von Malka Tuti ist jeder Track gelungen. Ich persönlich mag A1, A3 und B1. B1 spiele ich etwas schneller. Alle diese Tracks verfolgen einen melodischen, housigen Electrosound, den ich zur Zeit viel spiele, der ist kraftvoll und intensiv. Ich habe diesen Sound natürlich immer schon geliebt, der ist auch nah dran am holländischen Electro von Viewlexx oder Alden Tyrell und ebenso an Hi-NRG. Ich liebe Hi-NRG – Sylvester, Patrick Cowley. Ich bin in den achtziger Jahren großgeworden, ich war ein Teenager, als diese Musik entstanden ist.