6Back To Mine: Nightmares On Wax (Back To Mine)


2008 erschien die letzte Back To Mine, zusammengestellt von Krafty Kuts. Bis dahin hatte sich die Compilation-Serie mit Beiträgen von Faithless, den Pet Shop Boys, Groove Armada oder New Order ein beachtliches Renommee als einschlägige Adresse in Sachen so konsensorientierter wie eklektizistischer DJ-Mixes erworben. Durchhörbarkeit und das Spürbarwerden der Persönlichkeit eines profilierten Musikgeschmacksträgers waren dabei wichtiger als Funktionalität und Tanzbarkeit. Nach elf Jahren Funkstille liegt nun, pünktlich zum 20-jährigen Bestehen des Labels, eine neue Ausgabe vor. In George Evelyn alias Nightmares On Wax haben die Briten einen würdigen Compiler für ihr Jubiläumscomebackrelease gewonnen.

Dem Konzept der Reihung fluffig groovender Personal-Favorites für die Stunden nach der Afterhour ist auch Evelyn, der dienstälteste Warp-Producer, treu geblieben. Gleiches gilt für die musikalische Herzlinie. Warum sollte einer, der als Downbeat-Pionier gilt, jetzt auch plötzlich für etwas anderes plädieren als eben dafür: TripHop, Acid-Jazz, you name it. Betont unspektakulär gemixt, serviert Evelyn gelöst, gut gelaunt und aufgeräumt seine vorwiegend relaxten HipHop-Grooves, hier etwas mehr in die Soul- („Step Into Midnight“ von Bosq feat. Induce), dort etwas mehr in die Funk-Richtung (Massimo Vanoni: „Exciting Groove“ – allein dieses Analogdebüt rechtfertigt bereits die Anschaffung) getrieben. Gegen Ende zieht er mit einigen Deephouse-Tracks das Tempo ein wenig an, mal discoider gefärbt (Steve Cobby Feat. Danielle Moore: „Lefthanded Books“), mal moody und techfunkig (SoulPhiction pres. SBM: „Gotta Have It“), oder dropt tatsächlich Disco wie „Innocence“, Dim Zachs Verbeugung vor Imagination, und Chieftains „Out Of My Life“. Weitere Gems: Children of Zeus feat. LayFullStop mit „Fear Of A Flat Planet” und Creative Principles „Caught In The Middle”, letzteres exklusiv wie „Good Ship” von Nightmares On Wax feat. Steve Spacek und Evelyns Remix von Fat Freddy’s Drops „Russia”. Eine satte Stunde Sonnenschein, ausschließlich in Form archaischer Musikformate, wahlweise als Vinyloblaten oder datengespickte Silberscheiben erhältlich. Harry Schmidt

5Leon Vynehall – DJ Kicks (!K7)


Gerade den Zeiten der schnelllebigen (und meist ebenso schnell vergessenen) Soundcloud-Mixe und nie endenden Soulseek-Download-Orgien, steht die Institution DJ-Kicks seit 1995 tapfer entgegen. Die Kuration eines solchen ist nicht weniger als ein Ritterschlag der Musikwelt. Und, verdammt, der Mann aus Brighton, der mit Nothing Is Still eines der gefeiertsten elektronischen Alben des letzten Jahres an den Start brachte, weiß auch hier zu überzeugen. Scheinbar mühelos spielt sich Leon Vynehall in der ersten Hälfte dieses Mixes durch Genres wie Slow Beat, 80-er Industrial und New Wave. Seine große Kunst liegt hierbei nicht nur darin, Legenden wie den japanischen Soundpionier Haruomi Hosono und aktuelle Experimental-Künstler wie Tomaga zu vereinen. Gerade auch die Spannung zwischen den verschiedenen Künstlern ist entscheidend. Die Kontraste zwischen hellen Passagen (“Degrees of Freedom”) und klaustrophobischen Momenten (“Bourbonese Qualk”) sind eine Augenweide. Ein gelungenes musikalisches Potpourri, das man sich gut und gerne auch im ehrwürdigen Salon des Amateurs vorstellen könnte. In der zweiten Hälfte liegt der Fokus dann klar auf klassischer Clubmusik. Hier arbeitet sich der Brite mit viel Charme und Skills durch eine Reihe stimmungsvoller Breakbeat-, House- und Jungletracks und peakt enthusiastisch mit dem Aphex Twin-Stück „Children Talking“. Andreas Cevatli

4Michael Rother – Solo (Grönland)


Eine Box zu Ehren von Michael Rother liegt so nahe, dass man sich fragt, warum es sie nicht schon lange gibt. Andererseits haben Grönland Records alles richtig gemacht, zunächst an die unkaputtbaren Leistungen von Neu! zu erinnern, ohne die Michael Rother solo, um den es jetzt gehen soll, sich eventuell gar nicht in dieser Form entwickelt hätte. Der bedeutendste deutsche Gitarrist, der er nun mal ist, bekommt seine ersten vier Soloalben zu einem Paket geschnürt, kombiniert mit einer Platte Soundtracks und einem weiteren Vinyl-Bonus, der Live-Aufnahmen und Remixe enthält. Dabei ist unter anderem eine Entwicklung hin zu verstärktem Einsatz von elektronischem Gerät, besonders bei den Filmmusiken, zu erkennen. Am wichtigsten bleiben gleichwohl Rothers frühe Platten von Flammende Herzen über Sterntaler bis Katzenmusik, auf denen er seinen Motorik-Stil in Kombination mit einer hochgradig verdichteten melodischen Ökonomie konsequent weiterentwickelt hat. Große Musik. Hat jemand ‘Krautrock’ gesagt? Tim Caspar Boehme

3Nitzer Ebb – Body Of Work (Mute)


Electronic Body Music, kurz EBM, entstand Mitte der Achtziger als Intensivierung dessen, was kurz zuvor offensiv orientierte NDW-Bands wie D.A.F., Die Krupps und Liaisons Dangereuses, begonnen hatten: eine testosteronstrotzende Aufrüstung des Modells vom zornigen jungen, weißen Mann zum ultramaskulinisierten, kampfbereiten Dancefloor-Söldner. Die Titel der EBM-Songs glichen oft appellativen Slogans oder militärischen Parolen, die Vocals darin waren grundsätzlich geshoutet, gerne auch im Chor skandiert, die Musik betont hart, mechanisch und unerbittlich treibend, die Beats eine Übertreibung stampfenden Marschierens. Der Imperativ des Grooves, den vor allem Techno, aber in etwas weiterer Entfernung davon, anthropomorph gewendet, auch House exekutieren, hat darin seinen Ursprung. Viele der EBM-Formationen stammten wie Front 242 aus Belgien, mit Nitzer Ebb kam eine der prägendsten Bands des Genres indes aus Chelmsford, der Hauptstadt der englischen Grafschaft Essex.

Mit Body Of Work macht Mute eine Best-of-Compilation aus dem Jahr 2006, die ihren Namen tatsächlich auch verdient hat, nicht nur wieder greifbar, sondern zum ersten Mal auch auf Vinyl verfügbar. Prägnanter als in „Let Your Body Learn“ oder „Join In The Chant“, beide von That Total Age, einem der zentralen Alben dieser Stilrichtung, lässt sich das Programm von EBM kaum auf den Punkt bringen. Auch „Isn’t It Funny How Your Body Works“, ihre erste Single und noch immer einer ihrer besten Songs, fehlt nicht, ebenso wenig „Warsaw Ghetto“, deren ebenfalls 1985 erschienener Nachfolger. Durch DJs wie Helena Hauff, Objekt, Perc oder JD Twitch gewannen Tracks wie „Control I’m Here“ in den vergangenen Jahren wieder zunehmend an Popularität, mancherorten ist nicht nur eine Renaissance, sondern bereits eine Hochkonjunktur von EBM zu verzeichnen. Vor diesem Hintergrund kann es nicht schaden, sich mit Nitzer Ebb nochmals einem der Originale zuzuwenden. Somit bietet „Body Of Work“ (auf inklusive Remixen 32 Tracks!) mehr denn je essentielles Listening-Material hierzu. Harry Schmidt

2Powder In Space (Beats In Space)


Wie ein Weckruf markiert der einsetzende Beat von Daphne Rubin-Vegas “When You Love Someone“ den Umschwung zum gut gelaunten, leicht jazzigen zweiten Abschnitt von Powders Reise durchs All. Der Beitrag der Japanerin Momoko Goto zu Tim Sweeney‘s „In Space“-Mix-CD-Reihe präsentiert ihren sorglosen und doch bedachten Zugang zum Mixing. Immer wieder traut sie sich zu brechen, neu anzusetzen, umzuschwingen, und doch den Flow beizubehalten. Obwohl sich fast jeder Track deutlich vom Vorgänger abhebt und somit seine eigene Wirkung entfaltet. Ihre beiden eigenen Originals (neben dem eingangs erwähnten Klassiker von 1993 und dem atmosphärischen Intro-Track “Захват Сзади Rox“ von Samo DJ & Hidden Operator) sind Bindeglieder zwischen dem von perkussiven Jams bestimmten Mittelteil und ihr antreibendes, zur Übergröße schwellendes „New Tribe“ markiert den Stimmungs-Höhepunkt, bevor sie wieder behutsam zum Sinkflug ansetzt. Eine starke Vorstellung, die den Zauber von Powder gekonnt einfängt. Leopold Hutter

1Solarize ‎– Nachtwerk 1991-1998 (Bureau B)


Schon in den frühen Achtzigern waren Wilfried Franzen und Thomas Grötz als Duo aktiv und vertrieben unter dem Projektnamen Solarize ihre Musik in Eigenregie als CDs und Kassetten. Beide haben einen akademischen Hintergrund als Kunsthistoriker beziehungsweise Kunstschaffende. So malt Grötz unter anderem seit Jahren abstrakte Formlehren auf Öl und ist bei Ausstellungen in ganz Deutschland vertreten, während Franzen an der Uni Leipzig zur mittelalterlichen Tafelmalerei Europas doziert.

Zwar sind die auf Nachtwerk (1991-1998) versammelten zehn Stücke aus einem Fundus von über 250 Titeln sehr sorgsam ausgewählt worden, doch ist die Musik der beiden nicht so verkopft wie man bei dieser Besetzung denken könnte. Vielmehr offenbart sie ein beachtliches melodisches Gespür, das in eigenwilligen Prog Electronics der Berliner Schule zum Ausdruck kommt. „Das Sein überlagert“ oder „Mater“ klingen manchmal vielleicht etwas berechnend und fast schon bodenständig arrangiert. Doch dann sind da Stücke wie „Escape“ oder das abschließende „Sojourner“, denen unbestreitbar IDM-Qualitäten anhaften, was sich auch mit dem angegebenen Zeitraum „1991-1998“ deckt. Trotz diverser Spielereien, wie den träumerischen Vocal-Loops in „Nicht mehr nicht“ oder dem beherzten Einsatz eines breiten Instrumentariums in „Lauter leise Kaiser“ oder „Tag der Müdigkeit“, klingt dieser Ausschnitt des Solarize-Œuvres über weite Strecken sehr kohärent. Bleibt abzuwarten, wie das weitergeht. Nils Schlechtriemen