Akai bringen mit „Force“ ein mächtiges Standalone-Hard- und Software Verbundsystem auf den Markt. Es verspricht Rechner-freie Musikproduktion und Aufführung zu ermöglichen und dabei trotzdem über alle Vorzüge der Digitaltechnik zu verfügen, wie etwa Sampling und Audioaufzeichnung, Plugin-Instrumente und Effekte oder zuweisbare Controller und dynamisches Handling von Clips. Ob das gelingt, haben wir ausprobiert.

Hardware
„Force“ steckt in einem nachtschwarzen Kunststoff-Gehäuse mit den stattlichen Abmessungen von 350 Zentimetern in der Breite, 389 in der Tiefe und einer Höhe von 7,2 Zentimetern. Seine Grundfläche ist damit nicht nur größer als beispielsweise die eines „Push 2“ von Ableton, sondern auch sein Gewicht. Denn mit knapp vier Kilo steckt man sich den „Force“ nicht mal eben in die Laptop-Tasche. Die Seitenteile sind – ob aus Designgründen oder zur besseren Belüftung – mit einer Gitterstruktur versehen, hinter der sich die Elektronik erkennen lässt. Ob sich das im Fall der Flutwelle einer umgekippten Limo als klug erweist, wird die Zeit zeigen.
Das obere, leicht erhabene Drittel wird vom 7-Zoll-Touch-Display, Funktions- und Navigationstastern, sowie einem Rotary-Push Encoder und Crossfader bevölkert. Darunter, in die Schräge eingelassen, folgen acht kleine Displays, die die frei zuweisbaren Funktion der darunter liegenden Multifunktions-Encoder visualisieren. Die untere Hälfte besteht im Wesentlichen aus der 8×8-Taster großen Matrix, links flankiert von Modus-Tastern, die das Editieren (u.a. Note, Step-Sequenzer, Select, Edit, Copy und Delete) betreffen, aber auch die Funktionen Mute, Solo, Record Arm und Clip-Stop, die für jede Spur aktiviert werden können. Rechts der Matrix sitzen acht Taster zum Abfeuern der Szenen, sowie zum Stoppen sämtlicher Clips und Selektieren des Master-Ausgangs. Ein Blick auf die Bedienoberfläche zeigt, dass fast alle Tasten rund um die Matrix mit Shift-Doppelfunktionen ausgestattet sind.

Bild: Akai

Der Blick auf die Rückseite zeigt ein erfreulich reichhaltiges Bild: Vier CV/Gate-Ausgänge leben hier in direkter Nachbarschaft mit einem Midi-In/Out/Thru-Trio, das via Miniklinke auf DIN-Stecker adaptiert wird. Darunter ein Team aus vier Stereo-Ausgängen, nebst zwei Eingängen, die als Klinke/XLR-Kombibuchse ausgeführt sind und sich separat zwischen Line- und Instrumentenspannung umschalten und im Gain regeln lassen. Nutzt man den XLR-Eingang, kann dieser zusätzlich mit Phantomspannung befeuert werden. Nach rechts folgen zwei USB-Buchsen zur Entgegennahme von Speichermedien und zum Anschluss von anderen Midi-Controllern (beispielsweise Keyboards), sowie eine USB-3 (Typ B) Buchse für den Computerverbund. Überhaupt gibt sich „Force“ ziemlich kontaktfreudig, denn die Kommunikation mit Laptops oder Tablets klappt auch über WiFi und Bluetooth. Wozu die integrierte Ethernet-Schnittstelle dient, ist wohl auch bei Akai noch nicht ganz klar. Bislang ist hier die Rede von Ableton-Link-Integration – denkbar ist aber auch die Synchronisation mit anderer Club Hardware (bspw. dem Denon Pro DJ Link). Interessant die Unterseite: Hier bietet eine verschraubte Klappe Zugang zu einem Festplatten-Fach, wo über einen SATA-Stecker (bevorzugt) eine SSD-Festplatte (bis 1TB) installiert werden kann.

Bild: Akai

Frontseitig warten ein SD-Karten-Slot sowie ein Kopfhörerausgang auf ihren Einsatz. Letzterer ist nicht nur in der Lautstärke, sondern auch im Verhältnis zwischen Master und Cueing-Signal regelbar. Ja richtig: Jede Spur von Force kann praktischerweise im laufenden Betrieb „vorgehört“ werden – sehr schön.

Konzept
Grundsätzlich ist „Force“ – anders als man denken könnte – keine „MPC X light“, sondern adaptiert in großen Teilen das Konzept von Ableton Live – sprich: Musik entsteht hier in Spalten (Spuren), in denen sich Clips mit Midi-, Audio- oder Kontrollspannungs-Informationen befinden. Im Detail stellt „Force“ für jede der 128 möglichen Spuren (maximal acht davon können mit Audio, weitere 8 mit Plugins bestückt werden) folgende Typen zur Auswahl:
Audio-Track – Linear Aufgezeichnetes Audiomaterial
Drum Track – Multi-Sample-Container zum Abspielen von Drums
Plugin Track – Eine Spur zum Ansteuern der internen Sound-Plugins (derzeit vier Stück).
Keygroup Track – Multisample-Container für Sample-Instrumente
Midi Track – eine Midi-Spur (inklusive Controller-Daten)
CV Track – Spur zum Erzeugen von Kontrollspannungen

Eine Zeile bildet dann eine Szene. Das gesamte Raster wurde in der Terminologie von Akai „Matrix“ getauft.

Alle Spuren landen am Ende im Mixer, wo sie im Panning und der Lautstärke angepasst werden können. Zudem stehen hier pro Kanal vier frei wählbare Insert-Effekte zur Verfügung. Daneben können noch vier Send/Return-Kanäle beschickt werden, die ebenfalls frei mit Insert-Effekten ausgestattet werden können. Damit nicht genug: Jede Instanz (also auch jedes einzelne der 16 möglichen Sample innerhalb eines Drum Tracks), wie auch der Master kann man bei Bedarf mit vier Insert-Effekten aufmotzen. In der Stereosumme kann zudem noch ein globaler Master-Performance-Effekt seinen Dienst verrichten, der durch Berühren des Displays in der XY-Achse gesteuert wird.

Effekte
Geboten wird eine tontechnische Vollausstattung, die sich aus Akai-Eigenentwicklungen und von der Plugin-Schmiede „Air“ eingekaufte Algorithmen zusammen setzt. Das Spektrum reicht von Hall, Delay und Modulationseffekten (Chorus, Phaser, Flanger) über verschiedenste Filter (High-, Low-, Band-pass, auch Emulationen der „alten“ MPCs) und Equalizer mit unterschiedlichen Charakteristika (Shelf/Parametrisch) bis hin zu Dynamik-Werkzeugen und Verzerrern (Distortion, Bitcrush, Amp Simulation). Die visuelle Umsetzung ist dabei wirklich hübsch anzusehen. Mit Version 3.0.1 hat auch ein Sidechain-Kompressor Einzug gehalten: Der „Mother Ducker“ kümmert sich um zeitgemäßes „Pumpen“ des Audiomaterials. Und auch klanglich überzeugen die Algorithmen in einem Maß, dass man attestieren kann, dass es bei sorgfältiger Verwendung und Einstellung problemlos möglich ist, der „Force“ veröffentlichungsfertige Tracks zu entlocken.

Softsynths
Ebenfalls aus der Feder von „AIR Music“ stammen die derzeit vier integrierten Software-Synthesizer:
Baseline – ein monophoner Basssynthesizer
Tubesynth – ein polyphoner Synthesizer mit zwei Oszillatoren
Electric – eine virtuelles Rhodes/Wurlitzer-Modeling-Instrument
Hype – ein polyphoner Synthesizer mit verschiedenen Synthese-Modellen (Wavetable, FM, Subtraktiv, Sampling)

Sämtliche Plugins rangieren im guten Mittelfeld dessen, was auch Artgenossen am Computer zu leisten vermögen: „Baseline“ – ein einfach gehaltener Monosynth, unterfüttert wirkungsvoll den tonalen Unterbau. „Tubesynth“ kümmert sich um alles, was in Richtung „80er Polysynth“ à la Roland Juno gehen soll. Und „Electric“ emuliert recht eindrucksvoll die Klanglichkeit von Rhodes und Wurlitzer. Dass die Hardware überhaupt in der Lage ist, die doch recht komplexe Prozessorpower aufzubringen, die für eine authentische Berechnung der Tasteninstrumente erforderlich ist, zeigt, dass Akai nicht mit CPU-Leistung geknausert haben und lässt Raum für Spekulationen über künftige Plugin-Entwicklungen (Granularsynthese?!). In seiner Charakteristik eher „digital“ klingend ist „Hype“. Er bietet mit seinen verschiedenen Synthese-Modellen auch die umfangreichsten klanglichen Möglichkeiten.

Praxis
Akai versorgen den stolzen Neubesitzer einer „Force“ mit einer stattlichen Werkslibrary: 10 Gigabyte (!) belegt der Sound- und Sample-Vorrat, der sich über sämtliche Spielarten aktueller Musik erstreckt. Damit ist dann allerdings auch weit über die Hälfte des internen Speichers (16 GB) belegt. Zu bedenken gilt es auch, dass das Sample RAM bei 2GB gedeckelt ist. Da die „Force“ intern mit 32 Bit arbeitet ist also bei knapp 100 Minuten Audio (pro Projekt) Schluss. Das ist zweifellos viel, zu bedenken ist aber, dass sich jedes geladene Plugin hier noch ein bisschen was abzwackt.

Um einen Clip mit eigenen Inhalten zu befüllen bieten sich verschiedenste Wege an: Handelt es sich um Audio, kann man zum Echtzeit-Sampling greifen und „Ableton-like“ direkt „in“ den jeweiligen Clip aufnehmen. Die Editiermöglichkeiten für aufgenommenes Audiomaterial reichen vom simplen (sehr komfortablen) Schneiden bis hin zum Audio-Slicing und Echtzeit-Warping. Midi-Daten spielt man über die Pads oder ein angeschlossenes Keyboard ein, wobei man von umfangreichen Spielhilfen assistiert wird. Allen voran einem Step-Sequenzer, der je nachdem, ob man auf einer Drum- oder Noten-Spur tätig ist, unterschiedlich arbeitet: Im Drum Modus verwandeln sich sechzehn Pads unten links in Drum-Trigger-Pads, und die gleiche Anzahl Pads daneben dienen der Velocity-Kontrolle, während in den oberen vier Reihen das Drum-Grid durchläuft. Im Noten-Modus erleichtern umfangreiche Skalen-Korrekturen, fertige Akkord-Progressionen in verschiedenen Stilistiken und ein extrem ausgefeilter Arpeggiator das Einspielen.

Für Anwender, die mit dem Konzept von Ableton Live vertraut sind, selbstverständlich, für Neueinsteiger etwas gewöhnungsbedürftig, ist der Umstand, dass Touchscreen und Pad-Matrix Prinzip-bedingt nicht immer deckungsgleich sind: Wenn im Display beispielsweise der Mixer aktiviert ist, läuft die Clip-Matrix parallel dazu weiter. Sehr praktisch: Force blendet „Tooltips“ im Display ein, die einem am Anfang die Bedienung erleichtern. Ebenfalls hilfreich: Ein Doppeltip auf ein Parameter-Bedienelement am Bildschirm öffnet eine vergrößerte Ansicht des Parameters, was an manchen Stellen auch dringend notwendig ist, da die GUIs der Plugins manchmal etwas klein geraten sind. Eine Arrangement-View bleiben Akai bislang noch schuldig. Wer seinen Track finalisieren will, muss derzeit also in Echtzeit seine Performance aufnehmen. Ein Audio-Bounce feature steckt aber in der Planungs-Pipeline von Akai. Ebenfalls fest angekündigt ist die (nahe liegende) Ableton-Controll-Surface-Integration, die aus „Force“ einen vollwertigen Live-Controller macht.

Fazit
Auch wenn dieses Review schon eine beträchtliche Länge erreicht hat, müssen etliche Detail-Funktionen unerwähnt bleiben und das ist gut so, denn „Force“ will ja eine komplette Produktionsumgebung sein und tatsächlich wir sie ihrem Namen ohne Frage gerecht. Denn es ist eine ziemlich schlagkräftiges Hard/Software-Verbundsystem, mit der sich moderne, Pattern-basierte Musik ohne Zuhilfenahme eines Rechner erstellen und aufführen lässt. Ganz ohne Rechner ist im Kern natürlich falsch, denn auch „Force“ ist nichts anderes als ein optimierter Controller mit integriertem Rechner. Aber darum geht es am Ende ja nicht, sondern vielmehr darum, wie es sich anfühlt und wie der Arbeitsfluss ist, der aus dieser Verbindung entsteht. Im vorliegenden Fall haben Akai vieles richtig und wenig falsch gemacht: Tatsächlich adaptieren sie nicht nur erfolgreich das Ableton-typische Clip/Szenen-Konzept, sondern beleben auch die (in Live etwas in Vergessenheit geratene) A/B-Crossfader-Technik neu. Überhaupt begünstigt „Force“ – hat man sich erst einmal mit der Bedienung vertraut gemacht – das Arbeiten im „Flow“ merklich. Eben, weil eine ganze Reihe von Funktionen (bspw. Cueing über Kopfhörer, Triggerpads, Touchscreen) direkt nach dem Einschalten in Hardware-Form präsent sind. Die integrierte Software ist optisch ansprechend und hält funktional eine gute Balance zwischen Funktionstiefe und Benutzbarkeit: elementare Funktionen sind in der Regel auf den ersten Blick zugänglich. Allerdings ist die Lernkurve insgesamt doch recht steil, da die Anzahl an Doppelbelegungen und Untermenüs, die zwingend beherrscht werden wollen, um mit dem Gerät zu arbeiten, ziemlich hoch ist. Hat man diese Hürde genommen, steht einem mit „Force“ ein weites kreatives Feld zur Verfügung: Egal ob man es nun standalone, im Midi/USB/CV-Verbund oder als Ableton-Live-Controller betreibt. Auch und gerade aufgrund der ausgezeichnet klingenden und stilechten Werkslibrary haben Akai hier ein Gerät entwickelt, mit dem sich aus dem sofort nach dem Auspacken kreativ arbeiten lässt. Ob man mit einigen Einschränkungen wie der maximalen Spur-Anzahl, dem (derzeit noch) fehlenden Arrangement-Modus oder der begrenzten Sample-Dauer seine eigene musikalischen Visionen zu realisieren vermag, lässt sich natürlich pauschal nicht sagen (Beschränkung kann bekanntlich auch immer Kreativitäts-fördernd sein). Wer das für sich positiv abnicken kann, findet mit „Force“ jedenfalls eine großartige, konzeptionell (abgesehen von der MPC X) derzeit alternativlose Workstation.