Fotos: Judas Companion (Deena Abdelwahed)

“Ich mache keinen Oriental Techno”, sagt Deena Abelwahed über ihre Sets und Produktionen. Ihre Tunes klingen manchmal wie Footwork, wie Ragga, wie Jazz, wie arabische Musik. Meistens lässt sich ihre ungestüme Energie gar nicht einordnen. Wie hat die junge Tunesierin diesen modernen, heimatlosen Sound entwickelt, der sie innerhalb von zwei Jahren zum festen Bestandteil der queeren Clubszene und alternativer Festivals gemacht hat? Alexis Waltz hat mit Deena Abdelwahed über Chicago Juke und Baltimore Gutter Music, über das queere Leben in den arabischen Ländern und über die negativen Folgen des Berghain-Kults in der Clubszene von Tunis gesprochen.

Ich treffe Deena Abdelwahed im Motel One am Berliner Hauptbahnhof. Die kleine, zarte Person taucht aus der Masse von Tourist*innen in Funktionskleidung auf. Sie trägt keine pop- oder clubkulturellen Zeichen, hinter ihrem eleganten, zurückhaltenden Stil und ihrer selbstbewussten, gelassenen Art würde man vielleicht eine Ärztin oder eine Wissenschaftlerin vermuten.

Wir richten uns auf der Sofalandschaft ein. Der erste internationale Auftritt der 28-jährigen Tunesierin 2016 auf dem CTM Festival in Berlin zog gleich Bookings auf dem Sónar, im Concrete, bei Room 4 Resistance oder in der Säule im Berghain nach sich. Ihr Debütalbum ist im November auf dem französischen Label InFiné erschienen. Der mitteilungsfreudigen Abdelwahed merkt man den Trubel, in dem sie sich zurzeit befindet, aber kaum an. Zunächst übernimmt sie die Gesprächsführung und umreißt ihr persönliches und politisches Koordinatensystem. Abdelwaheds Motor ist die Emanzipation – von der eigenen Familie, von der homophoben tunesischen Gesellschaft, von der postkolonialen Depression, die die Bevölkerung nach wie vor lähmt, von den Projektionen der Westeuropäer auf sie als arabische Künstlerin. Dabei fängt alles mit ihr selbst an: „Wenn du irgendwo hingehst, um ein neues Leben anzufangen, dann willst du da keine Leute von zu Hause treffen.“, erklärt sie: „Du ziehst nach Alaska und triffst einen Tunesier – und du denkst: Fuck, hat der mich verfolgt? Du willst dahin gehen, wo es für dich exotisch ist, wo du alles hinter dir lässt. In Paris gibt es überall Tunesier*innen. Wenn du als Tunesier*in nach Paris ziehst, hast du gar nichts in ein neues Leben investiert.“ Tunesien war französische Kolonie, und das Land ist noch heute in vielerlei Hinsicht von der ehemaligen Kolonialmacht abhängig. Abdelwahed blickt auf den tristen Bahnhofsvorplatz: „Berlin hat etwas Jungfräuliches, diese Stadt gestattet dir einen Neuanfang. Meine Bekannten, die hierher gezogen sind, fühlen sich sehr wohl. Sie lernen deutsch, sie gehen viel aus, sie nehmen viele kulturelle Dinge auf und bringen sie mit nach Tunis. Ich bin gespannt darauf, sie später zu treffen.“

Berlin ist für Abdelwahed dabei kein persönliches Faszinosum, denn Techno und House konnten sie nie begeistern. In Tunis lieben die Leute diese Musik, erzählt sie. Es gibt zwei oder drei Produzent*innen, die talentiert sind und technisch viel drauf haben: „Für mich fühlt sich das nicht organisch an, sondern kalkuliert. Und da fehlt mir der Groove, den ich hören will, wenn ich tanzen möchte. Sie versuchen, DJs aus Berlin oder Bristol nach Tunis einzuladen. Es gibt einen Typen, der Vinyl Only-Partys auf seinem Dach veranstaltet. Das ist etwas Politisches, gerade im Zentrum von Tunis, da wimmelt es von Polizei. Insofern ist es wichtig, dahin zu gehen. Dennoch geht es um Angeberei, es ist ein Hipster-Instagram-Ding. Man will sich zeigen, man ist aber nicht wirklich da.“ Sie redet immer schneller und die Sätze lösen sich in einzelne Wörter auf. Sie macht eine Pause und denkt nach: „Wie kann ich das ausdrücken? Da stehen sich keine Menschen gegenüber, sondern Sonnenbrillen. Und die blockieren die menschliche Präsenz. Natürlich feiern die ordentlich, aber für mich ist das nicht spontan und ausgelassen. Es ist die Kopie des Vibes von einem anderen Ort. Die einen kopieren eine Blockparty in den USA, die anderen spielen Berghain und nennen es Terminal. Manche kriegen auch kein Visum und wollen die Orte, die sie nicht besuchen können, nach Tunis bringen.“ Kunstpause. „Ich bin einer der wenigen Menschen, die reflektiert haben, was da passiert. Ich habe mich gefragt, wie ich aus dem Nichts anfangen kann. Als Einfluss ist jeder Einfluss dasselbe, in jeder Musik, selbst bei der arabischen Popmusik, die ich so hasse.” Man kann wohl kaum verhindern, von irgendetwas beeinflusst zu werden, könnte man einwenden. Abdelwahed versucht aber genau das: Sie will sich jedem Einfluss entziehen. Ihre Methode liegt darin, Nebenstränge der arabischen Musik und der elektronischen Musik wie Footwork zu ungestümen Rhythmen zu verschmelzen, die nichts mehr von ihrer Herkunft wissen: “Ich wollte aus dem Nichts anfangen.”, sagt sie: “In Tunis hat das ein bisschen funktioniert, aber in Europa dann: Boom. Auch, weil ich einen richtigen Computer und Geräte benutzen konnte.“


Stream: Deena Abdelwahed – Khonnar

Die tunesische Flagge in Abdelwaheds Facebook-Comments
Warum brauchte Abdelwahed für ihr Debütalbum das große Analogstudio des spanischen Producers Clip? Warum arbeitet sie nicht wie ihre Helden des Footwork und Juke an einem einem x-beliebigen PC? „Wir, die wir uns in der arabischen Welt mit elektronischer Musik beschäftigen, sind einsame Wölfe. Viele sind verängstigt, wir wollen uns gegenseitig etwas beweisen.” Dann springt Abdelwahed von der ersten in die dritte Person. Die Probleme der Musiker sind letztlich die der gesamten Gesellschaft: “Mir tun viele Leute leid. Ich denke, dass es eine Frage des Selbstbewusstseins ist. Sie haben Angst voreinander, und sie wollen sich gegenseitig etwas beweisen. Wir sind gespalten, obwohl wir alle miteinander verwandt sind, wir sind die Cousins von Cousins von Cousins. Wir sind davon eingeschüchtert, was im Westen passiert. Wir denken, dass uns die Menschen im Westen überlegen sind. Sie haben vieles erreicht, wirtschaftlich, technologisch und auch gesellschaftlich. Die Menschen im Westen respektieren sich, wir überwachen uns gegenseitig. Unsere Gesellschaft ist schwach. Das hat auch mit der Armut zu tun. Aber letztlich glaube ich nicht, dass die Armut die Ursache ist. Es ist etwas, das tief in unserer Gesellschaft steckt. Natürlich hängt das mit dem Kolonialismus zusammen.”

Tunesien war bis 1956 französische Kolonie. Die politische Unabhängigkeit konnte Korruption und Nepotismus aber nicht beseitigen, in 55 Jahren hatte das Land nur zwei Staatspräsidenten. 2010 und 2011 schwappte der Arabische Frühling nach Tunesien über, das Volk rebellierte. Das Staatsoberhaupt Ben Ali floh nach Saudi-Arabien und es fanden Neuwahlen statt. Bis heute hat sich die Situation der Bevölkerung aber kaum geändert. Bürgerrechtsorganisationen beklagen nach wie vor willkürliche Übergriffe der Polizei, politische Reformen stehen nach wie vor aus. Die gleichgeschlechtliche Sexualität kann nach einem Gesetz von 1913 mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden. Neuerdings macht sich der Rechtspopulismus in Tunesien breit: “Die Leute reagieren auf den Stillstand mit einem wirklich dummen Nationalismus. Sie fragen sich: Was ist tunesisch? Ironischerweise stelle ich diese Frage auch mit meiner Musik. Mir ist aber scheißegal, was tunesisch ist. Kulturell bedeutet das immer: wir brauchen tunesisches Kino, tunesische Küche, tunesische Musik. Das ist fake, das ist copy & paste. Wir brauchen das nicht, um ein Selbstbewusstsein zu entwickeln. Die Gesellschaft bewegt sich in die falsche Richtung: Die einen passen sich dem Westen an. Den andern schwellt die Brust vor Stolz, wenn sie im Fernsehen einen tunesischen NASA-Forscher sehen.“ Diese Fraktion postet die tunesische Flagge in Abdelwaheds Facebook-Comments: „Dabei ist alles, was ich tue, gegen das gerichtet, was ihr macht.“

Khonnar, der Titel des Albums, ist nicht leicht zu erklären: „Das ist ein Wort, das man nicht ausspricht, wenn die eigenen Eltern anwesend sind. Khonnar ist ein ungelöstes Problem, das schwere Konsequenzen für die Menschen haben kann. Weißt du, warum sich die Bloods und die Crips hassen? Das ist Khonnar. Du hast vergessen, warum du dich in diesem Konflikt befindest. So ist Tunesien: Jeder gibt sich gegenseitig die Schuld, keiner übernimmt Verantwortung. Die Menschen leiden darunter, eine Depression liegt über den arabischen Ländern.“

Khonnar wurde in Spanien aufgenommen. Ihr Label hat Abdelwahed auf dem Sónar Festival den Producer Clip vorgestellt: „Ich habe kein richtiges Studio.“, erklärt sie: „Ich mache nur Musik nur am Computer, für das Album wollte ich mehr Frequenzen. Ich wollte mit einem Musiker arbeiten, der seine Geräte kennt.“ Sie hat ihre Tunes mit Midi aufgenommen und in einer Woche im Studio in Barcelona umgesetzt. Clip hat den Kompositionen Leben eingehaucht. Um das zu unterstreichen, tippt sie mit dem Finger in die Luft und strahlt wie über ein kleines Wunder.

Es irritiert vielleicht, dass eine arabische Künstlerin auf postkolonialem Emanzipationskurs nach Europa kommen muss, um ihre Musik aufzunehmen. Wie gesagt gehört Abdelwahed nicht zu den Tunesier*innen, die in Tunis das Berghain nachbauen. Aber genauso wenig dient sie sich einem Exotismus an, der die arabische Kultur zu einem Mysterium verklärt. Eher geht es darum, einen Dialog zu entwickeln. Auf Augenhöhe findet der nach wie vor selten statt, denn die Ressourcen liegen fast vollständig in Europa. Ohne ihr französisches Label und die europäische Infrastruktur von Clubs und Festivals gäbe es sie als Künstlerin in dieser Form nicht. Aber Abdelwahed eröffnet immerhin einen Kommunikationskanal, der in beide Richtungen verläuft.


Stream: Deena Abdelwahed – Klabb V2

Oops, sorry to disappoint
Abdelwahed ist gleichzeitig eine genialische Selbstschöpfung, von den Rhythmen getriebener Körpermensch und Intellektuelle, die die politische Krise(n) in der arabischen Welt und die postkoloniale Psyche analysiert. Dass sie die dazu notwendige Distanz zu ihrem Umfeld aufbringt, hat vielleicht mit ihrer außergewöhnlichen Kindheit und Jugend zu tun. Sie ist in Katar geboren und hat dort gelebt, bis sie 18 war. Ihre Eltern arbeiten dort als Krankenpfleger: „Migrant*innen aus dem Westen sind in den Golfstaaten willkommen, Migrant*innen aus ärmeren Ländern werden dort mehr oder weniger wie Sklaven behandelt. Wenn du in eine Mall gehst, ist es unvorstellbar, dass du eine Person aus Katar ansprichst. Von denen siehst du nur die großen Autos und die riesigen Häuser.“ Abdelwahed wuchs in einer Gated Community mit Migrant*innen aus den arabischen Ländern auf, ihre beste Freundin kommt aus Jordanien. Jeden Sommer fuhr sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester für drei Wochen nach Tunesien zur Familie ihres Vaters und im nächsten Jahr drei Wochen zur Familie ihrer Mutter, die in ein Dorf bei Nizza ausgewandert ist. „Wenn ich von Katar nach Tunesien kam, habe ich mich gefühlt wie auf dem Mars.“ sagt sie.

Einen Vorzug hatte das Migrantenghetto von Katar für Abdelwahed aber: “Ich mochte die Musik, sie ähnelt der Musik aus dem südlichen Iran, aber mit arabischen Texten. Ich liebte den Groove, er liegt zwischen Afrika und Persien. Die Grooves der Musik aus den Golfstaaten haben viele Schichten. Das habe ich als Kind gehört, nicht die Popmusik aus Ägypten. Damals war in Ägypten Sean Paul beliebt. Da legten sie arabische Vocals drüber. Die Leute in Europa wissen oft gar nicht, wie arabischer Pop klingt: Ooops, sorry to disappoint. Die arabische Musik, die du im Kopf hast, ist 50 oder 60 Jahre alt.“

Mit 18 zog Abdelwahed mit ihrer Schwester nach Tunis. Sie nahm an einem Jazz-Workshop teil, schloss sich einer Jazz-Gruppe als Sängerin an und trat in Bars und Hotels auf. Dann wollte sie ihre eigenen Songs schreiben. Aber wie? Da stieß sie zufällig auf Footwork und Juke. Warum gerade diese Musik? „In Katar habe ich viel Breakdance-Musik und Funk gehört. Ich habe mich immer für Musik interessiert, zu der ein bestimmter Tanz gehört, Dancehall zum Beispiel. Als ich Juke entdeckt habe, bin ich durchgedreht, fand bald Teklife, Planet Mu.“ Sie faszinierte das Sampling – dass man wirklich alles samplen konnte, auch ein Quietschen. Das könnte ein Weg sein, ihre Kreativität zu finden, dachte sie.

Das Großstadtleben von Tunis und das Studium an der Kunsthochschule ermöglichten ihr, sich sozial und gesellschaftlich zu emanzipieren. Sie schloss sich dem World Full of Bass-Kollektiv an, das Bass Music und Dub spielte. Sie spielte überall, wo man es ihr erlaubte: „Die Leute kennen in Tunesien nur Techno und House als Tanzmusik. Viele sagten, ich sei verrückt. Oder sie standen einfach nur mit großen Augen da. Mit der Zeit ist es mir gelungen, meinen Sound für sie erträglich zu machen, aber nicht durch eine Fusion der Stile, sondern indem ich auch Grime, UK Funky und Bmore Gutter Music spielte.“

Wegen der repressiven, willkürlich agierenden Polizei werden die Partys dort nicht öffentlich angekündigt wie in Europa: „Wenn ich gespielt habe, war klar, dass es sich um eine schwul-lesbische Party handelt.“ Das queere Leben in den arabischen Ländern ist ein Thema für sich. Direkte Gewalt gegen LGBTs wie in Syrien gibt es in Tunis selten. Am gefährlichsten ist es für Abdelwahed, im Auto unterwegs zu sein. „Wenn du mit dem Auto in eine Polizeikontrolle kommst, und die Polizisten glauben, du bist homosexuell, kommst du ins Gefängnis.“ Der größere Teil der Gewalt ist psychischer Natur und geht von den Familien aus: „Als Lesbe wirst du ständig gefragt: Wann heiratest du endlich? Und irgendwann wirst du verheiratet. Nicht mit Gewalt wie im Sudan oder Ägypten. Aber viele beugen sich dem sozialen Druck. Irgendwann kannst du einfach nicht mehr. ‘Schau deine Cousine an’, hörst du jeden Tag. Deine Mutter heult jede Nacht. Viele schwule und lesbische Freunde haben Depressionen, immer wieder gibt es Suizide.“

Diesem Druck ist Abdelwahed nicht unmittelbar ausgesetzt, da ihre Eltern noch in Katar leben und sie heute in Toulouse: „Ich will gar nicht wissen, was meine Eltern über mich denken. Ich will nicht, dass sie irgendetwas von meinem Leben wissen, lesbisch hin oder her. Ich habe keine Form von Zuneigung von ihnen erfahren. Sie sind Menschen für mich, nicht meine Freunde. Meine Schwester sorgt sich um mich, und ich mich um sie, aber meine Eltern verdienen keine Form von Anerkennung. Ich bin unabhängig. Für Leute, die ihrer Familie näher stehen, ist das schwieriger.“


Stream: Deena Abdelwahed – Groove Podcast 95